Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle feiert mit einer grandiosen Retrospektive die Wiederentdeckung des Avantgardisten Edmund Kesting.
Es gibt Ausstellungen, bei denen es nicht der Name des Künstlers ist, der die Besucher anlockt. Bei denen aber jeder, der sie gesehen hat, sagt: Das darf man sich nicht entgehen lassen! Die Edmund-Kesting-Retrospektive, mit der das Kunstmuseum Moritzburg in Halle unter dem so schlichten wie treffenden Titel „Avantgardist“ gerade glänzt, ist so ein Fall.
Wer aber war der 1892 in Dresden geborene und 1970 in Birkenwerder gestorbene Edmund Kesting? Genau das: ein Avantgardist. Einer, der das Pech hatte, mit der auf ihre jeweilige Ideologie verengte Kulturpolitik der Nazis und der (vor allem frühen) DDR aneinanderzugeraten. Bei den einen war er der Prototyp der „Entarteten“. Den anderen war es nicht geheuer, dass er sich in der Welt des Abstrakten, der Collage und der Experimente am wohlsten fühlte.
Kesting hat in seinem Künstlerleben immer alle Chancen genutzt, die sich aus Begegnungen mit anderen Menschen ergaben. Ob nun die mit dem Anwalt der modernen Künste Herwarth Walden in den 1920er Jahren. Der verhalf ihm mit seinem Einfluss als Galerist zu einem Platz in der europäischen Avantgarde. Oder die mit Parteichef Walter Ulbricht für dessen Briefmarken-Porträt er auf dessen Wunsch die Foto-Vorlage machte, und der ihn dafür sogar mit einem Honorar wie für ein gemaltes Bild bezahlte. Manches ist halt rückblickend auch kurios an diesem Lebenslauf, der die Verwerfungen des Jahrhunderts in einem Künstlerleben spiegelt.
Der Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in Halle Thomas Bauer-Friedrich hat (nicht zum ersten Mal) den richtigen Riecher gehabt, Paul Kaiser (siehe die Wismut-Ausstellung in Zwickau) mit ins Ausstellungsboot geholt und einen Coup gelandet. Wenn das Jahrhundert ein Mensch wäre, müsste es sich schämen, das nicht unterzukriegende Multitalent Kesting so an den Rand der Aufmerksamkeit gedrängt zu haben. So weit, dass er zum „bekanntesten Unbekannten“ seiner Zunft wurde, wie Kunsthistoriker Klaus Werner meint.
Diese Retrospektive mit 227 Arbeiten aus allen Schaffensperioden, aus über 40 öffentlichen und privaten Sammlungen in Deutschland, Belgien, Österreich und der Schweiz und von den Nachkommen des Künstlers hat das Format, das endlich zu ändern.
Sie ist eine Wanderung durch die Vielfalt der Moderne und das als Personalausstellung! Von einem (Überlebens-)Künstler, der immer seinem Stern folgte, und mit Kreativität und Lust an Neuem auf Repression und Staatsdummheit reagierte. Kesting war Maler, Grafiker, Fotograf, Papierkünstler und mit Leidenschaft auch Lehrer. Eine Vielseitigkeit, die ihm beim Überleben half. Wie er im Verlaufe seines Lebens, mal das eine, mal das andere nutzte, mal mehr dem Broterwerb diente und dann wieder Freiräume fürs Malen schuf und nutze, das ist imponierend.
Chronologisch und in acht Kapitel gegliedert finden sich zunächst seine Kriegserlebnisse an der Westfront von 1915-1918 in expressionistischen Holzschnitten wieder. Explodierende Formen, Dorflandschaften völlig aus dem Lot, ein Dornengekrönter.
Dann der Aufbruch als Avantgardist und die folgenreiche Begegnung mit Herwarth Walden (1878-1941). Neben der berühmten Bronze von William Wauer gibt es wohl keine überzeugenderen Porträts dieses Protektors der Moderne als die von Kesting. Und das gleich in verschiedenen Techniken. Darunter auch eine seiner berühmten Porträt-Fotografien mit Porträt vor dem Schattenriss des Profils.
