Ich habe mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron
erste Gespräche über europäische nukleare Abschreckung aufgenommen.
Friedrich Merz, Bundeskanzler,
auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026
Eine Atombombe für Deutschland?
„Technisch ist das relativ banal“.
stern, 22.01.2026
Zweifel am sicherheitspolitischen Nennwert der sogenannten erweiterten Abschreckung, also am Versprechen Washingtons, im Kriegsfalle zur Verteidigung NATO-Europas Kernwaffen (früher gegen den Warschauer Pakt, heute gegen Russland) einzusetzen und damit Gegenschläge gegen US-Territorium zu riskieren, äußern – mindestens hinter vorgehaltener Hand – westeuropäische und amerikanische Experten bereits seit Jahrzehnten: Das Weiße Haus würde weder Boston für (im ersten Kalten Krieg) Bonn oder (aktuell) Berlin, noch Washington für Warschau opfern.
Diese Zweifel gingen Ende der 1970er Jahre soweit, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt im westlichen Bündnis eine Debatte anstieß, die 1979 erst zum NATO-Doppelbeschluss und ab 1983 zur Stationierung von US-Kernwaffenträgern vom Typ Pershing II in der BRD und Cruise Missile in Belgien, der BRD, Großbritannien, Italien und den Niederlanden führte. Beide Systeme galten von ihrer Reichweite (deutlich unter 5000 Kilometer) her zwar als sogenannte taktische Waffen, konnten jedoch – insbesondere von ihren westdeutschen Stationierungsorten aus – strategische Ziele im europäischen Teil der Sowjetunion erreichen. Wegen ihrer extrem kurzen Vorwarnzeit von unter zehn Minuten betrachtete Moskau die Pershing II gar als Enthauptungswaffe im Hinblick auf politische und militärische Führungszentren der UdSSR. Bundeskanzler Schmidt wiederum sah genau darin eine Gewähr für die erweiterte Abschreckung: Sollten im Kriegsfalle Kernwaffen zum Einsatz kommen, könnten die USA nicht mehr davon ausgehen, diesen Einsatz auf Europa zu begrenzen …
US-Präsident Donald Trump hatte bereits in seiner ersten Amtszeit – ob mit Vorsatz oder lediglich kollateral, ist letztlich unerheblich – kräftig Sauerstoff in die schwelende Glut der Zweifel an der erweiterten Abschreckung geblasen. Einerseits durch seine wiederholt offenbarte Bereitschaft, die USA unter Umständen gänzlich aus der NATO herauszuführen, und andererseits durch eine Reihe ganz gezielter Sottisen. Unvergessen bleibt seine unverhohlene Drohung während des Wahlkampfes um seinen zweiten Einzug ins Weiße Haus, zahlungssäumige NATO-Mitglieder Russland quasi zum Fraß vorzuwerfen. Die taz berichtete seinerzeit: „Bei einem Treffen, erzählte Trump, sei er einst vom Präsidenten eines NATO-Staats, der nicht genug Geld für die Verteidigung ausgebe, gefragt worden, ob die USA ihn im Falle eines russischen Angriffs schützen würden. ‚Nein, ich würde euch nicht beschützen‘, habe Trump geantwortet, er würde Russland vielmehr ‚sogar dazu ermutigen, zu tun, was auch immer zur Hölle sie wollen‘.“
Wie aber soll sich NATO- und EU-Europa künftig Russland vom Halse halten, wenn der atomare Schutzschirm Washingtons nicht länger aufgespannt ist? (Obwohl er von manchen Politikern immer noch mantraartig beschworen wird – Außenminister Johann Wadephul (CDU) im ARD-Magazin „Bericht aus Berlin“: „Es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass die Vereinigten Staaten von Amerika [1] voll und ganz zum Bündnis, zur NATO stehen und auch zur Verteidigung Europas.“)
Die Debatte darüber hat in den letzten Monaten spürbar an Fahrt aufgenommen. Im Mittelpunkt stehen dabei erkennbar und ausschließlich zwei Fragen: a) wie könnten die USA möglichst doch bei der Stange gehalten werden und b) durch welche, respektive wessen Atomwaffen könnte der atomare US-Schirm gegebenenfalls ersetzt werden? Nachfolgend einige Debatten-Highlights nur aus den letzten Tagen (Januar/Februar 2026):
