20. Jahrgang | Nummer 1 | 2. Januar 2017

Mahmood Falaki: Eine niemandsländische Zwischenexistenz?

von Wolfgang Schlott

Der aus dem Iran stammende Schriftsteller, Lyriker und Literaturwissenschaftler Mahmood Falaki, seit 1983 in Deutschland lebend, entwickelt in seinen Erzählungen und Gedichten den spezifischen Blickwinkel eines Ausländers, der bei der Begegnung mit anderen Heimatvertriebenen wie auch mit Deutschen den geduldigen und oft auch erstaunten Dialogpartner spielt. Geduldig, weil sein Ich-Erzähler in „Ich bin ein Ausländer und das ist auch gut so“ das Gespräch mit älteren deutschen Zeitgenossen in den U-Bahnen von Hamburg und Berlin sucht. Sein Motiv? Er wird immer wieder nach seiner Herkunft und seiner Nationalität gefragt. Grund genug, um die geografischen Kenntnisse seiner Gesprächspartner zu überprüfen und ihnen ab und zu auch aus lauter Spaß eine andere Identität vorzugaukeln. Ein Spiel, in dem er nicht nur viel über das Verhältnis der Deutschen über die „Zugereisten“ erfährt, sondern auch beobachtet, wie die anderen Ausländer sich gegenüber ihren „Gastgebern“ verhalten und von welchen Eindrücken sie sich gegenüber ihrem „Gastland“ leiten lassen. Wie intensiv und tiefenschichtig die Beobachtungen des Ich-Erzählers sind, verdeutlicht die Erzählpassage „Heiratsantrag in der U-Bahn Linie 3“. Er nimmt eine schlafende Frau in den Dreißigern wahr, beschreibt ihre im Traum versunkenen schönen Gesichtszüge, die sich jäh beim Aufwachen verändern, ja sogar „nicht mehr schön oder erotisch wie im Schlaf“ sind. Und schon nach der zweiten Station ändert sich die Situation, der Erzähler steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern die eben aufgewachte Nadine, die auf Deutsch mit einer Maryam plaudert, die am Eppendorfer Baum zugestiegen ist. Und in diesem Gespräch geht es um das Verhältnis von Weiblichkeit zu Männlichkeit – im Iran, aus dem Maryam gerade zurückgekehrt ist, und in Deutschland. Es sind spannende Wahrnehmungen über die im Iran von männlichen Blicken belästigte Frau, die im „kühlen“ Deutschland so etwas vermisst.
Solche Gespräche verfolgt der Leser auch zwischen den anderen vier Stationen. Ehedramen, materielle Not und seelisches Leid, gehässige Urteile über die „Anderen“, auch von Seiten der Ausländer, reihen sich nahtlos aneinander. Doch der Erzähler beobachtet nicht nur, er mischt sich auch ein, macht sich lustig über die Versuche von irgendwelchen deutschen Besserwissern, ihm etwas „verständlich“ machen wollen. Und die sich dann wundern, wenn der „blöde Ausländer“ sie mit wohlgeformten deutschsprachigen Sätzen ins Bockshorn jagt. So wie ein mittdreißigjähriger Lümmel, der sein Liebesdrama lauthals per Handy abwickelt und sich dann noch beschwert, dass er von einem Ausländer auf den Arm genommen wird.
Doch wie kompliziert der Alltag eines alleinstehenden Ausländers abläuft, wenn er unverhofft zu einem Festakt mit Krawattenzwang eingeladen wird, beschreibt die komische Episode von einem, der auszog, sein Missgeschick zu besiegen. Der Dozent kauft sich eine Krawatte zu diesem Anlass, muss jedoch feststellen, dass er das feierliche Schmuckstück nicht binden kann. Auf der verzweifelten Suche nach jemandem, der ihm einen Krawattenknoten binden könnte, passieren ihm die verrücktesten Missgeschicke. Eine Kurzgeschichte, in der das Groteske das Tragisch-Komische überwältigt und die Absurdität menschlicher Existenzweisen thematisiert wird. Zugleich greift sie die schicksalhafte Existenz eines Flüchtlings auf, der auf der Suche nach Geborgenheit in immer neue Zwangssituationen gerät, ein geduldeter, oft auch anerkannter Emigrant, der stets mit der Frage konfrontiert wird „Woher kommst du?“, ohne eine Antwort geben zu können, weil er nach vielen Jahren als Ausländer nur noch in einer Art Zwischenexistenz lebt.

