Was also ist Wahrheit?
Eine bewegliche Armee von Metaphern …
Friedrich Nietzsche
Sie begleiten mich mein ganzes Leben.
Seit Kindesbeinen habe ich immer mal wieder Albrecht Dürers Holzschnitt von den „Apokalyptischen Reitern“ vor Augen; mein früher unschuldiger Blick wurde unbewusst wohl von der flirrende Dynamik der Darstellung eingefangen. Ich wusste nicht, dass die Reiter für dem Mythos der biblischen Endzeit-Vorstellung stehen. Heute habe ich das Bild stets vor Augen, wenn ich immer häufiger mit ansehen muss, wie die Welt mehr und mehr aus den Fugen gerät; es ist die bebilderte Zusammenfassung der universellen Ängste: Gewalt, Kriege, politische Ränkespiele, Katastrophen, Sterblichkeit – und so auch heute noch so eindrücklich wie in seinem Entstehungsjahr 1498. Ich bin immer noch von der trotz Figurenfülle bestechenden visuellen Klarheit des Holzschnitts fasziniert.
Am unteren Bildrand links ist die „Hölle“ zu sehen, personifiziert als Ungeheuer mit aufgerissenem Rachen. Die Menschen, die vergeblich vor Tod und Hölle zu entfliehen versuchen, gehören allen sozialen Schichten an – ein Bischof wird gerade verschlungen, eine Bürgersfrau ist zu Boden gestürzt. Ergo: Niemand wird letztlich verschont; weltweit. Da helfen auch keine Bunker der Superreichen mit Schwimmbädern, Sauerstoffkammern und unterirdische Gärten für 300 Millionen Dollar. Diese Bauten befeuern nur eine diskrete Industrie der Angst.
Als mein politisches Bewusstsein schon rege war und ich in einer „sozialistischen Demokratie“ lebte, wurde mir Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“, verkündet in seiner Regierungserklärung 1969, zu einer verheißungsvollen Metapher; der Kontrast zu den Parolen des DDR-Regimes war immens. Brandts Formel war programmatisch offen: „Wagen“ impliziert Handlung, Unsicherheit, Risiko und Möglichkeit, benennt keine konkrete Maßnahme, sondern eine Richtung – alles klassische Merkmale tragfähiger politischer Metaphern. Es setzte eine politische Bewegung ein, die laut dem Historiker Bernd Faulenbach in ein „sozialdemokratisches Jahrzehnt“ mündete – geprägt von inneren Reformen und Liberalisierung, Neuer Ostpolitik, Ausbau des Sozialstaats und gesellschaftlichem und kulturellem Wandel.
SED/DDR-Parolen wie „Der Sozialismus siegt“ oder „Arbeite mit, plane mit, regiere mit!“ waren entweder teleologisch – der Sozialismus wurde zum naturgegebenen Ziel oder aber gingen krass an der Realität vorbei. Sie vermochten so kaum Bildhaftes, Metaphorisches vom Bildspender auf Bildempfänger zu übertragen. Sie wurden beständig wiederholt, nicht diskutiert. Die wirkliche „Begeisterung des Anfangs“ für den sozialistischen Aufbau verflachte zunehmend und machte einem offensichtlicheren Widerspruch zur Alltagserfahrung Platz.
Brandts Satz wurde kritisiert, umgedeutet, musste überzeugen, genau dieser Streit macht ihn zur Metapher, hielt ihn lebendig bis heute.
Der Journalist und Historiker Sebastian Haffner war der Meinung, Geschichte sei „ein Urwald, und keine Schneise, die man hineinschlägt, erschließt den ganzen Wald“. Ich meine für mich wenigstens einen Pfad gefunden zu haben mit der Metapher, Geschichte sei die „Sinngebung des Sinnlosen“. Dieses Wortspiel prägte Theodor Lessing, indem er sein 1919 erschienenes Hauptwerk „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ nannte. Lessing leugnet jede historische Gesetzmäßigkeit: „Die wohlbekannte Unvermeidbarkeit der historischen Facta ist nichts anderes als Forderung der Vernunft. Nachdem das Unerwartete, Widersinnige, Absurde, Abrupte, plötzlich eingebrochen und Ereignis geworden ist, wird der Mensch immer Gründe suchen und immer Gründe finden, daß alles habe kommen müssen, wie es eben kam. […] So liegt aller Geschichte eine logification post festum zugrunde, was auch immer auf Erden geschehen mag“.
Die Quintessenz: Man gibt historischen, „sinnlosen“ Tatsachen im Nachhinein einen „Sinn“ – interpretiert sie also; und die Deutungen werden je nach weltanschaulicher, politischer, moralischer Sichtweise mehr oder wenig, zum Teil erheblich differieren: Fiel mit der Berliner Mauer 1989 der „antifaschistische Schutzwall“ oder ein „Unterdrückungsinstrument der SED-Diktatur“? Erst dieses oder jenes Urteil über den Fakt ist Geschichte! Daher auch immer wieder unendliche „Historikerstreite“, die aber so verständlich werden; es kann – folge ich Lessing – gar nicht anders sein.
