Das in der Märkischen Schweiz gelegene Städtchen Buckow (1253 erstmals als Siedlung urkundlich erwähnt) besitzt einen Schlosspark. Aber wo ist das Schloss? Denn der Hügel, auf dem es einst stand, ist ja heute leer.
Es ist zwar nicht mehr hier, aber dennoch ist es da – wir finden es nämlich vollständig verbaut in sehr vielen Häusern unseres Städtchens.
Was ist geschehen mit dem einstigen Barockschloss, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts sogar von Baumeister Karl Friedrich Schinkel zu einem Schlösschen im klassizistischen Stil ähnlich den Schlössern Tegel oder Friedrichsfelde umgestaltet wurde? Wer waren die einstigen Schlossherren und -damen und wo sind sie hin?
Das im Krieg nur wenig beschädigte Schloss wurde abgerissen und zum Abbruch freigegeben. Man wollte mit der feudalen Vergangenheit abschließen und benötigte dringend Baumaterialien.
Der einstige Schlosspark wurde geöffnet und nun zum öffentlichen Bürgerpark und ist es bis heute geblieben, wobei es heute nicht mehr ehrenrührig erscheint, den Namen Schlosspark zu benutzen. Unser Schlosspark mit dem damals noch vorhandenen Schloss wurde sogar als Filmkulisse benutzt. Heinz Rühmann drehte hier 1943 als Regisseur den Film „Sophienlund“. Er zeigt Teile des Schlosses von innen. Auch Außenansichten des Baus und des Schlossparks sind zu sehen. Als der Film vor einigen Jahren in unserem Kino gezeigt wurde, platzte der Saal aus allen Nähten.
Und tatsächlich konnten wir uns danach ein Bild machen, wie das alte Buckower Schloss mit seiner Auffahrt und dem dahinter liegenden Park gewirkt haben muss. Das machte schon was her!
Wer lebte nun tatsächlich in diesem Schloss? Eigentlich lange Zeit nicht wirklich jemand außer Verwaltern, später auch Pächtern.
Einst war es die Residenz des Adelsgeschlechts derer von Flemming. Von 1674 an ging es in deren Besitz. Als Elisabeth von Flemming im Jahr 1881, 20-jährig und älteste Tochter von Graf Albert von Flemming, ihre Hochzeit in Buckow feierte, diente das Schloss schon lange nur noch als „Ferienwohnung“ gehobenen Stils der Familie. Der damalige Besitzer war preußischer Gesandter am Badischen Hof und lebte in Karlsruhe, musste in Karlsruhe leben, berufshalber. Dennoch hatten Elisabeth, die stets Lisi gerufen wurde, und ihre jüngere Schwester Irene oft und gerne zusammen mit ihrer Mutter Armgard die Ferien hier verbracht. Sein Buckower Schloss besuchte Albert mit seiner Familie zur Sommerfrische oder um Familie und Freunde zu treffen. Raum genug bot es ja.
Seine 14-jährige Tochter Lisi schickte er hier einen Sommer lang in den Konfirmandenunterricht des sehr aufgeklärten Pfarrers nach Obersdorf. In der kleinen Dorfkirche von Obersdorf wurde sie 1877 auch konfirmiert. Als Enkelin der berühmten Schriftstellerin Bettina von Arnim entwickelte sie ebenfalls früh schriftstellerisches Talent und widmete sich der Kunst des Zeichnens und des Malens.
Schicksalsjahr der Lisi von Flemming wird der Sommer 1881, in dem sie den jungen adligen Gelehrten Stefan von Putlitz in der Buckower Kirche heiratet und die Hochzeit im Schloss ihrer Kindheit feiert.
Aber als Tochter Stefanie ein Jahr später zur Welt kommt, ist die Ehe bereits in keinem guten Zustand mehr. Lisi kränkelt, der gelehrte Ehemann strebt eine Universitätskarriere in einer kleinen Universitätsstadt an, während Lisi lieber am gemeinsamen Wohnort Berlin bleiben möchte.
