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2.408 Beiträge im Forum

  1. Mario Keßler sagt:

    Ein kurzer ergänzender Kommentar zu meinem eigenen Artikel „Solidarität statt Boykott“: Es zeugt von wenig Souveränität, wenn die israelische Regierung nach Zusammenspiel mit US-Präsident Donald Trump den beiden amerikanischen Kongressabgeordneten Ilhan Omar und Rashida Tlaib die Einreise nach Israel verweigert. Es wäre besser gewesen, hätten israelische Journalisten die Gelegenheit gehabt, im Interview die kruden Ansichten und mangelnden Geschichtskenntnisse beider Politikerinnen einer kritischen Öffentlichkeit sichtbar zu machen und mit Argumenten zu widerlegen. Genau dies macht nämlich Demokratie aus.
    Mario Keßler

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Lieber Herr Keßler,
      ich teile in der Sache Ihre Meinung. Zugleich möchte ich anmerken, dass ich es immer wieder frappierend finde, wie behende die Deutschen am besten wissen, was die anderen so tun sollten.
      Mit freundlichen Grüßen
      Wolfgang Ernst

  2. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Die irische Karte von Erhard Crome
    Nach der Lektüre stellt sich mir eine Frage: Geht Crome nicht etwas blauäugig an den „Backstop“ heran? In der Tat regelt das „Karfreitagsabkommen“ keine Grenzfragen. Käme es durch den Brexit wieder zu Zollkontrollen, so führten technische Gründe bei Warenkontrollen zum Aufbau neuer Grenzanlagen zwischen der Republik Irland und Nordirland. Schon diese könnten gewisse Hindernisse auch beim freien Personenverkehr darstellen. Aber auch rein „optisch“ wäre die bis dato quasi nicht sichtbare innerirische Grenze wieder deutlich wahrnehmbar; und auch das stellt in dieser „erregten“ Region eine gewisse Gefahr dar für den brüchigen Frieden dar. Deshalb kommen auch Kenner der Szene zu dem Urteil, dass der Brexit das Freitagsabkommen durchaus unterminiere.
    Crome: „Insofern geht es am Ende lediglich um den Warenverkehr“. Richtig! „Und da kann im Zeitalter von GPS und Galileo, Satellitenbeobachtung der Erdoberfläche und Fernaufklärung niemand ernstlich behaupten, dass man dafür Zollhäuschen aufstellen muss, wie Mitte des 19. Jahrhunderts ….“. Ja – warum wird denn das nicht getan? Wenn das die EU nicht will oder tut, warum dann nicht „die letzte europäische Großmacht“ selber? Offenbar doch nicht so einfach; und offenbar wollen auch die Briten das nicht: „Auf die Frage, welche Regelung sie für die irische Grenze denn gern hätten, kam von den Briten nichts“. Ein wenig Anstrengung neben dem sonstigen Getöse um den (No-Deal-)Brexit wäre doch angemessen, will man doch endlich wieder der so geschätzten „exzentrischen Vorstellung von Freiheit“ frönen können.

  3. Redaktion Das Blättchen sagt:

    Lieber Wolfgang Klein,
    da wir unsere Autoren nicht zensieren, kann auch schon mal
    „starker Toback“ den Weg ins BLÄTTCHEN finden, den mancher
    Leser nicht teilt oder ganz ablehnt. Als „monströse Geschichtsverfälschung“ allerdings
    hat Wolfgang Brauer, der zuständige Redakteur der aktuellen Ausgabe, E. Cromes
    Vergleich offenbar nicht empfunden, denn solches wäre ein
    Grund gewesen, den gesamten Beitrag abzulehnen.
    Mit besten Grüßen und in der Hoffnung, dass Sie dem BLÄTTCHEN
    als Leser und gelegentlicher Autor gleichwohl verbunden bleiben,

    Ihr Wolfgang Schwarz (V.i.S.d.P.)
    Redaktion DAS BLÄTTCHEN

  4. Wolfgang Klein sagt:

    Liebe Herausgeber,

    das Blättchen lese ich immer interessiert, oft zustimmend. Die monströse Geschichtsverfälschung im letzten Satz von Erhard Cromes heutigem Artikel muß allerdings durch sehr viel Anderes aufgehoben werden, um auf die Lektüre künftig nicht gänzlich zu verzichten.

    Mit besten Grüßen

    Wolfgang Klein

    • Erhard Crome sagt:

      Sehr geehrter Herr Klein,
      bei der Analyse geopolitischer und geoökonnomischer Konstellationen geht es nicht um die innere Verfasstheit von Staaten – Demokratie vs. verbrecherische Diktatur oder autoritäre Herrschaft -, sondern um Machthierarchien im Staatensystem.
      Zugleich erlaube ich mir, darauf hinzuweisen, dass der von Ihnen inkriminierte Gedanke auch schon in meinem Britannien-Text in der No. 1 steckt. Wenn Sie es noch ausführlicher wünschen, kann ich das Buch: „Deutschland auf Machtwegen. Moralin als Ressource für weltpolitische Ambitionen“ empfehlen.
      Mit freundlichen Grüßen
      Erhard Crome

  5. Ralf Nachtmann sagt:

    zu: Transparenz
    Lieber Eckhard Mieder,
    nein, Sie erinnern sich leider nicht richtig. Das Transparenzpapier hieß Transparent-Papier“ und kam im Kunstunterricht und in TZ (Technisches Zeichnen), gelegentlich auch in Geometrie zum Einsatz. Das für die Stullen hieß „Butterbrotpapier“. Und die Milch in der durchsichtigen Hülle hatte durchaus einen Namen, sie hieß „Schlauch-Milch“; im Westen übrigens auch.
    In allem anderen hinsichtlich der Transparenz kann ich Ihnen nur zustimmen.
    Herzlich
    Ralf Nachtmann

  6. Ralf Nachtmann sagt:

    zu: An Stätten deutscher Verbrechen
    Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Allein der Hinweis auf „Die Grauzone“ ist (für mich jedenfalls), denn alle anderen Filme kenne ich bereits.
    Eins jedoch ist etwas wunderlich: Entweder fuhrt der Autor von Wroclaw nach Krakow, oder von Breslau nach Krakau. In seinem Falle („von Wroclaw nach Krakau“) hätte die Reise nämlich 74 Jahre (von Abfahrt bis Ankunft) gedauert.

  7. Ralf Nachtmann sagt:

    Zur irischen gehört auch eine schottische Karte

    Ein recht kluger Beitrag von Erhard Crome, der völlig zu Recht darauf hinweist, dass mit Fintan O’Toole ein nur wenig geeigneter „Einordner und Erklärer“ der Verhältnisse vom ZDF verpflichtet wurde. Weitaus klüger erlebte ich in den vergangenen drei Jahren Michael Collins, der ja als Botschafter der Republik Irland noch mehr zu gewisser „Zurückhaltung“ verpflichtet ist. Seine stets sehr diplomatisch vorgetragenen Erörterungen hinsichtlich des bevorstehenden so genannten Brexit machten deutlich: Ja, Irland wird eine schwere Last zu tragen haben, allerdings nur für einen überschaubaren Zeitraum und wird sich (hoffentlich!) auf die Solidarität der anderen Staaten der Europäischen Union verlasssen können. Langfristig hingegen wird Irland vom Austritt der Briten aus der Gemeinschaft profitieren. Solche Einschätzungen passen natürlich nicht in die seit dreri Jahren tobende Propaganda-Schlacht.
    Einen weiteren Aspekt wenigstens zu streifen lohnt in diesem Zusammenhang auch. Wie sieht den die Zukunft des Vereinigten Königreiches aus, also als „Vereinigtes“? Der Anschluss des faktisch bankrotten Schottland am 1. Mai 1707 nach zweijähriger Androhung härtester wirtschaftlicher sanktionen (Alien Act) war bereits damals im dortigen Volke verhasst, er entschuldete ja nur die Reichen, die in den Spekulationsjahren zuvor (Darién-Projekt ) sehr viel Geld verloren hatten. Dieser Anschluss ist am ehesten vergleichbar mit dem Hineinzwingen des faktisch bankrotten Bayern 1871 ins preußisch-deutsche Kaiserreich oder in etwas abgewandelter Form dem Anschluss der DDR an die BRD 1990.
    Der Unmut der „Brave Hearts“ konnte selbst durch hohe Investitionen, insbesondere seit den 1960-er Jahren nie aus der Welt geräumt werden. Einzig die Tatsache, dass Großbritannien EU-Mitglied war, führte beim jüngsten Sezessions-Volksentscheid am 18. September 2014 zu einer nicht gerade übermäßigen Mehrheit der „Better-Together“-Befürworter (55:45 Prozent). Hauptgrund für den Verbleib war die Währungsfrage (Beibehaltung des Britischen Pfundes), denn England hatte mit einem sofortigen „Rausschmiss“ der Schotten gedroht. Und die EU hatte, trotz mehrheitlicher Befürwortung des Verbleibs der Schotten bei der Brexit-Abstimmung, kein „monetär-politisches“ Angebot gemacht. Weil man irrigerweise glaubte, dies würde den Ausrittswillen anheizen.
    Nun aber wird nach dem Ausscheiden der unglücklichen, besser: unfähigen Theresa May der Nachfolger Boris Johnson sich mit gleich zwei starken Damen herumschlagen müssen. Nicht ausgeschlossen, dass ihn schon er eine oder ander Alptraum von „Nicky & Arly“ heimgesucht hat. Denn während Nicola Sturgeon ein erneutes Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands anstrebt, will Arlene Foster in Nordirland (auch Provinz Ulster genannt) keinerlei Wirtschafts-Grenze, und sei es auch nur die von Erhard Crome beschriebene (GPS und Galileo, Satellitenbeobachtung der Erdoberfläche und Fernaufklärung).
    Johnson, die meisten Tories und nicht wenige Labour-Abgeordnete im Unterhaus hingegen verweigern sich jeglicher Idee einer „Sonderwirtschaftszone Nordirland“, lautstark assistiert von nordirischen Royalisten und Extremistren (DUP, UUP). Und auch die EU verschließt sich diesem, sicher nicht auf Dauer anlegbarem Weg. Man merkt: In Brüssel geht es nicht um Inhalt, Fortschritt, Solidarität, sondern darum, einen „verhassten Gegner“ zu demütigen und ihn nach Möglichkeit in/auf die Knie zu zwingen.

  8. Ralf Nachtmann sagt:

    Ein anderes Weimarer Quartett
    Dies zuerst: Vielen Dank, lieber Alfons Markuske, für die schönen Erzählungen.
    Vor nun schon recht vielen Jahren fuhren mein Bruder und ich des öfteren von Rudolstadt hinüber nach Weimar. Denn dort gab immer etwas zu entdecken, insbesondere in dem alten Antiquariat, dessen Bücherregale bis unter die schätzungsweise fast vier Meter hohe Decke reichten und in dem es so eng war, dass man bei „Gegenpassage“ fürchten musste, trotz aller Schlankheit ein ein furchtbares Debakel anzurichten. Bevor jedoch Bücher zu entdecken waren, deren einige seltene bis heute im eigenen Regale stehen, galt Folgendes: Unser erster Weg führte stets zum Shakespeare-Denkmal in den Ilm-Park. Schon der 11-Jährige war vom Totenkopf zu den Füßen und dem entrückten Blick des Dichters (im Denkmal) in die Ferne verzaubert. Richtung Stadt führte der Weg stets an der Musik-Hochschule vorbei, aus deren Fenstern stets ein feiner und doch die Fülle und Mischung nie entschlüsselbarer Klang drang. Leider blieb – wohl waren wir zu jung – ein Blick zu den Architekturstudenten verwehrt. Oder fehlte es nur am Mut, einfach hineinzutreten?
    Unvergessen bleibt der Geburtstagsbesuch mit der ersten (festen) Freundin in Elephant. Bis heute lasse ich mich nicht von der Überzeugung abbringen, dass es genau dort die beste aller dazumal erreichbaren Patisserien gab. Die hausgemachten Törtchen, sie waren einfach ein Traum. Ein paar Jahre später, da schon mit einer ebenso späteren Freundin, war zu Zeiten, da der Student aus der Hauptstadt wieder einmal „zu Gange“ war, ein Besuch im „Kasseturm“ Pflicht. Und das Schweigen über as dort Erlebte bis heute auch.
    Ja, welches Weimarer Quartett mag es noch so geben?

  9. Ralf Nachtmann sagt:

    zu: Meinungsverschiedenheiten:
    Lieber Wolfgang Schwarz, auch ich habe Ihren Brief an die (in der BLZ gelesen, Götz Alys Kolumne ebenso. Was soll man da noch sagen, außer: „Also, so ist das,“ das (F)Lugwesen in der amerikanisch-westdeutschen Medienlandschaft. Irgendwann wird hoffentlich vielen Lesern klar, warum „der Genosse Grigori Kossonossow“ kein Geld für ein neues Flugzeug mitbrachte: „Die Bauern seines Heimatdorfes waren eben ein zu ungebildetes Volk.“

  10. Ralf Nachtmann sagt:

    „Im Medien-Krieg“ schreibt Waldemar Landsberger (auch) vom gespaltenen Europa. Leider schreibt er nicht (wie alle anderen kriegerischen und friedlichen Medien auch nicht), wer eigentlich das Fräulein Rackete und ihre „Mission“ finanziert. Oder habe ich das bloß (anderswo) übersehen?

  11. Ralf Nachtmann sagt:

    Ein sehr interessanter und vor allem aufschlussreicher Beitrag von Kollegen Keßler.
    Nur eine kleine Anmerkung: Er zitiert Theodor Bergmann dem Sinne nach: „Die arabischen Aufnahmeländer hätten sich niemals bemüht, die vertriebenen Palästinenser nach 1948 wirklich zu unterstützen und die Flüchtlinge so in ihre Gesellschaft einzugliedern, wie dies beide deutsche Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg tun mussten.“ Hier muss die Bedeutung des Satzes auf „mussten“ gelegt werden. Hätten die damals dort herrschenden Mächte, insbesondere Großbritannien gegenüber den Arabern den gleichen Zwang ausgeübt wie gegenüber den Deutschen, hätten wir im Nahen Osten heute vielleicht auch nur noch „Heimweh-Tourismus“. Und womöglich hätte es nie einen israelischen Premier Benjamin Netanjahu gegeben, der agiert, als (Vorsicht!) führe er ein „Volk ohne Raum“.

  12. Wolfram Adolphi sagt:

    Vielen Dank, lieber Mario Keßler, für Ihren neuerlich klugen, weit greifenden Beitrag „Solidarität statt Boykott“. Und Dank auch für die gute Erinnerung an Theo Bergmann, dessen Lebenswerk für heutiges sozialistisches, solidarisches, Klasseninteressen verstehendes Denken immer wichtiger wird.
    Wolfram Adolphi

  13. Literat sagt:

    Literat sagt:
    Eine Vermutung von Herrn Wohanka als Alternativsatz läßt aufhorchen: „Oder sollten auch einmal ‚Flacherdler‘ zu Worte kommen?“ Dann die Gewißheit: „Sie tummeln sich desgleichen in diesem Raume.“ Wo er Recht hat … Doch: Wer ist wer? Das gilt nicht nur bei der „Klassenfrage“.
    So sicher, wie er offenbar dabei ist, vermag man nicht zu sein, wenn man dies an seiner Einschätzung der Personalie Frau v. d. Leyen prüft. Deren Teilnahme bei „Bilderbergers“, flankiert von Springer-Chef Döpfner und Wirtschaftsführer Zetsche, sei als „einigermaßen schwach bestückt“ zu bewerten. Das wird offenbar nicht von allen so gesehen. Zwar gibt es gegenwärtig Kritik an ihrer Berufung zum höchsten Amt in Brüssel, in der Regel aber mit der Abmilderung, dies sei nicht gegen die Person gerichtet. Wohl gibt es auch zaghafte oder wenig wahrgenommene Begründungen, sie sei fachlich ungeeignet. Wesentlich aufschlussreicher aber: Wer kritisiert nicht? Zuvörderst die Staatschefs, ohne Ausnahme (deutsche Enthaltung zählt dabei nicht). Warum diese Einigkeit? Gibt es eventuell noch eine weitere Gemeinsamkeit bei dem Überraschungscoup? Könnte da nicht für diese Präferenz die NATO mitgestimmt haben? Weiterer Hinweis: Die übliche Häme aus den USA bei unerwünschten Entscheidungen der EU ist erstaunlich zurückhaltend.
    Ist in diesem Umfeld Frau v. d. Leyen wirklich ein „schwache Bestückung“; darf sie wirklich nur auf unbedeutenden Plätzen tingeln? Vielleicht hörte jemand da was läuten, ohne zu wissen, wo die Glocken hängen.
    Man muss nicht US-Staatsbürger sein, um atlantizistisch tätig zu sein – geht auch andersrum. Damit zu der vermutlich ironisch sein sollenden Rundfrage von Herrn Wohanka, ob denn jemand Christoph Bertram kenne, der zur Kernbesetzung der Bilderberger Begegnungen gehöre. Gibt schon welche. Ich weiß sogar von jemandem, der seit Beginn der 80-er Jahre bis gegenwärtig mit ihm befreundet ist, was dem Wissenschaftsaustausch beider Seiten dienlich war; denn Bertram war eben nicht „Deutscher“, sondern internationaler Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland, was seinerzeit den Unterschied machte, ihn aber keineswegs daran hinderte, auch mit der Gegenseite um vernünftige Politik der friedlichen Koexistenz theoretisch und praktisch bemüht zu sein, besonders USA und Kanada eingeschlossen.
    Zurück zur Hauptsache: An der NATO-Präferenz der deutschen Verteidigungsministerin hat international niemand Zweifel. Diese Gewissheit bei allen, die sie kennen, erklärt vielleicht mehr als andere Gründe den überraschenden Vorschlag, der es im Nachhinein dann auch nicht mehr sooo ist. Es sei denn, man hätte sie fälschlich als politisches Leichtgewicht abqualifiziert und langfristige Personalpolitik außer acht gelassen.

  14. Roswitha Clüver sagt:

    Sie wollen also eine Einschränkung des öffentlichen Diskursraumes? Womit begründen Sie den Ausschluss von
    rubikon.news?
    Clüver

    • Stephan Wohanka sagt:

      Ich will nicht „Rubikon“ ausschließen, sondern habe mich gegen einen Text auf seinen Spalten gewandt. Und wenn R. diesen Text abdruckt, kann ich doch wohl mitteilen, dass R. ihn abgedruckt hat.
      Und ich will auch nicht den „Diskursraum“ einschränken, kann ich gar nicht. Ich meine nur, dass alles das, was in diesem Raume ist, nicht unbedingt Gegenstand einer Verlinkung im „Blättchen“ sein sollte. Oder sollten auch einmal „Flacherdler“ zu Worte kommen? Sie tummeln sich desgleichen in diesem Raume.

  15. Stephan Wohanka sagt:

    Liebe Leute, soll ich lachen oder weinen… Nun verlinkt auch das Blättchen den Bilderberger-Stuss! Diesmal sitzt „Rubikon“ – „das Magazin für die kritische Masse. Wir berichten über das, was in den Massenmedien nicht zu finden ist. Herausgegeben wird der Rubikon (zu dem es einiges zu sagen gäbe, aber das führte hier zu weit – St. W.) in Mainz, geschrieben wird er von unabhängigen Journalistinnen und Journalisten überall auf der Welt“ – selbigem auf: „Längst ist es keine dystopische Vorstellung mehr, dass die Puppenspieler der Wirtschaftseliten in der Weltpolitik die Fäden ziehen“, lässt man den wahlweise staunenden oder sich gruselnden Leser wissen. Weiter unten; teils fett und herausgehoben: „Einer der festen Tagesordnungspunkte ist die Verringerung der Weltbevölkerung. Dieses Thema lag Rockefeller – aktuell treibende Kraft (welcher R. der Sippe? – St. W.) hinter den Bilderbergern – sehr am Herzen und wird von seinem Schützling Henry Kissinger propagiert. Denn nur so kann die Weltelite mit den drastisch knapper werdenden Ressourcen länger und besser leben. […] Das sind natürlich alles nur Spekulationen, abgeleitet aus dem Leitziel des Bilderberg-Clubs: Die Reduzierung der Weltbevölkerung“. Ohne die Rothschilds? Diese größten „Puppenspieler“ weltweit (man schaue nur in die entsprechenden Foren) mischen doch überall mit!
    Einige Klicks im Internet und man findet eine Agenturmeldung: „Etwa 130 Teilnehmer aus 23 Ländern haben ihre Teilnahme bestätigt“, für 2019. Neben Jared Kushner waren das US-Außenminister Mike Pompeo, dessen Vor-Vor…-gänger Henry Kissinger; aus Deutschland Ursula von der Leyen, die FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg, Springer-Chef Mathias Döpfner und Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche. CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer sagte kurzfristig ab. Zumindest das deutsche Kontingent der „weltpolitischen Fädenzieher“ ist damit wohl – gemessen an der Aufgabe – einigermaßen schwach bestückt.
    Im Netz sind auch „the key topics“ des Treffens zu finden; Rockefellers „Verringerung der Weltbevölkerung“ ist – Bilderberger sind Bilderberger – natürlich bestens camoufliert und kommt ganz sicher in allen Punkten vor!
    1. A Stable Strategic Order
    2. What Next for Europe?
    3. Climate Change and Sustainability
    4. China
    5. Russia
    6. The Future of Capitalism
    7. Brexit
    8. The Ethics of Artificial Intellegence
    9. The Weaponisation of Social Media
    10. Cyber Threats.
    Stellten und stellen die Bilderberger die heimlich-unheimliche „Weltregierung“, dann ist es hilfreich, sich die Teilnehmerlisten der Treffen anzusehen. Sie sind öffentlich zugänglich (ob daher echt?). Danach hatte ein gewisser Christoph Bertram – kennen Sie den? – die besagten „Fäden“ fest in der Hand; jahrelang sozusagen Boss der Welt: Von 1978 – 1998 war der Mann beinahe jedes Jahr dabei; so häufig wie kaum ein anderer, selbst Henry Kissinger eingerechnet. Wissen Sie, woher der kam? Na? Aus – Deutschland! Er war eines der beiden deutschen Mitglieder im s. g. Steering Ausschuss und dort für die Auswahl der Themen und der Redner verantwortlich. Ein anderer deutscher „Weltregierer“ war von 1984 – 2016 der Airbus-Chef Thomas Enders – zehnmal dabei. Sogar Jürgen Trittin schaffte es 2012 in den erlauchten Kreis, zusammen mit Ex-CDU-Ministerpräsident Roland Koch… Später muss von der Leyen übernommen haben – ab 2015 war sie quasi jedes Jahr auf den Treffen.
    Noch ein paar Worte zum Autor des in Rede stehenden Rubikon-Artikels, Peter Koenig. Lese ich die Zeilen im Abspann über ihn – ein honoriger Mann; zumindest auf den ersten Blick, der dem zweiten nicht unbedingt standhält. So war K. bejubelter Redner auf der 2008 gegründeten Anti-Zensur-Koalition (AZK) „Europas grösster Plattform für unzensurierte Information“. Der Gründer von AZK, der Schweizer Laienprediger Ivo Sasek: „Ich sage ohne Diktatur geht es nicht, weil diese Schöpfung ist nicht auf Demokratie eingestellt. Sie funktioniert nicht nach demokratischen Prinzipien“. Muss man da sprechen?

