Das Schlussbild ist so metaphorisch wie der Einstieg: Indianerhäuptling Gojko Mitic alias Weitspähender Falke fängt einen wilden Schimmel ein und reitet auf und davon in die Prärie. Später taucht er noch einmal auf, am Marterpfahl stehend, von Kriegern bedrängt, die die Pfeile bedrohlich auf ihn richten. Die Bilder aus dem DEFA-Film „Spur des Falken“ sind unterlegt mit dem Tonmitschnitt jener Sitzung im Januar 1990, als Egon Krenz – bis vor kurzem noch Generalsekretär dieser Partei – seiner Parteimitgliedschaft verlustig ging. Die letzte Rothaut. Überhaupt, diese Schnitte und Überblendungen und assoziativen Anspielungen …
Das letzte Bild also gehört roten Tulpen, die in großen Kübeln vor seinem Häuschen in Dierhagen wachsen. Sie leuchten vor der weißen Fassade besonders kräftig. Die Tulpen stammen aus den Niederlanden. Die Zwiebeln brachte Ruudt van Malten, ein sozialdemokratischer Beamter in einer holländischen Kleinstadt, zuständig für Straßenbau und vierzig Mitarbeiter. Er besuchte Krenz erstmals vor acht Jahren und seitdem immer wieder. Mit einem alten Wohnwagen, der nicht schneller als 85 Stundenkilometer fährt. Auf dem weiten Weg von der Nord- an die Ostseeküste, hat van Malten lediglich zwei LKW überholt – alle anderen Fahrzeuge seien schneller an ihm vorbeigebraust. Ihn habe interessiert, was dieser Krenz für ein Mensch sei, er schaue den Leuten lieber in die Augen als auf die Schlagzeilen. Die Neugier des Holländers und die Art, diese zu befriedigen, wirken so antiquiert wie sein Gefährt.
Von der gleichen natürlichen Neugier wurde auch der Filmemacher Lutz Pehnert befallen, als er ein Ehrenstipendium der Stiftung Mecklenburg-Vorpommern im Ahrenshooper Künstlerhaus „Lukas“ abwohnte. Zwei Orte weiter, in Dierhagen, verbringt Krenz seinen Lebensabend. Pehnert besuchte ihn, führte viele Gespräche mit ihm, die er aufzeichnete. So entstanden Protokolle, die zum Fundament eines Filmprojekts wurden, erzählt der Mitsechziger.
Über Jahre reiste er mit der Kamera Krenz zu Lesungen und Veranstaltungen nach, sprach mit Personen, die den Lebensweg des ehemaligen DDR-Politikers kreuzten. Keine politischen Weggefährten von einst, die man kennt und darum weiß, was sie sagen; weitgehend unbekannte und darum nicht vorurteilsbelastete Leute wie Solveig Leo, LPG-Vorsitzende in Banzkow, einst mit 24 Jahren die jüngste der DDR, oder Pfarrer Werner Krätschell aus Pankow, der Weihnachten 1989 Krenz aufsuchte, als keiner seiner Genossen nach ihm mehr schaute. Oder die Müllers, die beiden Nachbarn in Dierhagen, promovierte Mediziner aus Erfurt, die, wie sie vor der Kamera bekundeten, erst das zu schätzen wussten, nachdem sie es 1990 verloren hatten.
Pehnerts zweistündiger Film geht zwar über eine Person, aber es ist zugleich ein Film über das Land, in welchem Krenz den größten Teil seines Lebens zubrachte. Krenz ist Jahrgang 1937, geboren in Kolberg, aufgewachsen in Ribnitz, wohin er – aller Staats- und Parteifunktionen ledig – in den neunziger Jahren zurückkehrte, um seinen Lebensabend dort zu verbringen. Natürlich, die Kamera zeigt einen Friedhof im Abendlicht. Überhaupt die Bilder: Mitunter hart am Kitsch und Klischee, aber anrührend und der Erzählhaltung adäquat – menschlich anrührend, nicht hochgestochen, immer verständnisvoll, nachsichtig erklärend und durchaus kritisch. Selbstkritisch. Wir glaubten, sagt Krenz an einer Stelle, es ließe sich eine Gesellschaft nach dem Willen des Politbüros gestalten und dass der Blick von der Tribüne die Wirklichkeit zeige. „Wir, die da oben, haben in einer Scheinwelt gelebt, die wir uns selbst geschaffen haben.“
Das war nun wieder die politische Ebene, die Perspektive von Krenz. Seinen Text spricht eine Schauspielerin. O-Töne hört man nur in Gesprächen mit anderen. Und die sind auffallend ruhig, nicht so hysterisch-giftig wie in Hetztiraden in TV-Talkshows in den neunziger Jahren. Der Film zeigt Ausschnitte von Aufzeichnungen, die einem die Nackenhaare aufrichten. Der blanke Hass schießt aus Mündern und Augen, der Fernsehsessel, auf dem Krenz dennoch bemerkenswert ruhig sitzt, wird zum Marterpfahl. Aus gutem Grund besuchte er später nie wieder ein TV-Studio. Nicht aus Feigheit, Krenz ist erstaunlich hart im Nehmen, sondern wegen der Sinnlosigkeit solcher Auftritte. Irgendwann hatte er begriffen, dass es in solchen Runden nicht darum ging, dass er Argumente und Fakten als Zeitzeugen lieferte, sondern den uneinsichtigen Sündenbock gab. Er musste für alles herhalten, was man dieser DDR an Schlechtem nachrief. Krenz war die Inkarnation des untergegangenen Landes. Zugegeben: So sah (und sieht) er sich durchaus. Jedes schmähende, unwahre Wort über das Land trifft ihn noch immer persönlich. Krenz fühlt sich nach wie vor für alles verantwortlich, was in dieser DDR geschah.
