Der 22. Juni
In meinen Kindheitserinnerungen kommt der 22. Juni – mit der einen Ausnahme – nicht vor. Es war der Tag nach dem Geburtstag meiner Mutter, der wie immer, seit wir in Dabendorf wohnten, mit der „germanischen“ Sonnenwendfeier ausklang, oben auf dem Kiesberg, wo wir im Winter rodelten.
Die Ausnahme betrifft den 22. Juni 1941. Zweites Kriegsjahr, der letzte Blitzsieg lag erst ein paar Wochen zurück: die Eroberung von Kreta. Jetzt also neue Schlachtfelder, neue Sondermeldungen.
Seltsamerweise saßen die Geburtstagsgäste trotz der späten oder schon frühen Stunde noch beisammen, als die Nachricht vom Einmarsch in die Sowjetunion wie eine Bombe hereinplatzte. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet. Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 war ja offiziell nie in Frage gestellt worden.
Gekämpft wurde weit weg, irgendwo in Afrika oder im Atlantik. Und plötzlich war er da: der Zweifrontenkrieg, vor dem schon Bismarck gewarnt hatte und der in den Debatten über die Ursachen der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg immer wieder genannt wurde. Aber wer wagte etwas so Ungehöriges auch nur zu denken? Der Führer würde es schon richten, und bis Weihnachten wäre der Feldzug ohnehin längst zu Ende. Im Übrigen standen die Sommerferien vor der Tür. Wir fuhren wie im tiefsten Frieden nach Thurow oder nach Bitterfeld, und vielleicht war es in jenem Jahr (oder erst 1942?), dass ich mit meiner Tante Emma die erste große Reise meines Lebens unternahm: Nürnberg, Pegnitz in der Fränkischen Schweiz, Franzensbad …
Bombengeschwader über Hamburg oder Berlin waren zu der Zeit noch kein Thema. Dass gar der Bug zum deutschen Rubikon werden könnte, dessen Überschreitung ein großes Reich zerstören würde – aber eben das eigene, großdeutsche –, das lag natürlich jenseits jeder Vorstellungskraft.
Und Hitler, der sich in seinen Reden so gern auf die Vorsehung berief? Er hätte doch gleich doppelt gewarnt sein müssen: einmal durch den antiken Orakelspruch und seine bekannten Folgen, zum anderen durch eine wirklich bizarre kalendarische Parallelität, von der er hätte wissen müssen. Auch Napoleon hatte Russland an einem 22. Juni den Krieg erklärt. Drei Jahre später war er besiegt und dankte nach Waterloo endgültig ab: am 22. Juni 1815. Der „Führer“ hatte sein Waterloo (Stalingrad) schon nach 16 Monaten. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn er ebenfalls abgedankt hätte.
Zum Kapitalismus gehört der Imperialismus wie das Gebiß zum Tiger;
und dieses Gebiß wird immer wieder zuschnappen.
Will man das verhindern, muss man den Tiger erlegen.
Kurt Hiller
Wenn alle Stricke reißen,
kann man sich nicht mal mehr aufhängen.
Marc-Uwe Kling
Immer noch gesucht: Mitstreiter
Das Blättchen-Team wirbt erneut um weitere Mitstreiter in der Redaktion.
Nach wie vor gilt, dass Erfahrungen im Journalismus, in der Germanistik oder einer vergleichbaren Sphäre keine Voraussetzung für eine Mitarbeit wären, wohl aber die Beherrschung der deutschen Sprache sowie praktische Fertigkeiten in digitaler Textverarbeitung.
Die Arbeitsweise der Redaktion erläutern wir gern im persönlichen Gespräch.
Angemessene Einarbeitung ist garantiert.
Weil für Letzteres sowie generell für die Zusammenarbeit räumliche Nähe hilfreich wäre, bevorzugen wir Bewerbungen aus Berlin und dem nahen Brandenburger Umland.
