Diesmal: „Mephisto“ – Berliner Ensemble; Hinweis – Kino im Theater: Filmporträt Helene Weigel, Previews im BE und in der Volksbühne / „Dracula. Blutige Anfänger“ – Kudamm-Komödie im Rathaus Reinickendorf
***
BE: Verwischte Frontlinien
Gustaf Gründgens, vor 1933 ein vehement linker, antikapitalistisch gesinnter Schauspieler, steigt nach 1933 um ins Lager der Faschisten. Getrieben von der Gier nach ruhmreichen Rollen („Mephisto“, „Hamlet“ am ersten Schauspielhaus der Reichshauptstadt) verbündet sich G. mit dem verbrecherischen NS-System, von dem er zugleich fasziniert ist. Und verrät ehemals Verbündete, rettete später gleichwohl dem im KZ internierten kommunistischen Kollegen Ernst Busch das Leben.
Der Emigrant Klaus Mann erzählt diese Aufstiegsgeschichte in seinem 400-Seiten-Buch „Mephisto“ von 1936. Man kann sie als Lehrstück lesen in Sachen Opportunismus, Skrupellosigkeit, geistig-moralischer Verkommenheit. Vielen Theatern gilt dieser „Roman einer Karriere“ als Vorlage für ein „Stück der Stunde gegen rechts“.
Doch Klaus Mann greift sehr viel tiefer. Indem er verdrängten Fragen nachgeht; etwa der, was bei uns allen dräut an Autoritärem. Was in uns steckt von solchen wie diesem Gründgens, der im Roman Hendrik Höfgen heißt. Klaus Mann: „Machen wir uns nicht besser, als wir sind. Wir haben alles in uns. In unseren Träumen ist jede Gräueltat vorbereitet.“ – Bei Georg Büchner heißt es hundert Jahre zuvor: „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt, mordet […].“
Es geht also ums Psychologische. Und genau das hebt Frank Castorf, der Regisseur und Autor der Textfassung seiner „Mephisto“-Inszenierung, höchst unterhaltsam, höchst verstörend in den Mittelpunkt. Mit einem grandiosen BE-Ensemble, das die Bizarrerien, das Grelle so furios ausstellt wie es subtil das Verschattete, Irritierte, Verwundete spielt. Wissend um die alte Weisheit, dass nichts wirklich wahr ist ohne sein Gegenteil. Die Frontlinien sind verwischt …
Und so gehört denn zum teuflischen Mephisto der Wahrheitssucher Faust. Jens Harzer als Höfgen zitiert auch immer wieder Goethe mit beider Rollen Text. Und zu Hendrik Höfgen gehört Klaus Mann, Ex-Schwager von Gründgens, der als Figur namens Max (Max Gendorff) stets mit im Spiel ist und übriges einen Kurzauftritt hat als sarkastischer Übervater Thomas Mann (Castorf als gewitzter Dramaturg).
Und Sebastian Zimmler gibt die Doppelrolle eines idealistisch glühenden Jungfaschisten sowie den ebenso idealistischen Kommunisten Hans Otto. Beide wurden von den Nazis ermordet. Und Constanze Becker die schnattrige Göring-Gattin sowie die divenhafte Elisabeth Bergner. Kurz vor ihrer Emigration knallt sie Höfgen am Schminktisch die Frage nach seinem „wirklichen Gesicht“ an den Kopf. – Sie wird sich kaum beantworten lassen. Das macht die besondere Stärke des sechsstündigen Abends.
Da gibt es reichlich Zeit fürs weite Ausbreiten und feine Ausmalen der Backstage-Boheme einer politischen Zeitenwende auf der Drehbühne zwischen Pissoir, Schminktisch, kleinem Plüschtheater und – aus der Unterbühne per Video zugeschaltet – Kantine (Szenenbilder: Aleksandar Denic). Vibrierende Gemengelage. Mit Klatsch, Krach, Suff, Trieben und Tränen. Sowie hitzigen Reden über Politik, Kunst, Sinn und Blödsinn der Theaterei.
Doch im Verlauf der vielen Stunden werden die Konflikte todernst, existenziell. Mit Hendrik in der Mitte, der doch eigentlich bloß Heinz heißt. Mit seiner hassgeliebten „schwarzen Venus“, einer Domina mit Peitsche, die ihn mag und die er braucht. Die ihm peinlich ist und die er verstoßen wird am Ende (schön und voller Herzweh: Annabelle Lengronne).
