Konrad Hugo Jarausch, dessen Tod weit mehr Menschen als nur seine Fachgemeinde betrauern, war ein Historiker von Weltruf, der in der politischen Kultur Deutschlands und der USA unübersehbare Spuren hinterlassen hat.
Geboren am 14. August 1941 in Magdeburg im nicht-nazistischen Bildungsbürgertum, wuchs Konrad Jarausch in Bayern und im Rheinland auf. Den Vater raubte ihn der deutsche Eroberungskrieg. Das restaurative Klima, an dem bereits der Abiturient deutliche Kritik übte, bewog Konrad Jarausch, sich beizeiten in den USA, damals dem Land seiner Hoffnung, umzutun. Was als Studienabstecher gedacht war, wurde zur Weichenstellung seines Lebens.
Nach Studienjahren in Princeton wurde er 1969 an der University of Wisconsin mit einer Arbeit über Theodor von Bethmann Hollwegs imperialistische Politik promoviert. Sein Doktorvater Theodore Hamerow, aber auch Mentoren und Weggefährten wie George Mosse, Georg Iggers und Gerhard Weinberg gehörten zum großen Kreis jüdischer Immigranten in den USA, die mit Jarausch, wie er in seinen Lebenserinnerungen schrieb, darum rangen, „zu begründen, warum eine ansonsten zivilisierte Nation immer wieder in einen Abgrund stürzte, der ihre Nachbarn mit sich riss.“ Die notwendigen mentalitätsgeschichtlichen Erklärungen reichten Jarausch dabei nicht aus: Immer wieder beleuchtete er, aus methodisch wechselnder Perspektive die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Imperialismus, kapitalistischer Rüstungsproduktion, Militarismus und Antisozialismus der herrschenden Klassen, ohne aber in einen – von ihm als pseudo-materialistisch kritisierten – Reduktionismus zu verfallen. Den antidemokratischen Traditionen unter deutschen Studenten, Lehrern und Professoren widmete er mehrere Monographien.
Nach Studium und Promotion lehrte er an der University of Missouri in Columbia und wechselte 1983 auf eine Stiftungsprofessor für Europäische Kulturgeschichte an die University of North Carolina, Chapel Hill (UNC). Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte führten ihn regelmäßig in die Bundesrepublik, doch auch ans Deutsche Zentralarchiv nach Potsdam. Nach 1990 war er zunächst Gastwissenschaftler am von seinem einstigen Kommilitonen Jürgen Kocka neu eingerichteten Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien. Ab 1998 leitete er zusammen mit Christoph Kleßmann, dann mit Martin Sabrow das nunmehrige Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Dort wurde er 2006 emeritiert. Als Senior Fellow blieb er dem ZZF bis zu seinem Tod eng verbunden.
Konrad Jarausch lehrte aber in Chapel Hill bis 2024 weiter, da es in den USA kein verpflichtendes Emeritierungsalter gibt. Mit Christoph Kleßmann entwickelte er gesellschaftsgeschichtliche Perspektiven auf die DDR und das tragfähige Konzept einer integrierten deutschen Nachkriegsgeschichte. Gegen die platte Totalitarismus-Deutung der DDR-Geschichte, aber auch gegen DDR-nostalgische Tendenzen gewandt, interpretierte er den ostdeutschen Staat und dessen Gesellschaft als Produkt einer „Fürsorgediktatur“ im Spannungsfeld zwischen gelenkter, doch lange erfolgreicher Sozialpolitik und staatlicher Repression, die für das Scheitern des DDR-Gesellschaftsmodells letztlich den Ausschlag gab. Souverän-freundlich nahm er zur Kenntnis, dass seine Mitarbeiter ihn (nur halb) hinter seinem Rücken als ihren Fürsorgediktator bezeichneten.
Der Spitzname traf den Kern. Hilfsbereitschaft und die Sorge um den Mitmenschen zeichneten Konrad Jarausch aus – in einer Zeit, als die dauerhafte Existenz des ZZF und feste Arbeitsstellen für die Mitarbeiter keineswegs gesichert waren. Zugleich war er geradezu erbarmungslos-freundlich, wenn es um die Kritik geplanter Projekte oder deren Resultate ging. Nichts ist so gut, als dass es nicht noch entscheidend verbessert werden kann (auch der Verfasser dieser Zeilen bekam dies mehr als einmal zu hören und verdankt Konrad Jarausch, der vom Dienstvorgesetzten zum Kollegen und dann zum Freund wurde, viel an rettender Kritik).