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horizont – oder: von den Tücken der KI
Zeitgeschichtliche Vorbemerkung: Nach dem von den USA promoteten* faschistischen Militärputsch in Chile vom September 1973 hatte die DDR tausenden exilierten Chilenen, die dem tödlichen Terror des Regimes unter General Augusto Pinochet entgangen waren, einen sicheren Hafen geboten – inklusive Wohnung, Erwerbsmöglichkeiten, medizinische Betreuung, Schul- und Berufsausbildung oder Studium. Zur chilenischen KP und ihrem damaligen Generalsekretär, Luis Corvalán, für dessen Befreiung aus der Haft der Putschisten sich auch die DDR offensiv engagiert hatte und die 1976 gelang, bestanden engste Beziehungen. Die DDR verlieh Corvalán zu seinem 60. Geburtstag mit dem Karl-Marx-Orden ihre höchste staatliche Auszeichnung.
Auf die Frage „welche beziehungen unterhielt die brd zu pinochet?“ antwortete Gemini, die Künstliche Intelligenz (KI) von Google, am 15.06.2026: „Die offizielle Politik in Bonn tolerierte das Regime weitgehend. Konservative Kreise in der Bundesrepublik, aber auch der Bundesnachrichtendienst (BND), sahen in Pinochet einen antikommunistischen Verbündeten.“
*
Seit 1968 gab es in der DDR eine außenpolitische Wochenzeitung, den horizont, der sich in der interessierten Öffentlichkeit großer Beliebtheit erfreute, weil er seinen Blick – da war nomen tatsächlich omen – über den doch eher DDR-fokussierten Tellerrand der meisten DDR-Tageszeitungen erhob.
1983 schrumpfte der horizont über Nacht zur Monatszeitung.
Zu den Ursachen fabuliert Gemini am 15.06.2026: „Dahinter steckte ein strukturelles Problem, das die gesamte Medienlandschaft der DDR in diesem Jahr hart traf: der akute Papiermangel. […] Die DDR litt chronisch unter Devisen- und Rohstoffmangel. Da die eigene Produktion von Zeitungsdruckpapier nicht ausreichte und Importe aus dem westlichen Ausland teure Devisen gekostet hätten, rationierte der Staat das Papier kontingentiert. […] Da der ‚Horizont‘ (als ‚Sozialistische Wochenzeitung für internationale Politik und Wirtschaft‘) sehr textintensiv war und eine relativ hohe Auflage hatte, entschied man sich, das Erscheinen von wöchentlich auf monatlich zu reduzieren, um tonnenweise Druckpapier einzusparen.“
ChatGPT, die KI von OpenAI, bekommt am gleichen Tage zumindest heraus: „In den leicht zugänglichen Quellen wird der Grund nicht ausdrücklich genannt.“
Was damals tatsächlich passiert war, schilderte ein Zeitzeuge gegenüber diesem Magazin vor kurzem folgendermaßen: Der horizont hatte aus einem Interview mit Luis Corvalán Passagen, die dem Chilenen politisch besonders wichtig waren, herausgekürzt, ohne dies mit dem Interviewten abzustimmen. Der beschwerte sich daraufhin bei Erich Honecker, dem Partei- und Staatschef der DDR, der den Vorgang seinerseits an Joachim Herrmann weiterleitete. Natürlich nicht an den heutigen bayerischen Innenminister, sondern an das damals für die Medien zuständige Mitglied im Politbüro des ZK der SED. DDR-Herrmann wollte das Problem kurzerhand und auf für autokratische Systeme nicht untypische Weise lösen: Einstellung der Zeitschrift. Doch für den horizont galt eine doppelte Unterstellung: Er fiel auch in die Zuständigkeit des für Internationales verantwortlichen Politbüromitgliedes Hermann Axen. Der lehnte eine Einstellung ab. So wurde horizont „bloß“ zur Monatszeitung degradiert …
* – Eine besondere Rolle dabei spielte Henry Kissinger, der damalige US-Außenminister und zugleich -Sicherheitsberater, wie man 2021 einer Geburtstagslaudatio seines Freundes Theo Sommer (von 1973 bis 2000 erst Chefredakteur, dann Mitherausgeber der Zeit) vom 1. Juni 2021 zumindest implizit entnehmen konnte: „Wer Henry Kissinger, der am vorigen Donnerstag 98 Jahre alt wurde, für einen Kriegsverbrecher hält, der sollte die Lektüre hier abbrechen. Der Kissinger, der den Sturz des chilenischen Sozialisten Salvador Allende inszenierte und im Kampf gegen die Vietcong Bomben auf Kambodscha regnen ließ, ist nicht der ganze Kissinger […].“ Für die tausenden von Toten in Chile und in Kambodscha allerdings dürfte das keinen Unterschied gemacht haben.
