Vorab sei gesagt: Für die jüngst erschienene vollständige Fassung von Samuel Becketts German Diaries kann man den beiden Herausgebern, vor allem aber der Übersetzerin, nicht genug danken. Bereits für Januar 2021 angekündigt, liegt das einzige Tagebuch, das Beckett je geführt hat, jetzt in einer herausragenden, zweisprachigen Edition vor.
Becketts Aufzeichnungen entstanden zwischen dem 28. September 1936 und dem 1. April 1937. In sechs Heften mit insgesamt 545 Seiten hielt er all das fest, was er während seiner sechsmonatigen Reise durch mehr als dreißig deutsche Städte sah und erlebte. Die Tagebücher sind Reisechronik und Notizbuch zugleich. Neben dem Text und den entsprechenden Kommentaren und Registern enthält der Band im Anhang gesonderte Übersichten zu „Becketts Deutsch“ und zu seinem „Kulturprogramm“, darin aufgelistet all jene Bücher, mit denen er sich während seines Aufenthaltes beschäftigte, Zeitungen und Zeitschriften, die er las, sowie Filme, Konzerte und Theateraufführungen, die er besuchte.
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Am Morgen des 29. September 1936 geht Samuel Beckett im Hafen von Cobh an Bord des Passagierdampfers „Washington“. Von der Südküste Irlands führt die Route über Plymouth, Le Havre und Cuxhaven nach Hamburg. Beckett reist nicht zum ersten Mal nach Deutschland, doch diesmal soll es ein längerer Aufenthalt werden. Er befindet sich in einer persönlichen wie beruflichen Krise. Das angespannte Verhältnis zu seiner verwitweten Mutter belastet ihn. Er flieht vor Arbeits- und Ziellosigkeit, Einsamkeit und Krankheit. Der dreißigjährige noch unbekannte Autor erhofft sich Ablenkungen und Anregungen – intellektuell und poetisch. Doch schon bei der Überfahrt beginnt er zu zweifeln und fragt sich: „Aber was wird 6? Monate Deutschland anderes sein, als Herumlaufen, vor allem?“
Am 1. Oktober trifft er in Hamburg ein. Tags darauf ein erster Rundgang. Im Tagebuch listet er fast zwanzig Stationen auf, Fazit: „Komplett erledigt.“ So wird es auch in den nächsten Wochen sein. Kurz bevor er Hamburg verlässt, notiert er: „Ich habe mir zu viel aufgehalst.“ Neben der Absicht, seine Deutschkenntnisse zu verbessern, steht vor allem der Wunsch, möglichst viel an Malerei zu sehen. Allein elf Mal wird Beckett die Hamburger Kunsthalle aufsuchen. Er kommt in Kontakt mit Galeristen und Kunstsammlern, die ihm neben den öffentlichen Museen Zugang zu privaten Sammlungen verschaffen. Dort kann er das sehen, was die Nazis als „entartete“ Kunst geächtet, zerstört oder in die Depots verbannt haben: Werke von Liebermann, Dix, Kollwitz, Barlach und vielen anderen. In einer Zeitung stößt er auf einen Artikel „über den beschissenen neuen Glaspalast in München, Haus der deutschen Kunst & die kommende Ausstellung zugänglich für Arm & Reich & jedermann. Jetzt, wo die Phase von Nolde, der Brücke, Marc etc. ,überwunden‘ sei. Bald fange ich wirklich an zu kotzen. Oder fahre heim.“ – Über Seiten hinweg macht er sich Notizen zu mehr als 600 Bildern. Ohne Frage wird der Aufenthalt in Deutschland, wie die Herausgeber der Tagebücher herausstellen, „zu einer wichtigen Phase von Becketts ,ästhetischer Erziehung‘“.