    • wolfgangbr sagt:

      Herr Wohanka,
      es handelt sich bei dem von Ihnen attackierten Fall keineswegs um einen Artikel einer unserer Autorinnen oder Autoren – oder gar eine Positionierung der „Blättchen“-Redaktion. Das ist lediglich eine Lektüreempfehlung. Sie haben mitunter eine vertrackte Neigung, die Überbringer einer Ihnen missliebigen Botschaft zusammen mit dieser in den Brunnen zu werfen. Besonders lauter ist das nicht.
      Mit bestem Gruß
      Wolfgang Brauer

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Herr Brauer,
      ich habe geschrieben „verlinkt“ – also mitnichten behauptet, dass es sich „um einen Artikel einer unserer Autorinnen oder Autoren – oder gar eine Positionierung der ´Blättchen´-Redaktion“ handelt.
      Aber schon „eine Lektüreempfehlung“ dieses Textes durch das „Blättchen“ halte ich tatsächlich für höchst fragwürdig.
      Freundlichen Gruß
      Stephan Wohanka

  16. Lieber Günter Hayn,
    vielen Dank! Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen! – Ich darf – Ihre Beobachtungen und Argumente nachdrücklich unterstützend – an dieser Stelle ein 2018 erschienenes Buch von Klaus Weber empfehlen: „Resonanzverhältnisse. Zur Faschisierung Deutschlands. Politisches Tagebuch“. Weber, in Bayern zu Hause, hat zwei Jahre lang akribisch Rundfunk-, Fernseh- und Zeitungsmeldungen verfolgt und analysiert, dazu (natürlich anonymisiert!) Alltagsgespräche, und das Ergebnis illustriert aufs Überzeugendste die Ergebnisse jüngster Meinungsumfragen zur Akzeptanz einer möglichen Zusammenarbeit zwischen Union und AfD. – Weber hat sich übrigens 2007 um die Neuherausgabe zweier höchst aktueller ARGUMENT-Sonderhefte vom Anfang der 1980er Jahre in der BRD verdient gemacht: „Faschismus und Ideologie“. Die Bände gehören zu dem großen Schatz marxistischer westdeutscher (und westeuropäischer) Faschismusforschung, der nach dem Verschwinden des osteuropäischen Sozialismus gleich mit „verschwunden“ ist. Auch damit – mit diesem „Verschwinden“ – hat das Heutige zu tun.
    Wolfram Adolphi

  17. Ralf Nachtmann sagt:

    Weißes Dreieck ohne Grund, wie schön hat Angelika Leitzke diesen casus beschrieben. Und da sage noch einer, wir wären arm!

  18. Lars Niemann sagt:

    Ich möchte auf einen Aspekt in Erhard Cromes Analyse zur Europawahl in der jüngsten Nummer des „Blättchens“ eingehen, nämlich seine Vermutung, das „entschiedene ‚Jein‘ (der Partei „Die Linke“) zur EU“ hätte zu deren schlechtem Abschneiden in Deutschland beigetragen. Abgesehen davon, dass mich schon interessieren würde, ob der Autor sich nun eigentlich eher ein klares „Ja“ oder ein deutliches „Nein“ gewünscht hätte, stimme ich ihm in der Sache schon zu. Unentschiedenheit wird von den Wähler/innen sicherlich nicht goutiert, auch wenn sie vermutlich die Stimmungslage in der Partei reflektiert. Grundsätzlich nicht entschieden scheint mir nämlich die Frage, ob die ja in erster Linie sozial ausgerichtete Programmatik der linken Parteien in Europa sich eher im nationalstaatlichen Rahmen oder in der EU umsetzen lässt. Noch viel drastischer als die deutsche Linke ist in Großbritannien Labour an der unentschiedenen Haltung zum Brexit gescheitert, also immerhin einer Frage, die für die Bevölkerung auf der Insel viel gravierender ist als die Auswirkungen der Europawahl auf die deutsche. Ich meine, dass die politischen Kräfte, die sich als „links von der Sozialdemokratie stehend“ (Crome) empfinden, und ihre Anhänger/innen hier schon entscheiden müssen. Auch wenn es zum einen keine hundertprozentige Sicherheit gibt, die richtige Entscheidung zu treffen und wenn es in jeder Richtung Wählerstimmen kosten kann und wird. Es sind vor allem zwei Überlegungen, die mich dazu veranlassen, bei aller berechtigten Kritik, die EU stark zu befürworten und dies auch von allen Parteien des linken Spektrums zu erhoffen. Zum einen glaube ich, dass die globale ökologische Krise mit all ihren Auswirkungen derzeit und für die absehbare Zukunft tatsächlich im Vordergrund steht und stehen muss. [Zwei kleine Nebenbemerkungen möchte ich mir hier gestatten: Nein, Herr Crome, die Grünen geben keine „einfachen Antworten“, sondern sind auf der Suche nach Antworten auf die zentralen Fragen der Zeit. Und: Natürlich sind soziale Ungleichheit, ungerechte Besitzverhältnisse, Ausbeutung real und müssen Gegenstand der politischen Auseinandersetzung sein, aber wir müssen auch endlich zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht die einzigen großen Konflikte sind und nicht unbedingt die wichtigsten und schon gar nicht diejenigen, die die „Massen“ (Crome) am meisten bewegen. Die Geschichte lehrt doch eindeutig, dass das eher selten der Fall ist, so sehr sich dass viele Sozialist/innen auch gewünscht haben mögen.] Und deren Lösung, wenn sie denn überhaupt noch möglich ist, kann nur global erfolgen, wobei einzelne Länder vorangehen müssen, aber nur in Staatenbünden wie der EU überhaupt eine Chance auf Wirkmächtigkeit haben. Zum anderen erscheint es mir ausgemacht, dass die junge Generation in Deutschland (und anscheinend auch im europäischen Ausland) „pro-europäisch“ eingestellt ist. Parteien, an deren genereller Zustimmung zum europäischen Einigungsprozess Zweifel bestehen, dürften für gebildete junge Menschen kaum wählbar sein.

  19. Wolfram Adolphi sagt:

    Sehr geehrter Herr Wohanka, meine Antwort kommt spät, denn irgendeine Kommunikationsbremse hatte sich in die Festnetz- oder Mobilfunkleitung eingenistet, aber jetzt ist sie da, die Antwort, und sie lautet: Ich kann gegen Ihre Ermüdung nichts tun. Was ich sagen wollte im Artikel, steht drin, und mit der Aufforderung, etwas anderes reinzuschreiben, kann ich nichts anfangen. Wie ich auch mit raunenden Bezügen auf deutsche Vergangenheiten in Bezug auf China absolut nichts anfangen kann. Also: Blättern Sie einfach weiter, es stehen so viele andere schöne Dinge im Blatt.

    Nun hat die Verzögerung der Antwort aber auch einen Vorteil. Gerade ist mir Frank Sierens neues Buch „Zukunft? China!“ in die Hand gefallen. Sieren widmet es – wie zuvor schon Theo Sommer das seine (siehe meine Besprechung im März) – seinen Enkeln, aber im Unterschied zu Sommer pflegt er nicht das alte Feindbild neu ein, sondern berichtet in der Einleitung von dem Widerstreben, das ihn erfasst hat, als er einen Satz über die chinesischen Kommunisten dergestalt formulierte, dass sie sich „in den letzten Jahren weitgehend nicht nur als machtvoll, sondern auch als friedliebend, weitsichtig und pragmatisch“ erwiesen hätten. „Alles, was ich gelernt habe, wehrt sich dagegen“, lässt er seine Enkel wissen, und dann hat er ihn dennoch aufgeschrieben, diesen Satz, hat das Widerstreben besiegt, und demonstriert im weiteren Text, was Umlernen sein kann.

    Schöne Grüße
    Wolfram Adolphi

    • Stephan Wohanka sagt:

      Sehr geehrter Herr Adolphi,
      ich danke für Ihren Brief. Sie vermeiden zwar, sachlich zu argumentieren respektive schieben Herr Sierens vor – trotzdem Dank; auch für Ihren Tipp, in Zukunft Ihre Texte nicht mehr lesen zu sollen. Ich werde mich daran halten.
      Was Herrn Sierens angeht, so habe ich zu ihm und von ihm nun einiges gelesen und meine, bei ihm eine Ihrer Argumentation gegenüber in Teilen differenzierte vorzufinden. Auch den von Ihnen zitierten Satz fand ich.
      Ich schreibe dies um den 30. Jahrestag des – ja, was? Massakers oder besser doch nur der „Vorkommnisse“ auf und um den Tiananmen-Platz und in ganz China. Das Medienecho weltweit ist groß. Der chinesische Verteidigungsminister Wei Fenghe sagte am 2. Juni 2019 in Singapur, die Proteste seien politische Unruhen gewesen, die die Regierung habe bezwingen müssen: „Deshalb ist China stabil“. Er könne nicht verstehen, wieso China noch immer vorgeworfen werde, „den Vorfall nicht korrekt gehandhabt zu haben“. Hat China ihn „korrekt gehandhabt“? Ich versuch´s noch einmal – schreiben Sie doch darüber! Meine Zusage brechend – diesen Ihren Artikel läse ich!
      Freundliche Grüße
      Stephan Wohanka

    • Manne Murmelauge sagt:

      Der neue Wohanka-Beitrag zu Adolphi. Soll es eine gute Idee sein, wenn der eine Autor dem anderen Autor anträgt, das zu schreiben, was er selber nicht kann oder nicht will? Ich zweifle.

  20. Ralf Nachtmann sagt:

    So sarkastisch, wie der Autorenname einzureden versucht, ist die Analyse des Londoner Szenariums gar nicht. Dennoch beruhen deren Annahmen auf mehreren „Grundfehlern“. Da ist zum einen der beschriebene, dass die Russen eh nicht kommen, und dies wohl nicht allein aus „Lustlosigkeit“. Vielmehr wird außer Acht gelassen, dass die USA selbst nach einem (aus unserer Sicht vielleicht wünschenswerten?) Austritt aus der NATO ihre Grundidee von – ich nehm jetzt mal diesen lapidaren Begriff – der Weltherrschaft mitnichten aufgeben werden. Eher im Gegenteil. Was bedeutet dies im Falle eine „Zuspitzung der Lage“ in Europa? Dass die Amerikaner die vermeintlich und wohl tatsächlich geschwächte militärische Ostflanke Russlands auszunutzen versuchen. Immerhin haben sie in Japan einen treuen Vasallen.
    Tatsächlich ist es für Europa (das Schlimme an dieser so oft gebrauchten Formulierung ist, dass sie Russland als Nicht-Europa bezeichnet) tendenziell eher unproblematisch, mit einem vermeintlichen Aggressor Russland „fertig“ zu werden. Das es ja nicht mehr darum geht, den Sozialismus mit seinem teils recht sonderbaren Wirtschaftssystem einzuführen, wie es weiland Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili für toll erachtete, reicht ein dreimonatiger ökonomischer Komplett-Boycott (und sei er durch „passiven Widerstand“ der Käuder erreicht), um jedes angriffige Vorhaben ad absurdum zu führen. Wenn ich das weiß, wissen das die russischen Führer erst recht, und zwar mindestens genauso lange wie ich. Darüber hinaus muss doch jedem klar sein: Wegen drei sumpfigen Äckern und einer Handvoll ohnehin auch künftig unbotmäßigen „Untertanen“ hat zuletzt nur das „alte Rom“ seine Truppen in den Kampf geschickt. Genutzt hat es auch denen auf Dauer nichts.
    Russland fährt eine andere Strategie. Solange Westeuropa sich als „Ami-Knecht“ auf eine Weiterführung des „Verachtungs-Modus“ einlässt, sucht man diese „Gemeinschaft“ eher im Inneren zu zermürben. Den Westdeutsch-Französisch-Britischen Hochmut haben ja Osteuropäer genügend zu spüren bekommen. Das kann gar nicht alles mit Geld zugeschmiert werden. Spätestens, wenn es zur (leider in absehbarer Zeit nicht erwartbaren) Aussöhnung zwischen Russland und Polen kommt (wie auch immer die aussehen mag, sie wird in der Nach-Kaczinski-Ära irgendwann vonstatten gehen), hat die westeuropäisch geprägte EU ein Krisenproblem. Da helfen dann auch die hastigen Aufnahmen von Albanien Mazedonien und des Operetten-Staates „Kosovo“ nicht mehr.
    Eine Anmerkung zum Schluss noch: Wenn Wladimir Putin den Zerfall der Sowjetunion sinngemäß als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts sieht, hat er eines nicht bedacht: Den Zerfall Roms, den Zerfall des Karolingerreiches, den Zerfall des Habsburgerreiches. Möglicherweise setzt er – späte Erkenntnis – auf den Zerfall des Brüsseler Reiches. Könnte doch sein, oder?

  21. Stephan Wohanka sagt:

    Emil Noldes braune Weste von Wolfgang Brauer
    Es ist eine Koinzidenz – Wolfgang Brauer gibt den bekannten Vorgang zur Kenntnis, dass Kanzlerin Merkel die Nolde-Bilder im Kanzleramt abhängen ließ, auch keine neuen für die Wände dort wünsche und das Landgericht Dessau-Roßlau entschied, das „Judensau“-Relief an der Predigtkirche Martin Luthers in Wittenberg nicht entfernen zu lassen, wie es ein Kläger gefordert hatte.
    Merkel verzichtet auf Noldes großartige Kunst, da dieser – wie Brauer schreibt – schon Jahrzehnte vor den Nazis ein straff bekennender Antisemit, ein Kämpfer gegen den „jüdischen Kulturbolschewismus“ war. Merkel (oder auch niemand sonst meines Wissens) fordert nicht die Zerstörung der Bilder Noldes, sondern will diese nicht mehr stets vor Augen haben respektive diese nicht dadurch auszeichnen, dass sie an exponierter Stelle gezeigt werden. So ist, denke ich, ein Umgang mit Noldes „Schuld“ angemessen – man positioniert sich dazu, ordnet die causa Nolde in die Zeitbezüge ein, zeigt ihn aber weiterhin in Museen und Ausstellungen.
    Es wäre daher höchst fragwürdig, ja unsinnig und ahistorisch, das in Rede stehende 700 Jahre alte Kirchen-Relief herausschlagen zu sollen; wo hört man da auf? Auch andere höchst berühmte Kirchen wie in Köln, Erfurt und Regensburg „zieren“ an unterschiedlichen Stellen Jahrhunderte alte antisemitische Bildwerke aus Stein und Holz. Alle beseitigen? Nein – zeigen, benennen, den kulturhistorischen respektive -politischen Kontext in möglicher Nähe zum Bildwerk erörtern; nicht anders!
    Die Sache hat Weiterungen. Kinderbücher sind wohl schon umgeschrieben worden; Kunstwerke, aus „männlich-dominanter“ lüsterner Sicht auf Frauen geschaffen und letztere in Wort oder Bild darstellend werden übermalt oder verhängt; nochmals – wo dann aufhören? Angefangen hat es…

    • Wolfgang Brauer sagt:

      Nein, die Sache verhält sich anders. Die Wittenberger „Judensau“ ist ein antisemitisches Machwerk, das den für die christliche Glaubenspraxis des Mittelalters existenziellen Judenhass am Kochen halten sollte. Das Herunterhacken wird immer wieder mal vorgeschlagen. Neu ist, dass jetzt die Gerichte in der Sache bemüht werden. Das hat schon eine andere Dimension als das moralin-tumbe „Säubern“ von Kinderbüchern. Wer sich mit der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur auseinandersetzt wird merken, dass solches Tun seit gut 200 Jahren in Deutschland üblich ist. Wenn der Kläger Michael Düllmann seinen Vorstoß ernst meint, muss er das Neue Testament verbieten lassen.
      Emil Noldes „Brecher“ und gar „Thersens Blumengarten“ jedoch sind nun wahrlich keine antisemitischen Bilder. Sowas hat Nolde nie gemalt. Das Auge und das Empfinden des Künstlers Nolde waren (fast) immer stärker als das Denken des tatsächlich von Beginn seiner Künstlerkarriere an immer wieder in völkischen Fieberträumen herumtorkelnden Emil Hansen. Der war ein übler Judenhasser. Das Bild hingegen: Ich finde den Umgang mit „Brecher“ in dieser Ausstellung hochgradig peinlich. Die Aktion des Kanzleramtes ausgerechnet im Vorfeld der besprochenen Ausstellung hat ein Geschmäckle.
      Wenn Nolde gelegentlich versucht hat, „rassisch rein“ zu gestalten, geriet das fast immer an die Grenze völkischen Kitsches, den er selber nicht mochte. Die Wikinger-Bilder sind ein Beleg dafür. Vor dieser blonden Blässe floh er nicht zufällig zu seinen flammenden Sommerblumen. Die haben allerdings nie wieder die Intensität der expressionistischen Jahre erreicht. Der Verrat des Mannes Emil Hansen an der Kunst des Malers Emil Nolde hinterließ Spuren auch in dieser Kunst.
      Mit den in Deutschland allzugern gebrauchten Kategorien von „Schuld“ oder „Nicht-Schuld“ kommt man dieser tragischen Figur nicht näher. Den „Persilschein“ hat er sich selber organisiert. Ein „Täter“ im justiziablen Sinne war Nolde-Hansen nicht. Emil Hansen war ein erbärmlicher Mensch. Emil Nolde ist ein großer Künstler.

  22. Stephan Wohanka sagt:

    Gegen China? Unfug! von Wolfram Adolphi
    Adolphi schreibt: „Nun sendet China Signale, dass es sein Seidenstraßen-Konzept als Teil einer weltweiten Friedens- und Harmonieoffensive betrachtet“ – wie die Chinesen das Projekt betrachten, ist das eine; mich hätte interessiert, wie der Autor selbiges sieht. Soll jetzt am chinesischen Wesen … ? Warum widmet sich der China-Kenner nicht wirklich strittigen Fragen wie zum Beispiel der, dass China im Widerspruch zu internationalem Recht Ansprüche auf riesige Seegebiete stellt? Ich hatte ihn schon einmal indirekt danach gefragt… Die permanente Beweihräucherung Chinas entgegen dem eigenen Credo „Realitäten zur Kenntnis zu nehmen“ ist allmählich ermüdend.

  23. Rudolph Caracciola sagt:

    USA – Iran: „Die Zeichen deuten auf Krieg“, meint Josef Braml, der USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Zum Volltext aud den Link klicken: https://usaexperte.com/2019/05/14/us-iran-beziehungen-die-zeichen-deuten-auf-krieg/#more-1500

  24. erhard weinholz sagt:

    Nun, Herr Jantke, Sie scheinen etwas zu verwechseln: Es ging mir nicht um die Grammatik, sondern die Moral bzw. Unmoral. Da sind erheblich mehr Steigerungsstufen möglich als nur drei. Und falls Ihnen meine ganze Richtung nicht passt: Schlagen Sie doch selber vor, wie man den Lobpreis eines Systems bezeichnen sollte, das an Brutalität in neuerer Zeit nur selten übertroffen worden ist und an Perfidie wahrscheinlich überhaupt nicht. Vielleicht als tiefes Verständnis für die Dialektik des Fortschritts? Ich bin gespannt.

  25. Hilmar Jantke sagt:

    Werter Herr Weinholz, können Sie mir helfen? Bringen Sie doch bitte die von Ihnen teilweise verwendeten Steigerungsformen für die Adjektive zur Hacks-(DDR)-Literatur in die bekannte Reihenfolge Positiv – Komparativ –Superlativ. Gilt: abseitig – pervers – entartet oder gilt: pervers – abseitig – entartet oder gilt: entartet – pervers – abseitig… Sie erkennen sicher auch das zusätzlich enthaltene mathematische Problem der Permutation in dieser Problematik. Könnte eine Sachaufgabe fürs kommende schriftliche Abitur werden? (Oder in den Fächern Gemeinschaftskunde oder Deutsch-Literatur.)

  26. Wolfgang Brauer sagt:

    „Feige, wie das Feuilleton ist…“ – ja, darauf kann man sich einigen. Und das ist noch die harmloseste Zustandsbeschreibung. Ich bin mir nicht ganz so sicher, wer die größeren stalinistischen Anwandlungen hatte (hatte?): der Hacks oder die Müller-Schule. Wenn man denn den Begriff „Stalinismus“ nicht nur an Josef W. festmacht … Ich denke, der Hacks kommt bei solch Vergleich noch ganz gut weg.
    Ich bleibe dabei: Künstler sprechen durch ihr Werk. Hauptsächlich. Auch wenn meine derzeit noch lebenden (hoffentlich noch sehr lange lebenden) Freunde mit solch Profession sich jetzt auf den Schlips getreten fühlen: Das ist absolut ernster zu nehmen als die politischen Gelegenheitssprüche. Auch wenn die manchmal verheerende Wirkung haben, nicht zuletzt für sie selbst. Dem Goethe nahm man seinerzeit auch übel, dass er z.B. an den sogenannten Befreiungskriegen „nichts Bedeutendes“ fand. Dann schrieb er auch noch islamfreundliche Gedichte. Sein Jahrhundert kam ganz konsequent erst mit dem 20. – das 19. gehörte Schiller.
    Hacksens Zeit kommt erst noch. Wolf Biermann wird dann keiner mehr kennen. Dann wird man (vielleicht) seine Texte von vor 1976 ausbuddeln und sich fragen „Ja, und deswegen haben die solchen Streß gemacht?“ — Ach, lassen wir uns nicht verhärten in dieser harten Zeit …

  27. erhard weinholz sagt:

    Von Geibel – wie Hacks ein großes Formtalent – ist geblieben „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus … “ Viele wissen gar nicht, dass die Zeilen von ihm stammen. Was könnte von Hacks bleiben? Vielleicht die Kindergeschichten, die ja eher für Erwachsene geschrieben sind. Aber selbst da gehen mir, bei allem Vergnügen an der Sache, das Manierierte und, sofern vorhanden, die politische Tendenz auf die Nerven. Weshalb soll ich mich mit dem Werk eines Autors befassen, der bei dem, was die hiesigen Germanisten immer so schön als „Epochenproblematik“ bezeichnet haben, komplett danebengehauen hat, und zwar in mehr als einer Hinsicht? Der statt von Wirklichkeiten von Ideologien redet? Es ist zwar schwer zu sagen, was bleibt von der Literatur einer Zeit, und die Antwort hängt auch immer davon ab, wen man als Aufnehmenden im Blick hat, aber das Ideologisierte geht fast immer unter. Es werden sich vielleicht in hundert Jahren (falls die Menschheit diese nächsten hundert Jahre überlebt) immer noch einige Freunde des Abseitigen oder Perversen finden, die sich an Hacks‘ Werk ergötzen können – aber mehr ist wohl kaum drin. Allein schon deshalb, weil es zu viele andere gibt, die zu lesen eher lohnt.