Machte Lessings Geschichtsverständnis ihn politisch weitsichtig? Man darf es vermuten; 1925 schrieb er: „Nach Platon sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg (Paul von H., damals Kandidat für das Reichspräsidentenamt und späterer Wahlgewinner – St. W.) nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht“. Im August 1933 im Exil ermordet, gehört Lessing zu den ersten bekannten Opfern der Nazibarbarei.
Als ich gerade Bürger der Bundesrepublik geworden war, fuhr ich weit im Westen durch wogende Sonnenblumenfelder und dachte bei mir, das ist jetzt auch dein Land, dein Staat. Der Gedanke war früher nie gekommen – mutierte ich zum Nationalisten? Verkörperte gar die Angst des Auslands vor der Wiedervereinigung?
Aus dem Dilemma heraus half mir die Metapher des Verfassungspatriotismus; 1970 vom Adolf Starnberger eingeführt und später von Jürgen Habermas bekannt gemacht. Ich verstand: Politische Loyalität stützt sich nicht auf Nation, Ethnie, gemeinsame Herkunft oder Parteigängertum, sondern auf gemeinsame demokratische Prinzipien einer Verfassung. Auch sah ich darin einen anderen Umgang mit den Gräueltaten der Nazis, mit der Shoah; einen anderen, als ihn die DDR mit dem – richtigen – Konzept des antifaschistischen Staates gepflegt hatte: Um die Zerstörung der kulturellen und ethischen Substanz des deutschen Volk zu heilen, hatte man sich dazu verstanden, als Prämisse der neuen Verfassung jeden Menschen mit einer unveräußerlichen Würde auszustatten.
Rüdiger Safranski machte später darauf aufmerksam, es sei eine „menschenfreundliche Fiktion“, „daß jeder Mensch eine Würde besitzt“. Und dass es „darüber hinaus […] noch eine Würde (gibt), die einem nicht zugesprochen wird, sondern die man sich erwirbt“. Ich denke: Wir brauchen die „menschenfreundliche Fiktion“; aber es bedarf ebenso notwendig der Teilhabe als Zugang zu der zu erwerbenden Würde. Da liegt noch Einiges sehr im Argen.
Wieder hätte es ein sozialdemokratisches Jahrzehnt der Reformen geben können. Olaf Scholz hatte es 2022 mit der Zeitenwende in der Hand! Und er verspielte die Chance nicht nur; er sah sie offenbar gar nicht. Zwar war die Zeitenwende eine unmittelbare Reaktion auf die russische Aggression gegen die Ukraine und wurde so schnell nur aufs Militärische verengt; die 100 Milliarden Bundeswehr-Sondervermögen verfestigten diesen Eindruck. Aber es wäre sehr viel mehr daraus zu machen gewesen …
Der russische Angriff zertrümmerte die europäische Friedensordnung buchstäblich; auch das sagte Scholz. Und nicht nur das, zugleich geriet mit dem Ausbleiben der billigen Öl- und Gaslieferungen aus Russland das deutsche „Erfolgsmodell“ – billige Energie, riesige Absatzmärkte in China und Schutz durch die NATO – endgültig ins Wanken.
Hätte Scholz nicht jetzt das Momentum der Erschütterung nutzen müssen, um mit emotionalen Bildern aus der Zeitenwende mehr zu machen – nämlich die Metapher für den „Ausbruch aus dem stahlharten Gehäuse“ (etwas Adorno) der unter Merkel verschleppten Reformen zur Rente, Gesundheit, Pflege, Steuern? Hätte er seinen Worten „Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor“ nicht Taten folgen lassen müssen? Den Menschen angesichts dessen nicht eröffnen müssen, dass wir als Land ein anderes werden müssen? Er sah es anders, widersprach sich: „Das wäre sogar falsch, wenn man die längere Perspektive in den Blick nimmt“.
Scholz’ oft kurze Antworten überdeckten, dass er wenig zu sagen hatte. Auf dem G7-Gipfel auf Schloss Elmau begnügte er sich auf die Frage, ob er die Sicherheitsgarantien der G7 für die Ukraine konkretisieren könnte, mit: „Ja, könnte ich“. Scholz hat nie begriffen – das ist der entscheidende Vorwurf, der ihm zu machen ist –, dass neben dem Bild das Wort das zentrale Werkzeug der Politik ist!
Die „Zeitenwende“ trat rhetorisch maximal an und versandete ziemlich sang- und klanglos; heute wird der Begriff noch manchmal beiläufig erwähnt.