Es existiert ein deutsches Theaterstück über den Weg zum Holocaust: Das Bibelspiel „Der Weg der Verheißung“ von Franz Werfel und Kurt Weill aus dem Jahre 1934. In Deutschland ist es kaum bekannt.
1937 wurde es in New York in englischer Sprache uraufgeführt, doch der damalige Erfolg bewahrte es nicht vor dem Vergessen. Erst am 13. Juni 1999 folgte die deutsche Erstaufführung in Chemnitz. Künstler aus drei Ländern bildeten das Inszenierungsteam: der New Yorker Dirigent John Mauceri, der Chemnitzer Operndirektor Michael Heinicke und der Bühnenbildner David Sharir aus Tel Aviv. Doch kein Regisseur wagte eine weitere Inszenierung. Die Partitur hatte Jahrzehnte unbeachtet im New Yorker Kurt-Weill-Institut gelegen. Das Original war verschwunden. Aber vorhanden war noch das Regiebuch von Max Reinhardt mit seinen handschriftlichen Notizen und eine Textkopie. Sie wurden die Grundlage der Chemnitzer Aufführung in deutscher Sprache.
Im New Yorker Kurt-Weill-Institut stieß ich auf die Partitur und fand staunend Spuren einer fernen Zeit, ein Bibelspiel in vier umfangreichen Akten und gleichzeitig ein hebräisches Gegenstück zu Richard Wagners „Ring“. Dieses Stück wurde geschrieben, als die Lager von Auschwitz und Birkenau, Dachau und Bergen-Belsen, Buchenwald und Ravensbrück noch nicht oder kaum existierten, ahnte aber ihre unmenschliche Schrecken voraus. Die New Yorker Uraufführung inszenierte Max Reinhardt unter dem englischen Titel „The Eternal Road“. Auch er war 1933 von den Nazis aus Deutschland vertrieben worden. Es war seine erste Arbeit in New York.
Im Exil hatte Kurt Weill seine deutschen Wurzeln nicht gekappt. Die Partitur ist ein Vademecum der deutschen Musikgeschichte mit ihren Anklängen an Johann Sebastian Bach, Franz Schubert und Felix Mendelssohn Bartholdy. Vor allem ist es jedoch Gustav Mahler, dessen Geist aus dieser Partitur hervorleuchtet. Auch Kurt Weill war, wie Arnold Schönberg und Dmitri Schostakowitsch, ein Erbe Mahlers. Sie ist ein Werk des Abschieds, das letzte, das Kurt Weill in seiner Muttersprache komponierte, und das erste, das in englischer Sprache aufgeführt wurde.
Die Idee zu einem monumentalen Bibelstück stammte von Meyer Weisgal, einem Mitarbeiter Chaim Weizmans, dem Präsidenten des zionistischen Weltkongresses. Schon im März 1933 entwickelte er das Sujet eines alttestamentarischen Theaterstücks, das die Idee eines jüdischen Staates propagiert, und gewann drei europäische Emigranten – Max Reinhardt, Franz Werfel und Kurt Weill – als Mitarbeiter. Das Trio traf sich noch im Sommer 1933 zu ersten Besprechungen auf Max Reinhardts Schloß Leopoldskron in Österreich. Von dort konnte man auf Berchtesgaden und Hitlers Berghof herunterblicken.
Unter unendlichen Schwierigkeiten kam die Premiere zustande. 1935 vernichtete ein Wassereinbruch in der Manhattan Opera die fertigen Dekorationen, alles musste ein zweites Mal finanziert und gebaut werden. DieTheaterkritiker spotteten, der Spielplan sei nicht komplett ohne Reinhardts ständige Änderungen. Endlich, am 7. Januar 1937, einem Donnerstag, war es so weit. New York erlebte einen der grandiosesten Premierenabende seiner Geschichte. Nur wenige Dokumente sind davon erhalten, das Programmheft, einige Szenenfotos, darunter Aufnahmen mit Max Reinhardt, Helene Thimig und Lotte Lenya, vergilbte Spuren einer fernen Zeit.
Als ich 30 Jahre später das Kurt-Weill-Institut in New York besuchte, traf ich eine weißhaarige Dame, Lys Symonette, die wie Kurt Weill 1933 in das amerikanische Exil ging und seine Korepetitorin und musikalische Mitarbeiterin wurde. Sie stammte aus Mainz. Ihr Cousin war Carl Zuckmayer. Sie erzählt von Kurt Weill, als käme er jeden Moment durch die Tür. „Wurde Weill ein Amerikaner?“, frage ich. Sie verneint entschieden. Weill habe letztlich unter seiner „amerikanischen“ Entscheidung gelitten und auf eine neue Zusammenarbeit mit Brecht gehofft.