  28. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Porträt eines Jahrhundert-Dichters von Wolfgang Brauer
    Einer der letzten Sätze des Text lautet so: „´Wer Hacks liest, bekommt eine Ahnung davon, welche Macht die Kunst in einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus entfalten könnte´, schreibt Weber“. „Macht der Kunst“ ist das eine; der in Rede Stehende reüssierte auch mit politischen Einlassungen, wie auch zu lesen ist; dazu ein paar Sätze…
    Ich will gar nicht vorrangig auf Hacks´ Äußerungen wie Stalin habe Russland „in keinem schlechten Zustand“ hinterlassen rekurrieren oder auf seinen mehr als befremdlichen Rückblick auf die DDR der 60er Jahre: „Sie konnten machen, was sie wollten, sie kamen nicht ins Gefängnis“. Dazu passend Stuss wie: „Die Stasi tat doch keinem was“ und auch, in den 1989 demonstrierenden DDR-Bürgern ein „Lumpenkleinbürgertum“ zu sehen. Ach und desgleichen noch nostalgisch: „Der Erdenwunder schönstes war die Mauer“.
    Vielmehr will ich auf auf einen Artikel Hacks´ in der „Weltbühne“ (Nr. 49 vom 01.12.76), in deren Tradition das „Blättchen“ immerhin steht, zur Ausweisung Biermanns verweisen. Während der Text wohl nicht im Netz zu finden ist, ist aber ein Satz, eine Enthüllung, eine Dekuvrierung des Autors ikonographischen Charakters leicht auszumachen: „Böll, man kennt ihn, ist drüben der Herbergsvater für dissidierende Wandergesellen. Biermann hat in seinem Bett übernachtet, und ich hoffe, er hat nicht noch Solschenizyns Läuse darin gefunden“. Die Sorge um Biermanns möglichen Läusebefall verstellte Hacks den Blick, denn ihm hätte doch auffallen können, ja müssen, dass die Ausbürgerung eines Künstlers aus einem deutschen Staat ein ungeheuerlicher Vorgang ist und so seinem bundesdeutschen „Nazistan“ ein realsozialistisches hinzutrat. Hacks bekam auf seinen Text hin viele Briefe gemischter Natur; wer ihm namentlich schrieb, konnte auf eine Antwort rechnen: „Reden wir nicht von der Kunst. Die Kunst ist hier freier als in fast allen anderen Ländern, und vielleicht wird sie es trotz Biermann und Kuntze (so im Original; Lapsus, Absicht? Wohl letzteres – St. W.) bleiben. Wir reden … von Politik“. Aha. Biermann mit Günter Grass vergleichend – beide hätten „ein hübsches Talent und ein enormes Geltungsbedürfnis“ – stellte er fest, dass beiden leider „jegliches Verständnis für politische Wirklichkeit“ fehle. Man könnte meinen, Hacks meinte sich selbst, denn die politische Tragweite der Biermann-Ausbürgerung jedenfalls (und einiges mehr) verstand er nicht im Entferntesten.
    Ach so, 1964 belehrte Hacks den Biermann noch, dass Marx und Engels 1848 nicht etwa nur ein „Kommunistisches Manifest“ verfasst hätten, sondern explizit „Das Manifest der Kommunistischen Partei“. Wer sich doch so immer in die Gesellschaft von Marx und Engels drängelte…

    • Wolfgang Brauer sagt:

      Lieber Herr Wohanka,
      lesen Sie das Buch, das ich in meiner Besprechung empfehle. Sie werden dort die Anti-Biermann-Spitze und die Folgen dieses „Weltbühnen“-Textes umfänglich dargestellt finden. Ich muss Sie aber vorwarnen, Hacks hat noch Heftigeres von sich gegeben. Sie zitieren Bekanntes. Ihr Vorwurf, der Hacks habe die Tragweite der Biermann-Ausbürgerung nicht verstanden, trifft nicht zu. Im Gegenteil, Peter Hacks gehört zu den wenigen, die das sehr wohl begriffen hatten. Nachweisbar in seiner Publizistik, belegbar in seinen Stücken. Die sind allerdings Literatur, Kunst mithin. Die gehorcht anderen Regeln, ästhetischen eben.
      Seine Stalin-Elogen, gerade die nach dem Zusammenbruch der DDR, sind ein unappetitlich eigen Ding. Aber sie taugen nicht dazu, sie separat herauszupicken, um den Mann postum fertig zu machen. Das könnten sie mit (fast) jedem anderen DDR-Autoren auf die eine oder andere Art auch machen. Selbst einer so lauteren Persönlichkeit wie Christa Wolf ist das widerfahren. Sie reflektiert das in „Stadt der Engel“ auf eine sehr zurückhaltende Weise. Das könnte man auch an (fast) jedem westdeutschen Schreibenden exekutieren. Das bringt es eben mit sich, wenn sich Dichter aus dem Elfenbein-Turm herunterbewegen und sich einmischen. Und die, die oben drinnen hocken bleiben, mischen sich auch ein. Sie werden in doppeltem Sinne des Wortes gebraucht.
      Lesen Sie das Buch von Ronald Weber und Sie werden mehr – auch Erschreckendes über Hacks – wissen. Der Band gehört zu der seltenen Art von Büchern, aus denen man klüger rauskommt, als man reingeht. Und was den Hacks angeht: Ich empfehle Ihnen „Ascher gegen Jahn“, dann werden Sie möglicherweise etwas zurückhaltender die verbale Zuchtrute schwingen.
      Sie müssen ihn aber auch nicht lesen. Dann sollten Sie ihn aber auch mit etwas mehr Gelassenheit betrachten.
      Beste Grüße
      Ihr
      Wolfgang Brauer

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Herr Brauer,
      ich danke Ihnen für Ihre verständnisvollen Zeilen. Ja, ich bin Hacks wohl auf den Leim gegangen, habe mich provozieren lassen von einem Provokateur; denn ein solcher ist Hacks: Um Auskunft zur Person gebeten, teilte er mit: „Er ist Schriftsteller; sein Leben enthält keine äußeren Ereignisse“. Auch die Einlassungen um die Biermann-Ausbürgerung können – wenn Hacks deren politische Brisanz klar war, wie Sie sagen – nur als Affront verstanden werden. Und das ist umso irritierender, weil es sich bei der Ausbürgerung Andersdenkender um eine Nazi-Methode handelt, die namentlich für die „antifaschistische“ DDR ein Tabu hätte sein müssen. Ich denke schon, dass diese Invektive es Beobachtern schwer machten und noch machen, über die sich auftuende Differenz zwischen dichterischer Genialität und dem teils misanthropen Charakter einfach hinwegzusehen. Muss man einem solchen Mann daher nicht kritisch, ja unhöflich, gar „rückprovozierend“ begegnen?
      Ich habe inzwischen verstanden – Sie machen darauf aufmerksam -, dass nichts in seinen Texte und Aussagen zufällig ist, dass seine Rede zwischen Kunst, Literatur, somit Ästhetik und Politik changiert und zugleich ein „durchsemantisiertes Universum“ bildet; bis hin zu politischen und historischen Kalauern und Üblerem. Aber muss dann nicht die Frage erlaubt sein, inwieweit es zulässig sein kann, das Publikum auf den Arm zu nehmen, ohne Verwerfungen, ja menschlich und politisch Bedenkliches zu bewirken? Oder nicht mehr ernst genommen zu werden? Sein literarischer Rang bleibt davon unberührt – ein galliger Beigeschmack bleibt.
      Ein Kritiker schreibt: „Das den Narzißmus wärmende Feuer öffentlicher Aufmerksamkeit lieferten nur noch die beiden unbedeutenden Postillen ´Junge Welt´ und ´Konkret´; die gesamte Hacksrezeption dieser Jahre (im letzten Lebensjahrzehnt – St. W.) fand im linkssektiererischen Milieu statt. Hacks gab den letzten verbliebenen Affen Zucker, indem er weiterhin jenen halsstarrigen Stalinismus predigte, dem er zeitlebens aus Überzeugung treu geblieben war. Feige, wie das Feuilleton ist, setzte die Rehabilitation des Dichters erst nach seinem Tode ein“. Namentlich das Letztere ist – glaube ich – nicht falsch.
      Herzlich
      Stephan Wohanka

  29. Waldemar Landsberger sagt:

    Der ungarische Kulturwissenschaftler Ákos Szilágyi schrieb bereits im Jahre 1992: „Der ‚Stalinismus‘ ist nicht mehr unser Feind. Er ist vielmehr unser Gegenstand. Wir können ihn in die Hand nehmen, wenden und betrachten wie einen schlechten Zahn, unter dem wir noch vor kurzem so gelitten haben: ‚Das war er also!‘ Kurz, wir können mit ihm bereits machen, was wir wollen, und das muss den Interpreten zur Vorsicht mahnen. Hass und Begeisterung, Ekel und Andacht gehören zur Geschichte des Gegenstandes und sind selbst schon Gegenstand. Niemand lasse sich dadurch täuschen, dass die zu allem entschlossenen Freiheitshelden, die unbestechlichen Streiter für Rache und Abrechnung gerade jetzt – für die Dauer eines Szenenwechsels – in Osteuropa die Bühne betreten, um dem toten Monster tollkühn das Schwert ins Herz zu stoßen, mit dem theatralischen Ausruf: ‚Büße, Elender!‘ Die dem Monster zu dessen Lebzeiten nicht entgegenzutreten wagten oder es nicht wollten, ob sie nun seine leidenden Opfer, schwärmerischen Sklaven oder andächtigen Priester waren – sie gehören heute ebenfalls dem Gegenstand… Wir sind nämlich keine Sieger. Überlebende sind wir. Wenn uns nun, aus der Gnade der Geschichte, als Gegenstand in die Hände kommt, was unser Leben – Schicksal, Institution, Denkweise, Alltäglichkeit der Macht – ausmachte, sollten wir es zunächst einmal in Augenschein nehmen. Die zeitliche, geschichtliche Distanz zum Geschehenen ermöglicht eine neue, in diesen Breiten ungewöhnliche, aber vielleicht nicht unfruchtbare Betrachtungsweise: die der Sachlichkeit. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich spreche nicht von Gleichmut, Objektivität, sondern von der Freiheit, uns von den obligatorischen Interpretationen des Gegenstandes zu lösen..“ Mit Blick auf die „Jubiläen“ von 2019/20 haben wir es wieder mit dem anschwellenden Bocksgesang – um mal ein berühmtes Dichterwort zu zitieren – der obligatorischen Interpretationen zu tun. In der staatspolitischen Propaganda werden dann auch „die Barrikaden“ immer höher.

  30. Birgitte Nyborg sagt:

    Das aufmerksame Studium der “Herzenssachen” von Herrn Weinholz (in Nummer 9/2019) läßt den geneigten Leser des damit der Öffentlichkeit preisgegebenen Bulletins vermuten: es steht nicht zum besten. Weniger hinsichtlich eines befürchteten medizinischen Befundes, aber voll hinsichtlich des ausgebliebenen vertrauensvollen Gesprächs zwischen dem bangenden Patienten und dem medizinischen Personal. Das verdient gewiß ein Höchstmaß an negativ kritischer Würdigung – und die geht bei unserem Informanten so: “Sind wir – “wir” wird nicht näher erläutert, aber Herr Weinholz nimmt offenbar einen vorderen Platz dabei ein – nicht auch wegen der miesen Informationspolitik der SED einst auf die Barrikaden gegangen?”
    Der Gebrauch dieses Bezugs läßt keinen Zweifel am Höchstmaß seiner Mißbefriedigung. Wie aber steht es um die Zuverlässigkeit der Erinnerungen an “einst”? Wo waren “die Barrikaden”, die offenbar kühn erklommen wurden? Selbst die Stasi-Zentrale wurde nach meiner Erinnerung von außen zugemauert. Und dies wurde bislang auch noch (?) nicht als Kampf auf, um und gegen Barrikaden qualifiziert.
    Gerade bei Herzenssachen ist Irrtum offenbar nicht ausgeschlossen; aber mildernde Umstände wären in diesem Fall aussichtsreich geltend zu machen.

    • erhard weinholz sagt:

      Aha, aha, ich dachte schon, das Forum sei, nachdem ein gewisser …. Gott, wie hieß er denn … sich nicht mehr zu Wort meldet, sanft entschlafen (was vielleicht auch kein großer Verlust gewesen wäre). Und wie ich sehe, werden meine Texte nicht nur veröffentlicht, sondern sogar gelesen! Zum sachlichen Gehalt der Zuschrift: „Auf die Barrikaden gehen“ ist bekanntlich eine Redewendung, reale Barrikaden sind für so einen Gang also keine Voraussetzung, man kann ihn allerorts und jederzeit antreten. Eine sehr praktische Sache also.

  31. Wolfgang Ernst sagt:

    Heute ist auch die Zeitung „Neues Deutschland“ zum Thema German Fake News in blindem Eifer auf die Leimrute gehüpft, die die deutschen Dienste, Claus Kleber und die CDU ausgelegt hatten. Glückwunsch zum rückgratlosen Mainstreaming!

  32. Lutz Mühlfriedel sagt:

    Thomas Behlert sei Dank für sein Loblied auf die deutsche (sic!) Rock-TV-geschichtliche Publikationstätigkeit des Labels MIG-Music in seinem Beitrag „Rockpalast für Ever!“ aus Das Blättchen 08/2019. Nun sollte die Begeisterung für die altgediente Kultsendung des WDR allerdings nicht so weit reichen, das einst Ost- und Westrockfans vereinende TV-Event – gewissermaßen schimärenhaft – als eine DDR-Veranstaltung unter der Ägide des Zentralrats der FDJ zu halluzinieren, zu der ein im Blauhemd auf der Bühne erscheinender Albrecht-Metzger-Lookalike die folgenden Worte hervorschmettert: „Liebe Freunde, heute zu Gast BEI UNSEREM Rockpalast …“. Wie ein leicht zu bewerkstelligender Check-Up zahlloser Mitschnitte der „Rockpalast“-Sendungen ergeben würde, lautete die legendäre Formel (‚für Ever!‘) „Liebe Freunde, heute zu Gast BEI UNS IM Rockpalast …“. Krümelkackerei? Vielleicht – doch Damals-Dabeigewesene akzeptieren Überlieferungen von Legenden eben nur, wenn deren legendärer Gehalt dabei auch erhalten bleibt.

  33. Wolfram Adolphi sagt:

    Liebe Ingeborg Ruthe, mein Dank kommt spät, aber er kommt: Vielen Dank für diesen ausgezeichneten Beitrag über Alfred Hrdlicka! Bitte mehr von dieser Art!
    Wolfram Adolphi

  34. HWK sagt:

    Die Welt bejubelt das erste Foto eines schwarzen Loches. Als gäbe es nicht bereits hunderte Aufnahmen vom BER…
    HWK

  35. Rainer Rau sagt:

    soviel zum Thema unendliche Erdölprodukte.

  36. HWK sagt:

    Die Getreideproduktion, so ist derzeit zu lesen, liegt unterhalb des weltweiten Bedarfs zwecks hinreichender Ernährung. Schlimm, keine Frage. Leider wird unterschlagen, dass die Petrolchemie dafür längst eine veritable Lösung gefunden hat. Der pflanzlich so massiv gewonnene Biosprit ist dank der wissenschaftlichen Innovationskraft dieser Branche mittlerweile dergestalt weiterentwickelt worden, dass er sorglos auch als Energy-Drink verzehrt werden kann, was die befürchteten Defizite der Getreideproduktion und damit der verfügbaren menschlichen Ernährungsbasis mehr als nur aufwiegt. Selbst geschmacklichen Wünschen vermag das neue Tankstellenprodukt zu entsprechen, z.B. in Form von Biosprit mit Knäckebrot- oder auch Baguettearoma. Aber darüber schweigen die linksversifften Medien natürlich.
    HWK

  37. Rita Werner sagt:

    Ersticken durch Umarmung – Greta Thunberg darf grade leibhaftig erleben, wie man liebevoll vereinnahmt wird. Ein Treppenwitz nebenher: Auf jener Filmpreis-Gala, wo sie von den Schönen und zumindest nicht eben Prekären mit standing Ovations gefeiert wurde, schenkte Hauptsponsor Volkswagen – natürlich ebenfalls beifallsbedacht – der Gewinnerin des Nachwuchspreises einen VW T-Cross, also eine Spritschleuder vom Feinsten…
    Honi soit qui mal y pense.

  38. Rita Postler sagt:

    Es wärmt doch wrklich das Herz, wenn man auf solch fundierstes Humorverständnis stößt.
    „Dame“ Postler

    • Manne Murmelauge sagt:

      Ihr „Humor“ trifft allerdings exakt Tonfall und Gestus, in dem derzeit die politisch korrekten Exorzisten die obrigkeitsstaatliche Sprachverhunzung sowie die dritte Klotür verteidigen.

    • Wolfgang Schwarz sagt:

      Hinweis der Redaktion:
      Persönliche „Komplimente“ dürften nun hinreichend ausgetauscht sein.
      Weitere Freischaltungen, sobald es wieder „zur Sache“ geht.

  39. Rita Postler sagt:

    Sehr geehrter Herr Pfeiffer,
    das von Ihnen Angeführte könne man nicht aussprechen? Mag sein, aber auch dafür ließe sich in einem gendersolidarischem Selbstverständnis eine Lösung finden. Warum eigentlich können wir nicht statt all dieser Sternchen und/oder Unterstriche im Oralen jenen Klicklaut einführen, der bereits ewig zur Lautsprache der südafrikanischen Xhosa gehört, auch hierzulande vielleicht bekannt dank Miriam Makebas „Klick-Song“. Sicher, wir alle müßten uns ein wenig Mühe geben, diese Sprachtechnik zu erlernen, aber das wäre doch die Mühe wert, oder? Immer eingedenk auch der Marxschen Mahnung: „Die Philosophen haben die Welt nur interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu vergendern“.
    Rita Postler

    • Manne Murmelauge sagt:

      Liebe Dame, der Unterschied ist nur, Marx wollte die Welt verändern, Sie die Sprache.

  40. Otto Pfeiffer sagt:

    Liebe Blättchen-Redaktion,
    ich gestatte mir eine Bemerkung zu Eurer Bemerkung zur angeblich „geschlechtergerechten Sprache“:
    Ich bin da ganz bei Daniela Dahn. Außerdem geht es bei Lichte besehen doch gar nicht um geschlechtergerechte Sprache, sondern um geschlechtergerechte Schrift! Alle europäischen Sprachen benutzen Buchstabenschriften, wo man aussprechen kann, was man schreibt – und keine Hieroglyphen wie die alten Ägypter. Und ich zumindest mag LehrerSternchenInnen, PolitikerUnterstrichInnen oder SchülerBinnenIInnen nicht aussprechen. Übrigens: Warum hat noch niemand von den Verfechtern und Verfechterinnen der Geschlechtergerechtigkeit gefordert, das Bundeskanzleramt in Bundeskanzlerinnenamt umzubenennen? Sie meinen doch nicht etwa, dass sich das nicht mehr lohnt, weil Frau Kramp-Karrenbauer es doch nicht werden wird?
    Mit freundlichen Grüßen

  41. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Antworten – Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Chefin

    Ich bin nicht sicher, ob ich den Satz „Also, wir bleiben … dabei, dass Sie im Vergleich zu Ihren Alternativen Friedrich Merz und Jens Spahn die bessere Wahl waren“ heute noch mittrüge. Ist nicht eher schon erwiesen, dass AKK keine „gute Wahl“ ist?
    Der „geschmacklose Witz“ – geschenkt. Böser die Verschlimmbesserung, das deutsche Volk als „das verkrampfteste Volk, das auf der Welt rumläuft“, zu beschimpfen. Ein Kollektiv für die eigene Befindlichkeit in Haftung zu nehmen, ist schon happig. Weiter: Wenn „die wirklichen Probleme“ des Landes „die Stärkung der Wirtschaft, der Schutz der Außengrenzen, die Abschiebung straffälliger Asylbewerber und der Bundesfinanzminister, der nur an die SPD-geführten Ministerien“ seien, dann drängt sich mir schon der Gedanke auf: Betreibt die Frau anstelle von Seehofer jetzt innerhalb der Union die Geschäfte der AfD? Ihre Einlassung „Die einzigen, die Schengen derzeit perfekt nutzen, sind kriminelle Elemente und nicht die Sicherheitsbehörden“ verstärkt meinen Eindruck. Während Macrons Ideen für Europa wenigstens in Teilen – sicherlich auch bedingt durch die Gelbwesten-Proteste – einen sozialen Part haben, kommt AKK auf den grotesken Vorschlag, einen europäischen Flugzeugträger bauen zu wollen…
    Alles in allem – die Frau bewegt sich konsequent in eine Richtung durch die politischen Kulissen dieser Republik; diese Richtung ist weniger konservativ denn rechts. Von einer „tiefschwarzen CDU-Vorsitzenden“ ist zu lesen.

  42. Klaus-Dieter Grimmer sagt:

    Fortsetzung meines Textes vom 8.03.2019
    …Jetzt wirbt er laut polternd dafür, für seine ehemaligen Landsleute im Schwarzen Meer ein Bermudadreieck zu schaffen, so geschehen auf der Sicherheitskonferenz in Odessa am 1. März 2019.
    Fragt sich nur, wie er das mit den in der bankrotten Ukraine zur Verfügung stehenden maritimen Mitteln schaffen will. Oder er organisiert es nach dem gleichen Muster wie neulich in der Meerenge von Kertsch. Mit schrottreifen Küstenschutzbooten, die mehr an Travens Totenschiff erinnern, eine Provokation anzetteln und dann nach Art von Goethes Zauberlehrling die „Freie Welt“ zu Hilfe rufen.
    Als ehemaliger Leninpionier und Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes, auch Komsomol genannt, war er im Verlauf seines früheren Lebens bestimmt ein braver, staatstragender Bürger der Sowjetunion und hätte es sich nicht träumen lassen, einmal seine Notdurft so kräftig in das Nest seiner ehemaligen Heimat zu verrichten.
    Das Chamäleon, es möge mir den Vergleich verzeihen, ist ein Weisenknabe gegen solche Art Farb- oder Flaggenwechsel.
    Übrigens der Herr Klimkin hat Heiko Maas wegen seiner deutlichen Aussagen an die Adresse Russlands anlässlich der Sicherheitskonferenz in München heftig gelobt. Bestimmt für das Selbstwertgefühl des Genossen Maas sehr zuträglich. Wer von solchen „Politikern“ gelobt wird, braucht keine Kritiker mehr.
    Manchmal ist die Wirklichkeit ein Tollhaus und lässt sich nicht mit rationalem Gedankengut erklären.
    Mir bleibt nur eine Hoffnung, dass die Brandts, Genschers und Bahrs in der Außenpolitik mit Russland eine Renaissance erfahren. Denn diese unerträgliche und USA-hörige Stümperei in der Politik mit Russland ist nicht nur irrational, sondern auch undankbar und letztlich gefährlich.
    Dank an Wolfgang Schwarz für seinen Weckruf.

    Entschuldigung, den Umfang meines Textes betreffend! Das nächste Mal halte ich mich an die Vorgaben der Redaktion

  43. Achim Höger sagt:

    Völkerrecht ist Staatenrecht. Welcher Staat legt schon in seiner Verfassung fest, dass sich ein Teil von ihm separieren darf. Es gab m.W. nur einen: die UdSSR. Aber auch da gab es kein gesetzliches Verfahren, so dass sich dieser Teil der Verfassung nicht realisieren ließ. Und als 1990 ein Verfahren festgelegt worden war, hielt sich keine der Unionsrepubliken daran.
    Kritiker der – völkerrechtswidrigen – Trennung Kosovos von Serbien wurden übrigens von der FAZ (7.5.2011) des „realitätsfremden Völkerrechtsdogmatismus“ bezichtigt. Man nimmt’s eben, wie man’s gerade braucht.

    • Ralf Nachtmann sagt:

      ja, und die Verteidiger der durch eine fremde Militäraggression erfolgten Abtrennung des Kosovo wollen Unterstützer eines selbständigen (freien) Kataloniens am liebsten im Zuchthaus sehen.
      Genau: „Man nimmt’s eben, wie man’s gerade braucht.“
      PS: Eine „Estelada Blava“ ist auch in der Müllerstraße in Berlin-Mahlsdorf zu sehen.

  44. erhard weinholz sagt:

    Wenn ich mich recht erinnere, ist damals auch hier im Blättchen ein Völkerrechtler zu dem Schluß gekommen, Putins Krim-Politik sei mit bestehenden Verträgen usw. nicht in Übereinklang zu bringen, also rechtswidrig. Es gibt aber bei der Beurteilung solcher Dinge vielleicht noch andere Gesichtspunkte von Belang. Wie ich im Internet gesehen habe, strebt schon seit den frühen 90er Jahren eine rußlandorientierte Mehrheit der Krim-Bevölkerung die Loslösung von der Ukraine an. Wenn eine Region o.ä. partout nicht dort bleiben will, wo sie ist, sollte man sie da nicht ziehen lassen? Es scheint mir sinnvoll zu sein, selbst wenn in dem Falle das repressive Putin-Regime von dem Vorgang in erheblichem Maße profitiert hat.

