Von Heinrich Heine, der die deutsche Seele bis auf den Grund verstanden und auch durchschaut hatte, gibt es das 1844 geschriebene und gern zitierte Gedicht: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht, / Ich kann die Augen nicht mehr schließen / Und meine heißen Tränen fließen.“ Das kommt mir zunehmend öfter in den Sinn, wenn ich das an allen politischen Fronten ideologieverblendete, planlose und bürgerfeindliche Gewurschtel dieses Parteienklüngels jetzt zur Kenntnis nehmen und ertragen muss. Dieses weltfremde und von daher sinnlose Gemache und Gerede weckt viele Erinnerungen …
Es gab zwei interessante literarische Versuche, das Heine‘sche Wintermärchen in der gleichen Art von Langgedichten und in der gleichen Versform neu zu erzählen.
Der erste Versuch ist Wolf Biermanns „Ballade von Leipzig und Köln“, gedruckt im Verlag Klaus Wagenbach 1972, also vier Jahre vor Biermanns Ausbürgerung. Darin enthalten ist eine Vorahnung des kommenden Geschehens, die genauer nicht sein könnte: „Zur Messe in Leipzig, ein Kaufmann aus Köln / War jung und war reich und war schön / ;Du Blonde, Du Weiche, ich heirate dich / Kannst mit mir nach Westen geh‘n‘. […] ‚Du Blonde, Du Weiche / wir heiraten nicht. / Ich erbe doch Vaters Fabrik / Ich kauf Dir ein Häuschen in Düsseldorf / damit meine Frau uns nicht sieht‘ / […] / Ach! Mit dem Strom fahrn die Schiffe so schnell / Auf dem Rhein dahin, dahin. Ach! Gegen den Strom geht es langsam zurück / Ich weiß nicht, wie traurig ich bin“. Das erinnert mich an den Song „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen, der mir nach der Wende sehr wichtig gewesen ist. Denn um die Freiheit ist es uns Ossis doch gegangen, nicht um die Reisefreiheit (das auch), sondern um die geistige, die wahre Freiheit, nicht um Bananen (doch, um die auch …). Die unscheinbaren Zeilen „Die Verträge sind gemacht / und es wurde viel gelacht […]“ kann man mit dem Wissen von heute aber auch als zynische Vorwegnahme der Treuhandaktivitäten verstehen.
Der andere Versuch sind die „Berliner Elegien“ von Steffen Mensching, die im Jahr 1995 im Verlag Faber & Faber erschienen sind. Darin wird die Umwandlung der DDR in ein unterentwickeltes Beitrittsgebiet beschrieben. Das Buch ist bis heute lesenswert.
Die Wende ist nun 36 Jahre her, aber eine kleine, stille Trauer, hält sich bei mir hartnäckig und gut versteckt wie ein Phantomschmerz, obwohl ich immer wieder sage und schreibe: Nein, ich will sie nicht wiederhaben, und ja, ich bin immer und bis heute für die Wiedervereinigung. Aber dieser damalige Gefühlswirrwarr aus Hoffnungen, Träumen, Utopien und knallharten Realitäten, der 17 Millionen Leben umgekrempelt hat und später als Fußnote der deutschen Nationalgeschichte wahrscheinlich kaum 20 Zeilen umfassen wird, hat eben doch seine Spuren hinterlassen. Denn ich lebe exakt gleich lange in beiden Welten, und wenn ich noch ein Jahr leben sollte (bitte!), lebe ich länger in Deutschland als in der DDR. End mit jedem weiteren Lebensjahr wird die Distanz größer.
Gleichwohl: Sehe ich DDR-Fotos der siebziger und achtziger Jahre, kommt die Erinnerung des einfachen und schönen Lebens hoch wie eine erfrischende, wärmende Brise an einem Sommertag am Strand. Mein Kopf spielt mir Streiche, ich weiß. Stand der Wissenschaft ist, dass die positiven Erinnerungen länger und intensiver gespeichert werden als die negativen. Es gibt aber auch den aktuellen Sachsen-Anhalt-Schock. Die Sängerin Annett Louisan, die gerade ihr neues Album „Sehnsucht“ veröffentlicht hat, sucht auf ihre Art nach Antworten. Sie erzählt davon, was nach der Sehnsucht kommt, sei es Erfolg oder Enttäuschung. Aber sie erzählt auch vom Aufkommen des rechten Denken und Sprechens in ihrer Heimat Tangermünde: „Für ostdeutsche Männer – das war meine Beobachtung – war die Wiedervereinigung schwerer als für ostdeutsche Frauen. Auch ostdeutsche Teenager wurden gern an Hamburger Schulen belächelt für ihren Dialekt und die Klamotten. Ich selbst habe keine Erfahrung damit gemacht, weil ich ziemlich schnell hochdeutsch gesprochen habe. Solche Demütigungen spielten aber mit hinein in diesen Rechtsruck – sie sind jedoch keine Entschuldigungen, nur kleine Puzzlestücke. Es gibt so viele Erklärungsversuche.“
Botho Strauß nennt diese neurechte Facette im politischen Feld in seinem Buch „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“ die „letzte hässliche Frucht der Nachkriegszeit“.
