Sommer 1989: Die politischen Verhältnisse in Polen stehen auf dem Kopf. Die „Solidarność“-Opposition hatte am 4. Juni den freien Teil der halbfreien Parlamentswahlen gewonnen, die Regierung hatte sich obendrein selbst ein Bein gestellt, weil eine zur Absicherung gedachte 35-köpfige Landesliste mit prominenten Kandidaten zur Falle wurde. Benötigt wurden mindestens 50 Prozent (plus eine Stimme) der abgegebenen gültigen Stimmen. Falls der einzelne Name auf dieser Liste nicht gesondert gestrichen wurde, galt das als Zustimmung. Nicht offiziell, doch insgeheim und listig hatten „Solidarność“-Vertreter dazu aufgerufen, die Kandidaten auf der Liste einzeln zu streichen.
Mit dem Blick auf Warschau erwartet alle Welt höchst turbulente Zeiten, überall mangelt es indes an Phantasie sich auszumalen, was wirklich kommen würde. Wer eine kühne Prognose wagt, stochert doch nur im Nebel. In solch aufgewühlter Zeit übernimmt Mieczysław F. Rakowski, der geschlagene Ministerpräsident, als Erster Sekretär des Zentralkomitees das Ruder der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), der seit 1948 regierenden und nun abgewählten Machtpartei Polens.
Völlig unklar ist, wie sich die PVAP zu einer „Solidarność“-Regierung verhalten sollte, ob ein klares Oppositionsbekenntnis oder ob eine konstruktive Unterstützung der kommenden Regierung das Vernünftigere sei. Das „Solidarność“- und das PVAP-Lager finden mit Rücksicht auf Moskau und Verbündete einen Kompromiss: Wojciech Jaruzelski, der vor Rakowski die PVAP seit Oktober 1981 geführt hatte, übernimmt das neugeschaffene Amt des Staatspräsidenten. Er soll gegenüber Moskau den nötigen Freiraum sichern, den es braucht, um die innenpolitischen Angelegenheiten unter den neuen Bedingungen in Warschau allein entscheiden zu können. Natürlich ist man an den anderen Orten alarmiert, auch in Moskau, kaum noch in Budapest. Erst kurz zuvor hat Gastgeber Nicolae Ceauşescu am Rande der Tagung des Politisch Beratenden Ausschusses des Warschauer Vertrags in Bukarest (7./8. Juli) Michael Gorbatschow bedrängt, in Polen einzumarschieren.
Es liegt auf der Hand, wie sehr Rakowski als Gesprächspartner in jenen Tagen und Wochen gesucht wird – in Ost wie in West. Aus erster Hand will man erfahren, wie die einstige Machtpartei mit der Situation umzugehen gedenkt. Rakowski trifft in Bulgarien Todor Schiwkow, der bulgarische Staats- und Parteichef philosophiert darüber, dass die gesamte Entwicklung des sowjetisch geprägten Sozialismus wenig mit Marx und Engels zu tun habe, und bekennt, dass man ökonomisch gegenüber dem Westen verloren habe. In Prag spricht Rakowski mit dem tschechoslowakischen KP-Chef Miloš Jakeš: Dem Gast aus dem inflationsgepeinigten Polen wird erklärt, wie wichtig die Kontrolle über Löhne und Preise sei, denn solange die Regale in den Geschäften gefüllt seien, werde es im Lande ruhig bleiben.
Aufschlussreich ist ein Blick in den Terminkalender vom 31. August. Der 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs wird anderntags zusammen mit zahlreichen ausländischen Gästen in Gdańsk auf der Westerplatte begangen. Rakowski führt in Warschau Gespräche mit Johannes Rau, dem Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens, mit Walter Momper, dem Regierenden Bürgermeister in Westberlin, beide einflussreich in der SPD. Die DDR-Führung schickt Bernhard Quandt, das 86-jährige ZK-Mitglied. Quandt, so notiert Rakowski, „schwätzt ungereimtes Zeug über den Sozialismus im Geiste einer Epoche, die längst passé ist“.
