Den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis erhalten die US-Amerikaner Robert E. Hall und Michael Woodford für neu-keynesianisch orientierte Theorien über „mikroökonomische Grundlagen der makroökonomischen Stabilisierung, […] die unsere Fähigkeiten zur Etablierung einer effektiven Stabilisierungspolitik bedeutend verbessert haben“.
Der in den 1980/90er Jahren entstandene Neu-Keynesianismus war eine Reaktion auf die neoklassisch-monetaristisch begründeten Angriffe auf den Keynesianismus. Dessen Stabilisierungsansatz – beziehungsweise seine verballhornte Variante – hatte in der Krise der frühen 1970er Jahre fundamental versagt und wurde im Zuge der „monetaristischen Gegenrevolution“ von neoklassischen und neoliberalen Politikansätzen verdrängt. Daraufhin gab es gut zwei Jahrzehnte lang die Wirtschaftsnobelpreise zu einem guten Teil vor allem für Vertreter des neuen Mainstreams.
Ein wichtiger Vorwurf an den Keynesianismus betraf dessen Ausgangspunkt in zumeist makroökonomisch verstandenen Aggregatgrößen wie Konsum, Sparen oder Investitionen, deren Korrelationen als gegeben und wenig veränderlich angesehen wurden. Obwohl John M. Keynes in seiner Theorie eine ganze Reihe psychologischer, also auf individuellen Motivationen beruhende Momente eingebaut hatte (Hang zum Verbrauch, Sparneigung, Liquiditätspräferenz, „animal spirits“ und so weiter) sind die zentralen Funktionalgrößen seiner Theorie ausschließlich makroökonomischer Natur; Privathaushalte und Unternehmen kamen in seiner Theorie nicht wirklich vor. Vertreter des Keynesianismus suchten deshalb ab den 1970er Jahren nach einer „mikroökonomischen Fundierung“ des Keynesianismus und seiner politischen Folgerungen.
Diese Richtung des ökonomischen Denkens firmierte bald als „Neu-Keynesianismus“. Er unterscheidet sich zwar in einer Reihe von Punkten von der „neoklassischen Synthese“ des Nobelpreisträgers Paul A. Samuelson, nimmt aber weiterhin Anleihen bei der marktoptimistischen und gleichgewichtsorientierten Neoklassik auf und wird deshalb gelegentlich auch als „neo-neoklassische Synthese“ bezeichnet. Wichtige Autoren, wenn nicht gar Väter dieser Denkrichtung sind die US-Amerikaner N. Gregory Mankiw und David Romer. Ersterer ist der Autor des zurzeit wohl meist verbreiteten Volkswirtschafts-Lehrbuchs. Inzwischen haben mehrere Vertreter des Neu-Keynesianismus einen Nobelpreis erhalten: Paul Krugman, Joseph Stiglitz oder Ben Bernanke. Mankiw gilt seit langem als heißer Favorit.
Als wichtige Elemente der Mikrofundierung gilt die Analyse von Entscheidungen und Verhalten „repräsentativer“ Einzelhaushalte und Unternehmen, die in ein gesamtwirtschaftliches Modell eingebaut werden. Hier nun kommen die beiden diesjährigen Nobelpreisträger ins Spiel. Robert E. Hall, Emeritus der Stanford University, der viele Jahre lang das Business Cycle Dating Committee des National Bureau of Economic Research der USA leitete, entwickelte eine stochastische Theorie des Konsumverhaltens, wonach dieses auf vorausschauenden und unsicheren Erwartungen der Konsumenten bezüglich ihrer künftigen Einkommensentwicklung beruhe.
Michael Woodford von der New Yorker Columbia Universität ergänzte diese Überlegungen um erwartungsgesteuerte Handlungsmaximen von Unternehmen sowie um die Möglichkeit von Lohn- und Preisrigiditäten sowie unvollständigen und ungleich verteilten Informationsständen; all dies kommt in der neoklassischen Theorie faktisch nicht vor. Daraus baut er eine makroökonomische Theorie, die zu einer der wichtigsten Grundlagen der von vielen Zentralbanken bei ihren zins- und geldpolitischen Entscheidungen verwendeten neu-keynesianischen Variante des DSGE-Modells (Dynamic Stochastic General Equilibrium) wurde.
Um die Erwartungen der Wirtschaftsteilnehmer auf eine weniger zufallsbedingte und mehr rationale Grundlage zu stellen, verwirklichen viele Zentralbanken das von Woodford entwickelte Instrument der Forward Guidance, das heißt die öffentlich kommunizierte und glaubwürdige Formulierung ihrer jeweils konkreten Ziele in der Zins- und Geldpolitik. Das Nobelkomitee betont, die praktische Umsetzung der Arbeiten von Hall und Woodford hätte dazu beigetragen, „große makroökonomische Krisen (wie zum Beispiel die Pandemiekrise und die Energiekrise der letzten Jahre) weitaus effektiver als bisher zu bewältigen“.
