Der Name Erik Neutsch ist für viele DDR-Leser eng mit seinem Roman „Spur der Steine“ verbunden, der 1964 im Mitteldeutschen Verlag in Halle erschien. Mit einer beeindruckenden Auflage von etwa 500.000 Exemplaren zählt das Werk zu den erfolgreichsten Büchern der DDR. Unvergessen bleibt auch die DEFA-Verfilmung von 1966 unter der Regie von Frank Beyer (1932-2006), die jedoch kurz nach ihrer Premiere von der SED-Führung wegen angeblicher antisozialistischer Tendenzen verboten wurde. Der Roman spielt auf der Großbaustelle „Schkona“, einem Schauplatz, an dem politische Überzeugungen, persönliche Konflikte und die oft harte Realität des Arbeitsalltags aufeinandertreffen. In einer seiner Paraderollen verkörperte Manfred Krug (1937-2016) den rebellischen und trinkfreudigen Zimmermann und Brigadier Hannes Balla. Erst nach der politischen Wende 1989/90 wurde der Film wieder gezeigt und genießt heute Kultstatus.
Zum 95. Geburtstag von Erik Neutsch hat Gunnar Decker eine Biografie mit dem Titel „Der letzte Jakobiner“ veröffentlicht, die sich mit dem heute kontrovers diskutierten Schriftsteller beschäftigt. Decker stützt sich auf bisher unerschlossenes Archivmaterial und beleuchtet in rund fünfzig kompakten Kapiteln sowohl Neutschs Leben als auch sein Werk. Im Zentrum stehen die Widersprüche, die seine Persönlichkeit prägten: Neutsch war ein streitbarer Realist und unbequemer Zeitgenosse, dessen Haltung immer wieder auf Widerstand bei einflussreichen Funktionären stieß.
Geboren am 21. Juni 1931 in Schönebeck an der Elbe, entstammte Erik Neutsch einer sozialdemokratisch geprägten Arbeiterfamilie. Dennoch wollte er als noch 13-Jähriger im letzten Volkssturm-Aufgebot die heranrückenden US-amerikanischen Panzer aufhalten, wofür er neun Monate im sowjetischen Militärgefängnis in Magdeburg verbrachte. Nach seiner Entlassung absolvierte er 1949 das Abitur und trat unmittelbar danach n die SED ein. 1950 begann er ein Studium der Gesellschaftswissenschaften und der Journalistik in Leipzig. Dort hörte er unter anderem Vorlesungen von Ernst Bloch und Hans Mayer. Seine Diplomarbeit trug den Titel „Der Ruf nach Pressefreiheit als eine Hauptforderung des deutschen Bürgertums im Anschluss an die Französische Revolution“ – ein Thema, das ihn zeitlebens begleitete und sein besonderes Interesse für das Jakobinertum sowie die Französische Revolution prägte.
Nach seinem Studium war Neutsch bis 1960 in der Kultur- und Wirtschaftsredaktion der Tageszeitung Freiheit in Halle tätig, wo er eine Kulturbeilage mit überregionaler Anerkennung ins Leben rief. Die galt jedoch aus Sicht der Partei als zu unpolitisch. Besonders schwer traf ihn die Ablehnung eines satirischen Romanprojekts. Der ideologisch stark geprägte „Bitterfelder Weg“ sollte ab 1959 Kunst und Produktion vereinen. Neutsch wurde mit seinen „Bitterfelder Geschichten“ (1961) und „Spur der Steine“ zu einem der wichtigsten Vertreter. Doch die ungeschönte Darstellung von Missständen und Konflikten auf der Baustelle „Schkona“ stieß bei vielen Parteifunktionären auf Widerstand. Trotz dieser Kritik wurde Neutsch mit dem Nationalpreis für Kunst und Literatur ausgezeichnet, eine Ehrung, die er 1981 erneut erhielt. Decker beschreibt in seinem Werk ausführlich die Hürden, die Neutsch bei Veröffentlichung und Rezeption seines Romans überwinden musste.
Ebenso heftig verliefen die kulturpolitischen Kontroversen um Neutschs nächsten Roman „Auf der Suche nach Gatt“. Darin schildert er das Leben des Bergmanns Eberhard Gatt, der es bis in die Redaktion einer Zeitung schafft. Seine unermüdliche Suche nach der Wahrheit führt jedoch zu Spannungen mit der Partei und zieht den Unmut bestimmter Funktionäre auf sich. Auch die Ereignisse des 17. Juni 1953 nehmen im Roman wie auch in Gatts Lebensgeschichte eine zentrale Bedeutung ein. Für den überzeugten Kommunisten wird dieser historische Einschnitt zu einer tiefen Ernüchterung. Der Streit um den Roman eskalierte, und die Druckgenehmigung wurde immer wieder verweigert, sodass das Werk letztlich erst 1973 veröffentlicht wurde.
