„Wer den Frieden will, der bereite den Frieden vor“
steht konzeptionell gegen
„Wer den Frieden will, der rüste für den Krieg.“
Eine massive Verschuldung für unangemessene Aufrüstung
löst die realen Sicherheitsprobleme Deutschlands nicht.
Johannes Varwick
In seiner Ausgabe 12/2026 befasste sich Der Spiegel in einem mehrseitigen Beitrag – und keineswegs zum ersten Mal – mit einem „Worst Case, der in den vergangenen Jahren mehr und mehr wahrscheinlich geworden ist: […] Angriff auf die NATO-Ostflanke, […] Bündnisfall, […] Krieg.“ Die Frage, durch welche Entwicklungen solch ein Angriff durch Moskau „mehr und mehr wahrscheinlich geworden“ sei, war für das Magazin augenscheinlich nicht von Interesse. Und warum auch? Schließlich: „Warnungen gibt es genug: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagt immer wieder, dass die Uhr tickt, bis 2029, dann könnte Russland in ein NATO-Land einmarschieren.“ Für die besonders Begriffsstutzigen legte Der Spiegel gleich noch eine Kohle drauf: „Vielleicht ticken Russen aber […] anders und ihre Uhren schneller.“ Zwangsläufiges Fazit: Alle „sollen sich […] wappnen: Länder und Gemeinden, Konzerne, Rettungsdienste. Das ist gemeint, wenn Politiker und Militärs von Gesamtverteidigung sprechen.“ Eine „Nation [soll] kriegstüchtig gemacht werden“.
In der gleichen Ausgabe informierte Der Spiegel darüber, dass Ex-BND-Vizepräsident von Loringhofen zu den Opfern eines Cyberangriffs zähle. Dieser Fall zeige, so der pensionierte Schlapphut, dass „russische [Hervorhebung – W.S.] Staatsakteure ihre offensiven hybriden Kampagnen unvermindert fortsetzen“. Nach einem Beweis für diese eindeutige Identifizierung der Täter fragte das Magazin nicht.
Wer nach vergleichbarer Berichterstattung in anderen einheimischen Leitmedien sucht, die sich selbst gern Qualitätsjournalismus bescheinigen, wird ohne Mühen fündig. Der Politologe Johannes Varwick bescheinigte der FAZ gar, „inzwischen fast durchgängig publizistische Werbetrommel für Kriegstüchtigkeit geworden“ zu sein.
Das Diktum findet sich in Varwicks neuester Schrift „Stark für den Frieden“, in der er ausführlich erläutert, warum er Kriegstüchtigkeit für ein „fehlgeleitete[s] Konzept“ hält. Seine Kerngedanken: „Kriegstüchtigkeit ist eben nicht das Gleiche wie Verteidigungsfähigkeit, auch wenn uns das die Erfinder dieses Begriffes permanent weismachen wollen. Während Verteidigungsfähigkeit die Fähigkeit eines Staates meint, seine territoriale Integrität und politische Souveränität im Falle eines Angriffs wirksam zu schützen, geht Kriegstüchtigkeit über dieses Konzept – gewollt oder ungewollt – hinaus. Kriegstüchtigkeit umfasst neben der reinen Abwehrfähigkeit auch die Vorbereitung auf aktive, offensive Kriegsführung. Dazu gehören nicht nur militärische Ressourcen und strategische Planung, sondern auch die gesamtgesellschaftliche Resilienz und Mobilisierungsfähigkeit – etwa in Wirtschaft, Bildung, Infrastruktur und öffentlichem Bewusstsein. Ein kriegstüchtiger Staat ist […] in der Lage, sich nicht nur zu verteidigen, sondern auch Kriege zu führen, militärische Dominanz auszuüben und bei Bedarf präventiv in Konflikte einzugreifen.“
Begründet wird die Forderung nach Kriegstüchtigkeit von ihren politischen, militärischen, medialen und geheimdienstlichen Verfechtern vor allem mit einer gewachsenen und weiter zunehmenden Bedrohung seitens Russlands. Dagegen macht Varwick geltend: „Einem Russland, das bereits in der Ukraine große Schwierigkeiten hat, seine militärischen Ziele zu erreichen, und von dem zugleich viele, die eine Zeitenwende fordern, behaupten, es könne gegen die Ukraine verlieren, zugleich eine konkrete Bedrohung für Staaten der NATO zu unterstellen, passt nicht recht zusammen.“ Die Fakten, so Varwick, „sehen anders aus“, wie er anhand zahlreicher Beispiele belegt, bevor er den „nachvollziehbaren Schluss“ einer umfassenden Studie zitiert: „Die Analyse der militärischen Kapazitäten der NATO und Russlands lässt keinen Zweifel an der allgemeinen militärischen Überlegenheit der NATO.“
Nicht zuletzt würden Bedrohungsapostel wie Sönke Neitzel und Carlo Masala implizit selbst zugeben, „auf welch dünner Grundlage ihre Argumentation fußt“. Des Letztgenannten Szenario – Moskau erobert durch überraschenden Überfall eine baltische Grenzstadt (allerdings offenbar ohne die von anderen Auguren menetekelte Absicht eines Durchmarsches bis zum Atlantik) – war im Blättchen bereits Gegenstand einer Betrachtung (siehe Ausgabe 7/2025 [1]). Befragt, worauf das Szenario beruhe, räumte Masala ein: „Das steht nirgendwo geschrieben, aber es erscheint mir wahrscheinlich, weil Putin gerne provoziert.“
Auch was Johannes Varwick zu aktuellen inhaltlichen Anforderungen an den Begriff Sicherheit zu sagen hat, wie er Sicherheitspolitik definiert und insbesondere sein 10 knappe Punkte umfassender Elevator-Pitch* für einen Weg zu einer friedlichen europäischen Sicherheitsordnung unter Einschluss Russlands am Ende des Buches machen dieses höchst lesenswert.
PS: Und natürlich erläutert Varwick, warum (Eingangszitat) unangemessene Aufrüstung Deutschlands reale Sicherheitsprobleme nicht löst: „Jede aus der jeweils eigenen Sicht noch so berechtigte militärische Anstrengung zur Erhöhung der eigenen Sicherheit oder zur Abwehr konkreter Bedrohungen birgt zugleich die Gefahr, dass Dritte sie als bedrohlich wahrnehmen und sich zu eigener Aufrüstung veranlasst sehen. Dadurch – und darin besteht das Dilemma – kann letztlich die Unsicherheit für alle verstärkt werden.“ In diesem Sinne ist zu befürchten, dass der aktuelle Aufrüstungshype der NATO-Staaten bei konventionellen Streitkräften, dem das in diesem Bereich eh schon unterlegene Russland Paroli zu bieten nicht in der Lage ist, sicherheitspolitisch nur nach hinten losgehen kann: Im Falle eines Krieges mit dem Westen bliebe Moskau nämlich jederzeit die Wahl, nuklear zu kompensieren (siehe Blättchen 25/2024 [2]) – und zwar in einem ausgebrochenen Konflikt gegebenenfalls frühzeitig oder vor einem solchen sogar präventiv. Dann dürften auch Ziele in Deutschland (Ramstein, Büchel und andere) von russischen Atomwaffenträgersystemen angeflogen werden …
* – Der Begriff bezeichnet laut Varwick die „prägnante Präsentation einer Idee, die innerhalb der Dauer einer Aufzugsfahrt vermittelt werden kann“.
Johannes Varwick: Stark für den Frieden. Was jetzt für eine rationale Sicherheitspolitik zu tun ist, Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026, 174 Seiten, 18,00 Euro.