Dieser Hass hat sich inzwischen in Unwissenheit verwandelt, oft gepaart mit einer vermeintlich moralischen Überheblichkeit. Die bricht nur noch gelegentlich und vorzugsweise bei Auftritten im Westen auf, wie im Film zu sehen ist: In Freiburg erkundigt sich ein grüner Junge, wie er das mit dem „Bürgerkrieg in Deutschland“ gemeint habe, damals, als es die DDR noch gab. Und Krenz hebt an, um ihm ruhig die Situation in der Berliner Friedrichstraße zu erklären, als sich amerikanische und sowjetische Panzer im Oktober 1961 gegenüberstanden. Der junge Mann verzieht grinsend sein Gesicht …
Warum lachen Sie, erkundigt sich Krenz. Er wisse schon, was jetzt käme, sagt der Bursche. Warum fragen Sie mich dann, wenn Sie schon alles wissen? Jaja, winkt der Naseweis ab, das war doch nur so eine Geste der Amerikaner.
Schnitt, Dokumentaraufnahmen von ‘61, die US-Panzer donnern auf die weiße Linie Höhe Zimmerstraße zu, einer schießt zwei, drei Meter darüber – und zieht dann doch zurück. Auf der anderen Seite recken sich ihnen die Panzerrohre der sowjetischen Tanks entgegen. Nach drei Tagen ziehen sie ab – wie der Fragesteller, der nicht an der Sicht von Krenz und der Erläuterungen von Zusammenhängen interessiert war, sondern wohl eher daran, dem vermeintlichen Betonkopf zu widersprechen, der doch noch immer nichts begriffen habe.
Dass dieser Krenz fast drei Jahrzehnte später für Gewaltlosigkeit gesorgt und damit real einen Bürgerkrieg verhinderte, ist unerheblich. Das Narrativ des Diktators in einem Unrechtsstaat, des verurteilten Totschlägers, ist gesetzt und in bestimmten Gegenden Gemeingut.
Dieser Film widerlegt dieses schräge, verlogene Bild. Mit klugen Montagen, mit bemerkenswerten Aussagen, mit erhellenden Episoden. Der Kirchenmann sagt: „Auch die Kommunisten waren daran interessiert, dass im Pfarrhaus Licht brennt.“ Und berichtet über vermeintliche Paradoxien. In Falkenthal (sic!), seiner ersten Pfarrstelle, sei abends der Parteisekretär der LPG zu ihm gekommen. Er solle morgen „auf einem Parteitag in Gransee“ reden und habe was aufgeschrieben. Der Herr Pastor solle mal draufschauen, ob das so gehe …
Die Wessis übersehen, was alles in der DDR möglich war, wie wir miteinander umgingen, sagt der bedächtige Krätschell und gebraucht Worte wie Menschlichkeit, Freiheit und Solidarität.
Solveig Leo sortiert Eier auf ein Band in Banzkow. Die LPG-Vorsitzende wurde nach der Auflösung der Genossenschaft Ortsbürgermeisterin und nach drei Legislaturen mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Neben ihr packt eine Frau die Eier in Stiegen, Simone war seinerzeit Gemeindevertreterin. Jetzt ist sie Leos Chefin. Seit fünfzehn Jahren, seit der ehemalige ABV, der dies bis dahin gemacht hat, in Rente ging. Neulich war sie in Waren an der Müritz zur Kur, plaudert Simone, während Eier unablässig durch ihre Hände gehen. Wen traf sie dort im Kurhotel? Egon Krenz, den sie nur aus der Zeitung und aus dem Fernsehen kannte. Sie habe ihn gleich angesprochen und gesagt, dass sie aus Banzkow käme, wo auch die Solveig Leo lebe, die, wie sie von ihr erfahren habe, mal bei ihm im Zentralrat der FDJ gesessen habe, als er dessen Chef war. „Hat er schön gekurt, der Egon“, sagt Simone, die sich Mitläuferin nennt, und der es damals gut ging und heute auch. Der Herr Krenz habe sich wirklich gefreut und ihr Grüße an Frau Leo aufgetragen. – Wir waren ein kleines Land mit selbstbewussten Bürgern. Da kannte jeder fast jeden. Und man ging menschlich und normal miteinander um. Angst vor „großen Tieren“ waren den meisten fremd.
Das alles zeigt Pehnert mit seinem Film ziemlich überzeugend. Er war kein Gespenst, sagt Krätschell über Krenz, er habe sich seine menschliche Seite bewahrt, die Politik habe ihn nicht verbogen. Ich bin Kommunist, sagt Krenz am Schluss. Das gab dem Film seinen ebenso schlichten wie provokanten Titel. Wer traut sich solches heutzutage noch zu erklären?
Lutz Pehnert beweist Mut, nicht nur Können als Filmemacher. Einen Verleiher hat er – nun braucht er nur noch Kinobetreiber, die den gleichen Mut aufbringen, um diesen einzigartigen Film zu zeigen. Welturaufführung war am 8. Mai beim Filmkunstfest MV in Schwerin, die Berliner Premiere findet am 10. Juni statt. Ein Besuch lohnt sich. Auch wegen der Bilder zwischen den Bildern. Die Ostdeutschen, die noch zwischen den Zeilen zu lesen gelernt haben, werden sie entdecken.
Lutz Pehnert (Buch und Regie): „Kommunist“, 123 Minuten, Koproduktion von Solo:Film mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg, gefördert mit Mitteln der Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern und des Deutschen Filmförderfonds. Premiere am 10. Juni im Berliner Kino „Babylon“, Kinostart am 11. Juni, im Verleih von Salzgeber.