Tschechien war Anfang Oktober 2026 Ehrengast der größten Buchmesse der Welt in Frankfurt am Main. „Tschechien: Ein Land an der Küste“. Diese Metapher, inspiriert von Shakespeares Wintermärchen, in dem der Autor die tschechischen Länder an die Küste versetzte, symbolisiert die Verbindung der tschechischen Literatur mit dem globalen „Ozean der Geschichten“, so wurde das Projektmotto offiziell beworben. Wir berichteten bereits über den Roman von Jaroslav Rudiš „Wo die Toten sprechen“ (Blättchen 16/2026 [1]).
Rund 75 tschechische Autoren waren in Frankfurt. Eine Autorin wollen wir hier vorstellen. Die spätere Dichterin Tereza Boučková wurde 1957 in Prag als jüngstes Kind des Schriftstellers Pavel Kohout geboren. Er entwickelte sich als Mitglied der Kommunistischen Partei zu einem der Wortführer des Prager Frühlings und späteren Mitverfasser der Petition Charta 77, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen in der Tschechoslowakei wandte und deshalb durch die kommunistische Regierung mit Härte und Repressionen verfolgt wurde, bis sich die auf sie fußende Bürgerbewegung schließlich zu einem wesentlichen Ausgangspunkt der „Samtenen Revolution“ von 1989 entfaltete. Zu den bekanntesten Verfassern der Charta 77 gehörte auch der Dramatiker Václav Havel, der in weiterer Ferne Präsident Tschechiens wurde. In dem zu besprechenden Buch „Das Haus in der Matušova-Straße“ wird er uns wieder begegnen.
Die Autorin beschreibt die Geschichte des gutbürgerlichen Hauses im Prager Stadtteil Smíchov von seiner Entstehung 1885 bis in die jüngste Gegenwart im Dezember 2023. Und sie beschreibt vor allem die Geschichte und die fast unglaublichen Geschichten der Bewohner des Hauses, in dem sie selbst aufwachsen wird, und in das sie als erwachsene Frau nach Jahren zurückkehrt.
Insbesondere die Zeit ab 1927, als der jüdische Rechtsanwalt Dr. Eduard Schwarz das Haus erwarb, spielt eine große Bedeutung in dem Buch. Ich sperre mich, hier den Begriff „Roman“ als Genrebezeichnung zu verwenden, obwohl die Autorin und der Verlag es stets tun. Mutmaßlich spielen hier Gründe des Marketings und des Rechts eine bestimmende Rolle. Denn ein Roman im engeren erzähltheoretischen Sinne ist der Text nicht. Es ist letztlich kein fiktiver Text, auch wenn bestimmte Dialoge im Textfluss von der Autorin „erfunden“ werden. Ebenso fehlt eine fiktive Erzählinstanz. Das Autoren-Ich und das Erzähler-Ich sind eindeutig identisch, was durch unzählige biographische Details belegt wird. Wenn das Buch – meiner Meinung nach – kein Roman ist, so ist es allenfalls ein romanesker wie dokumentarischer Bericht.
Dieser Bericht hat es allerdings in sich. Viele historische Details aus den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Prag sind vermutlich für fast alle heutigen Leser neu. Und das geht weit über die Jahre der ersten und zweiten tschechoslowakischen Republik hinaus, über das „Protektorat Böhmen und Mähren“, die Regierung Beneš‘ bis hin zum Februarumsturz 1948 und zur Etablierung einer sozialistischen Tschechoslowakei (ČSSR), die drei Jahrzehnte später zerfiel.
Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Juden, Tschechen und Deutschen haben eine große Relevanz im Text. Sie werden gespiegelt durch die oft tragischen Schicksale der Hausbewohner. Diesen spannungsreichen Beziehungen, vornehmlich im kulturell vielfältigen Prag in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, widmet sich übrigens gerade eine sehenswerte Dokumentation zur Zwischenkriegszeit in der Arte-Mediathek – „Babylon Prag“.
Ihre „Aufgabe hier auf dieser Welt sei es, das Familienerbe zu bewahren“, sagt Atka Epsteinová zur Autorin. Im übertragenen Sinne macht sich die Autorin diese Position einer der Hausbewohner zu eigen. Mit ihrem Buch will sie die eigene Geschichte und insbesondere die ihrer Mutter, Anna (Andulka) Kohutová, der das Buch gewidmet ist, bewahren.