Konrad Jarausch besaß große wissenschaftsleitende Erfahrungen. Mit Entschiedenheit, doch ebenso mit Takt wirkte er als Vorsitzender der German Studies Association und als Herausgeber und Mitherausgeber renommierter Fachzeitschriften wie der Central European History und der German Studies Review.
Bemerkenswert war sein Gespür für neue Ansätze in der Geschichtsforschung. Schon in den 1970er Jahren interessierte er sich für die „Quantifizierung in der Geschichtswissenschaft”, so ein Buchtitel, und die interdisziplinär angelegte Historische Sozialwissenschaft. Er sah weit früher als manche Kollegen, die (wie ich) dies noch unterschätzten, das Potenzial digitaler Fachkommunikation. Schon 1996 war er einer der Initiatoren des Internet-Portals H-Soz-Kult unter dem Dach des amerikanischen H-Net. Am ZZF trieb er besonders intensiv die Einrichtung digitaler Medien voran. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift Zeithistorische Forschungen, die gedruckt und online erschien, und des Themenportals Europäische Geschichte. 1993 gründete und leitete er zeitweilig das UNC Center for European Studies, das sich diesem Herangehen gleichfalls verpflichtet wusste.
Im Rahmen eines Nachrufes kann Jarauschs immenses wissenschaftliches Werk – über fünfzig Bücher als Autor und Herausgeber, dazu mehrere Hundert Aufsätze – auch nicht annähend gewürdigt werden. Es umfasst Standardwerke – jeweils in Deutsch und Englisch veröffentlicht – wie „Die unverhoffte Einheit 1989–1990“ (1994), „Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945–1995“ (2004), „Aus der Asche. Eine neue Geschichte Europas im 20. Jahrhundert“ (2018) und „Die Last der Vergangenheit. Ein transatlantisches Leben“ (2025), sein persönlichstes Buch. Das Kernthema fast aller Bücher ist, wie Axel Schildt hervorhob, die Behauptung Europas und die Rückkehr Deutschlands zur Zivilgesellschaft, die sich vor 1933 schon auszubilden begonnen hatte, dann aber durch den deutschen Nationalsozialismus, der brutalsten Form des Faschismus, weitgehend vernichtet wurde. „Jarauschs Geschichte Deutschlands“, so Hans Hermann Hertle in einem nuancierten Nekrolog, „war weder die Geschichte einer ewigen Katastrophe noch die einer endgültig geglückten Läuterung. Sie war eine Geschichte des Lernens – und deshalb eine Geschichte, in der Erreichtes wieder verloren gehen kann. Aus der deutschen Erfahrung leitete er gerade keine moralische Überlegenheit ab.“
Jarausch begrüßte den demokratischen Aufbruch in der DDR, sah keine Alternative zur raschen Neu-Vereinigung, aber warnte entschieden vor pseudokolonialer Landnahme. Die Ostdeutschen dürften nicht um die Früchte eigener Anstrengungen gebracht werden, sagte und schrieb er ein um das andere Mal – auch in Kenntnis der haarsträubenden Fehler, die der siegreiche Norden im Süden der USA nach dem gewonnenen Bürgerkrieg 1865 beging.
Für ihn behielt „1989“ einen offenen Schluss; alle politischen Fehler könnten sich nach Jahrzehnten bitter rächen. Wie recht er damit hatte, zeigen die jüngsten Entwicklungen, deren Nutznießer die AfD ist. Kurz vor seinem Tod verabschiedeten wir uns in der Hoffnung, wir mögen Donald Trump und sein unheilvolles Wirken überleben. Auf ihn trifft dies leider nicht mehr zu. Der lebenslang aktive Sportler starb am 1. September beim Schwimmen im Eastwood Lake in Chapel Hill im Alter von 85 Jahren. Er hinterlässt seine Frau, die Romanistin Hannelore Louise, „die Liebe seines Lebens“, zwei Söhne und vier Enkel.
Zum Weiterlesen empfohlen: Konrad H. Jarausch. Die Last der Vergangenheit. Ein transatlantisches Leben. Vergangenheitsverlag, Berlin 2025, 242 Seiten, 20,00 Euro.