Des Blättchens 11. Jahrgang (XI), Berlin, 4. Februar 2008, Heft 3

Karneval in Leipzig und Rio

von Klaus Hart, São Paulo

Fastnachtsfan war ich schon als Kind. In den Karneval am Zuckerhut habe ich mich mehr als ein dutzend Mal gestürzt, bin bei den berühmtesten Sambaschulen mitdefiliert, habe das brasilianische Kulturphänomen in den Medien der deutschsprachigen Länder, dazu in Büchern und Reiseführern reichlich beschrieben.

Doch am Ende jeder Karnevalssaison kam mir der gleiche Gedanke: Wenn die hier wüßten, daß der Studentenfasching zu DDR-Zeiten in Leipzig viel besser, schärfer, frivoler, lasziver und vor allem witziger, karnevalesker war. Dazu hurenlos und kommerzfrei, enorm billig. Viele von damals werden sich an die phantastischen Fastnachtsbälle, besonders den in der DHfK, den legendären »Baufasching« und den bei den »Gastronomen«, gerne erinnern. Die Auswahl war immens, weit größer als je in Rio. Und weil sich die Faschingsaktivitäten schon wegen fehlender Uni-Räumlichkeiten nicht auf die eigentlichen drei tollen Tage zusammendrängen ließen, ging es teils schon zu Jahresbeginn kräftig los. In manchen Jahren war ich an zehn, fünfzehn Tagen und Nächten im Fastnachtsrausch – in Rio undenkbar. Ich kann mich in Leipzig keiner Rangelei, gar Schlägerei während des Karnevals entsinnen. In Rio dagegen bedarf es enormer Verdrängungsleistungen, um sich von der stets präsenten Gewaltkriminalität, den Scheiterhaufen in den nahen Slums und den Banditengefechten halbwegs ähnlich wenig beeindrucken und ablenken zu lassen wie die hartgesottenen Einheimischen. Ich erinnere mich, wie einmal Brasiliens berühmteste Sambaschule Mangueira am Rosenmontag im Sambodrome mit den famosen Populärmusik-Größen Gilberto Gil, Caetano Veloso, Maria Bethania und Gal Costa defilierte, während zur selben Stunde nur wenige Kilometer entfernt am Sitz von Mangueira zwischen rivalisierenden Banditenkommandos heftige Gefechte tobten, Handgranaten explodierten, MGs ratterten, mindestens 35 Menschen, darunter völlig unbeteiligte kleine Kinder, getötet werden.

Bei Karnevals in der Lepra-Stadt Rio werden Scharfschützen, Panzerwagen aufgeboten, patrouillieren Unmengen von staatlichen Revolvermännern im Gewühl, um die Sicherheit wenigstens einigermaßen im Griff zu haben. Trotzdem spüren sehr viele einen Pistolenlauf, ein Messer im Rücken oder an der Hüfte, müssen sich dann leichenstarr die Wertsachen abnehmen lassen, damit nicht etwa abgedrückt oder zugestochen wird. Was oft genug passiert. Hohe Gewaltbereitschaft in einem Land mit jährlich über fünfzigtausend Morden, die durch die Menge furchenden Jungbanditen und permanente Lebensgefahr sind natürlich einem Klima von Ausgelassenheit, Leichtigkeit des Seins und Gemeinschafts-Feierlaune entsprechend abträglich. Bewaffnete Überfälle, schwerbewaffnete Aufpasser mitten im Leipziger Karnevalsgewühl, aber auch Banditen mit gut sichtbarer Knarre im Gürtel? Eine absurde Vorstellung.

Sagenhaft die Kreativität, Vielfalt im Sachsenkarneval, beginnend mit der Dekorierung: Die talentiertesten Studenten zeichneten, malten Unmengen von Karikaturen, entwarfen einen Farbenrausch, der sämtliche Wände bedeckte – aus heutiger Sicht alles Kunstwerke, von denen sich hoffentlich mancher noch einige herübergerettet hat. Rios Karnevalsbälle, gar die Straßen, sind dagegen geradezu dürftig und ideenlos ausgestaltet. Auf den Festen am Zuckerhut spielen gewöhnlich nur ein bis zwei Kapellen stur die ganze Nacht durch, kabarettistische Einlagen sind unüblich. Zumal eine Kabarett-Kultur wie etwa in Deutschland nur in Ansätzen existiert.