Meinungsfreiheit
Der Ausgabe des ZDF-Magazins „Aspekte“ vom 12. Juni 2026 hat Johannes Schirrmeister in der Berliner Zeitung eine halbseitige Eloge gewidmet. Der Begriff ist hier bewusst gesetzt, und zwar ohne jeglichen ironischen Unterton. Thema der Sendung: „Meinungsfreiheit – Was darf man heute sagen?“
Die Aspekte-Ausgabe sei „eine Reportage […],die ohne Framing oder Schubladendenken auskommt. Beim ZDF ist das keine Selbstverständlichkeit.“ Zu Wort kämen all jene, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk üblicherweise ausspare: Der von der EU auf diktatorische Weise sanktionierte Journalist Hüseyin Dogru (siehe auch Daniela Dahn in Ossietzky 10/2026 [1]) ebenso wie die des Antisemitismus geziehene jüdische Schriftstellerin Deborah Feldman und andere. Schirrmeister vermerkt: „Niemand wird vorgeführt oder per Off-Kommentar ins Zwielicht gerückt. Die Leute dürfen ausreden. Das Urteil bleibt beim Zuschauer.“
Allerdings schließt Schirrmeister – und das völlig zu Recht – mit einer Kritik: „Nur einen Ort erreicht die Aufklärung nicht: eine breite Zuschauerschaft. Denn wer eine Sendung produziert, die ihr Publikum geradezu anfleht, die eigene Wahrnehmungsblase zu verlassen, der versteckt sie nicht am Freitag um 23.45 Uhr, wenn die halbe Republik schläft.“
Doch selbst wenn da nahezu die gesamte Republik geschlafen hätte: Noch kann man sich die Sendung zu jeder Tageszeit ansehen – in der ZDF-Mediathek (hier klicken [2]).
Macht, Meinung und Moral
Wer kennt schon Eric Arthur Blair, der 1903 geboren wurde und 1950 in London starb. Nennt man aber sein Pseudonym George Orwell, ist alles klar. Der Schriftsteller lebte ein aufregendes Leben und schuf Bücher, die heute noch zu den Meisterwerken der englischen Literatur gehören. Doch bevor Orwell berühmt wurde, arbeitete er als Polizeibeamter in Burma, kündigte ohne Angaben von Gründen seinen Dienst, verdiente sein Geld als Tellerwäscher und Lehrer, kämpfte 1936 im spanischen Bürgerkrieg und begann schließlich als Schriftsteller zu arbeiten. Von ihm stammen „Auftauchen, um Luft zu holen“, „Die Farm der Tiere“, eine Fabel über den Sowjetkommunismus, und der 1949 erschiene Bestseller „1984“. Bevor letzterer geschrieben wurde, verfasste George Orwell regelmäßig Kolumnen für englische Tageszeitungen, in denen er mit klarem Blick und scharfem Verstand drängende Fragen seiner Zeit aufgriff.
Nun endlich sind die Kolumnen ins Deutsche übersetzt worden, von Lutz-W. Wolff, der auch schon Scott Fitzgerald und Jack London ins Deutsche übertrug. Orwell befasste sich mit Themen, die seine Mitmenschen beschäftigten, Fragen nach Fortschritt und Moral ebenso wie natürlich den Faschismus, der sich in der Welt breit machte und auch Großbritannien bedrohte. Alle Kolumnen sind kompromisslos geschrieben, immer pointiert und aktueller denn je. Orwell hat nicht nur mit „1984“ eine nach wie vor nicht ausgeschlossene dystopische Zukunft dargestellt, auch die im Band „Zeilen der Zeit“ versammelten Texte sind kein bisschen überholt und verdammt lebenswert.
George Orwell: Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch, (Übersetzung: Lutz-W. Wolff), Reclam Verlag, Stuttgart 2026, 243 Seiten, 25,00 Euro.
Worte! Worte! keine Taten!
Worte! Worte! keine Taten!
Niemals Fleisch, geliebte Puppe,
Immer Geist und keinen Braten,
Keine Knödel in der Suppe!
