Kleinschwabhausen ist ein schlichtes Dorf zwischen Jena und Weimar. Es zählt heute etwa 220 Einwohner, besitzt eine alte Kirche und gehört seit 2026 zu Großschwabhausen. Kleinschwabhausens Ersterwähnung geht auf die Zeit um 800 zurück. 1357 wurde das Dorf vom Propst zu Kapellendorf als Windischen Suabehusen bezeichnet. 1378 hieß es Wenigen Suabehusen und 1455 Clein Swobehussen.
Im Dreißigjährigen Krieg blieb das Dorf zwar von der Pest und anderen Seuchen verschont, aber im Frühjahr 1637 brannten Hatzfeldische Reiter 18 Wohnhäuser nieder und verwüsteten den Ort. Es spricht für den Überlebenswillen der Bewohner, dass in alten Kirchenbüchern für das Jahr 1650 mehrfach die Einsetzung (positivum) einer kleinen einmanualigen und transportablen Orgel in die Dorfkirche erwähnt wurde. Der Name des Orgelbauers ist unbekannt geblieben.
Bemerkenswert ist ein Eintrag in der Ortschronik aus dem Jahre 1714 – damals wirkte Johann Sebastian Bach in Weimar: „Anno 1714 gleich auf Weyhnachten wurde das Positiv vor 36 taler in die Kirche erhandelt, welches bei unserem Gottesdienst durch den Schuldiener ordentlich pflegt geschlagen zu werden, davor derselbe jährlich 2 ½ Schefel Gersten bekommt.“
Die Quelle erweck den Eindruck, dass die Gemeinde erst zu diesem Zeitpunkt das Orgelpositiv käuflich erworben hat und dass die Gemeinde sich auch um die notwendige Werterhaltung gekümmert hat. Nach 1714 sind mehrere Reparaturen und Stimmarbeiten dokumentiert, die von der mit Johann Sebastian Bach befreundeten Weimarer Hoforgelmacherfamilie Trebs ausgeführt worden sind. Heinrich Nicolaus Trebs hat eng mit Johann Sebastian Bach zusammengearbeitet und ist eine bedeutende Persönlichkeit des thüringischen Orgelbaus seiner Zeit gewesen.
Auch Johann Caspar Vogler, einer von Bachs besten Schülern und dessen späterer Nachfolger in Weimar, hat das Positiv in den Jahren 1738, 1740 und 1744 „visitiert“.
Der entscheidende Hinweis auf den Eigentümer der Orgel und eine der besonders konkreten Nachrichten aus ihrer Geschichte stammt erst aus dem Jahre 1816: „Den 5ten December 1816 wurde dieses Positiv von mir von der Gemeinde Klein-Schwabhausen vor 14 Thaler 17 Groschen mit dem Fuhrlohn gekauft und in die Zuchthaus-Kirche allhier gebracht, von dem Orgelbauer Herrn Görbing von Berka an der Ilm wieder repariert und in Stand gesetzt. Welches ich hiermit meinen Nachfolgern zur Nachricht fermerkt habe. Weimar, 13ten Dec. 1816 Johann August Stickel, Zuchthausinspecktor, gebürtig von Eisenach. Zu dieser Zeit befindlichen Sträflinge 83 an der Zahl, hat ein jeder zum geringsten 2 Groschen darzugeben.“
Der 1771 geborene Stickel stand dem Weimarer Zuchthaus von 1814 bis 1822 als Staatsbeamter vor. Er hat eine eigene handschriftliche, fragmentarische Lebensbeschreibung hinterlassen. Der vor wenigen Jahren verstorbene Eisenacher Historiker Arnd Kniese hat alle verfügbaren Dokumente aus dem Leben Stickels gesammelt und in einem selbstverlegten Buch veröffentlicht. Im vorliegenden Zusammenhang interessiert die Frage, welche Motive den Zuchthausdirektor veranlasst haben, das Orgelpositiv zu kaufen, zu pflegen und für die Strafgefangenen nutzbringend einzusetzen. Stickel selbst hat sich dazu nicht direkt geäußert.
Arnd Kniese stellte eine mögliche Motivationsvariante vor. Stickel hatte als Trompeter Kontakte zur Militärmusik. Wichtiger war seine Beziehung zu dem angeheirateten Neffen Georg Friedrich Hanitsch. Hanitsch,1790 in Großensee bei Eisenach geboren, wirkte nach Abschluss seines Theologiestudiums seit 1815 im thüringischen Eisenberg als Lehrer, Kantor und Komponist. Er gehörte am 12. Juni 1815 in Jena auf der „Grünen Tanne“ zu den Mitbegründern der studentischen Burschenschaft. Dort wurde erstmals deren „Bundesliedlied“ „Sind wir vereint zur guten Stunde“ gesungen. Der Text stammte von Ernst Moritz Arndt und Hanitsch hatte die Vertonung übernommen. Dieser Hinweis ist sinnvoll, weil die Gründung der Burschenschaft im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach erfolgte. Großherzog Carl August arbeitete mit seinen Ministern seit 1808 an einer Verfassung, die 1816 beschlossen wurde und für damalige Zeiten vorbildliche Bestimmungen zur Versammlungs- und Pressefreiheit enthielt, die dem humanistischen Geist des Weimarer „Musenhofs“ und der literarischen Klassik entsprachen. Außerdem nicht zu vergessen: Auch Johann Sebastian Bach musste 1717 seinen Wechsel von Weimar nach Köthen mit einem mehrwöchigen Gefängnisaufenthalt ertrotzen.
