Für die Alliierten als höchste Rechtsinstanz nach der deutschen Kapitulation vom 8./9. Mai 1945 ergab sich die Aufgabe, eine umfassende Überprüfung zwecks Erfassung von NS-Tätern sowie deren Verurteilung und nachfolgend eine Kontrolle der Bestrafungs- und Sühnemaßnahmen vorzunehmen. Dazu wurde zunächst gemeinsam, dann mit besonderer Intensität von der US-Militärverwaltung die sogenannte Entnazifizierung betrieben. Im Zuge dieser Vorgänge bekam die „Freisprechung“ von NS-Belastung eine zentrale Bedeutung. Dies zunehmend und mit unterschiedlicher Auswirkung in den „West-Zonen“ und in der „SBZ“ (abkürzende Bezeichnung für die von den sowjetischen Streitkräften besetzte und verwaltete Zone).
Betrachtet man zu den damaligen Ereignissen auch die langfristigen Auswirkungen bis in die Gegenwart, lässt sich feststellen, dass die regional unterschiedlich durchgeführte Entnazifizierung auch eine Vorstufe für die Spaltung Deutschlands war. Jedenfalls gab es mit dieser Überprüfung eine wirkungsvolle Möglichkeit zur Auswahl neuer, respektive zur Wiederzulassung „alter“ Funktionsträger. Dieser Aspekt wurde kurzzeitig zu einem Hauptaspekt; nach Etablierung deutscher Verwaltungen aber von den westdeutschen wie den dortigen Militärregierungen zunehmend pragmatisch gesehen – also weniger hinsichtlich einer Abrechnung mit der Vergangenheit, mehr unter dem Aspekt der Nützlichkeit für den Aufbau im Besatzungsgebiet.
Die etwa 8,5 Millionen NSDAP-Mitglieder waren verteilt in ganz Deutschland, auch unter den etwa zehn bis zwölf Millionen Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten und nicht zuletzt bei den rund zehn Millionen Deutschen in Kriegsgefangenschaft. Konnte angesichts der schieren Zahl Mitgliedschaft in der NSDAP daher als hauptsächliches oder gar allein bereits maßgebliches Bewertungskriterium fungieren? Waren alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder und -Funktionsträger als Beamte, Berufsoffiziere, Richter, Lehrer, Professoren, daneben auch Schriftsteller und Künstler mit und ohne Parteibuch gleichermaßen verantwortlich oder mitverantwortlich für die NS-Verbrechen?
Das Lebendige Museum Online (LeMO), das quasi offizielle Online-Portal zur deutschen Geschichte, ein Kooperationsprojekt der Stiftungen Deutsches Historisches Museum und Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sowie des Bundesarchivs, stellt die konkrete Entnazifizierung folgendermaßen dar: „Die Alliierten setzen die auf der Potsdamer Konferenz beschlossene Entnazifizierung Deutschlands um: Sie verbieten die NSDAP und ihre Unterorganisationen, heben alle NS-Gesetze auf und verbannen Alltagsspuren des ‚Dritten Reiches‘, beispielsweise Straßenschilder, Bücher, Uniformen und Orden. Der Internationale Militärgerichtshof ermittelt in Nürnberg die Schuld von Hauptkriegsverbrechern und nationalsozialistischen Organisationen. Die Mehrzahl der Deutschen muss sich Entnazifizierungsverfahren stellen, die zunächst die Alliierten, später deutsche Spruchkammern durchführen. […]
Die vier Besatzungsmächte setzen die Verfahren sehr unterschiedlich um. In der Sowjetischen Besatzungszone sind sie mit dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbau im sozialistischen Sinne verbunden. Bis 1949 entfernen die Sowjets rund 520.000 Personen aus ihren Stellungen und ersetzen sie durch Kommunisten. In Speziallagern inhaftiert die sowjetische Geheimpolizei in großer Zahl außer NS-Verbrechern auch Denunzierte und politische Gegner.“
Im „Westen“ gehört es zur üblichen Geschichtsschreibung, auf besondere Schärfen im Vorgehen der sowjetischen Militärverwaltungen zu verweisen. Eine späte sowjetische Bilanz, die sich dem von Peter Reif-Spirek und Bodo Ritscher 1999 herausgegebenen Sammelband „Speziallager in der SBZ“ entnehmen lässt, bestätigt diese Einschätzung: „In diesen Lagern sollen nach dem Bericht, der 1990 dem Innenminister der CDU-regierten DDR, Peter-Michael Diestel, von der Regierung der Sowjetunion gegeben wurde, 122 671 Deutsche interniert gewesen sein, 42 889 Tote habe es in diesen Lagern gegeben und 756 zum Tode Verurteilte und Hingerichtete. Diese Zahlen wurden von Diestel auf einer Pressekonferenz am 26. Juli 1990 bekannt gegeben. Das heißt selbst nach diesen knappen sowjetischen Angaben: Ungefähr 35 Prozent aller deutschen Internierten überlebten die Lagerhaft nicht. In den anderen Besatzungszonen wurden zwar ebenfalls Personen interniert – in der US-Zone ca. 100 000, in der britischen 93 000 – aber es fanden sehr viel weniger den Tod.“
Weiter mit der Darstellung bei LeMO: „Die Amerikaner entnazifizieren in ihrer Zone sehr streng. Die Betroffenen werden in fünf Kategorien eingestuft und verurteilt – Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete. Als die USA die Entnazifizierung am 31. März 1948 einstellen, sind häufig Verfahren gegen schwerer Belastete noch nicht abgeschlossen. Viele Schuldige entgehen so einer Bestrafung. Engländer und Franzosen nehmen die Entnazifizierung vor allem nach praktischen Gesichtspunkten vor: Der Wiederaufbau von Verwaltung und Wirtschaft hat Vorrang vor der politischen Überprüfung.“
Die Verpflichtung zur weiteren Erfüllung des Entnazifizierungs-Auftrags der Alliierten ging in den Westzonen ab Mai 1949 auf die Bundesrepublik über. Und wurde dort nach einer Maßgabe gehandhabt, die Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, so formuliert haben soll: „Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat!“ Das schloss dann selbst solche Altkader wie Hans Globke nicht aus, den Mit-Kommentator des Nazi-Gesetzes „zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, das unter anderem Eheschließungen mit Juden als „Rassenschande“ verboten und außereheliche Sexualkontakte unter drakonische Strafen (KZ) gestellt hatte. Globke wurde Kanzleramtsminister (der mit der bisher längsten Amtszeit) und engster Vertrauter Adenauers. Dazu vermerkte die Süddeutsche Zeitung am 14. April 2017: „Globke war der wohl bekannteste von Tausenden belasteter Beamter aus der NS-Zeit, die in der Bundesrepublik reibungslos weiterarbeiten konnten.“
Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die amerikanische Besatzungspolitik mit der Direktive JCS 1067, die US-Präsident Truman am 11. Mai 1945 abgesegnet hatte, begann, in der es hieß: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat.“
Angesichts des heute offiziellen deutschen Anspruchs, Führungsmacht in und von Europa zu sein (siehe dazu auch den Beitrag „Deutschland – ‚Europas nächster Hegemon‘?“ [1] in dieser Ausgabe), scheint ein solcher historischer Rückblick nicht nur angeraten, sondern dringend geboten; denn im schlimmsten – und häufiger Erfahrung nach gerade deswegen nicht unwahrscheinlichsten – Falle hat William Faulkner Recht: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ („Requiem für eine Nonne“, 1. Akt, 3. Szene)