Doch vielleicht ist dir zuträglich
Nicht die wilde Lendenkraft,
Welche galoppieret täglich
Auf dem Roß der Leidenschaft.
Ja, ich fürchte fast, es riebe,
Zartes Kind, dich endlich auf
Jene wilde Jagd der Liebe,
Amors Steeple-chase-Wettlauf.
Viel gesünder, glaub ich schier,
Ist für dich ein kranker Mann
Als Liebhaber, der gleich mir
Kaum ein Glied bewegen kann.
Deshalb unsrem Herzensbund,
Liebste, widme deine Triebe;
Solches ist dir sehr gesund,
Eine Art Gesundheitsliebe.
Wiener Streifzüge
Franz Schandl im Einlauf: „NATO auflösen, Bundesheer abschaffen, Rüstungsindustrie liquidieren – sind die Gehirne von diesen richtigen Gedanken schon gänzlich befreit? Will man warten bis nach dem 3. Weltkrieg? Braucht es dazu und davor Tausende oder gar Millionen Tote? Sollen wir gleich Ukrainern und Russen für irgendwelche Werte und Interessen, Profite und Standorte geopfert werden? Dem Kapital, ihren Herren wie Knechten, den demokratischen wie autoritären, ist das durchaus zuzutrauen.
Der Kriegsertüchtigungswahn ist absolut irre, wird aber als Anforderung wie Aufforderung hingenommen. Denn der Russe kommt und daher müssen wir danach trachten, über ihn zu kommen, bevor er über uns kommt. Daher und dafür haben wir zu bluten. Auch jetzt schon, zuerst Pensionisten und Proleten finanziell, sodann Soldaten und Zivilisten reell. In der großen Matrix werden gegenwärtig die Köpfe abgeflacht bis zur blinden Ovation. Claqueure haben zu gehorchen. Eine Außenministerin im ukrainischen Dirndl tanzt die Drohnenpolka und eine polnisch-amerikanische EU-Euphorikerin stellt wie bestellt die Neutralität in Frage. So sind wir, würde der Assistent in der Hofburg. […] Wir müssen schauen, dass das, was realistisch ist, nicht real wird, dafür aber das noch Unwirkliche wirklich! Deswegen machen wir auch alles Schlechte schlecht.“
Mit neben anderen folgenden Beiträgen: Maria Wölflingseder begibt sich auf Spurensuche in bosnische und mediterrane Gefilde – „Vielfalt heißt zwischen den Welten übersetzen“. Hermann Engster schreibt über Emma Herwegh als Amazone der Freiheit – „Die Erde von Tyrannen befreien!“ Nikolaus Dimmel blickt auf ökonomische Krisen Österreichs – „Weltspartag im Wohlfahrtsstaat“. Franz Schandl stellt widerwärtige Überlegungen zu den Betriebsstörungen der Normalität im ORF an – „Im Sandkasten der Skandalisierung“.
Streifzüge, Nr. 93, Frühling 2026, 10,00 Euro, Bestellung online [3].
Glück und Glas – wie leicht bricht das
Florian Illes hat ein neues Genre des erzählenden historischen Sachbuches begründet, heißt es meines Erachtens unangemessen nüchtern im Klappentext. Es ist wieder eine tolle Biografie (respektive ein Ausschnitt daraus) zu einem Menschen, der trotz seiner beachtlichen Leistungen fast in Vergessenheit geraten ist – der Chemiker Johannes Kunckel (im damaligen Sprachgebrauch häufig als Alchimist bezeichnet), der von 1635 bis 1703 lebte. Beifolgend gibt das Buch Einblick in das Leben und die Intrigen am Hof des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, Margraf zu Brandenburg. Dieser schenkte Kunckel eine Insel auf der Havel (die nachmalige Pfaueninsel), damit jener ungestört, vor allem unbeobachtet, nicht Gold, sondern aus Gold wertvolles Glas machen sollte, in Sonderheit Rubinglas. Dies gelang Kunckel nicht nur, er entwickelte ebenso ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Kürfürsten, das ihm nahezu alle Höflinge neideten. Ebenso des Regenten Sohn aus erster Ehe, da der Vater mehr Zeit mit Kunckel verbrachte als mit ihm. Und so kam es am Ende, wie es kommen musste …
Vor dem tragischen Ende Kunckels beschreibt der Autor jedoch detailliert den Aufbau der Glasbläserei und der Häuser für die Arbeiter auf der Pfaueninsel, den Bau einer Windmühle zur Gewinnung von Schrott und Korn für das Brot und das zur damaligen Zeit notwendige Bier, um die Hitze bei der Arbeit auszuhalten. Auch die damalige Technik und die chemischen Vorgänge werden gut verständlich erläutert. Rubinglas war damals eine Weltneuheit. Viele Neider wollten das geheime Rezept stehlen. Der Kurfürst ist im Roman nicht nur an den Ergebnissen der Glasbläserei interessiert, sondern auch ein aufmerksamer Zuhörer bezüglich der Details des Verfahrens. Er gewährt Kunckel die alleinigen Herstellungsrechte.
