Boris Kagarlizki, linker russischer Soziologe und Kriegsgegner – Wegen angeblicher „Rechtfertigung des Terrorismus“ [1] zu fünfjähriger Lagerhaft verurteilt, haben Sie unlängst der von Ihnen mitgegründeten Plattform Rabkor ein Interview aus der Strafkolonie IK-4 gegeben. In der gebotenen zurückhaltenden Art beschreiben Sie Ihr Leben in der Gefangenschaft, die verständlicherweise nicht der Verbesserung der Gesundheit diene. Ab er es gebe keinen Grund zur Beunruhigung. Gottseidank habe man Ihnen auch nicht vorgeschlagen, an der „Militärischen Spezialoperation“ teilzunehmen, davor schützten Sie sowohl Ihr Alter als auch Ihre Listung als „ausländischer Agent“. Dennoch müssten Sie wiederholte Werbeaktionen über sich ergehen lassen, die sich an die übrigen Lagerinsassen richten. Die Zahl derer, die sich an die Front melden, sei jedoch gering, „in letzter Zeit acht bis elf im Monat“. Zwar gebe es auch ein paar Hurra-Patrioten, die die üblichen Propaganda-Thesen wiederholten, aber von denen habe noch kein einziger einen entsprechenden Kontrakt unterschrieben. Und viele derer, die sich tatsächlich melden, hofften auf baldigen Frieden. Selbst die Werber versprächen ständig, dass die Kriegshandlungen bald enden und die Betroffenen es vielleicht gar nicht mehr an die Front schafften. Nur habe sich das bisher leider nicht bestätigt.
Im Übrigen spricht aus Ihrem Interview erstaunlich viel Zuversicht. Wir hoffen mit Ihnen.
Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler und Freund der Fettnäpfe – Sie waren also nicht nur froh, Belem, den Tagungsort der Weltklimakonferenz, wieder verlassen zu haben, nein, Sie mussten das auch noch mitteilen. Mit einem Satz so viel Arroganz und Abschätzigkeit zu transportieren, dass sich über 212 Millionen Menschen – das ist Brasiliens Einwohnerzahl – auf den Schlips getreten fühlen, das muss man erst mal hinbekommen. Die Süddeutsche Zeitung wunderte sich: „Etwas rätselhaft ist es ja schon, dass der exponierteste Mann des Landes nicht einmal provoziert werden muss, um sich Debatten aufzuhalsen, die so bereichernd sind wie Fußpilz in der Sauna.“ Die Magdeburger Volksstimme merkte an: „Mit dem Kanzlerwechsel hat sich auch die Kommunikation der Regierungsspitze grundlegend geändert. Statt des ‚Nö‘ eines in sich hinein grinsenden Olaf Scholz gibt es jetzt den Klartext-Merz. Doch manchmal wäre angeraten, einfach mal den Mund zu halten.“ Und der Münchner Merkur meinte gar, sie müssten „sich vorsehen und beherzte Sprünge in weitere Fettnäpfchen nach Möglichkeit vermeiden“, wenn Sie „nicht als Kanzler mit der längsten Anlauf- und kürzesten Amtszeit enden“ wollten.
Da hoffen wir doch sehr, dass Sie dem letzteren Ratschlag zu folgen entsagen …
Bundeswehr, „2. Platz Attraktivste Arbeitgeber 2020 Für Schüler“ (O-Ton Castenow GmbH, Marketing-Agentur der BuWe) – Zumindest quantitativ passend zu ihrem 70. Geburtstag wirbt die Bundeswehr mit „70 gute[n] Gründen“ für den Dienst in ihren Reihen; #67: „Weil wir die stärkste Friedensbewegung Deutschlands sind.“
Das Ganze natürlich mit einer unbedingten Orientierung, wie sie Carsten Breuer, der Generalinspekteur der Truppe, auf einer Sicherheitstagung im März 2025 ausgegeben hat: „Allen Soldaten ist klar, dass wir kämpfen können und gewinnen wollen, weil wir gewinnen müssen.“
Franziska Brantner, Grünen Chefin mit Herz für die Alten – Mit feinem Sensorium dafür, was der allenthalben geforderten Kriegstüchtigkeit des Landes noch so alles frommen könnte, haben Sie beobachtet: Drohnen programmieren, Essen kochen für mehr als 1000 Leute – all das seien verteidigungsrelevante Fähigkeiten, mit denen sich auch die Älteren im Kriegsfall einbringen könnten. Folgerichtig haben Sie jetzt den Aufbau eines Freiwilligen-Registers in die Debatte gebracht. In ein solches Register könnten ältere Menschen eintragen, welche Fähigkeiten sie im Spannungsfall einbringen könnten. So könne man im Ernstfall darauf zurückgreifen.
Der Dank der Alten ist Ihnen gewiss. Also unserer auf jeden Fall, hatten wir doch schon schlimmste Befürchtungen, im großen Krieg mit Russland, den Politik und Medien hierzulande so eifrig herbeireden, achtlos beiseite stehen zu müssen. Denn wer wollte angesichts der klaren Perspektive – „Sollte es […] zu einem großen Krieg kommen, wird Europa einfach aufhören zu existieren.“ (Siehe Aus anderen Quellen in dieser Ausgabe) – schon die Hände in den Schoß legen?!
Siegfried Jacobsohn, einst Weltbühnen-Herausgeber und -Chefredakteur – In einer Antwort an Ihren Autor Hans Siemsen offenbarten Sie im Jahr 1921 Ihr Verhältnis zu Druckfehler-Berichtigungen: Sie nämlich hielten gar nichts davon, weil: „Ein Viertel der Leserschaft hat den Artikel überschlagen, weil es sich nicht für den Gegenstand interessiert; ein Viertel hat den Druckfehler übersehen; ein Viertel hat ihn selber richtiggestellt; und das vierte Viertel, für das die Berichtigung allenfalls in Betracht kommt, schaut doch nicht in der vorigen Nummer nach.“ In einem Aufsatz Siemsens über eine Ausstellung der Berliner Sezession waren offensichtlich die Adjektive expressionistisch und impressionistisch verwechselt worden. Ihr Kommentar: „Berichtigung? Meines Erachtens überflüssig. Aber Sie flehen so herzbrechend, daß ich Ihnen die dreizehn Zeilen spendiere.“ Vor Fehlern ist niemand gefeit. Das Blättchen berichtigt zumindest online, auch ohne herzbrechendes Flehen der Autoren.