Ob, wie im Film geltend gemacht wird, das größte Geheimnis der Menschheit tatsächlich der weibliche Orgasmus ist, mag getrost dahingestellt bleiben. Fakt hingegen ist, dass noch vor wenigen Jahren einschlägige Statistiken besagten, dass bis zu 30 Prozent aller Frauen niemals einen solchen erlebten. Um diesen wunden Punkt dreht sich die mit französischer Leichtigkeit ernsthaft zu Werke gehende charmante Komödie „Pour le plaisir“ („Zum Vergnügen“) von Regisseurin Reem Kherici, die in einer Rolle im Film auch selbst zu sehen ist und deren jahrelange Berufserfahrung in der Comedy-Truppe La Bande à Fifi dem Streifen anzumerken ist.
Dessen deutscher Titel wiederum verrät einmal mehr, dass er Marketingfritzen eingefallen ist, denen offenbar nur die rhetorische Brechstange zur Verfügung steht: „Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust“. Dieser Titel nimmt dem Ganzen völlig überflüssiger Weise einen Teil der Spannung, weil er implizit verrät, dass es mittlerweile für den wunden Punkt eine Lösung gibt. Für Frauen unterschiedlichen Alters. Ob für alle, wie auf der Leinwand behauptet wird, mag ebenfalls getrost dahingestellt bleiben. Es genügte schon, wenn dies für möglichst viele heute und in Zukunft der Fall wäre und bliebe.
Und das Medienecho?
„Eindeutig zweideutig“ (hr2), „inspiriert von einer Heimwerker-Erfolgsgeschichte aus Niederbayern“ (Süddeutsche Zeitung), „heitere Umwege zum Höhepunkt“ (tipBerlin).
Doch mindestens einen Nörgler gibt es natürlich immer: „Eine schöne Sommerkomödie hätte ‚Chéri, ich komme!‘ werden können. Doch bevor dieses zarte Pflänzchen richtig gedeihen kann, wird es von einem ewig gestrigen Humor gnadenlos plattgewalzt.“ (Kino-Zeit). Diesem Verdikt schließt sich der hiesige Besprecher ausdrücklich nicht an.
„Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust“. Regie und Drehbuch (Mit-Autor): Reem Kherici; derzeit in den Kinos.
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Wer cineastisches Vergnügen an makabren Streifen wie etwa „Therapie für Wikinger“ empfindet (siehe Blättchen 12/2026 [1]), dürfte auch bei der nicht ganz ernst zu nehmenden Horror-Persiflage „The Menue“ von 2022 durchaus auf seine Kosten kommen. Der Film bietet, wie eine Kritikerin der Berliner Zeitung trefflich bemerkte, „eine Melange aus schwarzem Humor und aufpeitschenden Schreckmomenten“, in der „Horror und Grauen so theatralisch pointiert eingestreut werden wie vorher die Soßenkleckse auf den Tellern“ jener zwölf Gäste – mit einer Ausnahme allesamt Oberschicht-Statisten – die sich in einem äußerst abgelegenen Gourmetrestaurant ihrem eigenen Ende entgegenschmausen. Das Ganze wird kalt und blutig serviert von Küchenchef Ralph Nathaniel Twisleton-Wykeham-Fiennes, dem zwischen seinen Auftritten als „M“ bei James Bond offenbar hinreichend Zeit selbst für Ausflüge in dieses Genre bleibt.
Die erwähnte Kritikerin bescheinigte dem Film zugleich, ihm fehle sozialkritische Tiefe, was zweifelsohne zutrifft, und zum Vergleichsmaßstab nahm sie „Triangle of Sadness“, Ruben Östlunds „bitterböse[…] Tirade“. Beim Filmfestival in Cannes 2022 mit der Goldenen Palme geehrt, beim Europäischen Filmpreis im selben Jahr vierfach ausgezeichnet (Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Darsteller) und im Übrigen mit anderen internationalen Preisen geradezu überhäuft sowie dreifach für den Oscar nominiert.
Der Regisseur selbst legte zu seinem Streifen Wert auf die Bemerkung: „Heute heißt es häufig: ‚Warum porträtiert ihr die armen Menschen auf so gemeine Art und Weise?‘ Ich bin zumindest gerecht: Ich porträtiere alle Menschen als gemein. Ich behandele meine Figuren also gerecht.“ Das darf ihm als gelungen konzediert werden, ohne allerdings damit den Eindruck erwecken zu wollen, dies sei ein Wert an sich.
Dummerweise zieht sich das Ganze über endlose 147 Minuten hin.
Das zweite von drei Kapiteln des Films spielt dabei auf einer Megayacht. Gedreht wurde auf der Christina O., die sich der griechische Milliardär Onassis einst aus einem Kriegsschiff hatte schneidern lassen (mit 99,15 Metern über alles heute nur noch auf Rang 80 bei den weltweit längsten Yachten) und die er auch während seiner Liaison mit der Kennedy-Witwe nutzte. Dieses Kapitel des Films ist das einzige, in dem halbwegs „Action“ auf die Leinwand kommt. Die besteht jedoch zum erheblichen Teil darin, dass sich viele Yachtpassagiere infolge stürmischen Seegangs bei einem Dinner die Seele aus dem Leib kotzen. Das wird – im Stile brachialen Slapsticks – genüsslich in Szene gesetzt. Wenig später fluten Fäkalfontänen aus Toilettenbecken das Passagierdeck und weitere Schiffsbereiche. Eine Reinigung allerdings erübrigt sich durch den Fortgang der Handlung.