Im Anhang wird der Lebensweg Kunckels vom Alchimisten zum Unternehmer, sein Niedergang in Brandenburg und seine Erhebung in den Adelsstand in Schweden beschrieben. Auch die Geschichte der von ihm hergestellten Gläser und deren jetzige Aufbewahrungsorte (soweit bekannt) werden erwähnt und das fatale Verhältnis von Kurfürst und Sohn dargestellt.
Florian Illies: Träume aus Feuer. Der Alchimist von der Pfaueninsel, Pfaueninselverlag, Köln 2026,
143 Seiten, 20,00 Euro.
Vor den Wahlen
Die Insel Germaine im Phryktischen Ozean ist weithin bekannt als Urlaubsparadies und als Heimat des Luribaums, eines wertvollen Klangholzes für den Geigenbau.
Zur Zeit findet die Insel zunehmend die Aufmerksamkeit politischer Kommentatoren. Bei anstehenden Neuwahlen will die bürgerliche „Confédéracion Démocratique Unitaire“ (CDU) eine Koalition aus Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen ablösen.
Der Vorsitzende der CDU und Oppositionsführer in der Nationalversammlung von Germaine, Frédéric Mars, gewährte unserem Reporter Heinz-Wilhelm Obendrauf ein Interview:
Monsieur Mars, in Ihrem Wahlprogramm bekennen Sie sich eindeutig zur Schuldenbremse. Angesichts des gewaltigen Investitionsbedarfs klingt das riskant.
Noch riskanter wäre es, die Schuldenbremse aufzugeben. Neue Schulden würden mich und meine Regierung sofort unglaubwürdig machen.
Kommt es auch zur versprochenen Senkung des Strompreises für alle?
Auf jeden Fall. Günstigerer Strom stärkt die Wirtschaft und die Einhaltung des Versprechens unser politisches Ansehen.
Ihr schärfster Konkurrent am Wahltag dürfte „Le Parti Alternatif“ werden. Als Sie an die Spitze der CDU traten, wollten Sie diese Partei halbieren. Mittlerweile hat sie sich mehr als verdoppelt. Wie bewerten Sie das?
Als herbe Niederlage. „Brandmauer“ klingt zwar gut und schön, doch nur mit dem Einhalten aller Wahlversprechen können wir diese vollmundige, aber inhaltsarme Partei in die Schranken weisen.
Monsieur Mars, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Sehr gern, und seien Sie versichert: Meine Regierung wird ein Leitbild für politische Verlässlichkeit sein.
Neue Limericks (XIV)
Ein verklemmter Knabe aus Mötzlich[1]
errötete häufig und plötzlich.
Sah der bloß nackte Haut,
schrie er lauthals: „Versaut!
Das ist nicht plötzlich ergötzlich in Mötzlich.“
Ein Safeknacker einst in Bordeaux
musste vorm Safeknacken dringend aufs Klo
und kam nicht vom Pott:
„Diarrhö – oh mein Gott!
Da besuch‘ ich wohl besser den Zoo …“
Vor Zeiten der Graf von Abrantes[2]
Vernaschte am liebsten Verwandtes.
Auch Schwester und Nichte,
so besagt die Geschichte,
überliefert vom Dichter Cervantes.
Der Erzbischof von Tortosa[3]
trug unterm Ornat Dessous ganz in Rosa,
denn der Zölibat
verbot nicht, was er tat:
Bisschen Lyrik, statt immer nur Prosa.