Die Biographie von Professor Dr. med. Berthold Epstein, der Adoptivvater Atkas, ist ebenso berührend wie außergewöhnlich. Epstein ist Jude und leitet die deutsche Kinderklinik in Prag, er ist tschechoslowakischer Staatsbürger und einer der bekanntesten Kinderärzte Europas. Im Vernichtungslager Auschwitz musste oder „durfte“ er unter Dr. Josef Mengele das Lagerkrankenhaus leiten. Nach 1945 wird ihm in der „freien Nachkriegs-Tschechoslowakei, noch bevor die Kommunisten die Macht übernehmen, der akademische Titel ‚Professor‘ aberkannt. Es findet sich kein Arbeitsplatz für ihn. Denn dieser Jude ist ein Deutscher.“
Das große und das kleine Retributionsdekret von Präsident Edvard Beneš und die „Außerordentlichen Volksgerichte“ zeigen ihre ambivalenten Wirkungen. Beide greifen in der ersten Nachkriegszeit in das Leben vieler der Hausbewohner mit aller Härte ein, bei Epstein, bei den Kohns, den ehemaligen Hausbesitzern, bei Anna Kohutová, bei Zita Zavřelová, die unter dem Namen Zita Kabátová vor 1945 ein gefeierter Schauspielstar war. Sie erspielte sich ihre Erfolge mit Filmen aus den Prager Barrandov Studios, die wiederum der Familie Hável gehörten und auch mit Hilfe der Dekrete enteignet wurden.
Vaclav Hável seinerseits, der Enkel des Filmstudiogründers, besucht in dem Haus in der Matušova-Straße heimlich seine Geliebte, die Mutter der Autorin, da ist diese schon von Pavel Kohout geschieden. Im Buch zitierte Briefe Hávels zeugen von dem Versteckspiel vor der Staatssicherheit ebenso wie vor seiner Ehefrau Olga und der Öffentlichkeit. Das führt sogar dahin, dass Havel 1979 in dem Haus verhaftet werden wird.
In den Schreibprozess des Buches bricht immer wieder die aktuelle Gegenwart mit voller Wucht ein. Die Autorin reflektiert diese an verschiedenen Stellen. Der Krieg in der Ukraine, die Flüchtlinge, das Leid der Menschen werden mit den Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges verknüpft, der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel mit dem Leid der jüdischen Hausbewohner verwoben. Die Autorin war im Alter von zwanzig Jahren selbst Unterzeichnerin der Charta 77 und litt unter Repressionen der Staatsmacht. Jetzt erkämpft sie für die inzwischen demente Mutter eine Bescheinigung des tschechischen Ministeriums für Verteidigung: Denn sie sei in der Zeit der Unfreiheit eine Teilnehmerin des Widerstands und der Opposition gegen den Kommunismus, heißt es darin.
Im „Haus in der Matušova-Straße“ entwickelt sich eindrucksvoll europäische Geschichte über die beschriebenen Jahrzehnte. Tereza Boučková berichtet mit großem Einfühlungsvermögen über die wechselvollen Schicksale der Bewohner. Ob in der bürgerlichen Tschechoslowakei, ob im Protektorat unter faschistischer Besetzung, ob unter Edvard Beneš, Klement Gottwald, in der „Zeit der kommunistischen Herrschaft“ oder nach 1989 – immer ringen die Bewohner des Hauses um ein selbstbestimmtes Dasein, was ihnen nicht immer gelingt, aber stets empathisch geschildert wird.
Wie es mit Epsteins Biographie weiterging, welches Schicksal Jiři Zavřel, ein bekannter Ruderer und Trainer, erlitt oder was der Regisseur Miloš Forman, dessen leiblicher Vater der jüdische Prager Architekt und Hausbesitzer Otto Kohn war, mit dem Haus zu tun hatten, kann der geneigte Leser selbst entdecken.
Tereza Boučková: Das Haus in der Matušova-Straße. Roman. Aus dem Tschechischen von Maria Sileny, Morio Verlag, Heidelberg 2026, 216 Seiten, 20,00 Euro.