Nach einem Monat hat sich Becketts Interesse scheinbar erschöpft. „Fühle mich wie gelähmt hier in Hamburg. Muss Lübeck & Bremen sehen & weiter fahren.“ Nach Bremen schafft er es zwar nicht, aber am 3. November 1936 besucht er Lübeck. Nach nur sieben Stunden Besichtigungsmarathon sitzt er wieder im Zug. Sein Eintrag für diesen Tag endet mit den Worten: „Muss aufhören, Kirchen zu besichtigen, wo man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.“
Vier Wochen später reist Beckett aus Hamburg ab. Über Lüneburg, Hannover und Braunschweig, von wo aus er Abstecher nach Wolfenbüttel und Hildesheim unternimmt, fährt er nach Berlin, wo er am 11. Dezember eintrifft. Auch hier möchte er möglichst viel sehen. Doch einmal mehr ermahnt er sich: „Sollte weniger weitschweifend schreiben oder [konzentrierter?].“ Und an anderer Stelle heißt es: „Weniger scheußlich genau sein.“
In ihrem Nachwort betonen die Herausgeber, Becketts „Spaziergänge sind jedoch keine müßige Flânerie, kein unbeschwerter Genuss moderner Stadtoberflächen, sondern ebenso disziplinierte wie exzessive Erkundungsgänge. Der Reisende ist ein Anti-Flâneur.“ Nehmen wir als Beispiel für diese diszipliniert-exzessive Art des Reisens Becketts während seiner Zeit in Berlin absolvierten Besuch in Potsdam am 12. Januar 1937.
„Rechtzeitig aufgestanden, um kurz nach 10 in Potsdam zu sein“ – diese Worte stehen am Anfang eines minutiös protokollierten Tagesprogramms, das Beckett zunächst vom Bahnhof über den Lustgarten zum Schloss führt – „gehe aber nicht rein“ –, weiter zur Nicolaischen Buchhandlung, von dort zum Brandenburger Tor und durch das Grüne Gitter in den Park Sanssouci.
Von der Großen Fontäne blickt er hinauf zum Schloss: „Erste Ansicht der mit Glasrahmen für Weinreben bestückten Terrassen verwirrend, aber bald akzeptiert.“ Die Terrassen empfindet er als „vielleicht zu steil & schwer für den Palast, der an jedem Treppenabsatz verschwindet“. Das Schloss hingegen sei „makellos proportioniert, die niedrige grüne Kuppel ruht wie eine Blüte auf der gelben Fassade, & die Karyatiden lachen unter der Leichtigkeit ihrer Last“. Alles in allem „wahrhaftig eine Architektur ohne Sorgen“. In einem Brief an seinen langjährigen Freund und Vertrauten Thomas McGreevy wird Beckett später schreiben: „Ich konnte gar nicht fortgehen, kam immer wieder zurück, um es aus allen Teilen des Parks anzusehen, und war sehr traurig, als ich weitermußte, mit dem Gefühl, es nie wiederzusehen.“
Weiter gehts zur benachbarten Gemäldegalerie, die er mit dem Prädikat versieht: „Nie so viel barocken Schrott auf einem Haufen gesehen.“ Vorbei an den Neuen Kammern und dem Sizilianischen Garten erreicht Beckett die „Terrasse der kolossal hässlichen Orangerie“. Nächste Ziele sind der Antiken- und der Freundschaftstempel. Ein kurzer Blick auf das Neue Palais und die Communs, „schwer & prächtiger als Sanssouci, aber hervorragend, die sich an einem sehr weitläufigen Place d’honneur gegenüberstehen“. Auch Schloss Charlottenhof besichtigt er nur von außen.