  45. Klaus-Dieter Grimmer sagt:

    Gedanken zum Artikel von Wolfgang Schwarz im „Blättchen“ Nummer 5/19 Seite 12

    Die Sache mit den Elchen
    Wer sich vom Saulus zum Paulus entwickelt, verändert seine Ansichten fundamental, einfach gesagt vom Gegner zum Befürworter oder umgedreht, einer Sache, Ansicht, Ideologie, Laster oder … was auch immer.
    In der Antike wurde Saulus als strikter Verfolger der Christen zum Paulus, einer der bekanntesten Apostel des damaligen aufstrebenden Christentums.
    Vom humanistischen Kern des Christentums aus betrachtet, etwas durchaus Positives.
    Solche Menschen, die ihre Ansichten radikal verändern, gibt es seit der Antike, bis in die heutige Zeit, leider oftmals mit weniger gutem Ausgang.
    Diese Erscheinung ist im sozialen Evolutionsprozess der Menschheit ein häufig anzutreffendes Phänomen.
    Wem sind sie nicht schon mal im täglichen Umgang aufgefallen: frühere Kettenraucher als dann später militante Nichtraucher oder gut im Futter stehende Menschen, die plötzlich zu Vegetariern wurden und versucht haben, andere massiv zu missionieren, auch glühende Staatsdiener der ehemaligen DDR, die nach der Art des Wendehalses (der arme Vogel) zu fast schon fanatischen Verfechtern der übergestülpten neuen Ordnung wurden.
    Es gibt sie überall, die ehemaligen „Kettenraucher“ jeglicher Couleur.
    Das sprichwörtlich gewordene „aus dem Saulus zum Paulus“ wurde im Volksmund bis in die heutige Zeit weitergetragen. Das sehr begriffliche „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“ vom kürzlich verstorbenen Satiriker F.W. Bernstein, bei einem Wortspiel erschaffen, ist ergänzend hinzugekommen.
    Gemeint ist immer das Gleiche: Menschen, die sich prinzipienlos, das oft in atemberaubender Geschwindigkeit, von einem Pendelausschlag zum anderen, als dessen Antipoden entwickeln.
    Die eigene Vergangenheit leugnend, dabei gegenwärtig so handelnd, als wäre das seit Menschengedenken schon immer ihre Ansicht gewesen.
    Dabei gilt: „Desto mehr sie sich, oftmals aus karrieristischen Gründen, korrumpiert haben, umso heftiger wird dann der Gegenausschlag“!
    Es ist größte Vorsicht geboten vor solchen Personen, erst recht, wenn diese in der Öffentlichkeit ihr Unwesen treiben.
    Nun möchte ich nicht all die Menschen in einen Topf werfen, vor allem die nicht, die zur Einsicht gelangt sind und Reue empfinden zu ihrem früheren Handeln und Tun.
    Menschen sind ja vor allem Eines, lernfähig, diese Lernfähigkeit hängt aber vom Charakter des Individuums ab, von dessen Fähigkeit zur objektiven Selbstspiegelung.
    Interessant ist in diesem Zusammenhang der Verweis auf Politikerinnen und Politiker, die Wendmanöver ihrer Ansichten, besonders krass, ja nicht nachvollziehbar, bewerkstelligt haben.
    Da gibt es in Litauen eine Präsidentin, Dalia Grybausskaite. Bis zum Zerfall der Sowjetunion hat sie an der Parteihochschule der KPdSU in Wilnjus als Dozentin gearbeitet und ihr wird nachgesagt, dass sie auch für den KGB als willige Informantin tätig war.
    Nun gibt sie sich in ihrer Argumentation schon seit langem als eine zu Fleisch gewordenen Russophobin zu erkennen. Heute ist sie bereit, atomare Waffen der USA auf litauischem Territorium gegen den „Erzfeind“ Russland stationieren zu lassen und ordnete Russland im Verlauf ihrer letzten Rede vor der UN-Vollversammlung in die Reihe terroristischer Staaten ein.
    Ihr ist zuzutrauen, dass sie kurz vor dem Einschlafen darüber nachdenkt, wie sie den Antrag zum Beitritt Litauens als 51. Staat in die Vereinigten Staaten von Amerika formulieren will.
    Ein ähnlicher Kandidat in diesem Ranking ist der in der RSFSR geborene und in Kursk aufgewachsene ukrainische Außenminister P.A. Klimkin. Er ist schon länger für seine gelinde gesagt unfriedlichen Äußerungen im Zusammenhang mit seiner ehemaligen Heimat bekannt, ja berüchtigt.
    „Russland befindet sich im Blutrausch….“! sagte er kürzlich in München.

    Die Kommentarfunktion lässt „nur“ 4000 Zeichen zu. Deshalb endet der Beitrag hier – d. Red.

  46. Jürgen Scherer sagt:

    Zu der verdienstvollen und notwendigen Dauerrubrik „Der Westen und Russland – zum Diskurs“ lediglich eine kleine Anmerkung:
    Der Umgang Russlands mit der Krim ist völkerrechtlich umstritten, m.a.W., dafür den Begriff Annexion zu verwenden, erscheint problematisch und gibt allein die Sicht des Westens zu den Vorgängen um die Krim wieder. Deshalb sollte der Begriff, wenn schon verwendet, zumindest in Anführungsstriche gesetzt werden. Zur Vertiefung empfehle ich folgenden Artikel: https://www.wissensmanufaktur.net/krim-zeitfragen.
    Herzlichst
    Jürgen Scherer

    • Stephan Wohanka sagt:

      Die im Link anempfohlene Wissensmanufaktur – Institut für Wirtschaftsforschung und Gesellschaftspolitik ist meines Erachtens eine mehr als fragwürdige Quelle, desgleichen der in der Sache dort schreibende Karl Albrecht Schachtschneider. Ich bliebe dezidiert dabei, die Krim-Annexion weiter als Annexion ohne Anführungszeichen und als völkerrechtswidrigen Akt zu sehen.

  47. Ralf Nachtmann sagt:

    danke für die interessanten Überlegungen von Herbert Bertsch hinsichtlich der aktuellen (zwei davon herausgehoben) Gutachten bezüglich der FDGO. Ich selbst kenne Prof. Murswiek seit mehr als 25 Jahren als einen ausgezeichneten Völkerrechtswissenschaftler, ohne seine (persönlich) konservative Einstellung in allen Einzelheiten zu teilen. Mal abgesehen von der 1970-er „Jugendsünde“ hat Murswiek einen unleugbar wichtigen Beitrag (und im Nachhinein sogar ganz entgegen des Kasseler Auftretens) zum innereuropäischen Selbst- und Nachbarverständnis geleistet. Ich jedenfalls habe ihm viele höchst intellektuelle Anregungen zu verdanken. Und in gewisser Weise verstehe ich auch Bertsch so.

  48. Siegfried Fischer bespricht in der Blättchen-Sonderausgabe 1/2019 das Buch von Ulrich Knappe „Über paradoxen Sozialismus“ auf eine Weise, die zum Lesen anregt. Sehr weit ist dieser Vorsatz wenige Tage nach der Veröffentlichung des Beitrags bei mir naturgemäß noch nicht gediehen; trotzdem folgen hier einige Anmerkungen aus einer anderen Perspektive.

    Im Unterschied zum Rezensenten und seinem Autor lebe ich in Westdeutschland seit meiner Geburt im Kapitalismus; fast genau so lange bin ich mit diesem Zustand unzufrieden. Aus dieser Motivation heraus beschäftige ich mich seit mehr als vierzig Jahren mit den ökonomischen Schriften von Karl Marx, die meiner Ansicht nach einen hervorragenden Zugang zur Frage bieten, wie der Kapitalismus funktioniert. Wie er sich freilich überwinden lassen mag, ist dort nur an wenigen Stellen angedeutet. – Von Reformen in der Sowjetunion und in der DDR erhoffte ich mir positive Impulse für die Entwicklung auch im Westen; die Geschichte hat diese Hoffnung widerlegt. Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur psychosozialen Versorgung in den Neuen Bundesländern war ich ab 1992 zwei Jahre lang mit der resultierenden Situation befasst und mache mir seitdem eigene Gedanken über das Thema.

    Mit der Definition des „realen Sozialismus“ als „das als gesellschaftliches Eigentum verpackte und deklarierte Kollektiveigentum einer oligarchisch strukturierten Staatsbürokratie“ bin ich einverstanden. Aber ging es dabei wirklich um Warenproduktion? Oder basierte das Ganze nicht eher auf einer Naturalwirtschaft, die von den Planungsbehörden notdürftig in geldwirtschaftliche Formen gekleidet wurde?

    Zur „Marxschen Gesellschaftsanalyse“ ist anzumerken, dass es sich dabei um einen Torso handelt. Der einzige mir bekannte Versuch, den Begriff der „Klassen“ systematisch zu definieren, bricht nach etwas mehr als einer Seite ab – und mit ihm der Dritte Band „Das Kapital“. Bis dahin erfahren wir immerhin, dass es drei große gesellschaftliche Klassen gibt: „Lohnarbeiter, Kapitalisten, Grundeigentümer.“ Die oben erwähnte Staatsbürokratie übte mindestens de facto auch das Grundeigentum aus – und wie weit ihr daran lag, ähnlich wie der Kapitalismus die „unmittelbaren Produzenten aus der Stellung eines bloßen Zubehörs des Bodens“ zu befreien (so Marx a.a.O. S. 630), ist durchaus fraglich. – Ansonsten gibt es Anwendungsbeispiele: Marx erklärt mit Hilfe des Klassenbegriffs die aktuellen Vorgänge in Frankreich, Engels in einem fragmentarischen Text den „Status Quo in Deutschland“. Dabei erwähnt letzterer auch Bürokraten und Literaten als eigene Klassen; ferner taucht der problematische Begriff des „Lumpenproletariats“ auf. Eine Klärung der Begriffe täte also Not. – Die Analyse, wie sie heute verstanden wird, ist dagegen oft das Werk unbedarfter oder gar böswilliger Restaurateure.

    Das besprochene Buch stellt sich dieser Problematik offenbar; weitere Bemerkungen verbieten sich daher, solange ich es nicht kenne. Sie sind aber auch überflüssig, da ich meinerseits bereits 2006 in einem Buch den Versuch unternommen habe, den „realen Sozialismus“ mit Hilfe des Klassenbegriffs zu analysieren. Die damit angestrebte Diskussion ist bisher leider ausgeblieben. – Inhaltsvereichnis und eine Leseprobe sind online unter folgender Adresse zugänglich:
    http://www.bernhard-mankwald.de/leseprobe2006.htm
    oder auch durch das Link im Kopf dieses Kommentars.

  49. Thaddäus Faber sagt:

    Nur noch bis 11. März: Die Kunst der Novembergruppe

    Sie gilt als die bekannteste unbekannte deutsche Künstlervereinigung – die 1919 gegründete Novembergruppe, die ihren Namen von der damaligen unvollendeten Revolution herleitete. Sie verschrieb sich der Moderne und war offen für alle Stilrichtungen der Bildenden Kunst, für Architekten, Schriftsteller, Komponisten und Filmemacher. Noch im Gründungsjahr traten 170 Künstler der Gruppe bei.
    In ihren ersten Jahren war in Malerei und Bildhauerei Abstraktes vorherrschend. Trotz ihrer Selbstapostrophierung als „radikal“ und „revolutionär“ agierte die Gruppe in dieser Zeit weitgehend unpolitisch, was Künstler wie George Grosz und Conrad Felixmüller kritisierten, die deswegen selbst erst relativ spät, nach entsprechenden Änderungen in der Ausrichtung der Gruppe, beitraten – 1924 der eine und 1927 der andere. Ansonsten gehörten namhafte Vertreter unterschiedlichster Künste dazu – Maler wie Otto Dix, Max Pechstein und Paul Klee, Architekten wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, der die Gruppe zeitweise leitete, und Bruno Taut, Komponisten wie Kurt Weill und Hans Eisler …
    Zwischen 1919 bis 1932 richtete die Novembergruppe knapp 40 Ausstellungen aus und war bei den jährlichen staatlichen Großen Kunstausstellungen in Berlin jeweils prominent vertreten. Dabei mussten Bilder von Mitgliedern bisweilen gegen die offiziellen Veranstalter „durchgekämpft“ werden – so etwa, als Grosz‘ beißende Satire „Die Stützen der Gesellschaft“ nicht zugelassen werden sollte.
    Neben Ausstellungen zeichnete die Novembergruppe auch für Publikationen verantwortlich und veranstaltete Konzerte sowie Lesungen. Sie finanzierte sich in nicht unerheblichem Maße über Feste und Kostümbälle. Letztere mit bis zu 6000 Gästen, was bei einem Eintrittspreis von 30 Reichsmark für kräftigen Zustrom in die Kasse sorgte.
    Derzeit feiert die Berlinische Galerie den 100. Geburtstag der Novembergruppe mit einer Ausstellung, die 119 Werke von 69 Künstlern zeigt, darunter 48 Gemälde, 14 Skulpturen sowie 12 Architekturmodelle und -zeichnungen. Dass so bekannte Mitglieder der Gruppe wie John Heartfield, Lionel Feininger oder Franz Radziwill allerdings nicht vertreten sind, ist zu bedauern.
    Die Kulturbarbaren, die sich selbst Nationalsozialisten nannten, zwangen die Gruppe gleich 1933 zur Auflösung und zur eigenhändigen Streichung aus dem Vereinsregister. Das kostete 16 Reichsmark, und die preußisch-penibel ausgefüllte Rechnung dafür ist in der Exposition ebenfalls zu sehen.
    Viele Werke von Künstlern der Gruppe wurden von den Nazis als „entartet“ eingestuft, nicht wenige vernichtet. Noch schlimmer traf es Mitglieder der Novembergruppe wie Ines Wetzel oder Otto Freundlich, die in KZs geworfen und dort umgebracht wurden.
    „Freiheit – Die Kunst der Novembergruppe“ – Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124 – 128, 10969 Berlin; Mittwoch – Montag 10:00 – 18:00 Uhr, Dienstag geschlossen; noch bis 11. März.

  50. Wolfgang Schwarz sagt:

    Mit ihrem unsäglichen sprachregelnden Framing-Manual* hat die ARD mehr als nur einen Vogel abgeschossen.
    Aber wie das so ist: Wer den Schaden hat, der spottet jeder Beschreibung – auch dank André Mielke von der BERLINER ZEITUNG: „Ich habe einen Ohrwurm. Er heißt: ‚Die ARD ist von uns, mit uns und für uns geschaffen.‘ […] Der Satz stammt aus dem ‚Framing-Manual‘. Das ist eine – theoretisch interne – Anleitung, anhand derer die Öffentlich-Rechtlichen ihre moralische Überlegenheit über alle anderen, vergleichsweise ehrlosen und korrupten Medien in die Publikumshirne ziselieren können. […] Ich […] erwarte, dass man diese Instruktionen nun wortgetreu anwendet und Judith Rakers vor dem Wetterbericht sagt: ‚Die ARD ist der verlängerte Arm des Bürgers.‘ ‚Die ARD existiert einzig und allein für uns.‘ ‚Menschlich. Exzellent. Deins.‘ […] ‚Wir sind Ihr.‘ Jeden Abend.“ Und dann ist dem Lästermaul Mielke auch „noch eingefallen, woher ich den Sound kenne. Der Dichter Louis Fürnberg schrieb 1949 eine Hymne auf […] die Partei. […] Man muss den Refrain nur minimal modifizieren, um seine visionäre Kraft zu entfesseln. Dann drückt ‚Die ARD, die ARD, die hat immer recht‘ unwiderstehlich aus, was jeder Bürger für den Fernsehgrundversorger empfinden sollte: „Sie hat uns alles gegeben/ Sonne und Wind und sie geizte nie/ Wo sie war, war das Leben/ Was wir sind, sind wir durch sie/ Sie hat uns niemals verlassen/ Fror auch die Welt, uns war warm/ Uns schützt die Mutter der Massen/ Uns trägt ihr mächtiger Arm/ Sie hat uns niemals geschmeichelt/ Sank uns im Kampfe auch mal der Mut/ Hat sie uns leis nur gestreichelt/ zagt nicht und gleich war uns gut.“
    Doch genug der verkürzten Zitiererei! Man sollte sich schon den kompletten Mielke reinziehen: https://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/-von-uns–mit-uns–fuer-uns–wieso-das–framing-manual–der-ard-zu-hinterfragen-ist-32109650

    * https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2019/02/framing_gutachten_ard.pdf

    • Ralf Nachtmann sagt:

      hieß das nicht früher: „Alles mit dem Volk, durch das Volk, für das Volk“?

  51. Rudolph Caracciola sagt:

    Über Trump keinerlei Illusionen zu haben, ist eine Sache.
    Schlimmste Befürchtungen allerdings auf eine Weise bestätigt zu bekommen,
    wie das gestern durch Michael Cohen, Trumps langjährigen Consigliere, während dessen erneuter Anhörung im US-Kongress geschah
    (http://www.spiegel.de/politik/ausland/michael-cohen-die-wichtigsten-aussagen-des-ex-anwalts-ueber-donald-trump-a-1255490.html#ref=nl-morningbriefing)
    ist dann doch noch mal was anderes …

  52. Stephan Wohanka sagt:

    Venezuela: Laut Spiegel Online hat Russlands Uno-Botschafter Wassili Nebensja die Lieferung von Hilfsgütern nach Venezuela als „Zwangsernährung“ bezeichnet, da Maduro diese nicht genehmigt habe. Bisher war in Rede stehender Begriff für Fälle reserviert, in denen Personen aufgrund eines Hungerstreiks oder Essstörung in eine lebensgefährliche Lage geraten waren und deshalb zwangsweise künstlich ernährt wurden. Russlands tüchtigem Diplomaten ist eine schöne Umdeutung des Begriffs gelungen.

  53. Rainer Rau sagt:

    Einer der ganz Großen der Deutschen Schauspielkunst, kein geringerer als Eduard von Winterstein, schreibt in seinen Memoiren
    „Mein Leben und meine Zeit“(S. 235) :

    „Damals schien es mir in der Tat das ‚Ziel meiner Wünsche‘, den Hamlet zu spielen. Es ist wahrscheinlich das Ziel eines jeden Helden- oder Charakterspielers gewesen. … Ich muß jetzt etwas sagen, was manchen verblüffen und viele zum Widerspruch herausfordern wird. Ich habe mich im Laufe der Jahre zu der Ansicht durchgerungen, daß der Hamlet, die Darstellung der Hamletrolle und nur sie – ich denke nicht an das literarische Kunstproblem der Hamlettragödie –, daß dieser Hamlet eigentlich gar keine so große und schwere Aufgabe der Schauspielkunst ist. … Was Hamlet zu sagen hat, ist so klar, so eindeutig, so unproblematisch, daß die Worte gar keine ‚Auffassung‘ zulassen. Es gibt nur eine Auffassung, und das ist die Auffassung des Dichters, die er klar und unzweideutig in den Worten Hamlets niedergelegt hat, so daß an ihnen gar nichts zu deuten oder zu deuteln ist.“

  54. A. Hoeger sagt:

    Betr. Klaus Joachim Herrmann . . . . . Fehlgriff nach den Kurilen

    Mitnichten handelt es sich bei den südlichen Kurilen respektive nördlichen Terrotorien – je nach Standpunkt – um vier zwischen Russland und Japan strittige Inseln. Was Chabomai oder Habomai genannt wird, ist nämlich seinerseits eine Gruppe aus zehn Inseln und etlichen Felsenriffen. „Bewohnt“ werden sie allerdings nur von einem russischen Grenzposten auf dem größten der Einlande, das etwas größer als die Insel Poel vor Wismar ist.

  55. R. Kord sagt:

    Lieber Herr Romeike,
    Sie haben völlig recht: Die politische Positionszuschreibung „Links“ und/oder „Rechts“ ist von einer solchen Unschärfe, dass sie gern in zum Teil beliebigem Sinne angewendet, mindestens aber relativiert werden kann. Gleichwohl sind diese Begriffe doch offenbar notwendige Verständigungs-Krücken im politischen Diskurs, wären sie doch sonst wohl nicht schon so lange gebräuchlich, schon, weil sie jedesmalige lange Abschweifungen darüber ersparen, was genau man meint. Insofern halte zumindest ich es für zulässig und nur schwer verzichtbar, mit diesen Begriffen zu operieren.
    Was nun Mainstreame betrifft, so bieten sich auch dafür verschiedene Sichten und Interpretationen an. Nimmt man die Gesamtheit der zeitnahen Kommentare zu Rußland in den deutschen Medien her, so zeichnet diese in der Tat eine nahezu ausschließlich kritische, oft genug gehässige und also feindselige Haltung aus. Allerdings gibt es auch eine linke mediale Öffentlichkeit – und die ist zumindest quantitativ (siehe allein die Zahl einschlägiger Publikationen im Portal „Linksnet“) gar nicht so gering – so gibt es auch hier eine klare Dominanz, einen Mainstream eben. Und der nimmt Rußland von Kritik nahezu komplett aus und betrachtet das Land permanent als Opfer seiner imperialen Gegner USA und Europa. Aber genau das – diese Ausschließlichkeit – ist, meine jedenfalls ich, jenes Rasterdenken, das Linke historisch mehr als nur gelegentlich in die Irre geführt hat, was als Lehre aus der Geschichte also ebenso zu berücksichtigen wäre wie das auch für die Urteile über das Wesen des Kapitalismus/Imperialismus statthaft bzw. notwendig ist.
    Abgesehen davon, dass sich das Gros des von Ihnen wohl gemeinten Mainstreams gegen Moskau nicht in erster Linie an den inmneren Verhältnissen Rußlands abarbeitet sondern an schwer zu leugnenden Aggressivitäten (Krim/Ostukraine etwa), bestätigt Ihr Ansatz, dass es also darum ginge, dass Rußland an deutschen Wesen genesen solle, m. E. dessen eben erwähnte Einseitigkeit. Die mag man pflegen, um sich damit in Klarheit und Entschiedenheit seiner Auffassungen gut zu fühlen – mein Instinkt sagt mir allerdings , dass, wer der Feind meines Feindes ist (also z.B. der globalen US-Aggressivität) nicht zwangsläufig mein Freund sein muß (Putin, nicht Rußland!). Dies in der hier wiederum gebotenen und damit natürllich wieder angreifbaren Knappheit.
    Mit respektvollen Grüßen,
    R. Kord

  56. Literat sagt:

    Jede Vergangenheit war Gegenwart mit unbekannter Zukunft.
    Fast auf den Tag vor 100 Jahren notierte Feuchtwanger am 18. Februar 1919 diesen Erkenntnis- und Merksatz:
    „Und all dein Tun gleicht einer Spur im Schnee“.
    Drei Tage später: „Durchsprechprobe zu ‚Nachtasyl‘. Eisner erschossen. Neue Revolution. Aufführung ‚Nachtasyl‘ aufgeschoben. Große Aufregung.“
    Zwei Tage drauf, am 23. Februar: „Politik. Einen Aufsatz über Kurt Eisner geschrieben. Er gefällt Marta nicht.
    In die Schublade.“

  57. R. Kord sagt:

    Lieber Herr Romeike, die jüngsten Einlassungen im Forum zu Rußland nochmal nachlesend, vermag ich die Aussage, dass Rußland links sei, nicht aufzufinden. Die Rede ist vielmehr davon, dass es linke Kommentatoren sind (und dies nicht nur etwa im Rotfuchs oder dem ND), die ihre – gewiss subjektiv ehrliche und natürlich auch statthafte – Sympathie zu diesem Land mit einem nahezu parteiischen Rundumverständnis für Putins Politik artikulieren. Das ist in der linken Medienwwelt (denn eine solche gibt es hierzulande zumindest im Printbereich durchaus), scheint es jedenfalls, ebenso ein Mainstream wie auf bürgerlicher Seite das Gegenteil. Überzeugender wird durch diese unipolare Sichtweise keiner dieser Ansätze.
    R. Kord

    • Bernhard Romeike sagt:

      Lieber Herr Kord,
      linker Mainstream in Deutschland? Dazu müssten zwei Fragen beantwortet werden: (1) was ist „links“? Wenn man Eintreten für veganes Essen, die dritte Klotür und Tempolimit auf allen Wegen für links hält, sind natürlich ganz viele „links“. Wenn man Linkssein jedoch an die soziale Frage bindet, stellt sich das anders dar. (2) Wo ist dann in den Medien die Symmetrieachse? Wenn man die FAZ für die Mitte nimmt, entsteht ein größeres „linkes“ Feld, als wenn man zum Beispiel die TAZ nimmt. Man kann natürlich auch COMPACT für die Mitte halten, dann sind alle anderen „links“, außer der Jungen Freiheit.
      Im Ernst: in Sachen Russland geht es um friedliche Koexistenz, nicht um linke Sympathien. Ich hatte ja auch nicht unterstellt, es sei gesagt worden, dass Russland „links“ sei, sondern dass den „Russland-Verstehern“ das Etikett linker Sichten angeheftet wird. Das ganze Putin-Bashing fordert doch, dass die dort endlich so eine schöne Demokratie einführen sollen, wie „wir“ sie in Deutschland haben. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ Das deutsche Wesen hat nur eine andere Mütze auf, als 1914.
      Mit Freundlichkeit! BR

