Des Blättchens 7. Jahrgang (VII), Berlin, 25. Oktober 2004, Heft 22

Händel in Rom

von Olaf Brühl

Händel war keine 22 Jahre alt, als er in Rom eintraf. Start einer beispiellosen Karriere. Der »liebe Sachse«, wie der smarte Jüngling genannt wurde, brachte schon Erfolge in der Opernarbeit, im Umgang mit den Mächtigen und eine Kiste voller Partituren mit. Dazu war er gutaussehend, hochbegabt und arbeitsbesessen. Kein Wunder, daß er mit offenen Armen begrüßt wurde und die Mäzene drängelten, ihn zu verwöhnen. Das erste große Werk, das er 1707 in Rom komponierte: Dixit Dominus – ein genialer Wurf, der bis heute nichts an atemberaubender Rasanz verloren hat. Figuralmusik, die sich vielleicht erst mit Bachs späterem Magnificat vergleichen ließe. Händels Psalmvertonung hingegen wirkt nicht sehr religiös und paßte wohl in das vorbürgerlich-kosmische Weltgefühl der fröhlichen Papststadt mit ihren Volksfesten, Ruinen, Bäkkereien, Gärten und Palästen.
Wer kennt Händels Dixit? Zwar gab es einige Einspielungen (Gardiner 1978 oder Minkowski 2003), doch wurde das erstaunliche Jugendwerk nur Barockfans zum Begriff. Wer diese Musik gehört hat, wird den Eindruck kaum je vergessen. Dafür bestens geeignet ist die taufrische CD von Thomas Hengelbrock. Unter seiner Leitung musizieren Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble mit enormer Verve. Die Streicher peitschen scharf und lustvoll durch die Skalen, der Chor rast brillant durch die Koloraturen, und alle zusammen steigern sich glasklar zu aggressiven Blöcken, deren harmonische Schichtungen zeitlos »modern« wirken. Das Ensemble realisiert die Gewalt der Partitur in fast schockierender Weise, dabei stets transparent. So sind auch die zarten Seiten der Solopassagen makellos. Das betörend schöne Duett der Soprane im De Torrente wurde lange nicht mehr dermaßen gefühlvoll gesungen.
Verdienstvoll ist die CD komplettiert mit nicht minder intensiven Aufnahmen von Musik Antonio Caldaras (ca. 1670 – 1736). Das 16stimmige Crucifixus war einst berühmt. Der Wiener Hofkomponist gehörte zu den Vorbildern seiner Zeit. Seine Missa Dolorosa (1735) ist eine Kostbarkeit, deren Beginn beeindruckt, dennoch hat sie schweren Stand nach Händels Prägnanz. Die Interpreten lassen die filigrane Schönheit der Messe neu aufblühen. Was für eine Truppe!
Keinesfalls unerwähnt sei der anregend geschriebene Begleittext von Gerhard Poppe, mal keine musiktheoretische Dürre! Einziges Manko: Die Klangpräsenz könnte besser sein, man muß den Lautstärkeregler zünftig aufdrehen! Nichtsdestoweniger eine sinnliche Aufnahme, ein echtes Ereignis! Empfehlung!

DIXIT. deutsche harmonia mundi 2004, SACD Bestellnr.: 82876-58792 2.