Einige Leserinnen und Leser werden dieses alte Kinderspiel vielleicht noch kennen. Damals spielte unsereiner noch auf der Straße, bis es dunkel wurde oder die Mutter aus dem Küchenfenster zum Abendbrot rief. Spielten die Jungs Fußball auf der Fahrbahn, wurde immer einer der schlechtesten Spieler abgestellt, um den Verkehr zu beobachten und der hatte dann „ein Auto!“ zu rufen. Meistens war ich das, was meine Begeisterung für den Fußball lange Zeit nicht schmälerte. Beim ersten deutschen Titelgewinn 1954 war ich ein Jahr alt und konnte später nur die dicken Fotoalben bewundern, die Väter im Schrank stehen hatten. 1974 war ich bei der Armee, für die WM 1990 kam der erste Westfernseher in die Wohnung, aber schon seit 2014 schlichen sich beim Glotzen Langeweile und (schlimmer!) das Gefühl von Zeitverschwendung ein. Also Beschränkung auf die deutschen Spiele und von denen fast immer nur die zweite Halbzeit, später die letzten 15 Minuten. Bei der jetzigen WM genügten nach den ersten drei Deutschlandspielen die 90-Sekunden-Infos der Tagesthemen. Die Ergebnisse der Sechzehntel- und der Achtelfinals wurden dem Newsticker am nächsten Tag entnommen. Denn König Fußball ist ein langweiliges Spiel geworden. Alle spielen mit der gleichen Sicherheitstaktik, vor, zurück, zur Seite, wenig ran, dafür wieder zurück und nochmal zurück, zur Seite und noch mal gaanz zurück zum Torwart. Zwei dicke Bücher schaffte ich in der Zeit, während ich Fußball „sah“. Beide – Heike Geißlers „Michaela Kohlhaas“ und Juli Zehs „Unter Leuten“ sind übrigens sehr zu empfehlen.
Es sei zum Verständnis der Vergoldeselung der WM kurz ein Blick auf die Inthronisierung des Herrn Infantino geworfen. Die Vorgeschichte ist, dass 2015 Bestechungsgelder in Höhe von 150 Millionen US-Dollar von Sportmedien und Sportvermarktern an sieben hochrangige FIFA-Funktionäre geflossen sein sollen, wobei es um die unter Korruptionsverdacht stehenden Vergaben der WM 2018 an Russland und 2022 an Katar gegangen sein soll. Sepp Blatter trat daraufhin nicht mehr zur Wahl an. Als sein Nachfolger galt lange Zeit Michel Platini. Doch auch bei dem wird eine rätselhafte Zahlung von 2 Millionen Schweizer Franken für Beratungstätigkeiten von Herr Blatter entdeckt und der Weg zum Aufstieg des Signore Infantino zum mächtigsten Mann des Weltfußballs ist offen. Eine von Infantinos ersten Amtshandlungen ist es, das angebotenen Gehalt von 1,9 Millionen Schweizer Franken als „Beleidigung“ zurückzuweisen und 4,8 Millionen auszuhandeln, wie Sportbild 28/2026 behauptet. Fortan geht es nur noch um Geld. Denn billig war an dieser WM nichts. Die Ticketpreise lagen zwischen 1000 und 3800 Dollar, die Parkplatzpreise bei etwa 250 Dollar pro Spiel. Denn es wurde erwartet, dass alle mit dem Auto kommen, Anreise per Öffis oder Anmarsch zu Fuß waren nicht vorgesehen. Der Weltverband darf sich über Rekordeinnahmen von 15 Milliarden Dollar freuen. „Folge der Spur des Geldes“, rufen sich die Kriminalisten in beinahe jedem Fernsehkrimi in Erinnerung. Der Boss der Bosse erwägt mittlerweile schon eine Erweiterung der teilnehmenden Mannschaften auf 48 bei der nächsten WM in Spanien, Portugal und Marokko. Das ist so, weil der Handel mit Waren über immer mehr Zollgrenzen hinweg schwieriger und teurer wird, der Handel mit Fußballrechten aber nicht. Der Ausverkauf des Sports durch die Vergabe von „Anteilen“ an Investoren wurde in letzter Sekunde gestoppt.