„Er war ein sehr kleiner Mann“, sagt sie. Sein Bett und andere Möbel, darunter ein marmorner Couchtisch, sind auch noch da. Ich sitze vermutlich auf dem Stuhlsessel von Lenya, auf dem Tisch kreisrunde Getränkespuren von abgesetzten Gläsern. An der Wand Familienfotos und ein kleines Autograph mit Weills fragiler Notenschrift – „Jakobs Traum“ aus dem „Weg der Verheißung“. „Das liebte er besonders“, sagt Lys Symonette. Werfels Szenenanweisung lautet: Über die Jakobsleiter steigen Engel mit leuchtenden Sternen auf und ab, und ein Knabe fragt den Rabbi, was das ist. „Das sind die Völker, die auf und nieder steigen“, antwortet er. „Und der Engel mit dem roten Stern?“ – „Das ist der Stern des Krieges.“
Sie erzählt von ihrer Heimat, Deutschland 1934: „In Mainz war alles katholisch, und der Bischof der höchste Mann, wie ein König. Ich weinte immer, weil ich nicht zu den Prozessionen gehen durfte. Die ganze Familie war aber konservativ. Mein Onkel war deutsch-national und wäre 1933 am liebsten in die SA eingetreten, wenn es gegangen wäre. Die Einsichten kamen später, und sie waren bitter.“ Das beschreibt Werfel in seinem Stück mit der Figur des „Entfremdeten“, eines Menschen, der sich von seinem Volk entfremdet und in der Stunde größter Not zu ihm zurückfindet. In Mainz gab es zwei Synagogen, eine reformierte und eine orthodoxe, letztere war die für die eingewanderten „Polacken“. Beide Synagogen wurden zerstört, die „Entfremdeten“ verjagt.
Weill und Brecht – ein widersprüchliches Bündnis wie Goethe und Schiller, Marx und Engels, Thomas und Heinrich Mann. „Kurt Weill war kein Kommunist“, erzählt Symonette. „Soll ich etwa das ‚Kapital‘ komponieren?“, fragte er ironisch, als die Zusammenarbeit mit Brecht endete. Der hatte gerade das „Kommunistische Manifest“ in Verse gebracht. Aber ebenso wenig war Kurt Weill ein Zionist. Der „Bibelsache“ stand er distanziert gegenüber. Am Anfang meinte er überschwänglich, der „Weg“ sei das beste, was er je gemacht habe. Später ist er nicht mehr darauf zurückgekommen. Er kannte nur die aktuelle Arbeit.
Symonette fragte nach meiner Meinung über den Stückschluss. Warum musste Werfel mit der Tempelzerstörung (durch Nebukadnezar) aufhören? Das amerikanische Team von 1937 lehnte den tragischen Schluss ab und so auch das Chemnitzer Team. Das Ende des Stücks sei die Gründung des Staates Israel, damit habe der Weg der Verheißung sein Ziel gefunden, meinte man. Aus dem leisen, nachdenklichen Finale wurde ein aufdröhnender Triumphmarsch, der in groteskem, aber wirkungsvollem Gegensatz zu Werfels tragischem Finale stand.
Lotte Lenya, Kurt Weills Witwe, saß als unsichtbare Dritte mit uns am Tisch. Auch sie war am „Weg der Verheißung“ beteiligt. „Miriams Lied“ aus dem „Moses“-Akt ist für sie geschrieben. Bei Harry Buckwitz in Düsseldorf spielte sie 1965 die Courage nach dem Modell des Berliner Ensembles, schlau, gierig, hexenhaft. Man erwartete damals eher ein Kabarett-Girl, und so hatte sie keinen Erfolg. Damals traf sie ein letztes Mal mit Brecht zusammen und fragte ihn, ob ihre Interpretation seiner Songs ihm auch „episch“ genug sei „Was du machst, ist mir immer episch genug“, antwortete er.
Den Bibelstoff hat Werfel in vier Akte geteilt: „Die Erzväter“, „Mose“, „Die Könige“ (Saul und David) und „Die Propheten“ (Jesajah, Jeremias). Das sind vier selbständige Opern, die durch eine Rahmenhandlung“ zusammengehalten werden, welche den Mythos aktualisiert und in die Hitlerzeit versetzt. Der 120. Psalm beschließt das Werk: „Wenn der Herr die Gefangenen Zion erlöst, werden wir sein wie die Träumer, ein Lächeln auf unseren Lippen erblüht …“
Wie sich Heinrich Heine in seinem „Romanzero“ an die Leidensvergangenheit seines Volkes erinnerte, so beschworen Franz Werfel und Kurt Weill die klassische deutsche Kunst im Moment ihres Verschwindens. Das war ihre Antwort an Hitler und seine Parteigänger. Die Nazis organisierten noch im Herbst 1937 in München, eine Gegenausstellung, die berüchtigte „Gedenkausstellung“ „Der ewige Jude“. Aus der Partitur klingt uns das 1933 versunkene Deutschland entgegen. Der Marsch des Finales erinnert an ein romantisches Klavierstück. Die Engel im hebräischen Himmel singen einen fugierten Satz wie in Haydns „Die Jahreszeiten,“. Aus Moses‘ Todeskampf tönt das Mahler’sche Pathos, Ruth und Boas singen mit im Songstil der 1920er Jahre „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen …“. Aus Deutschland ging Weill mit der Musik von Bach und Haydn, Händel und Gluck im Herzen ins Exil. Der „Weg der Verheißung“ ist ein Werk der Erinnerung. An den Golgatha-Weg nicht nur der Juden – der „Romanzero des 20. Jahrhunderts“.