Theater, ein Wort aus dem Griechischen, bedeutet „Schauhaus“. Schiller sagte „Schaubühne“ dazu, später hieß es, es sei ein „Gebäude zur Aufführung von Bühnenwerken“. Welche Bühnenwerke? Man nahm es dann mit dem Schauen nicht mehr so genau und machte aus dem Theater eine Sammelbezeichnung für Schauspiel, Oper, Operette und Bühnentanz, weil man im Theater nicht nur schauen, sondern auch hören kann.
Etwas hochgestochen definiert ist das Theater im allgemeinen Sinne die „Gesamtheit aller Institutionen zur Pflege der Bühnenkunst“. Scherzhaft heißt das Theater „Musentempel“, abwertend „Schmiere“. Das Wort „Schmierentheater“ ist daher doppelt gemoppelt, ein Pleonasmus wie der weiße Schimmel. Aber das wissen Politiker manchmal nicht, wenn sie die Konkurrenz niedermachen wollen und feindliche Debatten so bezeichnen.
Ins „Schauhaus“ kann man heute immer noch gehen, ins „Leichenschauhaus“ nicht mehr. In der alten Gerichtlichen Medizin in der Hannoverschen Straße in Berlins Mitte gab es so etwas zu früherer Zeit. Nun waren die Kulturangebote nicht so vielfältig wie heute, so dass man zum Gruseln und zum Vergnügen ins Leichenschauhaus ging. Und vielleicht wurde gar die Nachbarin, die seit Tagen vermisst wurde, zur Schau gestellt und konnte identifiziert werden.
Zwischen 1884 und 1886 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Charité-Friedhofs ein Gebäudekomplex nach dem Vorbild der Pariser Morgue (Leichenschauhaus) errichtet. Für die damalige Zeit war alles modern, es gab Kühlräume für die Leichenaufbewahrung. Fachleute aus aller Welt kamen nach Berlin, um den modernen Bau kennenzulernen. Im Mitteltrakt befanden sich sieben Ausstellungsräume und der Korridor für das Publikum. Die Leichen wurden mit ihrer Kleidung zugedeckt, das Gesicht, wenn notwendig, hergerichtet (Leichentoilette) und auf einen speziellen Wagen geschnallt. So konnten sie dem Publikum gekühlt und hinter Glas in einer halbstehenden Stellung gezeigt werden. Das Berliner Leichenschauhaus hatte im Sommer täglich von 9 Uhr bis 19 Uhr geöffnet, im Winter von 9 Uhr bis 17 Uhr. Neugier und Sensation trieben die Berliner und ihre Gäste in Scharen in diese Ausstellung. Es sollen sich dort sogar tumultartige Szenen abgespielt haben, so dass die Polizei das Gebäude gelegentlich gewaltsam räumen musste. Droschkenkutscher fuhren mit ihren Gästen das Leichenschauhaus an, wenn die Fremden einmal etwas ganz Außergewöhnliches von Berlin sehen wollten.
Der eigentliche Zweck war aber die Identifizierung von unbekannten Toten, von denen es zu dieser Zeit täglich einige gegeben haben muss. Als bessere, zuverlässigere und humanere Methoden der Identifizierung am Horizont der Gerichtlichen Medizin auftauchten, wurde das Leichenschauhaus 1931 geschlossen. Damit gab es eine „Attraktion“ weniger in Berlin.
Gegenüber der Gerichtsmedizin befinden sich Gebäude, in der Institute der damaligen Sektion Tierproduktion und Veterinärmedizin der Humboldt-Universität zu Berlin ihr Domizil hatten. Nach der sogenannten Wende ging es da zu wie im Taubenschlag. In einem Gebäude waren gleichzeitig die Rheuma-Liga und ein sexualwissenschaftliches Institut untergebracht, und man sprach im Volksmund schon spöttisch vom „Haus der steifen Glieder“. Diese hatten dann wieder schlapp gemacht und sich verflüchtigt; Sanierung und Rekonstruktion waren jetzt angesagt.
Noch zu besichtigen ist dagegen das „Anatomische Theater“ ganz in der Nähe, 1789/1790 vom Schöpfer des Brandenburger Tores Carl Gotthard Langhans in frühklassizistischen Formen für die Königliche Tierarzneischule erbaut. Früher hatte der Bau mit seinem einmaligen Hörsaal allerdings einen wenig schmeichelhaften Spitznamen: Trichinentempel – ein Verweis auf die dort ausgebildeten Veterinärmediziner. Ursprünglich eine Forschungsstelle für Pferdekrankheiten, denn der Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. wollte seine Armee stets mit gesunden Pferden versorgen, ist das Haus für sieben Millionen Euro aufwendig restauriert worden. Ein Kleinod der Berliner Architekturgeschichte.
Heute geht man ins Schauhaus, ins Theater, wenn man für sich selbst eine passende Identifikation sucht. Manche gehen aus diesem Grund auch ins Kino und schauen sich einen Film an. Den gehörigen Abstand zwischen beiden szenischen Kunstrichtungen hat der Schauspieler Mario Adorf sehr schön herausgearbeitet: „Für den Unterschied zwischen Theater und Film gibt es eine ganz kurze Formel: Beim Theater herrschen die Musen, beim Film die Busen.“
Manchmal geht der Mensch auch ins Theater, weil er sich einfach entspannen und einen schönen kunstvollen Abend verbringen will. Die entsprechende Theatergattung, die dazu vorzüglich geeignet ist, ist das Lustspiel oder die Komödie. Aber auch ein tragisches Genre kann im Sinne einer nicht geplanten Situationskomik ganz vergnügliche Stunden bereiten, wie das folgende Beispiel zeigt:
Im Weimarer Nationaltheater spielt man Shakespeare. Das Publikum ist bereits im Banne des Geschehens, als die Schließerin noch eine Gruppe von Nachzüglern leise in das Parkett einlässt. Im gleichen Augenblick hat einer der Schauspieler auf der Bühne seinen Auftritt. Sein Partner herrscht ihn an: „Wer seid Ihr, woher kommt Ihr?“
Verlegen ruft da einer von den Zuspätgekommenen zur Bühne hinauf: „Wir sind von der LPG. Unser Bus hatte unterwegs Motorschaden.“
Man kann sich gut vorstellen, was für eine heitere Grundstimmung nun im Weimarer Nationaltheater geherrscht haben muss. So ein Theater!
Und abschließend muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass die legendäre Zeitschrift Die Weltbühne zunächst Die Schaubühne hieß und 1905 von dem Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn gegründet wurde. Übrigens steht Das Blättchen genau in dieser Tradition.