In Fortsetzung der Nekrologe (Blättchen 1/2026 [1]) soll chronologisch an weitere im vergangenen Jahr Verstorbene erinnert werden, beginnend im Januar mit der Schauspielerin Thea Elster (94), die 1956 ans Dresdner Staatsschauspiel kam und der Stadt auch als Dozentin und Sprecherin in Trickfilmen treu blieb. Seit 1959 häufig im DFF zu Gast, ist sie als Partnerin von Günter Naumann in der Serie „Zur See“ (1976/77) besonders in Erinnerung. – Mit der Titelrolle in nur einem Film („Die Millionen der Yvette“) neben Wolf Kaiser und Anne Dessau ging Josephine Back 1956 in die DEFA-Geschichte ein. Sie hieß eigentlich Scholz und starb in München mit 103 Jahren. – Ein Vierteljahr vor seinem 100. Geburtstag starb Hans Reichelt, der seit 1950 als DBD-Politiker der Volkskammer angehörte, Minister für Land- und Forstwirtschaft war und ab 1972 als Minister für Umweltschutz und Wasserwirtschaft einsehen musste, dass seinem Ministerium von der SED nur eine Feigenblattfunktion eingeräumt wurde. – Das Filmblut wurde Helmut Nitzschke (89) von seinem Vater, der bei der Ufa Filmarchitekt war und später bei der DEFA arbeitete, in die Wiege gelegt. Doch Helmut wurde es schwer gemacht. Seinen Diplomfilm durfte der Student 1962 nicht fertigstellen, arbeitete als Regieassistent bei Gerhard Klein, der sein Mentor wurde und von dem er den Nachkriegsstoff „Leichensache Zernick“ (1972, mit Alexander Lang und Gert Gütschow) übernahm. Nach einer Erzählung von Anna Seghers drehte er in Bulgarien und auf Kuba „Das Licht auf dem Galgen“, ein Film, der der Autorin besser gefiel als einigen Funktionären. Nitzschke durfte keinen Kinofilm mehr drehen, er ging 1986 enttäuscht in den Westen, wo er auch nicht Fuß fassen konnte. Im Januar starb der Mann der Schauspielerin Heidemarie Wenzel in Berlin.
Den Schweriner Friedrich-Wilhelm Junge (86) zog es immer in den Süden: Leipzig (zum Studium) Rudolstadt, Plauen, auch mal München. Berlin (Volksbühne) war das Allernördlichste! Sein wirkliches künstlerisches Zuhause war Dresden, wo er am Staatsschauspiel manche Uraufführung (Hacks´ „Adam und Eva“) spielte und das Dresdner Brettl gründete. Auch im Film war er gelegentlich zu sehen, in Nitzschkes Krimi „Nebelnacht“ (1969) etwa oder als Wieland in Egon Günthers Goethe-Film „Die Braut“ (1999). Er verließ uns im Februar. – Ein Leipziger in Berlin war seit seinem Studium in Weißensee der Maler und Grafiker Konrad Knebel, der im Februar am Tag nach seinem 93. Geburtstag starb. Er malte in Öl und Tempera, war auf allen großen Dresdner Kunstausstellungen vertreten und malte auch für den öffentlichen Raum. Karlheinz Mund drehte 1982 zusammen mit Wolfgang Thierse einen Film über ihn, und bei Knut Elstermann stand Knebel 2020 im Mittelpunkt eines Buches.
Von der Pike auf hatte sich der Schweriner Wolfgang Engel (81) hochgearbeitet, was ihn für Großes befähigte. Er war Bühnenarbeiter, Schauspieler, Regieassistent, Regisseur, Dozent und mit Inszenierungen am Staatsschauspiel Dresden entwickelte er sich zu einem in Ost und West gefeierten Regisseur. In Leipzig war er dreizehn Jahre lang Schauspielintendant. Dort starb er im März. – Ein anderer ehemaliger Bühnenarbeiter, der auch 81 wurde, ging einen anderen Weg. Er erlebte, dass das Theater, bei dem er hinter den Kulissen begann, Jahre nach seinem Philosophiestudium eines seiner Stücke uraufführte. Am Deutschen Theater Berlin inszenierte Frank Castorf 1992 die „Großstadtsinfonie“ von Lothar Trolle „Hermes in der Stadt“, ein Stück, das viele weitere Inszenierungen erlebte. In der DDR hatte Trolle Hörspiele geschrieben, erste Stücke herausgebracht und eine literarische Untergrundzeitschrift gegründet. Er starb am letzten Märztag in Berlin.
Ende April starb in Berlin der Komponist Christfried Schmidt (93). Der Oberlausitzer hatte in Görlitz Kirchenmusik studiert und das Studium in Leipzig fortgesetzt. So komponierte er 1975 eine hochexpressive Markuspassion, die erst 2019 in Berlin zur Uraufführung kam. Andere seiner Werke wurden seit Beginn der 70er Jahre in Tokio, Nürnberg, Triest und in der Schweiz aufgeführt.
