Man wollte“, so schreibt Melitta Waligora im Vorwort zu ihrem sanft, aber nachhaltig unter die Haut gehenden Indien-Buch „Die Zeit ist unsere“, „so gern an ein Wunder glauben: das Wunder, eine schwer bewaffnete Macht und einen ihr dienenden Staatsapparat mit friedlichen Mitteln zu bekämpfen und zu überwinden. Mit Liebe, mit gewaltlosem Ungehorsam, mit Verweigerung der Kooperation mit dieser Macht. Es wäre so schön gewesen. So war es aber nicht, und vielleicht kann es so nicht sein.“ – Und wie, wenn nicht so, war es dann? Mit der Überwindung der Kolonialherrschaft des Vereinigten Königreiches Großbritannien und der Gründung der unabhängigen Republik Indien im Jahre 1947? Die für alle Welt und immer mit dem großen Mahatma Gandhi und dessen Credo der Gewaltfreiheit verbunden ist?
Die Autorin, 1982 promovierte Philosophin und Südasienspezialistin, im letzten Jahrzehnt der DDR zur „jungen Garde“ der Sektion Asienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin gehörend und bis 2019 im Nachfolgeinstitut für Asien- und Afrikawissenschaften insbesondere zur Geschichte und Gegenwart der Region Bengalen lehrend und forschend, gibt eine klare Antwort: Den entscheidenden Druck auf die Kolonialmacht übten die revolutionären Bewegungen aus. Sie vor allem waren es, wovor sich die kolonialen Herrscher in London fürchteten. Diese Bewegungen, die ihnen als direkte Verkörperung der „Gefahr des Kommunismus“ erschienen, und Gandhi sowie der Indische Nationalkongress bildeten vor diesem Hintergrund und angesichts dessen, dass die britischen Bastionen im Gefolge der russischen Oktoberrevolution von 1917 und hernach des Zweiten Weltkrieges auch anderswo in der Welt ins Wanken geraten waren, ganz folgerichtig das „kleinere Übel“ – zumal eines, mit dem auf die antikoloniale Revolution eine soziale ganz sicher nicht folgen würde.
Melitta Waligora nennt ihr Buch im Untertitel eine „Erzählung“: „Eine Erzählung über revolutionären Widerstand in Britisch-Indien“. Damit ist klar: Das ist keine klassische „Geschichte“, keine nach Themenfeldern strukturierte Gesamtschau mit vielhundertfachem Quellenbeleg. Die Gliederung ist an einzelnen Ereignissen ausgerichtet, außer im Vorwort gibt es keine Fußnoten, Orientierung bieten eine beigegebene Literaturliste und ein aussagekräftiges Personenregister. Damit ist ebenfalls klar: Eine Erzählung im literarischen Sinne ist es auch nicht. Was also dann? Erzählte Geschichte ist es, und zwar mit Kenntnis und Hingabe erzählte, und um die Zeit von 1905 bis 1934 geht es. Indem die Autorin mit sicherem Blick für Ort und Zeit und die nationalen wie internationalen Verhältnisse dutzende Lebensläufe entrollt, öffnet sie den Blick auf die ganze Welt des weltrevolutionären Denkens und Handelns.
Erzählend also lädt sie dazu ein, ein Gespür für die Dimension dieser Welt zu gewinnen. Den Anfang macht ein Bericht über einen Mann namens Rafiq Ahmad, der 1920 aus Delhi nach Kabul aufgebrochen war, um dort die Khilafat-Bewegung zu stärken, in der sich südasiatische Muslime zusammenschlossen, um sich erstens gegen die christliche Kolonialherrschaft zur Wehr zu setzen und zweitens das Osmanische Reich der Türken zu verteidigen, in dem sie die Zerstörung des Kalifats durch die Briten heraufziehen sahen. In Kabul – so kommt er mit seinen Erinnerungen selbst zu Wort – erfuhr Rafiq Ahmad von den revolutionären Veränderungen in Russland und begab sich mit 80 Gefährten auf einen oft lebensbedrohlichen Weg über Mazar-i-Sharif nach Taschkent, der Hauptstadt der damaligen Sowjetrepublik Turkestan, wo im Oktober 1920 die erste Kommunistische Partei Indiens gegründet wurde.
Mit Rafiq Ahmad verbindet Waligora die Erzählung über Narendra Nath Bhattacharya, auch: Manabendra Nath Roy, auch: M. N. Roy (1887-1954). Roy nahm als Delegierter der Kommunistischen Partei Mexikos (!) gemeinsam mit seiner Frau, der Amerikanerin Evelyn Trent, am 2. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Petrograd und Moskau teil, beteiligte sich an der Komintern-Entwicklung mit eigenständigen Thesen darüber, dass die Zerstörung des britischen Imperialismus eine Voraussetzung für den Erfolg der Weltrevolution darstelle und der Kampf gegen den Imperialismus daher vor allem in den Kolonien geführt werden müsse, gründete 1922 in Taschkent eine Militärschule zur Ausbildung indischer Revolutionäre und bereicherte – Waligoras Buch ist Anregung zu weiterer Recherche in den Suchmaschinen dieser Welt – die kommunistische und marxistische Geisteswelt bis zu seinem Tode mit zahlreichen Schriften zur russischen und chinesischen Revolution, zum weltweiten antifaschistischen Kampf und zum Humanismus. Als er 1931 in Bombay wegen „Kriegführung gegen den König“ – den britischen also – verhaftet wurde, widmete Weltbühnenautor Asiaticus ihm am 8. Dezember 1931 einen sein Leben würdigenden und zu weltweiter Solidarität aufrufenden Artikel.
Von Rafiq Ahmad und M. N. Roy schaut Waligora zurück auf die „erste Welle revolutionärer Geheimgesellschaften“ im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mit dem „Brennpunkt Bengalen“, auf „Die Bombe in Delhi 1912“, auf den „Ghadar-Aufstand“ und die Aufstände im Punjab, in Singapur und Bengalen 1915, nimmt dann eine „zweite Welle revolutionärer Bewegungen“ mit dem „Brennpunkt Punjab“ und der „Zweiten Bombe in Delhi“ 1929 in den Blick und kommt schließlich zum „Aufstand in Chittagong 1930-1934“.
Ein Dreh- und Angelpunkt in Waligoras Erzählung ist das Kapitel „Gandhis Intoleranz“. Indem Gandhi – so gibt die Autorin den Revolutionär Sachindranath Sanyal (1893-1942) in einem Brief an Gandhi aus dem Jahre 1925 wieder – zwar Toleranz predige, doch „die Revolutionäre als Feinde des Landes“ beschreibe, „weil sie von seinen Ansichten und Methoden abweichen“, praktiziere er „gewaltsame Intoleranz“.
Waligoras Buch, im auf Indien und Südasien spezialisierten Draupadi Verlag in Heidelberg erschienen, ist ein großes Publikum zu wünschen, denn sie führt auf kluge Weise vor Augen: Die Menschheit ist größer, ihre Geschichte vielfältiger und reicher, als es uns in Deutschland durch diejenigen, die das Sagen haben, täglich in so einfältiger wie gefährlicher „Kriegstüchtigkeits“- und „Gut-Böse“-Propaganda aufgedrängt wird. Wer die Welt verstehen will, muss sich ihr öffnen. Deutscher Dünkel ist dazu völlig ungeeignet.
Melitta Waligora: Die Zeit ist unsere. Eine Erzählung über revolutionären Widerstand in Britisch-Indien. Draupadi Verlag, Heidelberg 2026, 236 Seiten, 19,80 Euro.