Wenn ich am Frühstückstisch sitze, findet sich nicht nur Käse auf meiner Stulle, sondern auch im Blatt, das ich zum Kaffee lese. Nicht wenige Menschen drängen mit ihren privaten Kinder- und Krankengeschichten in die mediale Öffentlichkeit in der augenscheinlichen Überzeugung, dass die Welt diese unbedingt erfahren müsste. Gut, sollen sie dies glauben. Muss man ihre Leiden, eine Wortdiarrhoe, jedoch auch öffentlich machen? Kranke muss man nachsichtig behandeln, gewiss. Das sollte Redaktionen nicht veranlassen, ihre Zeitungsspalten für allerlei Seelenkäse zu öffnen. Deklariert als „Open Source“ wird scheinbar jeder Quark publiziert.
Die einen nennen dergestalte Offenheit schrankenlose Demokratie, ich halte dies für bescheuert. Mit Rücksicht auf seine intelligenten Leser sollte jeder Chefredakteur (m/w/d) schon ein wenig Zensur ausüben dürfen. Nicht alles, was eine Redaktion erreicht, muss auch gedruckt werden. Ich denke, die Demokratie sollte dort enden, wo einer Mehrheit die Zeit gestohlen wird. Nun kann man zwar einwenden, dass man nicht alles lesen müsse, was einem sein Leib- und Magenblatt zum Verdauen anbietet. Jedoch wird auch mit punktueller Verweigerung auf Dauer jede Zeitung unverdaulich. Man wechselt zur nächsten oder man liest überhaupt keine mehr.
Ich frage mich, wann diese Neigung begann, sein Innerstes nach außen zu kehren. Vermutlich setzte sie nach dem Untergang der DDR ein. Ostdeutsche Journalisten kannten nur das kollektive WIR, der Parteijournalist war kein Individuum. Selbst wenn er allein in einer mongolischen Jurte oder in einem Beduinenzelt hockte, stand später in der Zeitung: „Wir sprachen mit …“ Darum nahm es nicht wunder, dass nach meiner Wahrnehmung schreibende und konvertierende Ossis das kollektive WIR rasch abschüttelten und sich selbst ins Zentrum ihrer Berichte und Weltbetrachtungen rückten. Subjektivität statt Objektivität, lautete die unausgesprochene Parole, die zu einer Praxis führte, in der der eigene Nabel zur Welt wurde. Mit Verlaub, mich interessieren persönliche Befindlichkeiten eines Journalisten so wenig wie seine übrigen seelischen Wehwehchen. Ich bin nicht herzlos, sondern interessengeleitet. Ich will von der Zeitung nicht unterhalten, sondern in erster Linie informiert werden. Und Journalisten – sofern sie diese Berufsbezeichnung verdienen, denn sie ist nicht geschützt – haben in erster Linie zu informieren, nicht zu belehren, nicht ihren Maßstab zum Maßstab aller zu erheben, nicht Nabelschau zu betreiben.
Die in der Branche um sich greifende Unsitte, fast eine Berufskrankheit, infizierte wohl auch Teile der Leserschaft, die nach dem gleichen Muster sich zu entäußern begann. Das große Blaba hob an, getarnt mit dem Schleier vermeintlicher Mitwirkung an der öffentlichen Meinungsbildung. Als gäbe es nicht schon genug Sprechblasen, nun also auch mit Käse-Füllung.
Was reitet einen Redakteur, seitenweise den eingesandten Schwachsinn in sein Blatt zu kippen? Ist es Dankbarkeit, auf diese Weise das Druckwerk zu füllen, weil er selbst unter Druck steht und keine Zeit hat, ordentlich recherchierte Texte mit Tiefgang zu verfassen? Oder ist es der Ehrgeiz, damit die Themen- wie die Autorenliste zu verlängern? Kein Industriestaat (China vielleicht ausgenommen) kann alle Erzeugnisse selbst produzieren, also muss importiert werden. Keine Zeitung kann das ganze Feld allein bestellen, zumal beim Personal gespart werden muss. Wie gut, dass es Nachrichtendienste gibt und Hilfskräfte, die die Agenturmeldungen zusammenstreichen. Da scheinen eingesandte Texte ein wenig Farbe in diese graue Uniformität zu bringen. So wird denn der publizistische Acker zunehmend von Dilettanten und Autisten, von Wichtigtuern und Profilneurotikern bestellt. Alles einsame Rufer in der Wüste mit Botschaften, die so viel wert sind wie der Grund unter ihren Füßen. Zudem, vielleicht auch eine Erklärung, sorgt die Etikettierung dafür, dass man zwar das Thema in der Zeitung hat, doch ohne sich selbst positionieren zu müssen. Das Bedürfnis wächst stetig, nicht anecken zu wollen, keine Gefühle zu verletzen, keine Branche oder Gruppe, und sei noch so winzig, zu verärgern. Wir leben im Rechtsstaat, und Anwälte gibt es reichlich, die ihre Miete bezahlen müssen.
Ich will nicht so ungerecht sein wie manch Hobbyphilosoph und Leserbriefschreiber: Es gibt unter den unaufgefordert eingehenden und publizierten Texten auch wirklich sehr gute, die zur Hebung des Blattniveaus merklich beitragen. Es wäre schade, wenn diese nicht das Licht der Druckerei erblickt hätten. Doch das entschuldigt nicht die Vielzahl der Stoffwechselendprodukte, die ebenfalls ihren Weg in die Zeitung finden. Darum appelliere ich an alle Redakteure, die in der offenen Sauce, genannt „Open Source“, rühren müssen: Seid mutig, achtet auf die Mülltrennung!