Ansonsten weiß der Zuschauer nach nicht einmal zehn Minuten, was es, und zwar eher belangloser Weise, mit dem „Triangle of Sadness“ auf sich hat. Die anschließende Stunde des Films dient nahezu ausschließlich der Zelebration der sattsam bekannten intellektuellen Hohl- und moralischen Verkommenheit von Angehörigen der Minderheitskasten der Reichen und der Schönen. Der Höhepunkt dieser Flimmerstunde (und zwar erst ganz an deren Ende) ist ein Witz, den ein neureicher russischer Millionär, womöglich Milliardär erzählt:
„Was ist ein Kommunist?
Jemand, der Marx und Lenin gelesen hat.
Und was ist eine Antikkommunist?
Einer, der sie verstanden hat.“
Kapitel drei spielt nach dem Stranden einiger weniger Passagiere und Besatzungsmitglieder auf einer zunächst menschenleer scheinenden Insel und schleppt sich bis zu einem in dieser Form selten abrupten Ende des Films hin. Ein Ende, das den Besprecher, sich der damit verbundenen Blasphemie voll bewusst seiend, an Brecht denken ließ: „Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
Genial!?
Oder war einfach bloß das Geld (unter anderem 500.000 Euro aus deutschen Filmfördertöpfen) zu sehr alle, um nochmals 147 Minuten folgen zu lassen?
Deutschlandfunk Kultur jedenfalls meinte: „Wellen- statt Tiefgang“.
Widerspruch?
Keiner.
„The Menue“, Regie: Mark Mylod; auf DVD bei verschiedenen Anbietern.
„Triangle of Sadness“, Regie und Drehbuch: Ruben Östlund; auf DVD bei verschiedenen Anbietern.
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Im Œuvre von Bruce Springsteen gibt es ein Album, das sich von seinem sonstigen Schaffen außerordentlich stark unterscheidet, denn zu hören ist nur seine Stimme, die er mit Gitarre (überwiegend Akustik) und Mundharmonika begleitet. Folk. Die Scheibe schaffte es ohne den auf dem Popmusikmarkt üblichen Marketingzirkus (Anfüttern der Medien durch vorab ausgekoppelte Singles, Pressekonferenz bei Veröffentlichung, anschließend Interviews des Künstlers und gegebenenfalls eine Tournee) bis auf Platz drei der US-Charts.
Die Rede ist von Springsteens sechstem Studio-Album „Nebraska“, erschienen 1982. Er hatte die Titel in einer Phase tiefer Depression getextet und komponiert. (In der übrigens auch der erst auf dem nachfolgenden Album zu hörende Welthit „Born in the USA“ entstand.) In seiner Autobiographie „Born to run“ schrieb er später über diese Zeit: „Meine Depression brodelt wie eine Ölpest […]. Ihr schwarzer Schlamm droht, jeden noch so kleinen lebendigen Teil von mir zu ersticken.“
Der Film „Deliver me from nowhere“, ein elegischer, höchst sehenswerter Streifen, zeigt die Entstehungsgeschichte von „Nebraska“. Unterlegt mit Rückblenden in die Kindheit Springsteens, die von einer problematischen Vater-Sohn-Beziehung geprägt war.
Übrigens – wer das Album kennt und schätzt wird wissen, dass Springsteen später in dessen frugalem Stil noch zwei weitere, nicht weniger beeindruckende reine Folkalben nachfolgen ließ: sein elftes „The Ghost of Tom Joad“ (1995) und sein 13., „Devils & Dust“ (2005).
„Deliver me from nowhere“, Regie und Drehbuch: Scott Cooper; auf DVD bei verschiedenen Anbietern.
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„A Complete Unknown“ zeichnet den Beginn der Karriere des US-Singers-Songwriters Bob Dylan nach. Als Jüngling war der ein Bewunderer des US-Folk-Idols Woody Guthrie, brachte sich selbst das Gitarrespielen bei und begann ab 1961 mit Hilfe von Pete Seeger, einem engen Freund von Guthrie, der damals schon final an Chorea Huntington erkrankt war, und Joan Baez, seinerzeit bereits ein Folk-Star, eine schnell zu großer Bekanntheit führende Laufbahn als Folksänger. Seine bleibend besten Songs stammen aus jener Zeit, meint nicht nur der Autor dieser Besprechung. Doch diese künstlerische Periode währte nicht lange.
Schon 1965 wechselte Dylan – der im Film auf die Frage, wer er denn sein wolle, nach einigem Zögern antwortet: „Ein Musiker, der auch satt wird.“ – zur Rockmusik. Das tat er sehr öffentlich, indem er auf dem Newport Folk Festival einen Eklat provozierte: Er trat mit E-Gitarre und einer Rockband auf. Das Publikum buhte ihn aus und beschimpfte ihn als „Judas“.
Auch dies ist ein sehr sehenswerter Film. Allein schon wegen der phantastischen frühen Dylan-Songs, von denen etliche in voller Länge zu hören sind, und der nicht minder phantastischen Stimme von Joan Baez, die akustisch ebenfalls einige beisteuert.
„A Complete Unknown“, Regie und Drehbuch (Mit-Autor): James Mangold; auf DVD bei verschiedenen Anbietern.