Manchem geht eine solche Monotonie mit der Zeit auf den Geist, so wie auch der bei der weltbekannten Parade allen Ernstes achtzig Minuten lang immer und immer wieder gesungene, getrommelte Marschsamba jedes Vereins. Doch Alternativen, etwa in Nebensälen, gibt’s in Rio nur in Ausnahmefällen. Leipzigs Studentenfasching war das ganze Gegenteil. Auf manchen Festen spielten vom Keller bis zum Boden gleich dutzende Kapellen, Bands, darunter die besten Rock-Combos der DDR wie Renft. Karnevalskabarett, orientiert am hohen Niveau der Pfeffermühle, gabs die ganze Nacht hindurch an den verschiedensten Ecken. In Leipzig war es viel leichter als in Rio, mit völlig Unbekannten herumzualbern, zu tanzen, zu flirten. Eine meiner ersten Beobachtungen am Zuckerhut: Nur zu oft ist die dortige Alegria – Fröhlichkeit – gar nicht echt, sondern nur gestellt, produziert, völlig unauthentisch, ein Produkt von Gruppendruck – und auffällig häufig von harten Drogen. Ich habe ganze Bälle mit unechter Fröhlichkeit erlebt, auf denen im Grunde die meisten Frauen ihre Haut zu Markte trugen, um sich einen möglichst betuchten Partner – oder noch besser – einen Gringo für die Ehe in der Ersten Welt zu angeln.

Die brasilianische Gesellschaft ist von einem ziemlich eklig-sexistischen Prügel-Machismus geprägt – im Karneval ist der keineswegs außer Kraft gesetzt, sondern sehr präsent. Einfach spontan mit Frauen, Männern herumzutollen, geht schon deshalb nicht, weil diese möglicherweise von ihren Partnern, Familienangehörigen scharf bewacht werden, man sich wegen des Machismo-Kontexts dann womöglich Drohungen oder Unangenehmeres einhandelt. Und die brasilianischen Frauen, in einer solchen Macho-Gesellschaft sozialisiert, unterwerfen sich größtenteils den Regeln, sind nur zu oft eher langweilig-passive Weibchen, auch im Bett. Und erziehen erstaunlicherweise massenhaft weiterhin ziemlich unsensible Prügel-Machos.

Der Anthropologe Roberto Albergaria, ein Machismusexperte, hat mir dazu Hintergründe (http://www.swr.de/swr2/programm/extra/lateinamerika/stimmen/beitrag22.html) erläutert, die den Unterschied zwischen Karneval in Rio und in Leipzig vor der Wende verständlicher machen. »Das große Problem Brasiliens ist die Misere, aber auch der Machismus brasilianischer Männer, die Frauen umbringen und manchmal wie Tiere behandeln. Mann zu sein, heißt, die Frauen des eigenen Harems, also Mutter, Frau und Tochter, maximal zu kontrollieren, zu beschützen – und gleichzeitig zu versuchen, maximalen Zugriff zu den Frauen der anderen Männer, zu deren Harem zu haben. Ein richtiger Macho hat zudem mehrere Familien. Da haben wir eine Art Polygamie wie in der islamischen Welt, mit der gleichen Logik. Man tut so, als seien alle Menschen auf der Welt gleich, als gebe es keine solchen kulturellen Unterschiede. Doch in Wirklichkeit existieren diese Verschiedenheiten eben doch.«

Da war wiederum Leipzig zu DDR-Zeiten das absolute Kontrastprogramm. Man sieht nur, was man weiß: Die sinnlicheren, erotisch-sexuelleren Karnevalistinnen habe ich in der Sachsenmetropole getroffen, nie am Zuckerhut. Machismus-Strukturen im Studentenfasching – undenkbar. Der Leipziger Sexualwissenschaftler Kurt Starke brachte es nach dem Anschluß auf den Punkt: »Im Grunde genommen, hatte sich in der DDR ein Verhältnis zwischen den Geschlechtern herausgebildet, das mit westlichen Maßstäben nicht meßbar und von marktwirtschaftlich Sozialisierten nicht nachvollziehbar ist.« Mit Brasilianern, Westdeutschen über Karneval in Leipzig und Rio, über den viel besseren Sex damals in der DDR zu reden, bringt daher nichts, sie können das Leben der Anderen eh nicht nachvollziehen.

Fanden Studentinnen, ebenso aber auch Nicht-Studentinnen auf den Leipziger Faschingsfeten jemanden sehr sympathisch, zogen sie ihn zielstrebig in große, mit Matten ausgelegte und komplett verdunkelte Hörsäle oder Seminarräume. Man hörte es – zig Paare tobten sich dort bereits köstlich aus. Nicht ungewöhnlich, daß jene selbstbewußten und so femininen Studentinnen, Nicht-Studentinnen sich dort in einer Nacht hintereinander gleich mit mehreren Gleichgesinnten vergnügten. Solche Dark-Rooms gibt’s auf Rios Karnevalsbällen bis heute noch nicht. Jahre vor dem Anschluß ging ich zum Studentenfasching in Köln – und fand ihn im Vergleich zu Leipzig lachhaft armselig. Im Osten sagen heute viele, daß die legendäre sinnlich-frivole Feierkultur zuallererst abgeschafft wurde. Die muß den Übernahme-Beauftragten als besonders ärgerlicher Auswuchs des DDR-Alltagslebens erschienen sein.