  58. Jürgen Scherer sagt:

    Werter Herr Wohanka!
    Danke für die freundlichen Rückmeldungen auf meine Anmerkungen zu Herrn Niemanns Text.
    Zugegeben, mit Venezuela habe ich mich durch meine verkürzte Aussage „vergaloppiert“ – nicht gut! Dennoch möchte ich auf ein paar Einschätzungen zur Ergänzung Ihrer Anmerkungen hinweisen. Denn einen „politisch leeren Raum“ gibt es wahrlich nicht, aber der reale politische Raum sollte auch nicht unterschätzt werden!
    https://deutsch.rt.com/amerika/83262-us-sicherheitsberater-bolton-us-firmen/
    https://amerika21.de/2019/01/221127/us-finanzministerium-venezuela
    https://www.maskenfall.de/?p=13268
    Was meine anderen Anmerkungen zu Herrn Niemanns Text angehen, kann ich nicht erkennen, dass meine Lesart nicht zutreffend sein sollte. Auch wenn der von Ihnen zitierte Satz mit Fragezeichen versehen ist, verstehe ich ihn im Rahmen des Tenors des Textes eher als rhetorisch. Genau deshalb habe ich auf die eigentlichen Ursprünge und Urheber ökologisch bewussten Widerstands hingewiesen. Insgesamt bleibe ich bei meiner Auffassung, dass in Niemanns Text zu viel Verständnis für rechtes Gedankengut vorhanden ist, das seinen Ruf nach einer handlungsfähigen Linken eher konterkariert.
    Mit freundlichen Grüßen
    Jürgen Scherer

  59. Hilmar Jantke sagt:

    Werter Herr Stephan Wohanka,

    lassen Sie mich in Ihrer Hauspostille zu Wort kommen. Zu Wort kommen zu Ihrem „Realismus“- und „Realitäts“-Fable im Leitartikel zum Beitrag des Herrn Scherer: „Lieber Herr Sch., bei aller Sympathie, ein wenig Realismus beim Betrachten der Realitäten sollten Sie doch walten lassen und sich die Frage gefallen lassen, wie es zu diesem Exodus (und anderen höchst bedenklichen Phänomenen) kam. Und da sind wir nolens volens wieder bei der „Mangelwirtschaft“; diesmal nur nicht als „Klischee“, sondern bitterer Realität.“

    Ich möchte statt mit dem Latinum mit dem Alltags-Englisch „glänzen“ und beginne mit: „Like it or not“, da kommt ein Beispiel für die Miß- und Mangelwirtschaft im Land des Maduro. Gehen Sie durch das Bergdorf El Cercado besuchen Sie sicher die dortigen Töpferwerkstätten, kommen aber nicht umhin, am Rande der Siedlung eine wilde Mülldeponie (mehr nur eine Aufschüttung, von der der Wind die Plastikabfälle weit gestreut hat) zu registrieren. Man spricht das an und es wird einem erklärt: Müllentsorgung liegt eigentlich in kommunaler Hand, ist aber zu einer Aufgabe jedes einzelnen Haushaltes in dem Ort geworden. Nachbarn tun sich zusammen, laden den Müll auf ein Gespann oder Gefährt auf und an der Dorfgrenze wieder ab. Natürlich verfügt die Kommune über Müllfahrzeuge für die Entsorgung in die eigentliche Deponie – aber die haben zweierlei Manko. Zum einen ziert sie die Aufschrift „Chavez Vive, La Lucha Sihue!“ und zum anderen sind sämtliche Reifen zerstochen – und da gäbe es einen kausalen Zusammenhang, behauptet man. Gleich nebenan stehen zwei Busse für die Schüler- und Personenbeförderung, der Tatbestand der zerstochenen Reifen ist der gleiche, die Losung ist eine andere: „Pa lante Comandante Municipio Gomez“. Warum werden keine neue Bereifungen aufgezogen? Zum einen sind LKW- und Busbereifung vom Embargo betroffen und zum anderen könne Kuba im erforderlichen Umfang nicht liefern, heißt es.

    Was sagt mir das Beispiel: Die von Ihnen, Herr Stephan Wohanka angesprochenen „bittere Realität“ in von der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas bestimmten Kommunalverwaltung in El Cercado kann ich nur bestätigen. Diese Parteigänger Maduros sind nicht in der Lage die Probleme der kommunalen Müllentsorgung und des Nahverkehrs zu bewältigen – wegen der „falschen“ Losungen an ihren Fahrzeugen.

    Hilmar Jantke

  60. Jürgen Scherer sagt:

    Ich finde es immer mal wieder erstaunlich, wie Autoren, die es vermeintlich gut mit der Linken meinen, Verständnis für rechte Positionen aufbringen können, Positionen, die m.E. nicht diskursfähig sind, m.a.W. einfach abgelehnt, verurteilt werden sollten, vom Weiterverbreiten ganz zu schweigen.
    Meine Kritik richtet sich auf einige Details in dem Beitrag von Lars Niemann. Da wird z.B. aufgezählt, was die derzeit lauthals daher kommende Opposition gegen unsere liberale Demokratie ausmacht. Zugleich wird das Ganze subsumiert unter „Rechstruck“ in Anführungszeichen, also unter sogenanntem Rechtsruck. Ja, was ist sie denn sonst die insgesamt menschenverachtend sich gerierende „Bewegung“? Da werden Flüchtlinge zu Freiwild, Klimawandel wird geleugnet, Nationalismus und Abschottung wird als Allheilmittel gepredigt und neuerdings gar einem Drexit gehuldigt, und das einem Land, das exportabhängiger gar nicht sein könnte.
    Da wird einem seelischen Raunen der Rechten das Wort geredet, dass einen schon staunen lässt. Und dabei wird völlig außer acht gelassen, dass die umweltbewusste Bewegung in unserer Republik eher linke als rechte Wurzeln hat. Schließlich sind die Grünen nicht vom Himmel gefallen. Ich erinnere an Antiatomdemos, an Brokdorf, an die Startbahn West und zuletzt den Hambacher Forst.
    Und dann das sattsam bekannte Klischee von der Mangelwirtschaft: Von der Franz.Revolution bis Venezuela sei zu beobachten, dass die Linke nicht richtig wirtschaften könne. Ausgeblendet wird, wie immer das Umfeld, unter der linke Politik handeln muss/te. Bei Venezuela ist es das kapitalistische und dabei vor allem der große kapitalistische Agent in den USA, der in seinen Vorhöfen keine Unbotmäßigkeiten duldet. Wie damals in Chile unterstützt er rechte Gegenwehr gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten. Ausgang? Warten wir´s ab. Leider spricht die historische Erfahrung gegen Maduras.
    Rechter Autoritatismus sei eher eine Herzenssache der Menschen und es gehe den meisten von ihnen damit gut, über Jahrzehnte! M.W. dauerte das „3. Reich“ gerade mal 12 Jahre und die „Wirtschaftsblüte“ war dem unersättlichen Imperialismus des Systems zu verdanken. Und die deren Herzenssache Autoritatismus nicht ist, oft eine erkleckliche Anzahl dürfen darunter leiden – schon vergessen?
    Und wenn ich weiß, es geht nicht mehr, hol´ ich mir die Gene her. So wird argumentiert, um das angebliche geringere Interesse an Besitzverhältnissen im Verhältnis zu „Fremdenangst“ zu erklären. Über ungerechte Besitzverhältnisse wurde schon diskutiert, da war die Flüchtlingsfrage noch gar nicht hochgespielt worden. Allerdings ist die Diskussion über Besitzverhältnisse eben nicht erwünscht, während die über Flüchtlinge das nötige Angstpotential entfalten lässt, um von der Wesentlicheren abzulenken. Eine Frage der Gene? Eher eine des Interesses!
    Es ist also nicht der „Wunsch nach autoritärer Führung“, der so viele Menschen derzeit nach rechts schielen lässt, es ist die dem System dienende geschürte Angst, die viele blindlings nach Sicherheit rufen lässt und die von rechts gerne bedient wird. Das heißt wohl den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Gegen blindmachende Angst, ich bleibe dabei, hilft Aufklärung und nicht Vernebelung. Das ist der ideelle Teil der Angelegenheit, der materielle wäre, den Menschen beim Herauskommen aus ihrer sozialen Not zu helfen. Beides gehört zusammen!
    Deshalb ist es nicht sonderlich glaubwürdig, die Linke und ihre Handlungs(un)fähigkeit zu bedauern, wenn man im selben Atemzuge die sogenannten Stärken des Autoritatismus, teilweise unter Zuhilfenahme seiner Ideologie, sanktioniert.
    Mit frdl. Grüßen
    Jürgen Scherer

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Irgendwie habe ich das dumpfe Gefühl, dass Jürgen Scherer etwas kritisiert, das mit dem Sinn des real lesbaren Textes von Lars Niemann nun wirklich nichts zu tun hat. Und zu behaupten, die USA seien für die leeren Regale und 1,5 Millionen Flüchtlinge vor dem Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Venezuela verantwortlich, ist schon recht dreist. Da hätte sich wahrscheinlich selbst der seinerzeitige Genosse Joachim Herrmann etwas Schlaueres ausgedacht.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Herr Scherer,

      es ist ja sympathisch, wenn Sie „es immer mal wieder erstaunlich (finden), wie Autoren, die es vermeintlich gut mit der Linken meinen, Verständnis für rechte Positionen aufbringen können …“. Sie beziehen das „auf einige Details in dem Beitrag von Lars Niemann“. Ich sehe diesen Text nicht so heikel wie Sie; und wenn schon, dann hätte ich seine fragende These „Könnte es sein, dass die Anhänger von rechten Parteien sich dieser Bedrohungen, vielleicht unbewusst, stärker gewahr sind als wir anderen, die wir uns davor noch längst nicht genug fürchten?“ zu kritisieren: Nein, Anhänger von rechten Parteien nehmen die Bedrohungen nicht stärker wahr – sie negieren sie ja zum Teil, wie Niemann auch schreibt -, sondern sie schüren damit Emotionen, Gefühle, ja Hass, instrumentalisieren sie und machen damit gefährliche, antidemokratische Politik.
      Aber Gegenstand meines Beitrags ist Folgendes; Sie schreiben: „Und dann das sattsam bekannte Klischee von der Mangelwirtschaft: Von der Franz.Revolution bis Venezuela sei zu beobachten, dass die Linke nicht richtig wirtschaften könne. Ausgeblendet wird, wie immer das Umfeld, unter der linke Politik handeln muss/te“. Ja – was denn? Sollte, um „linke Politik“ zum Erfolg führen zu können, ein politisch leerer Raum geschaffen werden? Ohne hochphilosophisch zu argumentieren – Menschen als soziale Wesen agieren stets in politischen „Umfeldern“; anders geht’s gar nicht. Und: Ist nicht – mit anderen Worten – der „Klassenkampf“ die „Erfindung“ der Linken? Sie weiter: „Bei Venezuela ist es das kapitalistische und dabei vor allem der große kapitalistische Agent in den USA, der in seinen Vorhöfen keine Unbotmäßigkeiten duldet“. ??? Haben die laut UNO-Angaben drei Millionen Venezolaner ihr Land etwa als Missionare des im Lande blühenden „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ verlassen? Natürlich nicht, sie sind vor Hunger, Elend, Kriminalität und politischer Repression vor allem in die Nachbarländer geflohen – und um das hier gleich zu sagen – das ist schon ein internationales Problem, was vor die UNO gehört. Lieber Herr Scherer, bei aller Sympathie, ein wenig Realismus beim Betrachten der Realitäten sollten Sie doch walten lassen und sich die Frage gefallen lassen, wie es zu diesem Exodus (und anderen höchst bedenklichen Phänomenen) kam. Und da sind wir nolens volens wieder bei der „Mangelwirtschaft“; diesmal nur nicht als „Klischee“, sondern bitterer Realität: Der Staatsmonopolist Petróleos de Venezuela (PDVSA) war noch 2000 einer der bestgeführten, modernsten Ölkonzerne Lateinamerikas, sein Personal galt als exzellent ausgebildet. Als 2003 Tausender PDVSA-Mitarbeiter streikten, politisierte Chávez das Unternehmen rigoros. Er ersetzte Manager durch Parteigänger der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas; Chávez-kritische Fachkräfte wurden ausgemustert. 2007 wurde das Unternehmen verstaatlicht; heute haben dort Generäle das Sagen. Bald danach – wie Wunder – begann die Ölausbeute zu fallen. Auch der Ölpreis sank; alle Ölländer agierten in diesem preislichen Umfeld, mussten damit klarkommen. Die Produktion sinkt geradezu systematisch; waren es 2008 rund 3,3 Millionen Fass pro Tag, so in den ersten elf Monaten 2018 nur noch 1,38 Millionen. Verheerend für ein Land, dessen Deviseneinnahmen zu mehr als 90 Prozent aus dem Verkauf von Rohöl und -produkten stammen. Wobei die USA der Hauptabnehmer waren. Die Regierung beklagt die versäumten Investitionen, nur war das Ausland schuld, aus welchem laut Maduro die PDVSA mit mafiösen Kräften infiltriert worden waren, die „von Investitionen in die Erdölindustrie gezielt abgesehen haben, um diese zu zerstören“. Das bekannte Muster: Läuft´s im Innern schlecht, ist das Ausland schuld.
      Eine russische Boulevard-Zeitung, sicherlich unverdächtig, dem „US-Agenten“ das Wort zu reden, schreibt: „Der Hass der Masse auf Maduro und seine reiche Clique ist so groß, dass Russland ihn nicht an der Macht wird halten können…“.
      Freundliche Grüße
      Stephan Wohanka

  61. Rüdiger Kord sagt:

    Wolfram Adolphis Blättchen-Beiträge namentlich zu China schätze ich seit langem. Im aktuellen Artikel tut sich mir aber eine Frage auf, die ich, beim Versuch des Weiterdenkens, nicht recht zu beantworten weiß. Offenkundig sekundiert der Autor ja dem festlandchinesischen Anspruch auf Taiwan. Und auch dem via Fairbanks ins Feld geführten (wenn auch nicht akklamationsverpflichtenden) “Kulturalismus”, auf dessen Grundlage Peking seine anhaltende Forderung nach Wiedereingliederung der Insel in das chinesische Staatsgefüge untermauert: “Chinas Einheit ist“, schrieb mit John King Fairbank einer der bedeutendsten Chinakenner der USA schon 1979, „ein Attribut des Chinesischseins selbst. Sie entspringt einem Kulturalismus, der etwas deutlich Stärkeres ist als der Nationalismus westlichen Stils. Ohne sie gäbe es die Volksrepublik als Staat gar nicht. Es ist diese elementare politische Kraft, die die Forderung begründet, dass Taiwan als Bestandteil Chinas betrachtet wird, denn es wird von Angehörigen des gleichen chinesischen Volkes bewohnt.“
    Hmm… Sieht man davon ab, dass die Insel – laut Verweis von W. A, – ursprünglich eine indigene Bevölkerung hatte und so richtig erst durch die Flucht von zwei Millionen Anhängern Tschiang Kaischeks sinisiert worden ist, so ergibt sich aus einer Verlängerung dieser Idee meiner Absicht nach auch eine Rechtfertigung der völkerrechtswidrigen Einverleibung der Krim durch Russland oder das ähnliche Bestreben in Sachen der Ostukraine; der Begriff “Völkerrecht” erhielte eine ganz neue Bedeutung, auf deren Grundlage dann viele weitere Grenzüberschreitungen zum Zweck “ethnischer Vereinigungen” gerechtfertigt wären.
    Dass Wolfram Adolphi die Drohung Pekings, zum Zwecke der “Wiedervereinigung” ggf. militärische Mittel, also Gewalt, einzusetzen, lediglich für eine beunruhigende Vorstellung hält, mutet mich übrigens merkwürdig an. Da deucht mich eine ähnliche Haltung zu obwalten, wie sie bei vielen linken Kommentatoren zeitgenössischer russischer Politik dominiert: Prinzipielle Sympathie mit einem Land (gegen die ja nichts zu sagen ist), aber eben eine sich daraus ergebende Selbstbeschneidung von analytischen Möglichkeiten oder gar Notwendigkeiten, für Publizisten, wie ich finde, sogar Notwendigkeiten, gegenüber den Machthabern solcher Länder klare Kante dort zu zeigen, wo das hingehört, ist bestenfalls für eine Parteipresse statthaft. Das Kettenrasseln Pekings in Sachen einer Insel, bei der es nicht einmal – wie in vergleichbaren Fällen gern als Grund angeführt – um Bodenschätze u. ä. geht, sondern um rein nationalistische Machtansprüche, würde für meine Begriffe dazugehören.
    Lieber Wolfram Adolphi, bitte klären Sie mich doch auf.
    Ihr Rüdiger Kord

    • Sehr geehrter Herr Wohanka, sehr geehrter Herr Kord,
      vielen Dank dafür, dass Sie sich so ausführlich mit meinem kleinen Beitrag auseinandergesetzt haben. Ich berechne die Zeit, die Sie investiert haben, und bin froh darüber. Denn was kann einem Erfreulicheres geschehen. – Ihre beiden Beiträge sind freilich so reich an Gedanken, Meinungen, Stellungnahmen und Bezügen auf diverse Ereignisse und Zusammenhänge, dass es mir schwer fällt, darauf zu antworten. Es geht mir ein bisschen wie dem Maler, der gefragt wird, was er mit seinem Bild eigentlich sagen wollte. Also: Es steht, was ich sagen wollte, alles drin. Im Artikel. Und es ist klar erkennbar, glaube ich, dass ich einen Widerhaken setzen will gegen das, was als Mainstream täglich über uns kommt. (Es gab hier im Forum auch schon Überlegungen dazu, ob es den gibt, diesen Mainstream, aber dazu will jetzt nicht weiter ausholen.) Sehr geehrter Herr Kord, Sie regen an, gegenüber den Machthabern in China „klare Kante“ zu zeigen. Ich setze in meinem Artikel einen Widerhaken gegen die Machthaber im westlichen Teil der Welt. Also in den USA und im mit den USA verbündeten Deutschland. Dabei – das räume ich ein – mag der Eindruck entstehen, ich „sekundierte“ die KPCh-Führung. Die Welt wird’s überleben. Eine einsame KPCh-Sekundierung gegen ungezählte Trump-Sekundierungen. (Während wir hier über einen Xi-Jinping-Satz nachdenken, sorgt Trump gerade in Zentralamerika „für Ordnung“. Und Deutschland steht an seiner Seite.) – Warum schreibe ich, wie ich schreibe? Weil ich seit fünfundvierzig Jahren professionell mit China und den internationalen Beziehungen befasst bin und meine Erfahrungen habe. Erfahrungen aus einer Zeit in den achtziger Jahren, da ich als Auslandskorrespondent der DDR in Japan im Tokioter Internationalen Presseclub mit einer Menge kluger Menschen aus der westlichen Welt darüber reden konnte, wie überaus wichtig es ist, China genauso ernst zu nehmen wie das je eigene Land. Was auch einschließt, zu wissen, dass China die Welt genauso intensiv betrachtet und bewertet, wie das im je eigenen Land geschieht, und seine Schlussfolgerungen daraus zieht. Da traf sich meine marxistische Weltbetrachtung mit den Beobachtungen sehr erfahrener anderer Weltbetrachter. – Erfahrungen dann aus der Abwicklung der DDR, die einschloss, dass von der Außenpolitik der DDR nichts übrigblieb und ich mein „Expertentum“ hinfort – von einer Ausnahme in der Forschung zu den deutsch-chinesischen Beziehungen abgesehen – als privates Hobby ausleben durfte. Einmal noch habe ich öffentlich Außenpolitik betrieben: Am 24. Januar 1991 habe ich im Berliner Abgeordnetenhaus vor den Folgen des damaligen Irakkrieges der USA für die langfristige Verschiebung des Weltkräfteverhältnisses gewarnt, auf die Zerstörung bewährter Friedenssicherungsmechanismen hingewisen, von der dadurch wachsenden Kriegsgefahr gesprochen – und wurde von der CDU-Fraktion niedergeschrien. Seit jenem Krieg ist die UNO immer weiter geschwächt worden – und das hat nichts mit China zu tun. – Im Jahre 1991 übrigens hätte der Westen die kulturelle und menschenrechtliche usw. Überlegenheit, von der er immer träumt und auf die er sich in seinem Handeln beruft, generös ausleben können. Die Sowjetunion lag am Boden, und China begann gerade erst, in der Welt wieder Fuß zu fassen. Die USA standen einsam an der Spitze – aber warben nicht etwa für eine Welt der Gemeinsamkeit, eine Welt der gemeinsamen Lösung der ökologischen und sozialen Existenzprobleme der Menschheit, sondern führten sofort Krieg: erst gegen den Irak und dann gegen Jugoslawien, und beim Letzteren bombardierten sie „zufällig“ die chinesische Botschaft in Belgrad. – Ich betrachte die Welt mit diesen Erfahrungen und addiere meine Meinung zu den vielen anderen. So habe ich’s auch diesmal getan und danke nochmals für Ein- und Widerspruch. – Wolfram Adolphi

    • Stephan Wohanka sagt:

      Sehr geehrter Herr Adolphi,
      Sie antworten Herrn Kord und mir freundlich, zugewandt, vermeiden aber auf die sachliche Kritik an Ihrem Text einzugehen. Das müssen Sie auch nicht. Jedoch bewirken Sie so, dass Ihre „Widerhaken“ zur reinen Ideologie wenn nicht verkommen, so doch einer solchen nahe kommen. Ich denke schon, dass Herr Kord mit seiner Einlassung, aus der Sie lediglich die „klare Kante“ destillieren, gar nicht so unrecht hat. Ich gebe sie nochmals wieder: „Da deucht mich eine ähnliche Haltung zu obwalten, wie sie bei vielen linken Kommentatoren zeitgenössischer russischer Politik dominiert: Prinzipielle Sympathie mit einem Land (gegen die ja nichts zu sagen ist), aber eben eine sich daraus ergebende Selbstbeschneidung von analytischen Möglichkeiten oder gar Notwendigkeiten, für Publizisten, wie ich finde, sogar Notwendigkeiten, gegenüber den Machthabern solcher Länder klare Kante dort zu zeigen, wo das hingehört, ist bestenfalls für eine Parteipresse statthaft“. Vom Duktus her nicht ganz schlüssig, von der Intension her jedoch völlig.
      Beste Grüße
      Stephan Wohanka

    • Bernhard Romeike sagt:

      Hochmögende Diskutanten, wie kommt denn eigentlich eine Sicht zustande, dass Verständnis für Russland „links“ sei? Bei diesem Thema geht es um Realpolitik, Verhinderung eines Atomkrieges und aktuell darum, ein neuerliches Stationieren von Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa abzuwenden. Ansonsten ist Russland heute nicht die Fortsetzung der Sowjetunion mit anderen Mitteln, sondern ein ebenso imperialistisches Land wie die USA, Deutschland usw. Im übrigen – nochmals zum Thema „links“: Die AfD tritt im Gegensatz zu den vier Parteien, die abwechselnd die Bundesregierung stellen, ebenfalls für gute Beziehungen zu Russland ein.