„Es gibt so viele Situationen, wo ein Liebhaber weit unter seiner Höchstform bleiben würde, eilte ihm nicht die kulinarische Kunst zu Hilfe“, ist ein Satz, wie ihn nur Ursula Winnington (96) gesagt haben kann. Sie hat in den Zeitschriften Guter Rat und Sybille, vor allem aber im Magazin Kochrezepte so witzig angerichtet, dass es auch las, wer gar nicht kochen wollte. Die studierte Agrarwissenschaftlerin aus Pommern hat unter ihrem ersten Ehenamen Wittbrodt auch mal Quizsendungen im DFF moderiert. Ihre Kochbücher wurden bis ins neue Jahrtausend hinein immer wieder aufgelegt. – Der ebenfalls im Mai verstorbene Berliner Dramaturg Hans Bräunlich (85) war Hörspielautor und -bearbeiter. Ihm sind nicht nur Kriminalhörspiele zu verdanken, sondern auch die Umsetzungen literarischer Stoffe von Louis Fürnberg, Erich Kästner und Brigitte Reimann.
Eine ähnliche Arbeitsweise hatte der im Juni von uns gegangene Autor Wolfgang Trampe (86), der beispielsweise über Johannes Bobrowski und Günter Eich veröffentlichte. Sein bekanntester Film war die von Ulrich Weiß inszenierte Willi-Bredel-Adaption „Dein unbekannter Bruder“ mit Uwe Kockisch und Martin Seifert in den Hauptrollen. – Ebenfalls im Juni starb der Leipziger Autor Gunter Preuß (84), der vor allem mit Kinderbüchern, später auch mit Aphorismenbänden Erfolg hatte. Drei seiner Stoffe wurden im DFF verfilmt.
Der gerade erwähnte Martin Seifert (74) stammte aus Jena. Dort leitete sein Bruder ein Kino und bekam Martin eher auf der Leinwand als im Leben zu sehen. Seine erste Hauptrolle spielte der an der Seite von Katrin Saß in Heiner Carows „Bis dass der Tod euch scheidet“ als gewalttätiger Ehemann. Im Fernsehen glänzte er in Literaturadaptionen von Theodor Storm („Am grauen Strand, am grauen Meer“, 1980) oder Theodor Fontane („Mathilde Möhring“, 1983) und – obwohl jahrelang Mitglied des Berliner Ensembles – selten in Brecht-Stoffen („Die Bestie“, 1988). Mit den Jahren entwickelte er eine Tendenz zum Komiker, die in der Jugendfilmreihe „Bibi & Tina“ (2014-17) zum Tragen kam. Er starb im Juli.
Zehn Jahre jünger als Seifert war Torsten Michaelis, der im August plötzlich den Herztod starb. Seine erste Hauptrolle war der große Bruder des Titelhelden im DFF-Musical „Kai aus der Kiste“ (1988). Nach Theaterjahren war er freischaffend, synchronisierte viel (schon mit 11 hatte er damit begonnen), und spielte in Fernseh- Serien, vorrangig in Krimis (Vorgesetzter von Maria Furtwängler im „Tatort“, 2007-2012, Vater von Friederike Kempter im „Hauptstadtrevier“, 2012-2014). Eine besondere Ehre war, dass er die Vaterrolle in „Spielzeugland“ spielen konnte, der 2009 den Kurzfilm-Oscar gewann.
Von Alla Pugatschowa über die Skalden zu Zsuzsa Koncz – die neuesten Titel der Pop- und Rockmusik aus den RGW-Staaten konnten die DDR-Bürger in der Sendereihe „Musikalische Luftfracht“ mit Moderator Peter Niedziella hören, der im September mit 81 Jahren das Mikro für immer aus der Hand legte. Bis zum Renteneintritt war er im MDR zu hören, aber Musik wird in Osteuropa kaum noch gemacht – jedenfalls hören wir nichts mehr davon.