Natürlich, Höfgen, verlacht als „Affe der Macht“, vergöttert als Spitzenkönner, ist die Sensation der Show. Doch Jens Harzer gibt nicht allein das eitle Aas, den harten Hund, sondern eben auch den Feingeist, den Zweifler an sich und seinen Künsten. Er macht den Strahlemann und fühlt sich doch nicht recht wohl in seiner Haut. Vielleicht ein Gebrochener. Gewissensbisse quälen. „Ich bin nur ein Schauspieler“, heult er zum Schluss. Und weiß genau, dass er nicht allein das ist. Leise, zitternd spricht er Hölderlin: „Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, / Dass er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘, / Und verstehe die Freiheit, / Aufzubrechen, wohin er will.“ – Da muss man ihn lieben. Und erschrecken.
Hinweis – Kino im Theater: „Revolution, Revolte, Krach: Helene Weigel – Revolutionärin im Rampenlicht“ von Maria Wischnewski. Previews des Filmporträts im Berliner Ensemble am 8. November 2026, 15:00 Uhr. Und am 11. November, 20.30 Uhr in der Volksbühne. – Siehe auch im Blättchen 9/2025 [1], die Würdigung der Prinzipalin zu ihrem 125 Geburtstag.
*
Kudamm-Komödie: Zombie-Jux mit Musike
Nach Jahrhunderten Dienst am Blutgewinn hat Dracula die Faxen dicke. Der so besondere Saft schmeckt nicht mehr wie einst; das scharfe Gebiss inzwischen kaputt (Parodontose), der schnöde Ersatz dümpelt im Kukident-Glas. Ansonsten aber ist der Fürst der Finsternis noch flott beisammen. Super schick in dunklem Anzug und weißem Rüschenhemd wie weiland Rockstar Prince gibt Tonio Arango, ganz Grandseigneur, den Chef vom transsylvanischen Spukschloss. Und als Plaudertasche erschreckende Einblicke in seinen nervenzerrenden Job als Aufpasser einer Sammlung untoter, weiterhin nach Weltherrschaft gierender Diktatoren wie Dschingis Khan, Stalin, Hitler, Ceausescu, die im Keller verwahrt sind. Zur Entspannung schmettert er mitreißend Popmusik-Ohrwürmer der 70er, 80er, 90er. Und terrorisiert mit sanfter Gewalt sein Gegenstück, den klapprigen, zerlumpten Diener Igor (Boris Aljinovic), der entsprechend dem aktuellen Geist der Zeit, Veganer wurde.
Klar, dass der gewiefte, sprachwitzige Komödienschreiber Peter Jordan den weltberühmten, doch längst, wie er sagt, „ausgelutschten“ Grusel-Klassiker von 1897 gänzlich anders aufkocht: nämlich als musikalische Parodie. Und mit Tonio Arango hat er (als Regisseur zusammen mit Kompagnon Leonhard Koppelmann) einen klasse Showmaster – und wirklichen Star dieser schmissigen Zombie-Chose. Titel: „Dracula. Blutige Anfänger“.
Das mit den Anfängern bezieht sich auf ein unverschämtes, dabei leicht dämliches Touristenpärchen, das sich ins Geisterschloss verirrte (Anika Baumann, Samson Fischer), um dann dort in Doppelrollen als depperte Vampirjäger Jonathan Harker und Mina Murray herumzugeistern. Ein ziemliches Durcheinander mit der Jägerei und den Paraden der aus den Katakomben auftauchenden Diktatoren (Anlass immerhin für opulente Maskeraden; die Polit-Anspielungen bis hin zu Putin und Trump bleiben freilich aufgepappt). Doch der Regie sei Dank: Das Duo darf zwischendurch immer wieder die herrlichsten Oldie-Hits donnern (Einstudierung: Simon Fischer).
Und das alles im geradezu betörend schauerlichen, anspielungsreichen Fantasy-Rahmen der Bühnen- und Kostümbildnerin Barbara Aigner, ergänzt durch amüsante Video-Animationen von Meike Fehre. – Ein klamottiger, dabei bestens besetzter, mit Schmackes arrangierter Jux. Und opulenter Augenschmaus dazu.
Noch bis zum 8. November 2026.