  62. Stephan Wohanka sagt:

    Wieder mal: China-Alarm von Wolfram Adolphi
    Eine Gewaltandrohung gegenüber einem souveränen Staat „ist – für sich genommen – in der Tat eine beunruhigende Aussicht“. Immerhin das. „Ein eigenständiger Staat im modernen Sinne war Taiwan nie“ – ist es aber heute oder will Adolphi negieren, dass Taiwan mit eigenem Hoheitsgebiet, Währung und Staatsvolk bzw. -gewalt und so eigener Identität ein solch souveräner Staat ist? Schon 2000 sahen sich nur noch 12 Prozent der Taiwaner sich als Chinesen, während es 1994 noch 48 Prozent waren. „Aber darf man in der global vernetzten Welt etwas nur ´für sich´ nehmen? Nein, darf man nicht…“. D´accord. Auch ich denke, dass den USA die wachsende ökonomische, politische und militärische Macht Chinas ziemlich gegen den Strich geht, dass die USA um ihre Vormachtstellung im pazifischen Raum fürchten und mit (militärischen) Muskelspielen reagieren. Können oder müssen aber beide Mächte nicht inzwischen als strategische Wettbewerber um den Einfluss im Pazifischen Raum und darüber hinaus gesehen werden? Und ist China auf diesem Hintergrund nicht auch dabei – und das vermisse ich bei derartigen geopolitischen bzw. -strategischen Analysen –, mit auch militärischer Gewalt Fakten zu schaffen?
    „Die Gruppe von Chinesen, die im Mai (2018 – St. W.) in der vietnamesischen Stadt Cam Ranh gelandet waren, hatten sich den Beginn ihres Vietnam-Urlaubs wohl anders vorgestellt. Bevor sie das Land betreten durften, beschlagnahmten vietnamesische Grenzbeamte ihre T-Shirts. Auf den T-Shirts waren die Landesgrenzen Chinas abgebildet. In rot war zusätzlich die sogenannte ´Neun-Striche-Linie´ eingezeichnet – der Umriss jener Zone, die China im Südchinesischen Meer für sich beansprucht. Für diese Provokation hatten die Vietnamesen kein Verständnis“. Die Anekdote lässt zumindest darauf schließen, dass nicht alle Anrainerstaaten Chinas amused sind ob der – gezielten? – Vorgehensweise des Landes, seine Bürger in aufreizender Manier politisch zu instrumentalisieren….
    Das Südchinesische Meer liegt bekanntlich zwischen China, Vietnam, Malaysia und den Philippinen, auch Brunei und Taiwan haben dort Ansprüche. Doch das weitaus größte Gebiet beansprucht die Volksrepublik China für sich, bis „hinunter“ nach Malaysia. Etwa 80 bis 90 Prozent dieses Seegebietes bezeichnet Peking als sein mare nostrum; ein rohstoffreiches Seeareal und wichtige Schifffahrtsstraße. Der internationale Schiedsgerichtshof in Den Haag wies 2016 die Ansprüche Chinas zurück, doch ignoriert Peking das Urteil: „… wann ihm welche politischen und Völkerrechtsprinzipien gerade wichtig sind und wann nicht“ – Adolphis Feststellung trifft wohl so auch auf China zu. Zur Festigung ihrer Ansprüche hat die Volksrepublik dort mehrere künstliche Inseln aufgeschüttet, auf denen Kampfflugzeuge und anderes militärisches Gerät stationiert werden können oder schon sind. Das Fiery-Atoll, zu den Spratly-Inseln gehörend, ist so eine Insel – mehr als tausend Kilometer von Chinas Küste entfernt, aber nur etwa 200 Kilometer von der der Philippinen. Trifft so desgleichen nicht auch auf China zu, was Adolphi den USA – und das nicht zu unrecht – zuschreibt; nämlich: „Diese Art der Weltbetrachtung und der auf ihr basierende Kurs sind finstere Steinzeit. Nicht um die so überaus notwendige weltweite Kooperation geht es da, sondern um die uralten Instrumente Konkurrenz und Krieg“.
    Die Präambel der Verfassung Chinas von 1982 besagt, dass „Taiwan Teil des heiligen Territoriums der Volksrepublik China (ist)“. In der Verfassung von 1978 nota bene war Taiwan nicht erwähnt. Was hat sich da geändert? Vielleicht fühlte man sich in Peking damals noch zu schwach, um drohen zu können? Die tatsächlich „groteske Aktion“, dass Taiwan einmal als Republik China auch die Abermillionen Festlandchinesen „vertreten“ wollte, darf jetzt im Umkehrschluss nicht dazu führen, dass China einen souveränen Staat bedroht und dass das als „China-Alarm“ denunziert wird.
    Alles in allem – mich überzeugt der Text nicht.

  63. Renate Kabel sagt:

    In einem „Blättchen“-Beitrag hat dessen Autor unlängst die – ja durchaus berechtigte – Forderung der intellektuellen Rechten nach inhaltlicher statt denunzierender Auseinandersetzung auf einen nicht ganz unwichtigen Aspekt hingewiesen: Wer ernst genommen werden will, schaue auch darauf, mit wem er umgeht und sich umgibt. Und da, so der seinerzeitige Hinweis, darf sich besagte Rechte nicht wundern, wenn ihre Verbandelung mit AfD-Lufhoheitlern der sehr “groben” Denkart auf auch deren inhaltliche Nähe abgeklopft wird. (Immerhin distanziert sich ja mittlerweile sogar die AfD-Spitze derzeit von Leuten Höcke und Poggenburg.)
    Der Aspekt, aus dem Umgang von politischen (übrigens natürlich auch privaten) Kräften zumindest teilweise auch auf deren originäre Wesensart zu schließen, ist aber keineswegs nur in diesem Falle aussagekräftig. Und so wäre dem sich intensiv – und dies vorrangig verständnisvoll – mit Russland beschäftigendem „Blättchen“ eigentlich auch mal einen Blick darauf wert, welche politischen Protagonisten sich in Putins Umfeld freundschaftlich tummeln. Erdogan gehört ebenso dazu wie Orban, Netanjahu, Assad, Salvini, Le Pen, der saudische Bin Salman… Auch AfD-Vertreter waren beim Kreml-Oberen zu Gast, und sie sind sogar mit Ehrungen bedacht worden; Linksparteimannen aber ebenfalls.
    Nun ist fraglos zu konzedieren, dass Putins ursprüngliche Offerten, am Westen partnerschaftlich anzudocken, von jenem zurückgewiesen worden, bereits vor Krim und Ostukraine! Dass dies kontraproduktiv war und ist, wenn es um einen entspannten und friedensorientierten Umgang miteinander geht, ist unbenommen.
    Nun neigen verschmähte Liebhaber auch im Privaten durchaus gern dazu, sich am Verschmäher zu rächen, indem man mit etwas fast schon provokativ anderen anbandelt. Putin ist solche schlichte Denkweise vermutlich nicht zuzutrauen, im Ergebnis kommt es bei der Sammlung seiner jetzigen Bundesgenossen allerdings auf etwas Gleiches raus. Und dass – sofern diese Schlussfolgerung zutrifft – auch dies kein vertrauensschaffender Vorgang ist, dürfte evident sein. Es sei, man betrachtet sein Verständnis für Moskaus Aktionen und Reaktionen z.B. in Rüstungsfragen als so etwas wie eine brüderliche Solidarität, was allerdings mit dem Selbstverständnis einer journalistischen politischen Publikation nicht recht zusammenzubringen sein dürfte.
    Die Granden der „Weltbühne“ jedenfalls wussten ihre Sympathie für das, was die russische Revolution einst wollte, sehr wohl souverän mit der massiven Kritik an dem zu verbinden, das seither gemeinhin Stalinismus genannt wird.
    “Zeige mir, wer deine Freunde sind, und ich sage dir, wer du bist”, lautet ein griechisches Sprichwort. Auch in Sachen Russland, d.h. Putin, scheint mir eine solche Betrachtungsweise am Platze.
    Renate Kabel

  64. HWK sagt:

    Nun muss man Blättchen-Leser in Sachen Trump sicher weder aufklären noch gar agitieren, aber die Sammlung seiner Unseligkeiten, wie sie hier zusammengestellt worden ist, hat denn doch ´was:
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-zwei-jahre-im-amt-luegen-beleidigen-golfen-a-1248808.html
    HWk

  65. Heino Bosselmann sagt:

    Zu: Jörn Schütrumpf, Karl und Rosa – und Leo, 22. Jahrgang | Nummer 1 | 7. Januar 2019

    Gerade mit Blick auf all die Tragik und die Opfer: Interessant wäre es ja, wüsste man zu durchdenken und zu beurteilen, inwieweit in der so wohlformuliert klaren Maßgabe Rosa Luxemburgs, an der Stelle der bürgerlichen Demokratie – mit ihrer „süßen Schale der formalen Gleichheit und Freiheit“, unter sich die soziale Ungleichheit verbirgt – eine sozialistische zu schaffen, inwieweit also darin je eine echte historische Chance damals oder überhaupt irgendwann bestand oder vielmehr – unerkannt bzw. wider Willen – eher die Genetik einer neuerlichen Gewaltperversion verborgen war, weil die einstige Sozialdemokratin und spätere Kommunistin anthropologisch falsch lag, wie der Utopismus und das „Prinzip Hoffnung“ stets falsch liegen. Wo etwa ist „dem Menschen“ eine sozialistische Demokratie in dieser Weise je möglich gewesen? Nicht doch am ehesten etwa im Schweden Olof Palmes, also wiederum in der Schale der bürgerlichen Demokratie? – Der „herbe Kern der sozialen Ungleichheit“, ist er nicht Teil der „conditio humana“, folglich weder gut noch schlecht, sondern das Normale, das sich nur recht und schlecht, nie jedoch prinzipiell regeln lässt, es sei denn man versucht es irgendwie gedankensynthetisch, was blödsinnig wäre, oder eben mit Gewalt, was – Maoismus, in Kambodscha … – ein Verbrechen darstellte? Wieviel luxemburgische Hoffnung mag es oder darf es noch gebe? Nicht viel, scheint mir.

  66. Ralf Nachtmann sagt:

    @ erhard weinholz

    Sie fragen: „Wem erscheint es denn billig, diesen sog. Sozialismus zu verteufeln?“ Ich antworte: Zum Beispiel mir, allerdings hätte ich schreiben sollen: „zu billig“. Sie fragen: „Welche Demütigungen sind gemeint? Ist das ein Zitat?“ Es ist ein Zitat, eins von mir selbst. Das aber ist nicht von Belang. Ich glaubte bisher, dass die Demütigungen, die Menschen im Nationalsozialismus durchleiden mussten, nicht mehr explizit genannt werden müssen. Dasselbe glaubte ich auch hinsichtlich der Demütigungen den nachfolgenden Sozialismus. Und „diese mir unbekannten Demütigungen“ aus der (nach-sozialistischen) Gegenwart sehen etwa so aus: Es fliegt ein Pflasterstein durch die Fensterscheibe mit einem Zettel dran: „Weg mit rotem Chaotendreck“. Und nicht viel später wird man „Nazi“ geziehen, allein weil man beispielsweise den Sinn der gegenwärtigen Art der Einwanderung in Zweifel zieht oder angesichts eines Fassadenstreits ein gewisses und recht diskutables Gender-Problem erkennt. Nähere Details aber gehören nicht in ein solches Forum. Wer war eigentlich der Franzose der einmal schrieb, Klarheit sei die Höflichkeit der Autoren? Jules Renard schrieb: Klarheit ist die Höflichkeit des Schriftstellers. (Ein solcher bin ich nicht. Zwar sind Schriftsteller Autoren, aber nicht jeder Autor ist auch Schriftsteller.) Marcel Reich-Ranicki (sicher bekannt) machte daraus: Klarheit ist die Höflichkeit des Kritikers. Auch Unklarheit regt zuweilen zum Nachdenken (und Diskutieren) an. Und genau da treffen wir uns also wieder. Bleiben Sie mir gewogen.

    • Sehr geehrter Herr Nachtmann,
      ich „glaube“ nicht an ein Mastermind K., sondern versuchte nachzuweisen, dass dieser Mann ein anderes Land will, das ich und viele andere nicht wollen. Die Geschichte zeigt, dass derartige Personen nicht unbedingt „Genies“ sein müssen, wie der Begriff „Mastermind“ auch zu übersetzen wäre; nein es genügt, wenn ihre „Intellektualität“ so weit reicht, den im Artikel beschrieben politischen Einfluss ausüben zu können.
      Desgleichen gestehe ich, Ihren ersten Beitrag bis auf die eben erläuterte Stelle auch nicht verstanden zu haben. In Ihrer Antwort auf Herrn Weinholz stellen Sie Einiges klar, was mich zum Widerspruch reizt. Sie schreiben: „Ich glaubte bisher, dass die Demütigungen, die Menschen im Nationalsozialismus durchleiden mussten, nicht mehr explizit genannt werden müssen. Dasselbe glaubte ich auch hinsichtlich der Demütigungen den nachfolgenden Sozialismus“. Der zweite Satz ist wohl fehlerhaft durch eine Auslassung, aber das passiert. Ihre Intension ist klar – und die teile ich nicht: Im Gegenteil – ich bin der Auffassung, diese „Demütigungen explizit“ benennen zu sollen, immer und immer wieder, um einen Rückfall namentlich in den „Nationalsozialismus“, aber auch „den nachfolgenden Sozialismus“ zu verhindern. Wobei ich „Demütigungen“ für einen wenig hilfreichen Euphemismus halte; es geht – in unterschiedlichem Maße – um teils monströse Verbrechen; ich muss das nicht ausführen.
      Wenn Sie meinen sollten, permanente Warnungen nutzten sich ab – auch das sehe ich nicht so: Solange die bundesdeutsche Fahne SchwarzRotGold für eine Nazi-Fahne, ja ein Symbol für Auschwitz gehalten wird, kann es – für mich jedenfalls – nur den eben beschriebenen Schluss geben.
      Beste Grüße
      Stephan Wohanka

  67. Ralf Nachtmann sagt:

    Stephan Wohanka glaubt an einen „Mastermind Kubitschek“; na, ist das nicht zu viel Ehr‘ für einen Simpel, der Intellektualität zwar vortäuscht, tatsächlich aber mangels eigenen Habens, verachtet?
    Im Übrigen erscheint es billig, den von den rechten Bewegungen in Europa propagierten „nationalen Sozialismus“ zu verteufeln, solang man selbst einige „bestimmte Demütigungen“ (noch?) nicht selbst durchlitten hat, durchleiden musste.
    Die gute Braut ist eben hässlich, und der junge Bursch wünscht sich ’ne hübsche.

    • erhard weinholz sagt:

      Vielleicht braucht man ja für eine solche Rolle nicht sonderlich viel Intellektualität. Dies zum ersten Satz. Zum zweiten: Wem erscheint es denn billig, diesen sog. Sozialismus zu verteufeln? Welche Demütigungen sind gemeint? Ist das ein Zitat? Und wenn man diese mir unbekannten Demütigungen durchlitten hat, erscheint es dann nicht mehr billig, diesen sog. Sozialismus zu verteufeln? Tja, wer weeeß … Ein Franzose schrieb einmal, Klarheit sei die Höflichkeit der Autoren.

    • Helmut König sagt:

      Wer, sehr verehrte Frau Cordula, hat Sie veranlaßt, so überaus scharf auf verschlungenden Wegen gegen den derzeitigen Präsidenten der VSA anzureiten? Ehrlich mal!

  68. René Bertram sagt:

    Dito „werter Herr“ (es freut mich, dass Sie meinem Namen das dazugehörige Genus richtig zugeordnet haben) –
    Auch Ihre Anmerkungen klingen schlüssig, mir bleibt nur die Frage unbeantwortet, was ist, wenn besagter Mainstream mit seinen (freilich beilleibe nicht allen) Sichtweisen einfach mal recht hat.
    Oder scheidet das Ihrer Ansicht nach aus, weil sich dort ja alles im Rahmen des politisch Gelenkten und/oder Korruptiven bewegt? Und auch: Inwiefern nehmen Sie die NZZ und mehr noch Cicero von Ihrem Verdikt aus? (Übrigens: Bei eller Zuneigung auch meinerseits zum Blättchen kann ich auch bei dem nicht voraussetzen, dass dort allzeit nur zu lesen ist, was dann als „richtig“ zu gelten hat. Auch diese Publikation ist Menschenwerk, und der Mensch, wir wissen es spätestens seit der Bibel, ist ein fehlbares Wesen.)
    Zumindest diesbezüglich bin ich denn doch irritiert, grüße Sie, Herr Ernst, desungeachet aber mit vorweihnachtlicher Freundlichkeit,
    R. Bertram

  69. René Bertram sagt:

    Es tut mir leid, aber mich fröstelt es jedesmal ein wenig, wenn ich einen mutigen Polemiker den Begriff „Mainstream“ gebrauchen höre oder eben lese. Aus der Verachtungsfülle, die darin mitschwingt, speist sich da jedesmal die eigene Überlegenheit des unterdrückten, aber bescheidwissenden Außenseiters, eines Märtyrer der Aufklärung sozusagen.
    Wenn ich an Zeiten des Realsozialismus zurückdenke, kann jedenfalls ich nur resümieren, dass der antikommunistische Mainstream der Westmedien – trotz auch allem Schwachsinn vor allem des Boulevards und weiteren Fehlleistungen – im Kern über eben jenen Sozialismus mehr Zutreffendes veröffentlicht hat als dies die Agitatoren und Propagandisten des Wahren und Guten taten.
    Mainstream bedeutet dominierende Mehrheitlichkeit, nicht mehr, nicht weniger. Dass eine solche nur deshalb falsch und eben verachtenswert ist, weil sie nicht zur eigenen Sichtweise passt – erschließt sich mir leider nicht. Im Gegenteil: Das ist gute (?) alte Argumentationssitte aus realsozialistischen Zeiten. Wie ich gehört habe, sind diese aber perdu.
    René Bertram

    • Werner Richter sagt:

      Dieser Aspekt spielt hier beim Begriff „Mainstream“ keine Rolle. Er wird i.d.R. gebraucht, um die Differenzen zwischen „seriösem“ Journalismus, also der unparteiischen Berichterstattung und einer immer mehr aus verschiedener Richtung dirigierten zu beschreiben. Dazu sind die Arbeiten von Uwe Krüger gewissermaßen akademischer als auch politisch-praktischer Hintergrund. Er analysierte die Organisationsstränge von Institutionen, z.B. von Stratfor (Nato) zu Schlüsselpersonen in den Medien, in deren Ergebnis ein „Durchstechen“ von Interpretationen zu aktuellen Ereignissen in die „Hauptmedien“ erfolgt. Er nennt dabei durchaus Roß und Reiter. Auch aus der Branche liefern Leute Belege dafür, z.B. Harald Schumann. Inzwischen sind weitere Propagandastränge, anders kann man das wohl nicht bezeichnen, publik geworden, ein neues Beispiel wird hier benannt: https://www.heise.de/tp/features/Infowar-oder-Absurdistan-Britisches-Aussenministerium-im-Strudel-der-Desinformation-4253994.html.

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Werter Herr,
      Ihre Einlassung klingt schlüssig, trifft des Pudels Kern aber nicht. Bereits in Goethes Faust ist nachzulesen:
      „Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
      Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
      In dem die Zeiten sich bespiegeln.“
      In diesem Sinne haben sich schon Karl Marx, die 1848er und die deutschen Sozialdemokraten im 19. Jahrhundert damit befasst, dass die bürgerliche Presse gegen Bezahlung, auf Geheiß der respektiven Regierung und/ oder unter Zutun geheimdienstlicher Einflussagenten lügt. Nicht immer, aber des öfteren.
      Jetzt sparen wir uns mal den „Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung“ und stellen schlicht fest, dass solcherlei Pressewesen sich nach 1945 rekonstruierte, im Westen in alter Weise und im Osten dergestalt, dass sich das SED-Politbüro als der neuen „Herren eigner Geist“ konstituierte. Der Kalte Krieg beflügelte das beiderseitige, vor allem das wechselseitige Lügen. Der Unterschied war nur, dass die Stalinisten im Osten sichtlich grobschlächtiger und dümmer waren, als die bürgerlichen Propagandisten im Westen. Mit dem Ende des Realsozialismus waren erstere beiseite geschoben, die letzteren blieben als „Sieger der Geschichte“ übrig. Das ist es, was heute „Mainstream“ geheißen wird, nicht nur als Medienphänomen, auch in Politik und Wissenschaft.
      An der Tatsache, dass bestimmte Themen, z.B. bezüglich Russland oder Ukraine, in den bürgerlichen Großmedien nicht oder nur tendenziös behandelt werden, wird deutlich, dass wir es derzeit in Deutschland ebenfalls mit einer klandestinen Lenkung zu tun haben. Wer alternative Medien lesen will, muss zur Neuen Zürcher Zeitung oder zum Cicero greifen, auf die Nachdenkseiten gehen oder das Blättchen lesen.

  70. Werner Richter sagt:

    Zu: Bemerkungen, Günther Krause, untote Skandalnudel Heft 26/18
    Zum alten Witz hatte ich schon immer ein getrübtes Verhältnis, wenn auch die Mehrzahl meiner „Genossen“ ihm selbst klammheimlich oder offen applaudierten. So waren sie halt, die SED-Nationalisten (Thierry Meyssan) mit der DDR-Fahne am Balkon zum 1. Mai. Ich fand Karl Eduard, heute würde man das cool nennen, sachlich, sowohl in Bezug auf seine Kapitalismuskritik wie der der BRD-Politik und fand das in einigen Begegnungen bestätigt. Den Witz, der Realität wiedergibt, fand ich jedoch ungerecht. Seine Sendung am Montag nach Willi Schwabe war mir die wichtigste überhaupt.
    Man könnte meinen, das sei Geschichte, jedoch ließ mich eine Gegebenheit nachdenklich werden. Bei einer Diskussion im Haus der Demokratie saß ich neben Susann Witt-Stahl, ohne sie zu kennen. Nach ihren Diskussionsbeiträgen sprach ich sie an: Wissen Sie, daß Sie genau der Argumentationsmethode von Schnitzler folgen? Sie dachte kurz nach: Ich bin gerade dabei, „Melody & Rhytmus“ neu heraus zu bringen. Z.Z. lese ich gerade die „gesammelten Werke“ von Schnitzler, der hat mir viel zu geben.
    Wenn man heutzutage noch dem Witz hinterher feixt, sollte man sich doch fragen, warum eigentlich.

    • Lieber Herr Jakubowski, die Komplexität der Lage in Syrien ist mir bewußt, versuche, sie mit Verfolgung und Einordnung zu erfassen. Jedoch bezog sich meine Einlassung auf das Narrativ der als Bürgerkrieg bezeichneten Kampfhandlungen zu Beginn. Da haben wohl wiederum Ihre Einwände zu den Abläufen danach doch nichts verloren.
      Das von Ihnen erwähnte progressiv-demokratische Projekt der Revolution in Rojava hat auch meine gespannte Aufmerksamkeit, aber auch da ist die Lage nicht ganz so eindeutig, da ja damit auch eine Kooperation mit den US-Streitkräften verbunden ist, die ja an allem anderen interessiert sind, als wirklich demokratische Projekte zu fördern. Es dient ihnen als Feigenblatt.
      Wenn man vom „Assad-Regime“ spricht, dann dürfte selbstverständlich sein, vom Erdogan-Regime, saudischen, katarische usw. zu sprechen. Denn diese Regimes sind keinen Deut besser bzw. schlimmer bezüglich der Menschenrechte. Dies könnte für viele nordafrikanische Regierungen gelten. Daß aber die Rede ausschließlich vom „Assad-Regime“ ist, geht wohl auf die Zielstellung der Nato, eine nicht gefügige Regierung zu beseitigen, in deren Folge bewußt in Kauf nehmend eine ganze relativ stabile Region zerstört wurde, zurück. In diesem Zusammenhang lehne ich diese Bezeichnung zumindest als unzulässig ab.

    • Stephan Jakubowski sagt:

      Lieber Herr Richter,

      da gebe ich Ihnen auf der Ebene der Form vollkommen Recht – es handelt sich in meinen Augen um das türkische, das libysche, usw. Regime. Eine Trennung nach schlecht und etwas weniger schlecht fällt da bisweilen schwer und die Verargumentierung, warum bei dem einen eine Delegitimierung statthaft ist und bei welchem nicht mehr, ist oft subjektiv eingefärbt.

      Man sollte bei der grundsätzlichen Frage der Urheberschaft eines Aufstandes nicht vergessen, dass damit auch oft eine Wertung einhergeht und die Reduktion eines Aufbegehrens auf einen geheimdienstlichen „Regime-Change“ ebenfalls einen delegitimierenden Beigeschmack hat. Gerade das revolutionäre Projekt in Rojava aber trägt ja den Grundgedanken vom Objekt zum Subjekt zu werden.
      Zur Frage der Kooperation zwischen der Revolution in Rojava und den USA hat sich das KCK recht eindeutig geäußert. Kurz zusammengefasst heißt es da: Man weiß um die Gegensätzlichkeiten in der Frage „kapitalistische oder demokratische Moderne“ und kennt auch die jeweiligen Haltungen. Weiter aber sind die USA für die Bewegung nützlich im Kampf gegen den IS und als Puffer gegen die Türkei gewesen. Erwartet hat man nichts und war sich jederzeit bewusst, dass es den USA zu keiner Zeit um die Unterstützung der (wie ich finde) besten demokratischen Bestrebung unserer Zeit gehen könnte, sondern ausschließlich um direkten Einfluss bei der geopolitischen Gestaltung der Region.

