Es gab viele Russlandversteher,
aber zu wenige,
die etwas von Russland verstanden.
Karl Schlögel
Friedenspreis-Träger des Deutschen Buchhandels 2025
In einer der letzten Blättchen-Ausgaben [1] wurde diese „Kinderfrage“ aufgeworfen.
Stimmt die der Frage zugrundeliegende Annahme in dieser Simplizität? Oder gibt es nicht auch Hass als ein intensives Gefühl der Abneigung und Feindseligkeit in Russland gegenüber dem Westen? Oder – besser noch, nicht aufrechnend, breiter gefasst: Wie steht es um das gefühlte Verhältnis zwischen dem Westen und Russland?
Es reicht Jahrhunderte zurück … Bis zur Kirchenspaltung im 11. Jahrhundert, die aus dem Streit zwischen der westlich-lateinischen Kirche und der orthodoxen Ostkirche folgte, waren die Verbindungen zwischen Russland, genauer: der Kiever Rus, und dem Westen wohl intensiv; danach gingen die Kontakte zurück.
Mit dem „Reform-Zaren“ Peter dem Großen setzte zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein fundamentaler Umschwung ein. Ich will das nicht ausmalen; Stichwort „Zar und Zimmermann“. Die Modernisierung und Expansion ging unter Katharina II. weiter , so dass sich der 1839 Russland bereisende Franzose Astolphe de Custine über die Fortschritte seit Peter mokierte: „Peter I. und Katharina II. […] zeigten uns, daß der Despotismus nie mehr zu fürchten ist, als wenn er Gutes schaffen will, denn dann glaubt er, seine empörendsten Handlungen durch seine Absichten rechtfertigen zu können, und das Schlechte, das sich als Heilmittel ausgibt, hat keine Grenzen mehr.“
Dass auch „unser Karl“ mit Russland hart, ja diffamierend ins Gericht ging, ist kaum bekannt. 1856 schrieb Marx in The Free Sheffield Press: „Moskau ist in der scheußlichen und erbärmlichen Schule mongolischer Sklaverei aufgewachsen und großgezogen worden. Sogar nach der Selbstbefreiung spielte Moskau seine hergebrachte Rolle des zum Herren gewordenen Sklaven noch weiter. Peter der Große war es endlich, der die politische Handfertigkeit des mongolischen Sklaven mit dem stolzen Streben des mongolischen Herrschers vereinigte, dem Dschingis Chan in seinem letzten Willen die Eroberung der Erde vermacht hatte.“
Allerdings blieb diese mit staatlicher Gewalt durchgedrückte Öffnung zum Westen auch in Russland selbst nicht ohne Widerspruch. Im 19. Jahrhundert gewannen in Russland jene Kräfte an Einfluss, die betonten, dass Russland „Besonderes hervorgebracht“ habe – in Kultur, Sprache und Literatur, im politischen System. Die Namen Fjodor Dostojewski und Leo Tolstoi oder auch Peter Tschaikowski mögen dafür stehen.
Diesem „Besonderen“ gab Dostojewski in einem Brief aus Dresden, wo er einige Zeit lebte, Ausdruck: „Wenn Sie wüssten welch tiefgehende, an Hass grenzende Abneigung gegenüber Europa ich in den 4 Jahren gefasst habe!“ Und: „Europa, was ist es? Ein Kirchhof, mit teuren Gräbern vielleicht, aber jetzt stinkend von Fäulnis, nicht einmal mehr Dünger für die neue Saat. Die blüht einzig aus russischer Erde. Die Franzosen – eitle Laffen, die Deutschen ein niedriges Wurstmachervolk [Немец Перец Колбаса – Deutscher, Pfeffer, Wurst taucht in russischen Kindergedichten und Scherzversen auf – St.W.], Engländer – Krämer der Vernünftelei, die Juden – stinkender Hochmut. […] Alle Ideen Europas ein verwelkter verblühter Blumenstrauß, gut genug, in die Jauche geschmissen zu werden. Nur die russische Idee ist die einzig wahre, einzig große, einzig richtige.“
Diese Stimmungsbilder, die persönlichen Begegnungen, aber auch die bösen Anwürfe zeigen – das gegenseitige westlich-russische Verhältnis war stets neben einem lebhaften kulturellen Austausch von Animositäten und Boshaftigkeit geprägt. Der Westen war für Russland während seiner 1000-jährigen Geschichte sowohl Vor- als auch Feindbild, wobei sich die beiden Wahrnehmungen abwechselten und bisweilen sogar überlagerten.
Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen seit dem Ende des Kalten Krieges ist eine Geschichte voller Hoffnungen, Missverständnisse und zunehmendem Misstrauen. Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, versuchte Russland mittels umfassender wirtschaftlicher und politischer Reformen, Teil der europäischen Staatenwelt zu werden; ein Vorhaben, das dramatisch scheiterte. Der radikale Umbau ohne soziale Abfederung zerstörte nicht nur die Wirtschaft, sondern ließ auch das russische Volk in Armut versinken. „Der Export eines rein marktwirtschaftlich-liberalen Wirtschaftssystems nach Russland war unbedacht“, urteilt der Historiker Manfred Hildermeier. Amerikanische Ökonomen wirkten damals mit – und „stehen für die katastrophalen Folgen in der Verantwortung“.