Was in den 20er Jahren folgt ist ein Feuerwerk der Fantasie im Umgang mit Formen und Farben, auch mit der Struktur der Bilder bis hin zu den „Bildbauwerken“, die nicht ohne den Griff nach dem Raum auskommen. Man steht davor und vergleicht mit anderen, staunt und fragt sich: Wo warst du, Edmund?!
Kesting traute sich sogar 1919 eine Schule zu gründen und nannte sie „Der Weg. Neue Schule für Kunst“. Er hielt damit bis zum Verbot durch die Nazis 1933 durch. Werbung, Messebau, Innenraumgestaltung – ein Zentrum der Avantgarde neben dem Bauhaus und etwas abseits in Dresden.
Die Fotografie ist bei ihm nicht einfaches Abbilden. Er experimentiert mit Techniken von Solarisation, Negativmalerei, Mehrfachbelichtungen. Hier darf man über Porträts von Mary Wigman und Gret Palucca aus den 1930er und 40er Jahren staunen. Verblüffend modern wirken seine Beispiele von „Chemischer Malerei“ (so etwas sieht man sonst nur in den Galerien der Alten Spinnerei in Leipzig).
Nicht nur Besuchern, die eine besondere Beziehung zu Dresden haben (Kesting lebte bis 1948 dort), dürften seine ikonographischen Fotos unter dem Titel „Schicksal Dresden“ ans Herz gehen. Nachts aufgenommene Fotos der unzerstörten Barockpracht (Zwinger, Schloss, Hof- und Frauenkirche) sind der kunstvoll gebauten Serie „Dresdner Totentanz“ gegenübergestellt. Die Ruinen überblendet mit einem Lehrmittel-Skelett aus den Trümmern der Kunstakademie. Diese Davor- und Danach-Fotos haben nichts von ihrer Faszination verloren. Nebenbei gibt es dazu, wie bei ihm üblich, auch Varianten in Öl, als Aquarell und Federzeichnung.
Da er kein explizites Mal- und Berufsverbot hatte, konnte er, als ihn die Nazis als „entartet“ kaltstellten, als Überlebensstrategie in die Fotografie (unter anderem einer Notfalldokumentation der Objekte des Grünen Gewölbes) und auf Sujets auf dem Land oder mit menschenleerer Natur ausweichen.
Klar, dass sich Kesting nach dem Krieg etwas vom Aufbruch und der Rückkehr der Moderne versprach und aktiv mitmischte. Das erwies sich schon vor Gründung der DDR als Illusion, den er war natürlich auch von der oktroyierten, regressiven Formalismusdebatte ge- und betroffen. Er blieb aber bedeutend und inspirierend, wenn auch kaum öffentlich sichtbar. Seine Professur an der Hochschule Weißensee verlor er 1953 zwar, lehrte aber bis 1960 an der Filmhochschule in Babelsberg.
Das malerische Spätwerk, das im letzten Jahrzehnt seines Lebens im durchaus privilegierten Ahrenshoop entstand, nennt der Katalog einen langanhaltenden, furiosen Schlussakkord. Das Abschlusskapitel der Schau belegt das eindrucksvoll. Landschaften von ganz eigenem Reiz, Farbsinfonien und eine ungezügelte, von jeder Grenze befreite Suche nach dem Geheimnis von Form und Farbe, ganz auf der Höhe der Zeit. Da war Ahrenshoop mit Edmund Kesting mitten im Zentrum der europäischen Moderne! Und wir hätten ihn heute fast übersehen.
In Halle ist die Ausstellung noch bis zum 25. Oktober zu besichtigen. Wer das verpasst, kann sie vom 14. November 2026 bis 7. Februar 2027 allerdings nur in Grenoble, dann aber vom 20. März bis 13. Juni 2027 im Kunstmuseum Ahrenshoop oder noch später im Osthausmuseum Hagen wieder in Deutschland besuchen.
Der Katalog zur Ausstellung ist im E.A. Seemann Verlag erschienen, er kostet im Museum 35 Euro (im Buchhandel 40 Euro).