Ein kühner Beau aus Vichy,
der sagte sich: „Jetzt oder nie!
Mademoiselle ou madame,
je séduis toutes les femmes –
avec champagne, érection et un peu de brie.“
Eine Señora aus Belorado[4]
stand auf Maso & Sado,
war bi, mochte Dreier
und was noch – weiß der Geier!
Doch danach ging sie gern in den Prado.
Der Pedell von Nanclares de la Oca[5]
nahm die Pennäler im Ganzen recht locka,
doch kam ihm wer blöd,
war’s auch ganz schnell zu spät:
Den stieß er dann einfach vom Hocka.
Ein Grandseigneur aus Bergerac
begattete formvollendet im Frack.
Ob Boudoire, ob Salon,
er bewahrte Façon
und kratzte sich niemals vor Damen a … n unpassender Stelle.
Der Totengräber von Dottenheim[6]
glitt aus auf frischem Schneckenschleim
und schlug – armer Tropf –
sich arg auf am Kopf.
So kehrte er ganz unverhofft heim.
Aus den Annalen des Höheren Blödsinns*
Fowlers Notiz:
Das einzige unvollkommene Ding der Natur
ist die menschliche Rasse.
Macbeth‘ Kommentar zur Evolution:
Die beste Theorie ist nicht ipso facto eine gute.
Gesetz der selektiven Schwerkraft
Ein Gegenstand fällt immer so,
dass er den größtmöglichen Schaden anrichtet.
Dem Volksmund ist dieses Phänomen eher unter dem Begriff
Butterseitensgesetz vertraut.
Sevareids Gesetz:
Die Hauptursache aller Probleme sind Lösungen.
Ettores Beobachtung:
Die andere Spur im Stau auf der Autobahn bewegt sich schneller,
Maahs Gesetz:
Die Dinge funktionieren nur deswegen,
damit sie auch schiefgehen können.
Tussmans Gesetz:
Nichts ist so unvermeidlich wie ein Fehler,
für den die Zeit reif ist.
Fahnestocks Goldene Regel für Fehlschläge:
Wenn du auf Anhieb keinen Erfolg hast,
vernichte alle Hinweise darauf,
dass du es jemals versucht hast.
Murphys mathematisches Axiom:
Wenn Eins besonders groß ist,
ist es beinahe so groß wie ein bisschen Zwei.
Dudes Gesetz über Alternativen:
Von zwei möglichen Ereignissen
wird nur das nicht gewünschte tatsächlich eintreffen.
Hanes Gesetz:
Eine Grenze dafür,
wie schlimm es noch werden kann,
ist nicht vorhanden.
Perrusels Gesetz:
Nichts ist so einfach,
dass man’s nicht falsch machen könnte.
Borkowskis Gesetz:
Man kann sich gegen den Zufall nicht schützen.
Das Parouzzi-Prinzip:
Nach einem schlechten Start
vermehren sich die Probleme sofort im Quadrat.
Gefunden bei Arthur Bloch: Gesammelte Gründe, warum alles schiefgeht, was schiefgehen kann! Murphy’s Gesetze in einem Band, Goldmann Verlag, München 1985.
* – Versuch einer Definition: Höherer Blödsinn ist nicht nur, wenn man am Ende trotzdem lacht, sondern auch nicht mehr weiß, warum. (Ulrich Rosski)
Aus anderen Quellen
„Eines der wichtigsten deutschen Rüstungsprojekte des vergangenen Jahrzehnts ist nun endgültig Geschichte: Das von der BRD und Frankreich gemeinsam geplante ‚Future Combat Air System‘ (FCAS) wurde […] für beerdigt erklärt […]. Vorausgegangen war dem ein jahrelanger Streit zwischen den beiden hauptverantwortlichen Konzernen Airbus (für die BRD) und Dassault (für Frankreich) um die genaue Arbeitsteilung, um Kompetenzen, Eigentumsrechte und die Weitergabe technischen Wissens – kapitalistische Konkurrenz eben.“
Philip Tassev: Prestigeprojekt stürzt ab, jungewelt.de, 10.06.2026. Zum Volltext hier klicken. [10] Siehe auch Blättchen 16/2021 [11].