    • Entschuldigung, da ist mir eine Deplatzierung meines Beitrages gelungen. Er gehört natürlich zum Beitrag von Stephan Jakubowski am 21. Dezember 2018 um 11:14.

    • Werner Richter sagt:

      Lieber Herr Jakubowski, da gehen wir völlig konform. Hatte schon hier vor Jahren auf die besondere Bedeutung der Entwicklung in Rojava aufmerksam gemacht, da m.M. nach darin Keime einer genossenschaftlichen und zugleich basisdemokratischen, auch in der Wirtschaft, Struktur zu erkennen sind, die es nur noch in den katalanischen und baskischen Zivilgesellschaften gibt. Dabei deutete ich an, hier Ansätze zu einer Nichtwarengesellschaft möglicherweise vorzufinden. In der extremen äußeren Situation von Rojava ist es schon ein Wunder, daß das Projekt immer noch existiert und damit auch die Versorgung 100.000er Binnenflüchtlinge ohne nennenswerte Unterstützung, aber unter Sanktionen seitens der Türkei, zusätzlich gewährleistet. Die Bundesrepublik, EU und Nato unterstützt da lieber die syrischen Ableger der Barsani-Truppen, die den Hofhund der Türkei geben, genau die, die einst die Jesiten entwaffneten und den Türken zum Fraß vorwarfen. Aber ich verstehe schon, warum YPG & Co. nicht auf die Assad-Avancen eingingen, so spielten sie jedoch va banque mangels Alternative. Ihnen blieb nur die Wahl zwischen Pest und Cholera und sie wählten verständlich letzteres, das bißchen Durchfall namens USA kann man überleben.

  71. Werner Richter sagt:

    Zu Syrien: hybride Machtspiele staatlicher Akteure Heft 26/18 17.12.2018
    Es ist wohl zwingend geboten, als auf mediale Anerkennung und Bezahlung angewiesener Beobachter zumindest ab und zu Darstellungen des Mainstreams zu übernehmen und Gleichklang zu signalisieren.
    Schon die Ausgangslage dürfte darunter fallen, die aber so mehr als zweifelhaft ist. Es gibt nicht wenige seriöse Analysten auch vor Ort, die es genau umgekehrt wahrgenommen haben und dazu ziemlich viele handfeste Beweise anführen, bis hin zur Globaleinschätzung, daß von vorn herein außersyrische Kräfte agierten, die dann nach und nach einheimische, wie auch immer, dafür gewannen, alten Zwist wieder hochspielend. Erinnert sei an damals noch mögliche Reportagen aus dem Nordosten Syriens, als erstmals Truppen in Ortschaften kamen. Eine Frau erzählte, das seien zwar nach der Sprache Araber gewesen, aber kein Syrer. Von den inzwischen vor dem „Bürgerkrieg“ abgezogenen größten Waffendeal aller Zeiten, zur Ausrüstung und Ausbildung der Proxy-„Widerständler“, der Teilnahme von Spezialeinheiten vieler Nato-Staaten und der Rolle der „Koalition“ vor dem „Bürgerkrieg“ muß mal gar nicht gesprochen werden.
    Das zweite Signal (Ich bin doch im Prinzip auf eurer Seite) kann man in der Verwendung des Begriffes „Assad-Regime“, „Machthaber Assad“ wäre eine weitere mögliche Variante, sehen. Dieser Ausdruck relativiert die Aggression der Nato und ihrer regionalen Handlanger, verleiht ihr in eine gewisse Berechtigung, die des gut gemeinten Demokratieexportes, und gibt der syrischen Regierung eine Mitschuld, worin Hauptschuld mitschwingt.
    So tief kann man sinken.

    • Stephan Jakubowski sagt:

      Lieber Herr Richter,

      unter der Vorraussetzung einer unglaublichen Komplexität des wer-mit-und-wer-gegen-wen im Syrienkrieg ist Ihr Fokus auf den US-Imperialismus doch ein bisschen arg verkürzt. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, darf nicht vergessen werden, dass der NATO-Partner Türkei, kräftig ausgerüstet aus Deutschland, nur mit der Freigabe des Luftraum durch Russland (und die USA) den Angriff auf Afrin starten konnte. Mit islamistischen Milizen (zum Teil aus den Reihen des IS), die vorher vom NATO-Partner USA bekämpft wurden, welcher wiederum bis vor kurzem Seite an Seite mit den Kräften der SDF gegen den sogenannten IS kämpfte. Gleiches gilt für die neuerlichen Angriffspläne gegen die selbstverwalteten Gebiete im syrischen Nordosten. Hier zeigt sich ein hochkomplexes Konstrunkt aus globalen wie regionalen imperialistischen Bestrebungen, die ein klares Freund-Feind-Schema aushebeln. Erschütternd ist, dass das progressiv-demokratische Projekt der Revolution in Rojava droht, zwischen all diesen Akteuren aufgerieben zu werden.
      Im übrigen finde ich, dass man sehr wohl vom „Assad-Regime“ sprechen darf, denn die massive Gewalt, die gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wurde und die Tatsache, dass auch Assad seinen nicht unerheblichen Anteil am Erstarken des IS hatte zeigen, dass sich auch dieses Regime für den Erhalt der eigenen Macht und zur Durchsetzung regionaler Hegemonialvorstellungen nicht zu schade für schmutzige Hände war und ist.

  72. Werner Richter sagt:

    Es ist geschehen, das Undenkbare und Nichtseinsollende. Eine Zeitschrift brachte einen Artikel zum Erscheinen der Neuausgabe „Das Kapital 1.1-1.5“¹. Zeichen oder Wunder? Die heilige Dreifaltigkeit des Journalismus, zumindest von Einigen beschworen und wohl nur in grauer Theorie existent, ist durchbrochen.
    Aber lassen wir die Dramatik, es ist eigentlich stinknormal. Das „Kapital“ erschien um Wesentliches erweitert und eine Zeitschrift berichtet darüber, was eigentlich ihre Aufgabe ist. Das ND hatte ja schon eine Besprechung für die Buchmesse veröffentlicht², sodaß hier garantiert keine Sensation vorliegt. Beides wurde hier im Forum bereits erwähnt. Es entwickelt sich eben, Genossen, auch der Journalismus.
    Der gemeinte Artikel als Gastbeitrag von Heinrich Harbach erschien auf der Website des Heiseverlages „telepolis“³. Dort begründet der Autor die Bedeutung des Ereignisses sowohl für die gesellschaftswissenschaftliche Theorie, die Interpretation des „Kapitals“, als auch für die praktische Politik, zumindest, soweit sie sich links wähnt. Es ist der Teil „Das Kapital 1.5 Die Wertform“, in bisherigen Ausgaben nicht vorhanden, und alle bisherige Kapitalinterpretationen in Frage stellend, der Furore macht.
    Die Website hat auch ein Forum, von dem ich hoffe, daß es fruchtbringende Diskussion bringt. Aber, für die, die mit ihm noch keine Erfahrungen gemacht haben, ist es sehr gewöhnungsbedürftig, es tummelt sich da allerlei, auch grobes Volk, wie auch sonst in der Gesellschaft. Das muß nicht negativ sein.
    Auch dem Nichtökonomen, der ja in der Regel mit der marxistisch-leninistischen Theorie, mit dem „Kapital“, und Praxis Berührung hatte, kann die Beschäftigung damit von Vorteil sein. Er hat Bezüge dazu, ob er will oder nicht.
    ¹ Rolf Hecker/Ingo Stützle (Hg.): Karl Marx. Das Kapital 1.1 bis 1.5. Fünf Bände im Schuber. Karl Dietz Verlag, 896 S., br., 30 €
    ² Die Wertform – das Fundament der kapitalistischen Produktionsweise !
    (zu „Das Kapital 1.5“ der Taschenbuchausgabe von „Das Kapital 1.1-1.5“) Zum 200. Geburtstag von Karl Marx, Der Springpunkt, https://www.neues-deutschland.de/artikel/1081770.karl-marx-der-springpunkt.html
    ³ https://www.heise.de/tp/features/Die-Wertform-Das-Fundament-der-kapitalistischen-Produktionsweise-4237120.html

  73. Ute Rucht sagt:

    Danke an E. Crome für diese nüchterne und damit sachlich-realistische statt emotional-ideologische Sicht auf das Problem der Linken in deren Bemühen (oder Versagen), wieder eine wirklich einflußreiche gesellschaftliche Wirkungsmacht zu werden.
    Ute Rucht

  74. Rolf Kegel sagt:

    „Ach, verraten zu sein, ist immer der Trost der Geschlagenen“, hat C. v. Ossietzky einmal, wie ich finde sehr treffend, resümiert.
    Mal sehen, wer sich in Sachen SPD – außer per Abwendung von ihr – noch alles als Opfer gerieren wird, was ohnehin des (nicht nur) Deutschen beliebteste Daseinsform sein dürfte.
    Nebenbei (und hier nicht als Widerspruch zu Sarcasticus gemeint), dass alle kommunistischen und andere linken Parteien – die einen mehr, die anderen weniger – ihre ursprünglichen Ideale verraten haben, wo sie an irgendeiner Form der Macht waren, sollte irgendwie immer mitgedacht werden. Wenn ich, nur mal auf die Gegenwart bezogen, daran erinnere, dass die heutigen Großdesaster u. a. der Berliner Wohnungs-, Bildungs-, Ämter-und Gesundheitsszene einst auch von der neuerlich mitregierenden Linken in deren erster Koalition mit der SPD mitzuverantworten ist, da sie mit (auch) ihrer rigiden Sparpolitik die Ideale der sozialen Gemeinschaft (hier einer Stadt) verraten hat, statt auszusteigen, um wenigstens nicht mitschuldig zu werden.
    Rolf Kegel

  75. Darf ich – auch wenn es ganz unüblich ist – meinem „Bravo“ für Wolfgang Klein noch ein Textstück hinterherschicken? Ein eigenes? Aus meinem Roman „Hartenstein. Bd 2: Im Zwielicht der Spuren“, erschienen Anfang 2018? Dort habe ich auf Seite 113ff geschrieben:
    „Fassungslos […] stand er“ – gemeint ist Jakob Hartenstein – „vor der Nichtbereitschaft der Herrschenden, eine Politik zu betreiben, die der Komplexität dieser Flucht- und Migrationsbewegungen, wie sie so überdeutlich auf der Hand lag, auch nur in Ansätzen gerecht geworden wäre.
    Für einen winzigen Moment hatte er geglaubt, es könne vielleicht gut ausgehen. Das war der Augenblick gewesen, da die Kanzlerin, um blutige Zusammenstöße und Hunger- und Trinkwasserkatastrophen der Flüchtlinge, die im Süden Europas gestrandet waren und nun zu Zehntausenden nach Norden strebten, zu verhindern, die Grenzen geöffnet und ‚Wir schaffen das‘ gesagt hatte.
    Ja, hatte Jakob gedacht, das war ein gutes Wort. War dem Reichtum Deutschlands angemessen und allem anderen, dessen man sich im Land glücklich schätzte und das man sonst gar nicht genug preisen konnte: wie demokratisch die Gesellschaft organisiert und wie effektiv sie verwaltet war; wie vorbildlich man sich um diejenigen kümmerte, die keine Arbeit finden konnten oder auf andere Weise von dem, was als Erwerbsleben galt, ausgeschlossen waren; wie hoch der Gerechtigkeitsanspruch war im Land; und wie modern das Menschenbild, mit dem man darauf bestand, frei zu sein von Rassismus und Intoleranz, Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit. Und war auch angemessen den riesigen Gewinnen, die Deutschland daraus zog, dass es in der Globalisierung zum Exportweltmeister geworden war. Die Welt stand offen allem, was in Deutschland selbst und in deutschen Firmen, die sich allüberall auf den Kontinenten angesiedelt hatten, mit Gewinn für Deutschland produziert wurde – da war es doch nur logisch, dass umgekehrt auch Deutschland der Welt offenstehen musste, und es war gut, dass sich das im Kanzlerinnenwort spiegelte.
    Aber wie sehr hatte er sich geirrt.
    Nicht einen Tag lang hatte ‚Wir schaffen das‘ Bestand gehabt. Nicht einen einzigen Tag. Blitzschnell hatte sich Gegendruck organisiert, und blitzschnell waren die Signale auf Rückzug gestellt. Den vollzog, wie es ihre Art war, die Kanzlerin nicht direkt, aber sie vollzog ihn. Trug den Satz noch ein paarmal vor sich her, aber höhlte ihn dabei schon aus, nahm ihm allen Kern und jede Kraft. Denn sie, die sonst so gerne von Werten sprach – von christlichen, abendländischen, europäischen – hielt nicht in die Höhe den wichtigsten Wert von allen: das Bild vom Menschen als eines überall gleichen. Das universale Menschenbild.
    Und: Sagte nicht, mit wem sie sich zusammentun wollte in ihrem ‚Wir schaffen das‘, benannte für ihren Satz keinen Adressaten, keine gesellschaftliche Kraft. Dabei bot diese Kraft sich ihr an in hunderttausendfacher Form. Mit überwältigendem Enthusiasmus und in selten erlebter Gemeinsamkeit meldeten sich junge Leute allüberall zu bereitwilliger Hilfe. Nichts wollten sie dafür haben, kein Geld war ihnen wichtig, das Helfen selbst war ihnen Inhalt und Zweck genug. […]
    Aber die Kanzlerin sah sie nicht, diese Kraft, sprach sie nicht an, ermutigte sie nicht, und schon gar nicht machte sie sich zu einem Teil von ihr. […]
    Indes: Da sie allein blieb mit ihrem ‚Wir schaffen das‘, die Kanzlerin, sich nicht verbündete, nicht Kraft suchte bei anderen, hatte der Gegendruck leichtes Spiel. Baute sich auf in ihrer eigenen Partei und in der, mit der sie in Koalition sich befand, und baute sich gleichzeitig auch auf der Straße auf und mit einer neuen Partei, die aus diesem Gegendruck sich speiste und ihn weiter erhöhte.“

    • Klaus Müller sagt:

      Wahre, wichtige, wunderbare Worte – danke Wolfgang Klein, danke Wolfram Adolphi!

  76. Bravo, uneingeschränktes Bravo, lieber Wolfgang Klein, für Ihre wunderbare Ansprache.

  77. Rainer Rau sagt:

    Heimat ?
    Meine Familie, meine Freunde, mein Verein, meine Genossinnen und Genossen
    Biesdorf, Kaulsdorf, Marzahn, Hellersdorf, vielleicht auch noch Berlin.
    Meine Straße, das Getreideviertel, die Oberfeldstraße, das Wuhletal, der Kienberg.
    Das ist mein zu Hause
    Hiddensee, Rügen, Rostock, Warnemünde, Hamburg, Kiel, die Ostseeküste, die Ostsee,
    Hohensaaten, die Oder, Bad Lauterberg, der Brocken, der Harz, Leipzig, Dresden, Klieken, die Elbe, Bingen, der Rhein, Passau, die Donau, Singen am Hohentwiel, Konstanz, der Bodensee,
    Kochel am See . . .
    Deutschland – ist meine Heimat – nicht aber mein Staat
    Und Europa?
    Inzwischen auch meine Heimat?
    Bück, Mielno, Swinoujscie, Marianske Lazne, Pertisau, Obergurgel, Keutschach, Morschach, Brunicio, St. Johann, Menorca, Madeira, Ponta Delgada, Kreta, Osoyro, Lappenranta, Edam . . .
    Ja!

  78. erhard weinholz sagt:

    Zur Abwechslung heute einmal lyrische Anmerkungen:

    Konservatives Prophentenwort
    Das Personal, das nichts mehr schreckt, es wird tagtäglich frecher,
    Der Geist ist krank und schmutzbedeckt, o ihr Kulturverbrecher!
    Die Menschheit ist gemein und dumm und wird noch immer dümmer,
    Und überhaupt ist alles schlumm, und morgen wird‘s noch schlümmer.

    Auf meinen Spaziergängen durch Berlin begleitet mich, das nun sei allen Herbert-Roth-Verächtern ins Stammbuch geschrieben, des öfteren ein von mir erdachtes Lied im Stil des Meisters, das Köckeritzsch-Stöckeritzsch-Lied (eigentlicher Titel: Gemeinsam geht es besser). Die Melodie, so scheint mir, stellt sich beim Lesen wie von selbst ein, Tempo: flott, aber nicht hastig.
    Von Köggeritsch nach Stöggeritsch (so die Originalaussprache) durch Wiese, Feld und Hain, den langen Weg nach Stöggeritsch geh ich nicht gern allein.
    Chor: Nach Stöggeritsch!
    Von Köggeritsch nach Stöggeritsch ist es nicht mehr so weit, geh’n wir den Weg nach Stöggeritsch auch einmal zu zweit.
    Chor: s. o.
    Von Köggeritsch nach Stöggeritsch beflügelt sich der Schritt, geh’n wir den Weg nach Stöggeritsch gemeinsam gar zu dritt.
    Chor: s. o.
    Von Köggeritsch nach Stöggeritsch, da geht es wie geschmiert, zieh’n wir hin gen Stöggeritsch (langsamer werdend) zu guter Letzt zu viert!
    Chor: s. o.
    Wenn möglich, mit Zitherbegleitung servieren.

    • Werner Richter sagt:

      Vielleicht ist dabei ein bißchen Abwechslung anzuraten, z.B. mit alten Kinderreimen, gesungen nach Volksmelodien, wie dem:
      Aaf dr Olm, do schtiat a Kuah,
      die mocht dös Auerschloach aaf un zua.
      Donebn schtiat a dummes Schwein,
      dös schaut dr Kuah ins Auerschloach nei.
      Do sogt die Kuah: Du dummes Schwein, wos schaust’n mia ins Auerschloach nei.
      Do sogt das Schwein: Du dumme Kuah, was mochst’n’s Auerschloach aaf un zua.
      Danach kann man inbrünstig aufatmen: Heimat, Deine Sterne!

    • Herr Richter möge sich sagen lassen, dass derart abgestandener Unflat durch noch so viele Diphtonge nur unwesentlich erträglicher wird.

      Erhard Weinholz dagegen sei gepriesen für das ebenso humane wie soziale Ideal, das er der faustischen Tragödie der Individuation entgegensetzt. Die Ausspracheregel (Köckeritzsch -> Köggeritsch usw.) erweist sich darüber hinaus als praktische Lebenshilfe: ich war mal in Leutzsch bei Leiptzsch und kann jetzt mit dieser Tatsache wesentlich entspannter umgehen. Hier zeigt sich ein Autor, der nicht nur die ethische, sondern auch die phonetische Kompetenz hat, selbst mit einem Nietzsche fertig zu werden. Und vom Intellekt her langt’s sowieso allemal.

      Mein Lieblingsbuchstabe bei „Heim und Welt“ war übrigens bisher „C“; der mit den „blonden blauäugigen Heiken“.

    • Werner Richter sagt:

      Herr Mankwald, das ist wirklich ein Kinderlied aus historisch prekären Proletenverhältnissen. Die Leute hatten keine Zeit, sich um die Befindlichkeiten von Schöngeistern zu sorgen. Man kann das natürlich ausblenden in heutiger Sattheit und sich mokieren. Aber Prekariat ist im Kommen und die Umgangsformen sind auch wieder dem entsprechend. Sie wiederspiegeln auch diese Lebensverhältnisse. Da ist doch ein Erinnern durchaus angebracht, wenn auch nicht jedermanns Geschmack. Wenn man jedoch Deftigkeit mit Niedrigniveau gleichsetzt, hat man ein Problem.

    • Herr Richter, proletarische Verhältnisse sind mir als Sohn eines Arbeiters durchaus bekannt; ebenso mindestens die ersten vier Zeilen Ihrer Verse, wenngleich in anderer Mundart. Daher das Prädikat „abgestanden“.
      Zu dem, was Sie „Prekariat“ nennen, gehöre ich als Empfänger des sog. „Arbeitslosengelds II“ seit Jahren selbst. (Nebenbei bemerkt empfinde ich den Ausdruck als diffamierend. Prekär heißt „auf Bitten angewiesen“; ich habe bestimmte Rechte. Und welche Umgangsformen zu dieser Situation passen, möchte ich gerne selbst entscheiden.) Gerade in dieser miesen Lage waren mir die Verse von Erhard Weinholz ein Trost; Ihren Kommentar dagegen empfand ich als trostlos.
      Vielleicht verstehen Sie das besser, wenn ich auf ein Marx-Zitat zurückgreife: W. zeigt gleichnishaft, wie wer auch immer damit beginnt, sich „zur Klasse zu organisieren“; Sie zeigen die „Konkurrenz“, die uns immer wieder davon abhält. Wenn unsereins einander mit solchen Schmeicheleien belegt, haben doch nur die Herrschenden wirklich etwas zu lachen.

  79. Werner Richter sagt:

    Zu St. Wohanka „Nation, Heimat und Patriotismus“
    Es mag daran liegen, daß ich, immer unterwegs, nie länger an einem Ort lebte, die Begriffe Nation, Heimat, Patriotismus klingen mir recht hohl. Ich traure deswegen nicht, bin eher froh darüber. Allerdings ist mir der Begriff der Klassenzugehörigkeit nicht so fremd, den erlebte ich in Echtzeit, nicht nur als Gefühl, sondern sehr real. Wenn die erstgenannten Begriffe zum Politikum aufsteigen, weckt das meinen Argwohn. Nicht unbegründet kommt dann der Verdacht, da will doch jemand ein Süppchen kochen, das auch ich dann, wenn es wieder mal in die Hosen geht, auslöffeln soll. Stephan Wohanka hat die Gefahrenpunkte genannt, ein Autor in telepolis hat den Heimatbegriff historisch betrachtet, der dann im SS-Reichssiedlungshauptamt seine Vollendung fand:
    https://www.heise.de/tp/features/Vom-Gartenhaus-nach-Buchenwald-4223487.html
    Das kommt mir in den Sinn, wenn plötzlich wie aus dem Nichts Heimatministerien gebraucht werden.
    Außerdem weckt „Heimat“ Erinnerungen an Herbert Roth, der mich neben der Operette schon in jungen Jahren ohne Kompromisse zum Rock‘n Roll trieb. Und zwar nur der Originalversion, der verdeutschte Kitsch war mir ein Gräuel.
    Dieses Heimatgesäusel ist mir auch zu kitschig, Papiergirlanden am Maibaum gleich, erinnert an Pappkameraden. Und ich finde das Fazit eines Kabarettisten für zutreffend: Nationalisten erschlagen ihre vermeintlichen Gegner, Patrioten machen so was nicht. Sie lassen die Nationalisten ihre Gegner erschlagen.