- Auf der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) hat eine von dieser ins Leben gerufene European Nuclear Study Group einen Report unterbreitet: „Mind the Deterrence Gap – Assessing Europe’s Nuclear Options“ („Achtung, Abschreckungslücke: Bewertung der nuklearen Optionen Europas“) – und darin fünf Möglichkeiten identifiziert: „Weiteres Vertrauen in die erweiterte nukleare Abschreckung der USA (Option A), Stärkung der Rolle der britischen und französischen Nuklearstreitkräfte in der europäischen Abschreckung (Option B), Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Abschreckung (Option C), Verfolgung neuer, unabhängiger nationaler nuklearer Abschreckungsmittel (Option D) und Investitionen in konventionelle Abschreckungsmittel ohne nukleare Komponente (Option E).“ Mit eindeutigem Fazit: „Keine dieser Optionen ist gut […].“ Und mit ebenso eindeutiger Präferenz: „Langfristig bleibt das Vertrauen in die erweiterte nukleare Abschreckung der USA die glaubwürdigste und praktikabelste Option.“
- MSC-Chef Wolfgang Ischinger ist offenbar auf Option B fokussiert. Der stern berichtete: „Frankreich und Großbritannien könnten mit ihren Atomwaffen deutlich stärker als bisher“ zum „nuklearen Schutzschirm des transatlantischen Bündnisses beitragen, sagte Ischinger […]. Deutschland könne dabei die Rolle eines ‚Brückenbauers‘ […] einnehmen, der sicherstelle, dass solche Überlegungen ‚in Washington nicht in den falschen Hals geraten‘. Denn es könnte ja sein, dass die Amerikaner sagen: Ach, die verbünden sich jetzt mit den Franzosen, dann sind unsere Atomwaffen als Abschreckung nicht mehr nötig. Das muss man verhindern.‘“ (Vielleicht sollte Ischinger zwischenzeitlich schon einmal darüber nachdenken, was in punkto Bündniszuverlässigkeit Frankreichs unter einem demnächst womöglich vom Rassemblement National Marine Le Pens gestellten Präsidenten zu erwarten wäre. Die Süddeutsche Zeitung warnte gerade: „Auf die USA unter Donald Trump ist kein Verlass mehr. Für ein Frankreich unter Marine Le Pen würde leider dasselbe gelten.“)
- Im Nachbarland Polen geht der amtierende rechtskonservative Präsident Karol Nawrocki inzwischen über die Einlassungen seines Amtsvorgängers hinaus. Der hatte die USA „lediglich“ eingeladen, US-Atomwaffen in Polen zu stationieren. Nawrocki hingegen spricht sich für ein eigenes polnisches Atomwaffenprogramm aus: „Der Weg zu einem polnischen Atompotenzial – bei allem Respekt für internationale Regelungen – ist der Weg, den wir gehen sollten“, sagte er dem Fernsehsender Polsatnews.
- Medien haben berichtet, dass Schweden offen für die Beteiligung an einem europäischen Atomwaffenprogramm sei, und zitierten Premierminister Ulf Kristersson: „Da gefährliche Nationen über Atomwaffen verfügen, müssen auch gesunde Demokratien Zugang zu solchen Waffen haben.“
- Und immer wieder bringen Debattierer eine deutsche Atombombe aufs Tapet. Berthold Kohler, Mit-Herausgeber der FAZ, hat Friedrich Merz unter der Überschrift „Die Furcht des Kanzlers vor der Bombe“ gerade ins Stammbuch geschrieben: „Angesichts der Unsicherheit, wie verlässlich der amerikanische Atomschirm noch ist und wie abschreckend die französischen und britischen Schirmchen auf Putin wirken, ist nicht das Nachdenken über eine deutsche Atombewaffnung (wie schon unter Adenauer) fahrlässig, sondern das Nichtnachdenken.“ (Dass, wenn das Nachdenken in offenes Bestreben umschlüge, nicht nur Russland, sondern auch die USA „viel Energie aufwenden [würden], um ein nukleares Deutschland zu verhindern“, worauf Christian Mölling – Direktor des Thinktanks European Defence in a New Age – im Spiegel aufmerksam gemacht hat, ist für Strategen vom Schlage Kohlers sicher nicht mehr als eine Quantité négligeable. Dito die Frage, was mit einer deutschen Atombombe würde, käme die AfD an die Macht. Mindestens Polen und Frankreich dürfte dies allerdings schon interessieren.)