Der Schweizer Journalist und Politiker Guy Mettan, der im Februar 2017 von Putin mit dem russischen Orden der Freundschaft ausgezeichnet wurde, sieht zwei Gründe für westlichen Russenhass heute: „Russland ist eine Diktatur. Der Zar war ein Tyrann, die Sowjets waren Tyrannen und nun ist der Präsident auch ein Tyrann. Das zweite Argument ist Russlands Expansionismus; Russlands Imperialismus. Beides ist komplett falsch.“ Was die Russophobie über einen religiösen Glauben hinaus zum Rassismus mache, sei ihr „Zweck, den anderen [die Russen – St.W.] zu vermindern, um ihn besser zu beherrschen. Und das macht die Russophobie zu einem spezifischen Phänomen des Westens“; Mettan meinte damit vor allem die USA.
„Der Westen steht am Abgrund“, raunte dagegen der russische rechtsnationalistische Philosoph Aleksandr Dugin vor Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. Der Mann mit dem Rauschebart erfüllt schon visuell das Klischee vom russischen Denker in der Tradition slawophiler Philosophen und Schriftsteller. Er stellt sich gegen den Westen, aber paradoxerweise nutzt er dafür Begriffe aus der westeuropäischen Denktradition. In seinem Buch „Grundlagen der Geopolitik“ legt Dugin seine Großmacht-Fantasien dar: „Das russische Volk gehört zu den messianischen Völkern.“ Und als solches habe „es eine universale Bedeutung für die Menschheit“.
Der einst vom Westen als „liberaler Hoffnungsträger gefeierte“ Dimitri Medwedew erklärte bezüglich seiner Online-Tiraden gegen die Regierungen der Ukraine, von EU-Staaten und der USA im Juni 2022: „Ich werde oft gefragt, warum meine Telegram-Posts so hart sind. Die Antwort ist: Weil ich sie hasse. Sie sind Bastarde und Abschaum. Sie wollen unseren Tod, den Tod Russlands. Und solange ich lebe, werde ich alles tun, um sie verschwinden zu lassen.“
Die den Titel dieses Textes abgebende „Kinderfrage“ stellt der Autor Hauke Ritz in seinem Buch „Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas“. In einem Interview machte er den westlichen Hass an einem „Informationskrieg gegenüber Russland“ fest. Der bestände „vor allem darin, das Land und seine Bewohner zu entmenschlichen“. Selbiges sei nach Ritz „notwendig, um so eine Öffentlichkeit“ im Westen „herzustellen, die keinen Widerspruch äußern würde, wenn die NATO ihre militärischen Ressourcen einsetzen würde, um […] Russland soweit zu schwächen, dass schließlich ein Regimechange im Land durchgeführt werden könnte,“ und um sich „die russischen Ressourcen“ anzueignen.
Ich könnte weitere Zitate anhäufen – sie brächten letztlich keine Erklärung, warum das gefühlte Verhältnis zwischen dem Westen und Russland schlecht ist. Man muss tiefer loten …
Eine erhebliche Rolle kommt dabei der Konstruktion von Feindbildern zu, um die eigene Identität zu festigen; auch Nationen definieren sich stark über Abgrenzung: „Wir“ sind die Guten, die Verteidiger der Wahrheit. „Die Anderen“ sind die Bedrohung, die unser Leben, unsere Werte zerstören wollen.
Im Falle Russlands kommt eine kollektive Kränkung hinzu, denn nach dem Kollaps der Sowjetunion 1991 erlebten viele Russen nicht nur einen wirtschaftlichen Absturz, sondern einen doppelten Verlust – den der politischen Kontrolle über das frühere Imperium und den als Supermacht; lediglich die Atomwaffen blieben. Der Westen feierte den „Sieg über den Kommunismus“ – Russland fühlte sich gedemütigt und ausgelacht. US-Präsident Barack Obama degradierte Russland dann auch noch dümmlich zur „Regionalmacht“. Das verletzte den nationalen Stolz tief und erzeugte ein tiefes Bedürfnis nach Wiedergutmachung. Putin sprach diese Emotion gezielt an: „Wir lassen uns nie wieder vom Westen auf die Knie zwingen.“
Es geht bei plumpen Lügen oft um das Einhämmern bestimmter Narrative – eine Art „emotionale Programmierung“: In Russland durch gleichgeschaltete Medien, kaum abweichende Stimmen; im Westen durch eine formell pluralistische, aber eigentümlich gleichförmigen Medienlandschaft mit „Schlagzeilenlogik“ und Filterblasen. So entstanden jeweils parallele Realitäten, in denen das jeweils andere Narrativ absurd oder bösartig wirkt.
Es wird schwer sein, da wieder rauszukommen. Leider.