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Mahmood Falaki hat seine langjährige Emigrationszeit mit zahlreichen literarischen und wissenschaftlichen Publikationen angereichert. In diesem Zeitraum hat er in seiner Poetik eine besondere psychomentale und ästhetische Haltung entwickelt. Sie zeichnet sich in seinem Gedichtband „Klang aus Ferne und Felsen“ (2008 erstmals erschienen) in bestimmten Passagen ab: „Ich wurde wieder wie ein Kind: / Nur auf den Flügeln der Erinnerung / flieht man vor der Fremdheit.“ Und welch intensives, warmherziges Verhältnis der Dichter Falaki, der auch eine hochspannende wissenschaftliche Abhandlung über Goethe und Hafis an der Germanistischen Fakultät der Universität in Hamburg verteidigt hat, zu dem auf dem Hamburger Gänsemarkt als Denkmal verehrten Gotthold Ephraim Lessing hat, beweist sein Gedicht „Dichter sind Fremde“: „[…] / Am Gänsemarkt / sitzt Lessing, / die Finger im Buch versenkt / sein Buch mit Wort-Tropfen gefüllt: / Kein Regenschirm schützt seinen Kopf / Dichter werden / zu Statuen / oder Wort los / […]“.
Dass radikal schaffende Dichter in ihren Vaterländern und ihren Muttersprachen immer wieder als Fremde verpönt werden, ist Bestandteil zahlreicher nationaler Literaturgeschichten geworden, dass aber ein zwangsexilierter Dichter in einer niemandsländischen Sprache denkt und schreibt, gehört zu den bittersten Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Mahmood Falakis Zwölf-Zeilen-Traktat über diese von niemandem gesprochene Sprache wirkt auf mich wie eine Erschütterung, deren Auswirkung sicherlich nur individuell nachvollzogen werden kann: „Ich bin ein Wort / das seinen Satz verlor. / Seit meiner Geburt bin ich ein Reisender, / der immer in niemandsländischer Sprache / gelandet ist. / Ich bin ein Wort / das seinen Satz verlor; / ein paradigmatisches Wesen / das sein Syntagma sucht. / Ich bin ein Signifikant / ohne Signifié.“
Diesem lautlichen Bedeutungsträger, der seine Bedeutung verlor, spürt Marietta Armena in ihren Grafiken nach. Im Zeichengewirr tauchen markante Köpfe und verwischte Silhouetten auf, manchmal auch in sich versunkene Körper. Ihre Blicke sind beinahe erloschen, wenn es nicht da und dort ein Aufbäumen gegen die Sprache, gegen den von ihr transportierten Wahnsinn gebe. Was bleibt ist mehr als ein Klang aus Ferne und Felsen, der Träume vom anderen Leben wachruft. Es sind vielmehr die Spruchgedichte, die übrigens manchmal an üppig geformte Haikus erinnern, in denen die Träume in der Realität das zum Schweigen verurteilte dichterische Wort wachrufen. Also doch noch ein Trost in der niemandsländischen Sprachheimat?

Mahmood Falaki: Ich bin Ausländer und das ist auch gut so. Kurzgeschichten, Sujet Verlag, Bremen 2016, 157 Seiten, 12,80 Euro.
Mahmood Falaki: Klang aus Ferne und Felsen. Lyrik. Grafiken Marietta Armena, Sujet Verlag, Bremen 2013, 73 Seiten, 12,80 Euro.