Stickel sorgte bis zu seiner Pensionierung 1834 für notwendige Instandsetzungen der Orgel. Auch danach wurden noch gelegentliche Reparaturen durchgeführt, obwohl die Orgel zunehmend weniger genutzt wurde.1873, als das Zuchthaus aufgelöst wurde, erwarb der Weimarer Lehrer Walter Schulz das Positiv, konnte aber wohl nicht mehr viel damit anfangen. Erst im Jahren 1939 nahm der bedeutende Weimarer Orgelbaumeister Gerhard Kirchner das Instrument in einem völlig verwahrlosten Zustand unter seine Obhut, mühte sich aber nicht um dessen Erhalt. Die Odyssee ging weiter! 1947 kaufte der aus Ostpreußen stammende Kirchenmusikdirektor Traugott Fedtke Kirchner das Positiv ab und ließ es in der Orgelbauanstalt Wilhelm Sauer in Frankfurt/O. wiederherstellen. Es war wie eine Wiedergeburt im neuen Klang. Fedtke führte das kleine Orgelpositiv zu seiner wahren künstlerischen Größe. Er war damals Direktor der Städtischen Musikschule in Berlin-Reinickendorf. 1946 hatte er das Dirigentenamt beim Collegium Musicum Berlin übernommen, mit dem er zahlreiche Konzertreisen unternahm und Rundfunkkonzerte gab. Er war auch Gastdirigent des Berliner Sinfonieorchesters und der Akademischen Konzertgesellschaft Jena.
Fedtke war ein anerkannter Spezialist für die Orgelmusik des 17. und 18. Jahrhunderts. Er nutzte das Kleinschwabhäuser Positiv fortan oft als Referenzinstrument für die Interpretation barocker Meister. In den 1960er und 70er Jahren leitete Fedtke Schallplatten-Einspielungen auf diesem Instrument. Diese Aufnahmen gelten heute als Dokumente der frühen historischen Aufführungspraxis, da sie den intimen, silbrigen Klang dieses spezifischen thüringischen Typs festhielten. Traugott Fedtke starb 1988.
Nach einem nochmaligen Besitzerwechsel in den 90er Jahren wurde das Positiv 2009 von dem ein Jahr zuvor gegründeten Auktionshaus „Chiemgau“ in Traunstein zur Versteigerung angeboten und vom Bachhaus Eisenach mit finanzieller Unterstützung durch weitere Sponsoren für etwa 24.000 Euro erworben. Damit endete die Odyssee des Positivs. Es begann die Arbeit des Bachhauses in Eisenach.
Zum 327. Bachgeburtstag zog das Haus am 21. März 2012 ein erstes Fazit: „Nicht nur die Geschichte des Instruments, auch die Restaurierung steckte voller Überraschungen: Die Eisenacher Kunstrestauratorin Denise Motschmann entdeckte unter dem grünen Anstrich des 20. Jahrhunderts die noch genau erkennbare barocke Farbfassung – eine grauschwarze Marmorierung. Plötzlich erschien eine originalgetreue Herstellung des Äußeren möglich, mit der das Bachhaus den Neudietendorfer Orgelmaler und -restaurator Albert Hornemann beauftragte. Dieser war eigentlich bereits im Ruhestand, doch die Wiederherstellung dieser Kostbarkeit ließ er sich nicht nehmen. Das Schleierbrett vor den Orgelpfeifen mitsamt seinen dicken Engeln entpuppte sich als schöne, aber leider unhistorische Erfindung des 20. Jahrhunderts. Nach einem Leipziger Vorbild wurde ein neues aus Lindenholz geschnitzt. In der Werkstatt von Orgelbaumeister Joachim Stade aus Waltershausen wurde unterdessen nicht nur ein neuer Tretbalg eingebaut, sondern auch die Schleifen und Ventile der Traktur abgedichtet und die Windzuführungen für die Pfeifen nach historischer Bauweise erneuert. Ankauf und Restaurierung der Orgel kosteten knapp 61.000 €.“
Seither steht das Orgelpositiv im Instrumentensaal des Bachhauses. Es erklingt für Besucher des Museums, während Instrumentenvorführungen und bei besonderen Konzerten.
Das Orgelpositiv ist eine kleine Schönheit und ein ganz besonderes Exemplar. Derartige Instrumente aus dem 17. Jahrhundert sind selten. Es kommt auch nicht oft vor, dass ihre Geschichte so gut dokumentiert ist und obendrein derart eigenwillige Wege gegangen ist.
Und Kleinschwabhausen? Seit dem Jahre 1844 besitzt das Dorf eine von dem Orgelbauer Christian Heinrich Körner aus Stadtroda fest eingebaute Orgel.