Bei einem Sommeraufenthalt auf Schloss Buckow kommt es zur dramatischen Zuspitzung des Geschehens: Stefan unternimmt einen Selbstmordversuch und schneidet sich die Pulsadern auf. Ist dabei aber – glücklicherweise – so wenig erfolgreich, dass man ihn findet und die ungefährliche Wunde mit einem Verband versorgen kann.
Lisi ist außer sich, der beschämte Ehemann reist nach Berlin ab. Dort vollendet er leider, was er begonnen hatte und schießt sich – nun erfolgreich – in den Kopf. Zurück in Buckow bleibt eine fassungslose Witwe Lisi von Putlitz mit einem zweijährigen Kind.
In der Folgezeit brodelt die Berliner Gerüchteküche, die Presse überschlägt sich mit immer verrückteren Geschichten: Man munkelt von einem Unfall beim Reinigen der Pistole, andere bevorzugen das Gerücht eines „amerikanischen Duells“. Nach diesem duellieren sich Beleidigte nicht mehr mit Waffen, sondern losen den zu Tötenden aus, der sich dann binnen eines Jahres selbst hinrichten muss. Oder er wird ehrlos. Kaum vorstellbar, denn wir schreiben immerhin schon das Jahr 1883! Angeblich habe sich Stefan auf ein solches eingelassen, so berichtet sein Bruder Konrad der Presse.
Aber schließlich gewinnt noch ein weiteres, schicksalsschwereres Gerücht die Oberhand: Ha! Man habe es ja gewusst!
Lisi hätte schon längere Zeit eine Liaison mit einem Freund ihres Ehemanns, dem baltischen Grafen Edmund von Heyking, einem Diplomaten, gehabt. Man hätte sich heimlich getroffen, auch während der Aufenthalte in Schloss Buckow. So auch am Tag des gescheiterten Selbstmordversuchs. Ob wahr oder nicht, bekannt ist, dass Stefan ein sehr herrschsüchtiger und eifersüchtiger Ehemann gewesen sein muss, der Lisi das Leben nicht eben leicht gemacht hat.
Als Lisi nach knapp einem Jahr dann tatsächlich den guten Freund und Gesandten Edmund von Heyking heiratet, ist der Skandal perfekt! Nun weiß die adlige Familie von Putlitz Bescheid, wie der Freitod des vielbetrauerten Sohnes einzuordnen ist: Durch die Liebschaft mit dem Balten hat sie ihren Ehemann in den Tod getrieben!
Die Rache der von Putlitzens ist furchtbar, denn ihr Einfluss bei Hofe ist leider enorm: Edmund von Heyking bekommt für den Rest seines Lebens keine dauerhaft feste Anstellung mehr, schon gar nicht am preußischen Hof in Berlin.
Lisi hat zwei Söhne zusammen mit Edmund, aber ist dazu verdammt, mit ihm um die halbe Welt zu ziehen, zu immer neuen Orten auf nahezu allen Kontinenten, es soll kein festes Zuhause mehr für die beiden und ihre Kinder geben, dafür sorgte die Rachsucht der Familie ihres verstorbenen Ehemanns.
Die finanzielle Lage der von Heykings wird schwierig: Durch Spekulationen verliert Edmund sein Vermögen. Der diplomatische Dienst wird kaum vergütet, die Diplomatie gilt als aristokratische Ehrenaufgabe, bezahlte Stellen werden Edmund verweigert.
Lisi schreibt immer schon Tagebuch und ist auch eine eifrige Briefeschreiberin. Nun beginnt sie mit dem professionellen Schreiben. Viele Artikel, Erzählungen, Geschichten und einige Romane entstehen ab 1900. Und sie trifft das Interesse ihrer Epoche!
Lisi entwickelte sich zu einer der meistgelesenen Schriftstellerinnen ihrer Zeit, ihre Bücher werden bald in ganz Europa gelesen und erscheinen in vielen europäischen Sprachen. Am bekanntesten sind der autobiografische Roman „Ille mihi“, der Briefroman „Briefe, die ihn nicht erreichten“ und ihre Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1886-1904, „Tagebuchaufzeichnungen aus allen vier Weltteilen“.