  80. Jürgen Scherer sagt:

    Zu Bs „Windstille“:
    Ein Raunen geht durch den Blättchenwald, Herr B. verkündet ein Ende – gar bald.
    Was will er uns sagen?
    Zunächst mal, dass alles ganz fürchterlich und Passivität unser Land bestimme. Abhilf´ allein bringe mutig Aktion. Reif sei die Zeit für mutige Tat. Doch die konsumistische Haltung der jungen Elite verhindre Erkenntnis, intellektuellen Durchbruch und Tatkraft für Veränderung. Es bedürfe gewissermaßen der Unbedarftheit der „klugen Unterpriviligierten“ (Wer immer das sein mag, Herr B. verrät es uns nicht.), gälte es den Anfängen zu wehren. Nach Kästner blieben noch 5 Jahre Zeit, bevor der Sturm losbreche, der rechte nämlich.
    Um zu seinen Schlussfolgerungen zu gelangen, bemüht Herr B. ein Endzeitszenarium, das er nicht als Blaupause verstanden wissen will. Aber als Menetekel dient es ihm doch, für das, was er uns denken lassen will. (Wobei Mensch schon wissen sollte, dass Hodis´ „Weltende“ den vermuteten Sturz des Haleyschen Kometen auf die Erde zum Anlass hatte und sich quasi lustig machte über die damit einhergehende Weltuntergangsangst.)
    Des Weiteren führt Herr B. an, heute herrschten „Grundvereinbarungen“, die kaum jemand vereinbart habe. Welche meint er, das Grundgesetz z.B.? Wenn ich recht sehe, wird es, außer von rechten Wirrköpfen, darunter den „Reichsbürgern“, nicht infrage gestellt, ist eine passable und anerkannte Grundlage für das Zusammenleben in unserer Republik.
    Von der Jugend sei nichts zu erwarten, da fehle außer dem vom Konsumismus verseuchten Intellekt die Beseeltheit. Was aber ist mit den jungen Menschen, die sich zu Tausenden gegen TTiP engagieren, „Pulse of Europe“ unterstützen, bei „#Aufstehen“ auf die Straße gehen, im Hambacher Forst für Umwelt und Demokratie kämpfen, sich bei attac engagieren oder den G20kapitalismus herausfordern – beseelt sind von Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung?
    Und wenn ich recht sehe, werden ganz viele Gegendemonstrationen gegen „Pegida“ und die „ AfD“ gerade wegen der zuvor erwähnten Werte auch von jungen Menschen getragen.
    Von Windstille keine Rede, im Gegenteil!

  81. Werner Richter sagt:

    Zu Heerke Hummel Blä. 23-2018
    Zum x-ten Mal ist die These von der Revolution des Finanzwesens (Geldes) durch die Aufhebung der Goldbindung des $, die dadurch erfolgte Wesensänderung des Geldes von einer Ware zu einem Zertifikat für gesellschaftlich geleistete Arbeit zu lesen. Auch ständige Wiederholung der These macht sie nicht glaubwürdiger. Die Analyse kann man sich sparen, sie erfolgte zu anderer Gelegenheit bereits mehrmals und ist im Forum nachlesbar. Jedoch eine Einordnung scheint angebracht. All den Thesenvarianten ist gemeinsam, daß ihnen das Verständnis des Geldes und vor allem der allgemeinen Ware völlig fehlt. Den Status einer allgemeinen Ware erhält ein Ding unbewußt, gesellschaftlich instinktiv durch das Zusammenwirken von Warenbesitzern. Sie wollen es nicht, aber sie müssen es tun, weil nur so die Warenzirkulation funktioniert und damit auch die allgemeine Warenproduktion. Insofern muß eine übergeordnete Instanz das gesellschaftlich sanktionieren, was der Mensch blindwirkend geschaffen hat. Dieser Mechanismus funktioniert solange, wie i.d.R. der Staat bzw. Staatengemeinschaft, um eigene Existenz zu sichern, seinen Segen gibt (als 2008/9 Lehmann Brothers insolvent ging, mußte die gesamte Weltgemeinschaft dafür büßen, weil sonst ein globaler Konkurs gekommen wäre). Solange die Welt ihren Austausch auf Waren aufbaut, muß sie den auch über Geldbeziehungen abwickeln. Natürlich war temporär die Deckung des Geldes und seiner Konvertibilität durch den Goldstandard gegeben, aber durch seine quasi Aufhebung hat sich der Status des Geldes als Allgemeine Ware nicht geändert solange die staatliche Gewähr gegeben ist. Es wird erst in Frage gestellt durch Staatsbankrott oder den der Industrieländer.
    Es ist ein Phantasiegebilde, den unbewußten Charakter der Allgemeinen Ware aufzulösen und bewußt mit geleisteter Arbeit gleich zu setzen. Diese Theorie hebt den Zusammenhang von Warenzirkulation und -produktion auf und tut so, als sei die Aufhebung des Kapitalismus ein Klacks.
    Die Aufhebung des Goldstandards hat natürlich auch damit zu tun, daß wir wieder (!!!) im Finanzkapitalismus angekommen sind und das Kapital verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten zur Verwertung suchen muß.

  82. Wolfgang Ernst sagt:

    Da die dort in Rede stehenden „Eliten“ sich gegen solcherart Kritik abschotten wollen, werden Mausfeld und sein Buch inzwischen als „Verschwörungstheorie“ denunziert – mit dem derzeit wohlfeilsten Scheinargument, um sich mit kritischen Sichten gerade nicht auseinandersetzen zu müssen.

    • Ja, das ist eine der hauptsächlichen Keulen, die bei solchen Gelegenheiten benutzt werden. Vielleicht wirkt es inzwischen auch eher als Bumerang: Wo am heftigsten „Verschwörungstheorie“ geschrien wird, werden möglicherweise viele oftmals erst recht hinschauen.
      Durch das, was ich an Mausfelds Ausführungen kritisiere, leistet er dem allerdings auch ein wenig Vorschub. Denn er stellt eine vermeintlich unschuldig verführte Bevölkerung den Herrschenden und Medien pauschal gegenüber. Das werden viele gern lesen, die ihre Eigenverantwortung für das gesellschaftliche Geschehen nicht wahrhaben und sich auf das Verfluchen von Eliten beschränken wollen.
      Die soziale Realität ist weitaus differenzierter – wie seit voriger Woche einmal mehr die Leipziger „Mitte“-Studien belegen. Sie heißen nun „Autoritarismus“-Studien und haben diesmal ein Zitat von Erich Fromm als Titel: „Flucht ins Autoritäre“: https://www.psychosozial-verlag.de/2820

  83. Ich habe mich inzwischen ausführlicher mit Rainer Mausfelds Buch auseinandergesetzt. Wen das interessiert, kann es hier nachlesen:
    Kein Mensch wird als Schaf geboren
    https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/kein-mensch-wird-als-schaf-geboren-zu-rainer-mausfelds-buch-warum-schweigen-die-laemmer/

  84. Klaus-Dieter Grimmer sagt:

    „Merzrevolution“
    Die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts enthält für das Jahr 1848 ein wichtiges Ereignis, die sogenannte Märzrevolution. Durch revolutionäre Ereignisse im Februar in Frankreich inspiriert, kämpfte das deutsch Bürgertum gegen die lokale Willkür der vielen deutschen Fürstenhöfe für die Schaffung eines deutschen Nationalstaats. Die gewählte Aufmachung ist einem Wortspiel geschuldet, denn sollte der mit allen Wassern des internationalen Finanzkapitals gewaschenen Herr Merz die Nachfolge zumindest für den CDU Vorsitz von Frau Merkel antreten, kann Deutschland mit einer „Merzrevolution“ diese aber äusserst konservativ und von oben geführt, rechnen.
    Diese „ Revolution“ wird nicht etwa der Steuererklärung auf dem Bierdeckel zur massenhaften Anwendung für die deutschen Steuerbürger zum Durchbruch verhelfen, sondern soziale Kälte wird noch dominanter, die Polarisierung von Arm und Reich noch viel deutlicher hervortreten.
    Merz wird bestimmt nicht sofort aber auf Perspektive die Abrissbirne der letzten Überbleibsel der sogenannten „Sozialen Marktwirtschaft“ werden. Seine Sozialisierung, seine Dutzenden Posten und Pöstchen im internationalen Finanz- und Immobiliengeschäft wird ihm objektiv keine andere Wahl lassen. Außerdem ist ihm zuzutrauen, dass er gar nichts anderes will.
    Die Kreise, die diesen smarten Herrn unterstützen bzw. auf ihr Schild gehoben haben, erwarten nichts anderes von ihm.
    Dann kommt noch hinzu, dass Merz nicht unterstellt werden kann, eine besonders kritische Distanz zum derzeitigen US Präsidenten zu haben. Also es ist deutlich damit zu rechnen, dass die deutsche „Zickerei“, zur von Trump geforderten entschiedenen Aufstockung des Rüstungsetat, mit ihm schnell der Vergangenheit angehören wird. Umso schneller, sollte er auch noch Kanzler werden.
    Mit der Hoffnung von Herrn Caracciola bin ich einverstanden, Merz sollte weiter im Pausenmodus verbleiben. Das ist besser für unser Land!

  85. erhard weinholz sagt:

    Ein paar Überlegungen im Anschluß an Stephan Wohankas aus meiner Sicht höchst begrüßenswerten Forum-Beitrag. Bisher war ja im „Blättchen“ (warum eigentlich gerade hier?), wenn es um den Fall Skripal ging, immer nur von Beweisen in Anführungszeichen die Rede, von britischen Unterstellungen, von einer beweislosen Bezichtigungsstrategie und dergleichen mehr. Einer der betreffenden Autoren wunderte sich, daß der Westen mit Formulierungen wie „mit höchster Wahrscheinlichkeit“ arbeite. Aber was kann denn in einem solchen Falle überhaupt als Beweis gelten? Daß sich Putin höchstpersönlich hinstellt und erklärt: Natürlich haben wir den Kerl um die Ecke bringen wollen!, ist wohl kaum zu erwarten. Es ist von der Moskauer Führung ja zu verschiedenen Zeiten gelogen worden, daß sich die Balken biegen: im Falle der Morde von Katyn, der Raubkunst-Depots, des Abschusses einer koreanischen Passagiermaschine im Jahre 1983. Bis es dann irgendwann nützlich erschien, doch die Wahrheit zu sagen. Ich vermute, daß es auch im Fall Skripal so sein wird – und wundere mich zugleich, daß es immer noch Menschen gibt, die aus den genannten trüben Erfahrungen nichts gelernt zu haben scheinen. Daß auch westliche Regierungen gelogen haben, bemerke ich mal nebenbei, kann ja als Argument nicht reichen.
    Stephan Wohanka schließt mit dem Satz: „Solange ‚Links‘ mit Fakten, Tatsachen ‚unangenehmer‘ Natur, die also nicht so recht ins ideologische Muster passen, so umgeht, bleibt es um ‚Links‘ schlecht bestellt.“ Das führt mich zu einer zweiten Frage: Was ist das für eine Weltsicht, die hinter diesem Umgang steht? Und wer vertritt sie? Indirekt erschließt es sich vielleicht in gewissem Maße dadurch, daß es auch hierzulande eine sozialistische Linke gegeben hat, die sich von den Moskauer Lügen nicht hat einnebeln lassen und die auch nicht der Meinung war, eine Lüge sei eine gute Sache, wenn sie für gute Sache ist. Es war zugleich eine Linke, die sich für den verkorksten DDR-Sozialismus nicht hat einspannen lassen, jenen Sozialismus, der mir in eben diesem Umgang mit den Realitäten noch immer herumzugeistern scheint.

    • Hajo Jasper sagt:

      Mich im Einvernehmen mit E. Weinholz wähnend, würde ich gern auf György Dalos verweisen, der sein ideologiefernes Verständnis vom Links-Sein so formuliert hat: „Ich bin ein Linker in meinen kulturellen Reflexen, möchte jedoch diese Haltung nicht ohne Reflexion über mich ergehen lassen. Dementsprechend muss ich für den GAU gerüstet sein, wenn etwa ein Konservativer plötzlich Recht hat oder ein Vertreter des Fortschritts eine enorme Dummheit präsentiert. Jenseits dieser traditionellen Sicht fühle ich mich jenen Paradiesvögeln verpflichtet, die in einer Frage so, in einer anderen wiederum anders denken. Andersdenken ist für mich nicht nur eine Form der ideologischen Devianz, sondern auch das Recht, über etwas anderes als die Themen des gängigen Diskurses nachzudenken.“
      Nun muß auch im Falle Skripal freilich gelten, dass Täterschaft (wessen auch immer) bewiesen werden muß. Auch wenn das schwer ist, haben doch etwa Fälle und irrationale Hintergründe, auf die Roland Helfrich in diesem Forum verwiesen hat, dass dies früher oder später zumeist machbar ist. Die bisherige finale Unbewiesenheit des Skripal-Anschlages allerdings spöttisch als eine Art Beleg dafür zu nehmen, dass es Moskau nicht gewesen sein kann, deucht mich in der Tat mindestens blauäugig und vermutlich wirklich von einstiger Bruderbündlichkeit genährt, die einfach davon absieht, dass Putins Rußland längst kein „Vertreter des Fortschritts“ und nichts anderes und besseres ist als andere Staaten, vor allem solche, die um geopolitische Pfründe bemüht sind.

    • Werner Richter sagt:

      Auch zum Parallelbeitrag von S. Wohanka gedacht.
      Hätte je jemand gedacht, hier eine Adaption der Putin/Rußlandversteher-Unterstellung erleben zu können? Das Absurde daran kann an vielem bereits Dargestellten mit Neigung zu einer Nato-Einordnung anhand abgewogener ziemlich sicherer Fakten als gekontert verbucht werden. Dazu ist auch ein Artikel von A. von Westphalen auf http://www.heise.de vom 9. Nov. erhellend. Darin geht es um die berühmten Fakten der Briten, was diese wirklich wert sind.

  86. Roland Helfrich sagt:

    Bernhard Romeikes Hinweise auf die fehlende Stringenz eines russischen Mordversuchs an Skripal sind sehr plausibel. Nur eine Facette geheimdienstlichen Tötens ist ungenannt, wiewohl aber existent: Irrationalität bei Tätern und/oder Auftraggebern.
    Aktuell zu besichtigen am Falle Kashoggi, dessen Tötung an Dämlichkeit bei zudem mangelnder „Dringlichkeit“ kaum zu überbieten ist. Ähnliches ist einst geschehen, als der volkspolnische Geheimdienst 1984 den Pfarrer Jerzy Popiełuszko ermordete. Gleich mehrere Pannen hat sich diesbezüglich der Mossad geleistet und einst auch der Geheimdienst des sozialistischen Buklgariens per „Regenschirm-Mord“. Keines allein dieser Opfer war von solch einer Bedrohung für die jeweiligen Regime, dass ihre Tötung sozusagen als „ultima ratio“ alternativlos gewesen wäre. Und das sind nur die Fälle, die bekannt geworden sind…
    Roland Helfrich

    • Stephan Wohanka sagt:

      Schattenkrieger und Schattenmacht
      von Bernhard Romeike
      Wollte ich, wie der Autor, über Geheimdienste und deren Treiben nachsinnen – ich hätte den Fall Skripal dazu nicht (mehr) bemüht.
      Um die These, dass Russland für den dilettantischen Mordversuch nicht verantwortlich sein könne, führt er eine Reihe rhetorischer Fragen an: „Warum sollte Russland Interesse haben, einen ehemaligen Agenten zu ermorden, der zuvor im russischen Gefängnis saß, entlassen wurde und ausreisen durfte? Ihn aus dem Weg zu räumen, hätte man im russischen Gefängnis einfacher haben können“. Russland ließ S. aber laufen, warum auch immer. Wohl mit einigem politischen Bauchgrimmen, denn schon 2010 empörte sich Putin über Doppelagenten: „Verräter werden verrecken, glaubt mir. Die 30 Silberlinge, die sie erhielten – sie werden daran ersticken“. Des weiteren war damals – im März 2018 – hierzulande zu lesen: „Es scheint aber in Putins Apparat auch Kräfte zu geben, die alle geschriebenen und ungeschriebenen Regeln (niemals Gewalt anzuwenden auch gegenüber ausgetauschten Agenten – St. W.) infrage stellen wollen. Vor ein paar Tagen bezeichnete Kiril Klejmjonow, Moderator des Staats-TV-Senders Perwy Kanal, Skripal als ´professionellen Verräter´und warnte das Publikum, dieser Beruf sei einer der gefährlichsten und ungesündesten in der Welt. Besonders schlecht ergehe es den Berufsverrätern in Großbritannien. ´Leute hängen sich auf, vergiften sich, stürzen mit dem Hubschrauber ab und fallen aus dem Fenster, in fabrikmäßigen Mengen´“. Immerhin. Aber natürlich kein Beweis.
      Weiter im Reigen des Rhetorischen: „Er wohnt, wie es heißt, in einem Haus, das der britische Auslandsgeheimdienst MI6 finanziert. Überwachen die das Haus nicht?“ Vielleicht das Haus nicht; es waren aber genügend Kameras installiert, um doch zwei Individuen herauszufiltern – nicht vor dem Haus, aber in Salisbury und auch bei An- und Abflug nach und von London innerhalb von zwei Tagen. Das führte dazu, dass „nach wochenlangen Auswertungen unzähliger Videoaufnahmen die britische Polizei die Täter identifiziert haben will“. Und die stellte die Bilder beider ins Netz und nannte ihre Namen. Das Dementi folgte auf dem Fuß: „Die in den Medien veröffentlichten Namen und Bilder sagen uns nichts“ (Sprecherin des Außenministeriums Maria Sacharowa). Romeike weiter: „Es gibt unzählige Ungereimtheiten“ – natürlich auf britischer Seite. Ich meine – doch wohl nun eher auf russischer! Nachdem diese wochenlang von „Unsinn“ (Lawrow) oder von „dreckigen Spielen“ (UN-Botschafter Nebensja) gepoltert hatte, ging es dann trotz obigen Dementis ganz schnell: Plötzlich konnten russische Behörden – laut Putin – die gesuchten Männer identifizieren: „Wir wissen wer sie sind, wir haben sie gefunden“. Es seien „Zivilisten“, keine „Militärangehörigen“. Putin hoffe (!), die beiden Männer würden sich dazu entscheiden, mit Medien zu sprechen und alles über sich erzählen. Kurz danach strahlte Russia Today ein rund 25-minütiges Interview voller Skurrilitäten mit den beiden Männern aus: Zwei harmlose Touristen waren nach London geflogen und zweimal in Salisbury gewesen. Am ersten Tag, dem Vortag des Giftanschlages, reisten sie zurück nach London,weil sie – russische Männer, keine Barbiepuppen – „Schneematsch“ vertrieb. Honi soit qui mal y pense….
      Ich will nun gar nicht eingehen auf die nicht unplausiblen nachfolgenden Recherchen, die die beiden „Touristen“ dem Geheimdienst GRU zuordnen. Nur noch: Putin bezeichnete kürzlich S. als „Dreckskerl, sonst nichts“.
      Es bleibt festzuhalten: Während die britische Seite von Anfang an behauptete, dass russische Agenten S. umbringen wollten, schlug die russische Seiten propagandistische Haken und gab nur zu, was offensichtlich war. Wirklich bewiesen ist nichts. Aber das Schema ist nicht neu.
      Es geht aber noch um mehr: Solange „Links“ mit Fakten, Tatsachen „unangenehmer“ Natur, die also nicht so recht ins ideologische Muster passen, so umgeht, bleibt es um „Links“ schlecht bestellt.

    • Werner Richter sagt:

      Es ist schon interessant, welche Konturen vermeintlche Götterdämmerung schärfen kann. Wobei diese dem Aufmerksamen schon länger hätten aufgefallen können, zumindest gewisse russophobe Züge. Nun traut man sich einen Zack schäŕfer, angewandt werden, schon durch Georg W. erprobte Taktiken, dem andersdenkenden Gegenüber ideologische Vorurteile anzulasten, was dann die eigenen als Gegenteil erscheinen lassen soll. Das wirkt immer.
      Nichts dagegen zu sagen, es ist allen alles zumutbar. Aber deshalb der einen, suspekten Seite dann den Schwarzen Peter zuschieben und die der eigenen entgegen gesetzten Stimmen gleich mit in den Orkus zu schicken ist nicht der Anerkenntnis mehrseitiger Verursachung zuordenbar. Es scheint verlockend zu sein, in einer eigentlich nur liberalen Zeitschrift dem konservativen Geist mehr Raum zu schaffen, aber ob die Vertretung von Nato-Positionen (nicht zum ersten Mal), die durchaus und sehr wahrscheinlich als Teil der antirussischen Kampagne gesehen werden können, dem dienlich ist, kann bezweifelt werden. Die Mehrzahl der Leser, darin liegt wohl die Fehleinschätzung, ist noch nicht reif für die Akzeptanz der dann als sich selbst erfüllende Prophezeiung wirkenden Grundthese vom bösen Russen, die bei Herrn Wohanka seit jeher durchschimmert.

    • Manne Murmelauge sagt:

      Herr Wohanka moniert den Text eines anderen Autors, weil er den so nicht geschrieben hätte. Musste er auch nicht. Oder war er zuvor zu Texten genötigt worden, die er nicht schreiben wollte?

  87. Rudolph Caracciola sagt:

    Einst wollte Friedrich Merz, der offenbar untote „Bierdeckel-Fritz“, den Deutschen ein stark vereinfachtes Steuerrecht bescheren; die Steuererklärung sollte „auf einen Bierdeckel“ passen. Doch dann erging es ihm mit Angela Merkel auch nur so wie anderen ambitionierten CDU-Nachwuchsgranden – oder wie es in der Werbung für „Fisherman’s Friends“ so schön heißt: „Sind sie zu stark, bist du zu schwach!“ 2002 unterlagen Merz im Revierkampf mit Angie und hatte fortan keine Aussicht mehr auf ein Spitzenamt. Mit seinem Rückzug aus dem Bundestag 2009 schließlich war er in die politische Versenkung verklappt.
    Wirtschaftlich dürfte ihn dieser Karriereschwenk allerdings saniert haben, denn hernach sammelte er lukrative Posten wie andere Bierdeckel. Auch bei Heuschrecken wie BlackRock, dem größten Vermögensverwalter der Welt. Er sei heute, so die taz, „ein umtriebiger Lobbyist […]. Wirtschaftspolitisch marktradikal, gesellschaftspolitisch erzkonservativ“. Merz hat klar für Trump votiert („kann die Spaltung Amerikas überwinden“) und ist ein Aufrüstungsprediger vor dem Herrn, der nicht müde wird zu fordern: „… dass wir die Zusage endlich einhalten müssen, die wir seit Jahren geben: bis zu zwei Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts tatsächlich für Verteidigungsausgaben bereitstellen.“
    Kaum dass die Kanzlerin jetzt den letzten Punkt hinter die Verkündung ihrer Rückzugsabsichten gesetzt hatte, sprang Merz wie Kai aus der Kiste und warf seinen Hut für den CDU-Vorsitz in den Ring. Das erfüllt den Tatbestand des Fellversaufens bevor noch die gerade Verblichene überhaupt zur letzten Ruhe gebettet ist. Zu all den wenig sympathischen bis widerlichen Zügen, die ihm eigen sind, gesellt sich also auch noch ein Mangel an politischer Pietät.
    Seinen Abgang von 2009 log er sich später ja mit dem Sprüchlein schön, er hätte sich eine Pause von der Politik verordnet. Da wollen wir jetzt mal hoffen, dass eine hinreichende Mehrheit seiner Parteigenossinen und -genossen insofern noch alle Tassen im Schrank hat, dass er im Pausenmodus verbleibt …

  88. erhard weinholz sagt:

    Sehr geehrter Herr Bosselmann,

    ganz kurz nur noch; es gäbe sicherlich erheblich mehr in dem Zusammenhang zu sagen, ich habe aber das Gefühl, dass es von meiner Seite genug sei.
    Mir scheint, Sie irren, wenn Sie meinen, mir ginge es eher um Haltung und Bekenntnis als ums Argumentieren. Wenn ich sage: Wer diesen Aufruf unterschreibt, festigt die Stellung einer rechten Scharfmacherin – dann ist das ja wohl ein Argument. Ein funktionales allerdings, das heißt: Ich frage nicht danach, wo Sie stehen, sondern was Ihr Tun bewirkt. In diesem Falle meines Erachtens nichts Gutes.
    Rätselhaft ist mir, wie Sie darauf kommen, man sei darauf erpicht, im Blättchen vor allem die von einem selbst bevorzugten Bekenntnisse zu lesen, von möglichst stubenreinen Autoren obendrein. Ich bin als Leser an Bekenntnissen nicht sonderlich interessiert, sehe auch nicht, dass das Genre im Blättchen eine Rolle spielt; am ehesten könnte ich noch Ihre Texte dort einordnen (ohne sie darauf reduzieren zu wollen). Dass sich Organe wie das Blättchen einer bestimmten Richtung verpflichtet fühlen, halte ich hingegen für gut und richtig.

    Es grüßt Sie: Erhard Weinholz.