Nach einer kurzen Mittagsmahlzeit macht sich Beckett „um 15.30 auf durch den Neuen Garten nach Nikolskoe“. Kurz hinter dem Marmorpalais, noch bevor er den Park verlässt, wird er von einem Naturschauspiel gefangen genommen: „Plötzlich im sich senkenden Nebel wunderschönes rotes Licht, wie eine Fortsetzung der Blätter, die von einer Frauengruppe vor dem grauen néant des Jungfernsees zusammengekehrt werden.“ Da die Zeit bereits vorangeschritten ist, ändert Beckett seinen Plan und lenkt seine Schritte hinüber zum Babelsberger Park. Enttäuscht wird er notieren: „Zu dunkel, um mir Schloss Babelsberg anzusehen, & zu müde, um zum Bahnhof Neubabelsberg zu laufen […] warte auf Bus […] Zurück gegen 6.“
Gut 15 Kilometer Wegstrecke liegen an diesem Tag hinter Beckett. Immerhin hat er am Abend noch die Kraft, sich im Berliner Schauspielhaus eine Aufführung von Hebbels „Gyges und sein Ring“ anzusehen. Sein Urteil: „[…] als Stück zweifellos ein Reinfall, jedenfalls so, wie es hier gespielt wird. Selbst [Werner] Krauß mit all seiner Zauberkunst & seinem Stil kann ihm kein Leben einhauchen.“
Am 22. Januar 1937 endet Becketts Besuch in der Reichshauptstadt. Nach Zwischenstationen in Halle, Weimar, Erfurt, Naumburg und Leipzig kommt er am Nachmittag des 29. in Dresden an, wo er sich sogleich mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vertraut macht. Er bezieht ein Zimmer im Hotel „Trompeterschlösschen“ am Dippoldiswalder Platz: „Zu teuer, aber es ist gut.“ Der folgende Tag steht ganz im Zeichen der Feierlichkeiten zum 4. Jahrestag der „Machtergreifung“. Als Beckett ins Hotel kommt, läuft im Radio die Übertragung der Reichstagssitzung. Er notiert: „höre mir wie ein Trottel 2 Stunden Hitler an & eine Stunde Göring“.
So, wie an dieser Stelle, dokumentieren Becketts Aufzeichnungen von Beginn an sein besonderes Interesse für die nationalsozialistische Rhetorik. „Die Annahme“, heißt es im Nachwort der Herausgeber, „Beckett sei unpolitisch gewesen, ist hartnäckig, aber auf der Grundlage der German Diaries nicht mehr haltbar“. Er verstand die nationalsozialistische Ideologie als eine Art „religiösen Glauben“ und setzte sich „mit der deutschen Diktatur auf verschiedene Weisen auseinander: touristisch, ethnographisch, politisch, historisch, kunstkritisch, medizinisch, akustisch, literarisch, linguistisch und poetologisch“.
Nach knapp drei Wochen verlässt Beckett Dresden. Über Freiberg geht es weiter nach Bamberg und von dort nach Würzburg. Während der Zugfahrt unterhält er sich mit einem jungen Mitreisenden, man tauscht sich zu Hotels und Gaststätten aus. „Rest der Unterhaltung das übliche Politikgerede, fast aufs Wort genau das, was ich schon so oft gehört habe.“ Die letzten Stationen auf dem Weg nach München, wo sich Beckett bis zu seiner Rückkehr nach Irland am 2. April 1937 noch knapp einen Monat aufhalten wird, sind Nürnberg und Regensburg.
Die German Diaries sind nicht nur ein biographisches, sondern auch ein historisches Zeugnis ersten Ranges. Beckett selbst sah den Wert des Ganzen kurz vor dem Ende seiner Reise eher kritisch: „Das bisschen Mühe, das ich mir mit diesem idiotischen Tagebuch und all den Bilderlisten gebe, führt zu nichts, ist nichts weniger als die Tat eines besessenen Neurotikers.“ – Und was meint die Übersetzerin dazu? „[…] noch nie war ich dem Autor so direkt und geradezu ,ungeschützt‘ begegnet wie hier. Noch nie hatte ich seine Stimme derart ungefiltert im Selbstgespräch erleben können.“
Doch lesen Sie selbst!
Samuel Beckett: German Diaries. 28. September 1936 – 1. April 1937, englisch und deutsch,
Übersetzung von Gaby Hartel, herausgegeben von Mark Nixon und Oliver Lubrich, Suhrkamp Verlag,
Berlin 2026, 1352 Seiten, 78,00 Euro.