*
In der UNO hat Deutschland eine verdiente Klatsche kassiert: der Antrag auf erneute zeitweise Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat fiel durch. Dazu schreibt Axel Fersen: „Wer verstehen will, warum die Bundesrepublik in New York durchgefallen ist, muss verstehen, wofür der Westen in den Augen der Weltmehrheit inzwischen steht: für eine Wertegemeinschaft, die ihre Werte nur noch gegen andere geltend macht und nie gegen sich selbst.“
Axel Fersen: Das Ende der Demokratie, erhardepplerkreis.substack.com, 12.06.2026. Zum Volltext hier klicken. [12]
*
Washington sei es „gleich, wie seine Verbündeten das Vorgehen der USA moralisch bewerten“, schätzt Evgeny Morozov ein und fährt fort: „Man erwartet von ihnen schlicht und einfach, dass sie die Chinastrategie der USA auf allen Ebenen mittragen – von der Lieferkettenpolitik über die Speicherchipexporte und Mineralienkäufe bis hin zu den Datenschutzbestimmungen und zur Energieinfrastruktur. Als Zuckerbrot bietet Washington den Zugang zu günstigen Krediten, zu Clouddiensten und zu US-amerikanischen Grafikprozessoren. Als Peitsche droht der Verlust des Zugangs zu US-Nutzungslizenzen. Bislang stieß diese Strategie auf so gut wie keinen Widerstand.“
Evgeny Morozov: Der neue Staatskapitalismus, monde-diplomatique.de, 11.06.2026. Zum Volltext hier klicken. [13]
*
„Ich bemerke mit Schrecken“, so die polnische Journalistin Beata Bielecka, „dass sich in unseren sozialen Medien eine fatale antideutsche Welle breitmacht. Aussagen wie, ich hasse die Deutschen zum Beispiel, die es früher fast nie gab, lese ich jetzt sehr häufig. […] Als die Polen im letzten Jahr nach ihrer Einstellung zu Deutschen befragt wurden, haben lediglich 32 Prozent Sympathie geäußert. Das ist einer der niedrigsten Werte der letzten 25 Jahre und ein Rückfall in die Zeit kurz nach der Wende.“
Beata Bielecka: Polen und Deutsche – Ein ehemals gutes Verhältnis gerät ins Rutschen, Deutschlandfunk Kultur (Das politische Feuilleton), 16.06.2026. Zur Audiodatei hier klicken. [14]
*
„Die Defa“, so Eberhard Görner, einer der Erfinder der TV-Serie „Polizeiruf 110“, „wurde nach 1990 als sozialistischer Propaganda-Schrott denunziert und entwertet. Jetzt erkennt man: Der „Schrott“ ist Kupfer, Silber und Gold – und ist plötzlich nicht nur deutsch-europäisches Kulturgut, sondern auch Wirtschaftsgut!“
Stefan Piasecki: „Die Defa wurde denunziert und entwertet“, Berliner Zeitung, 10.06.2026. Zum Volltext hier klicken. [15]
Letzte Meldung
Die neun Atommächte haben im vergangenen Jahr 19 Prozent mehr in Atomwaffenarsenale investiert als im Jahr davor. Das geht aus einem Bericht der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) hervor. Sie beziffert den Gesamtbetrag auf rund 102 Milliarden Euro. Damit hätten diese Länder 2025 zusammen gut 3.200 Euro pro Sekunde für ihre Atomwaffenarsenale ausgegeben.
2025 hätten die USA mehr Geld für Atomwaffen ausgegeben als die acht anderen Länder mit solchen Waffen zusammen, berichtet ICAN. Insgesamt hätten sie 69,2 Milliarden Dollar investiert, gefolgt von China mit 13,5 Milliarden Dollar. Großbritannien habe Russland auf dem dritten Platz abgelöst, mit Investitionen von 12,6 Milliarden Dollar. In Russland seien es 9,5 Milliarden Dollar gewesen.
[1] – Stadtteil im Stadtbezirk Nord von Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt.
[2] – Nordportugiesische Kleinstadt nahe der Grenze zu Spanien.
[3] – Alte katalanische Bischofsstadt am Ebro.
[4] – Ort am Jakobsweg im Osten der spanischen Provinz Burgos.
[5] – Dorf im spanischen Baskenland.
[6] – Gemeindeteil von Dietersheim im Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim (Mittelfranken, Bayern).