Sie beschreibt als erste weibliche Schriftstellerin das beklagenswerte Dasein der Menschen in den deutschen Kolonien, schildert deren Alltag und das oft wenig menschliche Verhalten der deutschen Kolonialmacht, als deren diplomatischer Vertreter Edmund von Heyking fungiert. So lebt die Familie u.a. in New York, Chile, Mexiko, auf dem Balkan, in Ägypten, Indien und China.
Zwar enterbt wegen der ihr angedichteten Skandale, kommt sie aber dennoch in die glückliche Lage, mit ihren Büchern Geld verdienen zu können, das zum Familienunterhalt entscheidend beiträgt. In späteren Jahren erbt sie außerdem Schloss Crossen.
Edmund von Heyking stirbt 1915 an einer Lungenentzündung, beide Söhne lassen ihr Leben im Ersten Weltkrieg. Zur Tochter Stefanie besteht kein guter Kontakt. Lisi steht alleine da und fühlt sich am Ende ihres Lebens unendlich einsam.
Allein ihr Erfolg als Schriftstellerin ist beachtlich: Im Jahr 1917 erlebt „Briefe, die ihn nicht erreichten“ die 89. Auflage, von dem im kolonialen China spielenden Roman „Chun“ sind bereits 30.000 Exemplare verkauft.
Wenn sie heute hier wäre, was würde uns Lisi empfehlen? Spazieren Sie durch den Schlosspark! Machen Sie dabei einen Abstecher zum Angelhäuschen am Griepensee. Es wurde nach Schinkels Plänen angelegt. Verweilen Sie einen Augenblick auf dem Schlossplateau. Blicken Sie auf den Stobber und genießen Sie das heute so klare Wasser. Vielleicht fahren Sie an einem Wochenende mit unserer kleinen Museumsbahn und genießen das beschauliche Tempo.
Entdecken Sie die Wacholderbüsche am Wegesrand. Beim Spaziergang durch Buckow halten Sie inne am Buckowsee. Stellen Sie sich vor, dass das alte Hotel Hohenzollern, heute ein Wohnhaus mit Friseur und Blumenladen im Erdgeschoss, von Sommerfrischlern ausgebucht ist. Auf dem See fahren Ruderboote mit sonnenbeschirmten Damen.
Überall an den Wegen spielen kleine Kurkapellen, Dreimannorchester unterhalten die Kurgäste an den Spazierwegen rund um den Buckowsee. Im Lunapark werden Erfrischungen angeboten. Der alte Kurort Buckow, der bereits in der Kaiserzeit einen ersten Höhepunkt erlebte, steckt voller Geheimnisse, Geschichten und Geschichte.
Lisi sollte nicht die Letzte sein, die ihn in ihrem Roman erwähnt. Und Buckow war und ist für viele Dichterinnen, Denkerinnen, Künstler und Lebenskünstler auch jetzt noch ein Schicksalsort. Die bekanntesten sind sicher Bertolt Brecht, Theodor Fontane und Adelbert von Chamisso.
Aber Lisi würde uns auch Folgendes auf den Weg geben: Hören Sie niemals auf, Ihre eigenen Schlösser zu bauen. Fahren wir alle fort, unsere Lebensschlösser zu bauen! Sie müssen ja nicht aus Stein sein!
Und denken Sie daran: Schloss Buckow ist zwar nicht mehr hier, aber dennoch da! Elisabeth (Lisi) von Heyking sollte nicht vergessen werden, sie lebte von 1861 bis 1925.
In einem Ausschnitt aus dem Briefroman „Briefe, die ihn nicht erreichten“ macht die Hauptfigur einen Abstecher nach Buckow, wandert durch die Stadt und lässt sich durch das Schloss ihrer Kindheit führen. Ihre Reise beginnt in Berlin, Bahnhof Friedrichstraße. Zum Weiterlesen. [1]
Carina Bunt, geboren 1960, Kinderbuchautorin, Buchreihe „Das Schermützel“, lebt in Buckow.