Neutsch, der sich während der Biermann-Ausbürgerung als linientreu zeigte, arbeitete seit Anfang der 1970er-Jahre an seinem ambitionierten Romanzyklus „Der Friede im Osten“. Dessen erster Band „Am Fluss“ wurde 1974 veröffentlicht und war als Auftakt eines umfassenden Werkes geplant, das die Entwicklung der DDR von 1945 bis in die frühen 70er-Jahre literarisch nachzeichnen sollte. In den 80er-Jahren geriet Neutsch jedoch in eine schwere kreative Krise, verursacht durch Auseinandersetzungen mit SED-Funktionären und dem Schriftstellerverband. Dessen Präsident Hermann Kant, betitelte ihn bissig ironisch als „Erik den Roten“. Zunehmend begann Neutsch unter seiner stark parteibefangenen Perspektive zu leiden. Verstärkt wurde diese persönliche Dissonanz durch Alkoholsucht und einen plötzlichen Hang zur exzessiven Beschäftigung mit Luxusartikeln, der im krassen Gegensatz zu seinem radikalen, jakobinischen Selbstverständnis stand.
Während der politischen Wende 1989/90 zeigte sich wieder, wie Decker betont, „Neutschs Doppelgesicht, Radikaler und Dogmatiker in einer Person“. Im gesamtdeutschen Literaturbetrieb danach spielte er kaum noch eine Rolle. Sein Verlag, der Mitteldeutsche Verlag, der den Großteil seiner Werke veröffentlicht hatte, distanzierte sich von ihm und stellte die Zusammenarbeit ein. Nach einer Absage des Steidl Verlags veröffentlichte er den Wenderoman „Totschlag“ (1994) mit einigem Erfolg im Querfurter Dingsda Verlag.
Den schmerzhaften Verlust seiner Frau Helga im Jahre 1996 – er war mit ihr seit 1953 verheiratet – verarbeitete Neutsch in seiner essayistischen Erzählung „Verdämmerung“ (2003). Darin zeigte sich eine ungewohnt zurückhaltende und nachdenkliche Seite des Autors, der sonst für temperamentvolle Ausbrüche bekannt war. Doch „Verdämmerung“ bedeutete nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Frau, sondern zugleich einen Abschied von der DDR und seinen politischen Idealen.
In den folgenden Jahren widmete sich Neutsch mit großem Elan einem biografischen Roman über Matthias Grünewald, ein Projekt, das er bereits Jahre zuvor unter dem Titel „Nach dem großen Aufstand“ begonnen hatte und das schließlich 2003 vollendet wurde. Neben der Biografie des Renaissance-Malers, der kurz vor seinem Tode als städtischer Wasserbauingenieur in Halle tätig war, thematisierte Neutsch auch die Reformation und den Bauernkrieg. Der Roman, der sein bedeutsames Alterswerk darstellte, war außerdem eine Kritik am Verlust von Geschichtsbewusstsein und dem achtlosen Umgang der Stadt Halle mit ihrem Erbe.
Im Jahr 2006 entschied sich der eigenwillige Erik Neutsch, ein Angebot des Literaturarchivs Marbach auszuschlagen und stattdessen seinen Nachlass der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu überlassen. Die letzten Jahre seines Lebens waren von gesundheitlichen Problemen geprägt, dennoch widmete er sich mit Unterstützung seiner zweiten Ehefrau Anne weiterhin der täglichen Routine und insbesondere der Arbeit an seinem großen Zyklus „Der Friede im Osten“. Der letzte und fünfte Teil „Plebejers Unzeit oder Spiel zu dritt“ des sechsteilig geplanten Epos erschien erst 2014, ein Jahr nach seinem Tod. Erik Neutsch verstarb am 20. August 2013 in Halle (Saale).
Als Kenner der DDR-Kulturgeschichte – bekannt unter anderem durch Werke wie „1965 – Der kurze Sommer der DDR“ (2015) und „Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR“ (2020) – entwirft Gunnar Decker ein facettenreiches Porträt eines leidenschaftlichen Erzählers und kontroversen Weggefährten. Mit dem unvoreingenommenen Blick eines Historikers bemüht er sich, diesem trotz aller Widersprüche gerecht zu werden.
Gunnar Decker: Erik Neutsch. Der letzte Jakobiner. Verlag Neues Leben, Berlin 2026. 279 Seiten, 34,00 Euro.