In seinem Artikel „Musik zwischen Werra und Neiße“ schreibt Rainer Nonnenmann in der aktuellen NMZ: „Ja, es gibt im Osten Fremdenfeinde, Ausländerhasser, Rassisten, Neonazis. Doch die gibt es im Westen ebenso. Wem bei ostdeutschen Bundesländern nur Rechtsradikale einfallen, der pauschalisiert und kennt diese Regionen offenbar nur aus Negativschlagzeilen, statt aus eigener Anschauung und Begegnungen mit den Menschen dort. Auch im Jahr 36 der deutschen Wiedervereinigung haben viele aus der alten BRD allenfalls touristische Hotspots wie Berlin, Dresden, Leipzig, Weimar und Ostsee besucht, aber noch nie die vielen kleineren Orte und verschiedenen Landschaften. […] Die Orte und Gegenden sind voll einzigartiger Kultur, Kunst und Musik in Geschichte und Gegenwart. Die Menschen sind offen, freundlich, gesprächsfreudig und stolz auf ihre Heimat, mit der sie sich auseinandersetzen und identifizieren. Andere sind verschlossen, verbittert, unzufrieden, wütend. In jedem Fall sind pauschale Vorurteile fehl am Platz. Die Menschen sind hier ebenso verschieden wie in anderen Bundesländern in West, Nord und Süd auch.“
Der Tag der Wiedervereinigung war „Trotz alledem“ der schönste Tag in meinem Leben, und heute noch, nach 36 Jahren, freue ich mich jeden Tag erneut. Viele werden darüber ganz oder teilweise anders denken. Dagegen hilft nur die schonungslose Erinnerung, zum Beispiel an volkseigene Konsumläden, links Rotkohl, rechts Weißkohl, Alkohol bis unters Dach, aber Milch ab 11:00 Uhr nicht mehr. Gut gegen die Rührung (ach ja, damals; weißt du noch …) sind auch DEFA-Spielfilme, die FDGB-Heime, Aufmärsche, Fahnen und Transparente ins Gedächtnis zurückbringen. Die schäbigen Bruchbuden ohne Bad und Fernheizung wären ebenso zu erinnern, wie die Braunkohlen -und Abgasgerüche und der ganze mühsame Alltag. Oder denkt jemand ernsthaft, dass die DDR gegen die rasant steigende KI-gestützte globalisierte Industrieproduktion irgendeine Chance gehabt hätte? Ich glaube das nicht. Insofern muss man Helmut Kohl dankbar sein, dass er den „Mantel der Geschichte“ ergriffen hat, auch wenn es am Anfang hässliche Begleitumstände gab.
Erst als Rentner hätte ich das schöne Bayern kennengelernt, oder den Kölner Dom, das Bremer Fußballstadion, das wunderschöne Lübeck. Und erst spät wären wir den Rhein und die Mosel hinabgefahren, an der Loreley vorbei bis in die Schweiz.
Meine Abiturienten studieren mittlerweile Greifswald und Cottbus, aber auch in Bremen, Frankfurt und München. Auch ein Viertel der kleineren Musikschul-Schüler hat Eltern, die „von drüben“ zugezogen sind und jetzt in Oranienburg nördlich von Berlin wohnen. Meine Ärztin ist aus Westfalen, mein Urologe aus Niedersachsen. Das ist doch eine wunderbare Entwicklung, und alles stellt kein wirkliches Problem dar.
Im gemeinsamen Alltag hilft das, was immer hilft: Geduld, Freundlichkeit, ein kleiner Scherz ein netter Blick. Der Rest findet sich. Für die jungen Leute sind alle diese alten Konflikte sowieso Vergangenheit, ihnen steht die Welt nun tatsächlich offen.
Und deshalb meine Bitte:
Liebe Leserinnen und Leser aus den alten Bundesländern, habt ein bisschen Geduld mit uns Ossis. Der Graben, der uns trennte, war ziemlich tief und alles braucht seine Zeit.
Und liebe Leserinnen und Leser aus den neuen Bundesländern, habt ein bisschen Geduld mit den Wessis. Der Graben, der uns trennte, war ziemlich tief und alles braucht seine Zeit.
Alles wird wahrscheinlich gut werden, wenn nicht … und … und dann auch noch …