Im Oktober ist „Unser stiller Mann“ von uns gegangen. Die Titelrolle in dem gleichnamigen DEFA-Film war 1976 die markanteste des langhaarigen Mädchenschwarms Thomas Wolff (74), der auch in zwanzig anderen Filmen mitspielte, etwa in „El Cantor“ (1977) neben Dean Reed, in dem auch sein Vater Gerry Wolff dabei war. Bis vor fünf Jahren war der Schauspieler auch ein vielbeschäftigter Synchronsprecher. – Für kurze Zeit war in den fünfziger Jahren Christina Huth (96) ein Filmliebling, unter anderem mit den DEFA-Filmen „Sommerliebe“ und „Star mit fremden Federn“ (1955), beide mit Werner Peters. Im Leben gehörte ihr Herz dem Kollegen Hans-Joachim Hegewald. Als die kleine Valeska zur Welt kam, trat Frau Huth kürzer und erst in den siebziger Jahren wieder im Fernsehen auf. Im Oktober ging sie von uns. – An ihrem 91. Geburtstag starb im Oktober die Grafikerin Inge Jastram, die mit ihrem Mann Jo, einem Bildhauer, seit den fünfziger Jahren in Mecklenburg lebte. Sie schuf Buchillustrationen zu Werken von Klaus Mann, Wolfgang Borchert und Erich Kästner und galt als eine der besten Radiererinnen Deutschlands. – Großartige Federzeichnungen gibt es von Heinz Röske (86), die er in einer anderen Profession anfertigte. Er war ein akribischer Szenenbildner, der seit „Die Söhne der großen Bärin“ (1966) für fast alle Indianer- und Western-Filme der DEFA tätig war. Nach 1990 betreute er noch mehrere Produktionen, darunter 1996 „Gespräch mit dem Biest“, die einzige Regiearbeit von Armin Mueller-Stahl. – Die erfahrene Synchronregisseurin Margot Seltmann starb ebenfalls im Oktober mit biblischen 100 Jahren. Ihr verdanken wir, dass Norbert Christian sich in „Die Reise des Vaters“ fast wie Fernandel anhörte oder Alain Delon in „Monsieur Klein“ so glaubwürdig mit Ezard Haußmanns Stimme sprach. Auch viele Episoden der beliebten dänischen Serie „Oh, diese Mieter“ hat Frau Seltmann vergnüglich auf die Bildschirme gebracht.
Die Sängerin Gerti Möller, die im November drei Wochen nach ihrem 95. Geburtstag starb, wurde zunächst mit dem Gerd Michaelis Chor („Blau ist die Nacht“) bekannt, ehe sie Horst Krüger in seine Formation holte. Sie spielte 1979 die Hauptrolle in der Rock-Oper „Rosa Laub“, und bei Film und Fernsehen hörte man sie in „Heißer Sommer“ und mit dem Titellied der „Drei reizenden Schwestern“. – Eine Schülerin von Werner Klemke war Núria Quevedo (87), die sich mit Bildern über Exil, Entwurzelung und Einsamkeit zu einer der ausdrucksstärksten Grafikerinnen der DDR entwickelte. Mit 14 Jahren war sie mit ihrer Familie vor dem spanischen Franco-Regime in die DDR geflohen und kehrte erst im Alter zeitweise an die Costa Brava zurück. – „Mui sdjelajem Rakety“ war eines der Lieder, das DDR-Jugendliche schon zur Zeit der 73er Weltfestspiele mitsingen konnten. Der Orgelbauer und Philosoph Reinhold Andert (81) war Mitglied des Oktoberklubs und Solokünstler, der manch Auf und Ab seiner Laufbahn erleben musste. Als das Ehepaar Honecker in der Nachwendezeit unwürdig behandelt wurde, half Andert, die beiden in einem Pfarrhaus unterzubringen und schrieb zu dem Thema die Bücher „Der Sturz“ und „Nach dem Sturz“. Auch er musste im November für immer von uns gehen.
Schließlich sei an Roman Kaminski (74) erinnert, der kurz vor Jahresende starb. Er war ein Mann des Theaters, der gleich nach dem Studium am Deutschen Theater Berlin beginnen konnte und gemeinsam mit Alexander Lang und Christian Grashof in Heiner Müllers „Philoktet“ Theatergeschichte schrieb. Später spielte er lange Jahre am Wiener Burgtheater, bevor ihn Peymann ans Berliner Ensemble holte. Seine Film- und TV-Auftritte waren verhältnismäßig selten. Bemerkenswert war er in dem Sozialdrama „Das Fahrrad“ (1982) und eher unglücklich in dem Produktionsfilm „Der Hut des Brigadiers“ (1987).
Sicherlich fällt aufmerksamen Lesern noch der eine oder andere bekannte Name ein. Nur kurz sei hier an weitere erinnert. Vertreterinnen der schreibenden Zunft: Texterin Ingeburg Branoner (91) und Buchautorin Brigitte Martin (86), von Bühne und Fernsehen Brigitte Peters (76) und Peter Fabers (70), aus der Bildenden Kunst Frank Ruddigkeit (85) und Johannes Helm (98), die Sportler Otto Fräßdorf (83) und Boris Spasski (87) und schließlich die Meister der Kamera Harald Klix (84) und Jürgen Lenz (83).
Ihnen allen waren inspirierende Momente zu verdanken, die das Leben vieler Menschen bunter machten.
Für mancherlei helfende Hinweise danke ich dem Kollegen Jegor Jublimov.