Den hochbezahlten Profis der deutschen Mannschaft wurde oft vom bösen Gegner, der dafür noch nicht mal zu grätschen oder foul zu spielen brauchte, einfach der Ball vom Fuß genommen. Die deutschen Spieler spielten eher Billard, langsam und genau. Es schien, als wollten sie nur aufs Tor schießen, wenn sie eine hundertprozentige Garantie auf Erfolg hatten. Sonst ging es selbst in den aussichtsreichsten Positionen direkt vor dem Kasten sicherheitshalber zurück und noch mal gaaanz weit zurück zum Tormann. Mit „Teamgeist, Emotionalität, Überzeugung und Zusammenhalt wollte Trainer Julian Nagelsmann – ähnlich wie vor zwei Jahren – das Manko eines noch recht wackeligen und anfälligen Fundaments ausgleichen“ (Sportbild Sonderheft WM). Das ist schon mal schiefgegangen und es ging wieder schief. Nur warum hat die Nationalmannschaft einer der reichsten und erfolgreichsten Ligen der Welt ein anfälliges Fundament? Könnte es sein, dass die Profivereine lieber Spieler aus der halben Welt holen, ehe dem eigenen Nachwuchs eine Chance gegeben wird? „Wenn du Pokale willst, musst du 25.000 pro Woche einem Mann zahlen, der nicht lesen und nicht schreiben kann“, soll einer der mächtigen Fußballbosse mal gesagt haben. Fußball ist eben eine Widerspiegelung des Zustands der Gesellschaft: in der Politik, im Gesundheitswesen, in der Baubranche, im Finanzsektor, in der Medienbranche: überall fließen Unsummen Geldes und heraus kommt fast immer Mittelmaß.
Ich als erkalteter Fan, der immer wieder hoffnungsvolle Musikschüler an den Sport verliert, sehe, wie das Dilemma schon früh in der Ausbildung beginnt. Kinder und Jugendliche werden systematisch dazu erzogen, Tabellen und Siege nicht mehr für das alleinige Ziel zu halten. Nachdem ich ihn gefragt habe, ob seine Mannschaft gewonnen hat, antwortet mir ein Zehnjähriger: „Ja, aber das Ergebnis ist nicht so wichtig.“ Da kommen mir Zweifel. Ein Zwölfjähriger erzählt, dass die Klassenlehrerin zum Schulturnier den einzigen Jungen entsandt hat, der nicht Fußball spielen kann, damit er sich freut und auch mal ein schönes Erlebnis hat. Die Schule verliert daraufhin – bei den leistungsbereiten und den leistungsfähigen Kindern machte das keine gute Stimmung. Das wäre, als wenn ich ein Kind, das keinen Rhythmus halten kann, zu „Jugend musiziert“ schicken würde, „damit es sich freut und auch mal ein schönes Erlebnis hat“. Absurd! Denn „das Leben ist schlecht und ungerecht dazu“. Das wusste schon der Kater Garfield. Sport ist ein guter Ort, um zu lernen, mit Rückschlägen und Niederlagen umzugehen. Aber dazu muss man eben eine Chance bekommen. Doch das Konzept der meisten hiesigen Vereine lautet: „Bilde nicht aus, hole dir einen fertigen Profi!“ Wer da bei der WM in einer von 32 „Nationalmannschaften“ spielte, war in der Regel Spieler irgendeiner europäischen, amerikanischen oder japanischen Profi-Liga. 95 (!) WM-Akteuren aus mehr als zwei Dutzend Nationen spielen in Deutschlands Ligen. Das sind mehr als acht komplette Mannschaften und 95 gut bezahlte Arbeitsplätze, an die der eigene Nachwuchs nicht rankommt.
Über die musikalische „Show“ in der Halbzeitpause des Finales sei hier diskret der Mantel ablehnenden Schweigens geworfen. Arno Lücker, mein geschätzter Kollege von der Neuen Musikzeitung fühlte sich dennoch von der WM inspiriert, die Hymnen einiger der beteiligten Länder anzuhören und, ohne nach dem Sinn der Worte in den ihm unbekannten Sprachen zu fragen, einfach nach Klang neue „Übersetzungen“ anzufertigen. Das Ganze steht auf dem „Bad Blog of Musick“ auf der Internetseite der NMZ. Hier folgen meine drei Lieblingshymnen.
3. Platz: „Ja, wir pressen von vorn, ja!“ (Hymne von Ecuador, ins Netz gestellt am 25.6.)
2. Platz: „Jeder, der barfuß auf uns trete!“ (Elfenbeinküste, 19.6.)
1. Platz und Hymnenweltmeister: „Versau´n uns das die Marabus?“ (Curacao, 13.6.)
Bald beginnt auch die Bundesliga wieder mit dem Spielbetrieb. Ein Blick auf den Ticker am Tag danach wird genügen, denn Bayern München wird deutscher Meister, Union schafft Platz 10 und Hertha steigt wieder nicht auf. Kleiner Trost: Es stehen noch viele gute Bücher zum Lesen im Regal.