Zweifellos waren die Theorien von Hall und Woodford wichtige Schritte in Richtung auf ein in bestimmten Details realistischeres Theoriengebäude der etablierten Ökonomie. Das gilt auch für viele weitere theoretische Verfeinerungen, die andere Wirtschaftswissenschaftler beigesteuert haben. Aber irgendwie wird der Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Wesentliche Grundzüge und Widersprüche der kapitalistischen Marktwirtschaft werden ignoriert oder geleugnet. Obwohl Hall als Chef des Business Cycle Dating Committee den Konjunkturzyklus genau studiert haben sollte, wird dieser nicht auf diese Grundzüge und Widersprüche zurückgeführt, sondern auf eher zufällig auftretende ökonomische Schocks, auf welche die Wirtschaft mit einer Anpassung in Form einer Pendelbewegung reagiere. Diese Erklärung ist identisch mit der neu-klassischen Real Business Cycle Theory. Zudem seien Löhne und Preise nicht flexibel genug und behinderten eine rasche Anpassung an die veränderten Bedingungen. Letztlich bleibt so der neoklassische Gleichgewichtsgedanke auch für den Neu-Keynesianismus zentraler Ausgangspunkt des Denkens.
Ein Unterschied besteht unter anderem darin, dass die Neoklassik davon ausgeht, stabilisierungspolitische Reaktionen der Finanz- und Geldpolitik seien, wenn nicht wirkungslos oder gar Ursache solcher Schocks, dann zumindest unwirksam, während Neu-Keynesianer meinen, man könne bestimmte Wirkungen mittels einer geeigneten Stabilisierungspolitik vermeiden oder abmindern. In der Begründung des diesjährigen Nobelpreises heißt es: „Die Forschung der Preisträger hat es ermöglicht, große makroökonomische Krisen weitaus effektiver als bisher zu bewältigen […] Rezessionen und Inflation sind nicht verschwunden, aber sie sind weniger langlebig.“
Schon zu Beginn des Jahrhunderts wurde einmal von einer „great moderation“, einer großen Mäßigung oder Glättung des Konjunkturzyklus gesprochen. Nach der Weltwirtschaftskrise von 2008/2009 schien dieser Tagtraum ausgeträumt zu sein, aber man kann natürlich immer behaupten, es hätte noch schlimmer kommen können; sinnvoll überprüfen lässt sich so etwas kaum.
Krisen und zyklische Bewegungen konnten mit noch so komplexen DSGE-Modellen bislang nicht vorhergesagt werden. Die Begründung dafür lautet, dass ökonomische und außerökonomische Schocks eben wegen ihres zufälligen Charakters nicht vorhergesagt werden könnten, eine Aussage, mit der – auch wenn sie im Falle der Pandemie und der politisch verursachten Energiekrise wohl stimmt – jegliche Kritik abgeschmettert werden kann.
In der ausführlichen Begründung des Nobelpreises wird neben anderen Ökonomen auf sage und schreibe zehn (ich habe nachgezählt) Nobelpreisträger hingewiesen, auf die sich Hall und Woodford bezogen haben, an die sie anknüpften oder die sich ihrerseits mit den Arbeiten der Laureaten befasst haben. Zu dieser Riege zählen zum Beispiel Milton Friedman, Franco Modigliani, Robert Lucas, Finn Kydland und Edward Prescott. Sie alle nahmen zum Neu-Keynesianismus mehr oder weniger konträre, oft neoklassisch-marktradikale oder monetaristische Positionen ein. Es ist schon bemerkenswert, welche sich komplett widersprechenden ökonomischen Theorien mit dem weltweit höchsten Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurden und werden.
Der Begriff sich komplett widersprechender Theorien mag gleichwohl etwas zu weit gehen. Es gibt schon einige gemeinsame Grundlagen: Da sind erstens die Verklärung und Verteidigung der Grundzüge des bestehenden Wirtschaftssystems. Schließlich seien seine jahrhundertlange Existenz und der damit verbundene wirtschaftliche, technische und menschliche Fortschritt Beweise seiner Lebens- und Anpassungsfähigkeit sowie seiner Verbesserungsmöglichkeit und zweitens die Ablehnung und Bekämpfung all jener Theorierichtungen, die das bestehende Wirtschaftssystem wegen seiner teils menschenfeindlichen und destruktiven Tendenzen grundsätzlich infrage stellen. Selbst post-keynesianische (links vom Neukeynesianismus stehende) Ökonomen, geschweige denn radikal kapitalismuskritische Wissenschaftler haben noch nie einen Nobelpreis erhalten. Der Preis für Wirtschaftswissenschaften wurde jedoch erst 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet; da war Keynes längst gestorben. Ob er ihn wohl erhalten hätte?