Zum 7. Oktober kommt Rakowski mit der polnischen Delegation nach Berlin, nimmt an den offiziellen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR teil. Am Rande des Fackelzuges der FDJ ruft Egon Krenz, der ungeduldig in die Nachfolge Erich Honeckers drängt, in Richtung der polnischen Gäste: „Sie warten auf Veränderungen, sie wollen eine Perspektive haben.“ Am 11. Oktober ist Rakowski in Moskau, trifft sich länger mit Gorbatschow, es geht hauptsächlich um die Situation in Polen, um die Perspektiven der Perestroika. Der Gastgeber verweist auf die in sowjetischen Führungskreisen verbreitete Unzufriedenheit mit der Entwicklung in Polen und gesteht, mit der Perestroika habe man viel zu spät begonnen.
Am 2. November trifft Egon Krenz, aus Moskau kommend, in Warschau ein, zum Antrittsbesuch als Staats- und Parteichef. Rakowski notiert, es brodele in der DDR. Krenz informiert, dass bislang 180.000, vor allem junge Menschen die DDR verlassen hätten. „Jedes sozialistische Land“, sagt Krenz, habe „seine Spezifik, ist verantwortlich für sein Schicksal.“ Die DDR, führt er aus, sei aber in einem besonderen Maße ein Kind der Sowjetunion, insofern sei es töricht gewesen, lange Zeit so zu tun, als gingen einen die dramatischen Vorgänge in der Sowjetunion nichts an. Und an Rakowski gewandt räumt er ein, dass es besser gewesen wäre, wenn „wir“ rechtzeitig aufgehört hätten, euch zu belehren und immerfort zu kritisieren, wenn wir rechtzeitig begonnen hätten, von euch zu lernen, wir hätten viele Fehler vermeiden können. Rakowski fragt, was passieren würde, sollten plötzlich hunderttausend Menschen vor der Mauer stehen und die Öffnung fordern. Krenz entgegnet, es sei eine gute Frage und er sehe die Szene bildlich vor sich.
Das nächste Mal sehen sich Rakowski und Krenz am 4. Dezember in Moskau. Gorbatschow informiert die Spitzen der Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags über seine Gespräche mit US-Präsident George Bush auf Malta. Krenz ist nicht mehr Generalsekretär, zwei Tage später wird er auch die Funktion des Staatsratsvorsitzenden aufgegeben haben. Rakowski hält fest, dass Krenz „psychisch einen völlig zerschlagenen“ Eindruck mache. Krenz erinnert Rakowski an dessen treffliche Bemerkung aus dem Gespräch vom 2. November, dass die Dinge sich jetzt sehr schnell entwickeln und außer Kontrolle geraten könnten: „wir haben die Kontrolle über die Massenmedien vollkommen verloren.“
Gorbatschow aber pocht an diesem 4. Dezember noch einmal auf die deutsche Zweistaatlichkeit, die werde nicht aufgegeben, darin sei er sich mit Bush einig. In einer der Pausen sagt er zu Rakowski, dass die DDR als Festung des Sozialismus gefallen sei. Gorbatschow will wissen, was der politische Freund aus Polen von den Vorgängen dort halte. Der entgegnet, er blicke mit einiger Sorge auf das Geschehen jenseits von Oder und Neiße, da könne vieles außer Kontrolle geraten. Und Gorbatschow fügt hinzu, dass Krenz zu weich sei und mit jedem Schritt zurückweiche.
Rakowski ist sich in diesen stürmischen Herbsttagen bewusst, dass seine Mission an der Spitze der PVAP weniger ein Weg der Erneuerung, vielmehr einer des geordneten Abschieds von der großen Bühne der Geschichte sein müsse. In den ersten Stunden des 29. Januars 1990 setzt er in Warschau auf dem letzten PVAP-Parteitag das Zeichen: Das Parteibanner einholen! Rückschauend nehmen sich die Wochen und Monate zwischen dem Juli 1989 und dem Januar 1990 in Polen, verglichen mit dem, was sich zur gleichen Zeit in den sozialistischen Nachbarländern abspielt, als eine gleichsam ruhige, fast schon wieder geordnet verlaufende Phase aus.
PS: Rakowski hatte sich nachdrücklich für eine sozialdemokratische Ausrichtung der neugegründeten Linkspartei (Sozialdemokratie der Republik Polen) eingesetzt. Er verzichtete – 63-jährig – auf jegliche Funktion, kehrte ganz zur publizistischen Arbeit zurück. Zu seinem Meisterwerk werden die „Dzienniki polityczne“ (Politische Tagebücher), die in zehn Bänden die Zeit von 1958 bis 1990 umfassen. Die angeführten Notizen und Zitate sind dem zehnten Band entnommen.