Die ganze Debatte ist im Übrigen nicht frei von bizarren Zügen. So fordert Brigadegeneral Frank Pieper, Direktor Strategie & Fakultäten an der Führungsakademie der Bundeswehr: „Deutschland braucht eigene Atomwaffen. Und zwar in erster Linie (mobile) TAKTISCHE ATOMWAFFEN!! Waffen, die sich der finalen Bedrohung durch Russland entgegenstellen (können).“ Und schob aufmunternd nach: „Also raus aus den Federn und ran ans Arbeiten. Am Ende gilt, was immer galt: Wenn es ernst wird, dann steht man alleine da.“
Deutschland soll folglich im Falle des Falles die russischen Streitkräfte, die in der Ukraine seit Ende 2022 nur noch im Schneckentempo vorwärtskommen, gegebenenfalls durch Einsatz taktischer Atomwaffen auf dem Gefechtsfeld stoppen? Und sich damit dem Risiko aussetzen, als lebensfähige Gesellschaft eliminiert zu werden? Was durch einige wenige nukleare Vergeltungsschläge Russlands – etwa gegen die sechs größten deutschen Städte (Berlin, München, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart) – und durch die auch konventionell zu bewerkstelligende Zerstörung der lediglich vier Netzwarten im Fernübertragungssystem der deutschen Stromversorgung möglich wäre. Angesichts derartiger möglicher Konsequenzen muss die Frage gestattet sein: Was raucht der Brigadegeneral eigentlich? Und womöglich auch noch im Dienst!
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Wenn in dem erwähnten Report „Mind the Deterrence Gap …“ apodiktisch verkündet wird: „Es gibt […] keinen kostengünstigen oder risikofreien Ausweg aus der nuklearen Zwickmühle Europas.“, so ist damit zugleich die strukturelle Begrenztheit des traditionellen westlichen Sicherheitsdenkens umrissen: Russland bleibt der Feind, der entweder abgeschreckt wird oder im Kriege besiegt werden muss. Da letzteres aber angesichts der russischen Atomwaffen ausgeschlossen ist, ist Zwickmühle für das daraus resultierende nukleare Vernichtungsrisiko doch ein arg untertreibender Euphemismus.
Zugleich ist diese ganze Debatte um eine europäische nukleare Abschreckung und über deutsche Kernwaffen ein strategischer Offenbarungseid sondergleichen: Die sicherheitspolitische Community NATO-Europas ist intellektuell augenscheinlich zu nicht mehr in der Lage, als in diversen Varianten ein und dasselbe zu ventilieren – nämlich die Aussicht auf weitere Jahrzehnte Ost-West-Konfrontation unter dem Damoklesschwert einer jederzeit möglichen atomaren Apokalypse.
Lehren aus der eigenen Geschichte sind offenbar nicht mehr präsent oder werden ignoriert – etwa die Schritt für Schritt in Angriff genommene und erfolgreich vorangetriebene Überwindung der mit etlichen verheerenden Kriegen verbundenen Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg.
Man mag es drehen und wenden, wie man will: Ohne perspektivische grundlegende Entfeindung des Verhältnisses zu Russland wird es auf Dauer mehr als einen fragilen Nichtkrieg für Europa nicht geben. (Ob nun mit Bundeswehr als stärkster konventioneller Streitmacht Europas – Zielverkündung von Friedrich Merz; zu den Schwierigkeiten siehe Blättchen 3/2026 [2] – oder ohne.) Politische Eliten, die sich der Erkenntnis dieses fundamentalen Sachverhaltes verweigern, gehören berentet oder abgewählt.