Frühzeitig fing die deutsche Presse 1939 an, sich gegen Polen einzuschießen. Das Nachbarland habe Deutschlands Großmut und Friedenswillen missverstanden, nun zeige sich tagtäglich, wie es gar nicht mehr aufhöre, das Reich zu provozieren, zu bedrohen und zu attackieren. Im Gefühl, durch das Bündnis mit Frankreich und England gesichert zu sein, fange Polen an, gefährlich mit den Muskeln zu spielen, so töricht wie es die Tschechoslowakei vor einem Jahr auch getan habe.
An die Stelle des Sudetenlandes von damals rückten nun Danzig und der Polnische Korridor zwischen Pommern und Ostpreußen, der das Deutsche Reich unzumutbar durchtrenne. Polen wurde als Hauptgefahr für die europäische Friedensordnung ausgemacht, in der Presse hieß es unumwunden: „Zur Stunde herrscht zwischen dem Reich und seinem östlichen Nachbarn ein Verhältnis, das bis auf Einzelheiten genau an die Entwicklung zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei vor einem Jahr erinnert“.
Wie gegen die Tschechoslowakei wurde scharf vom Leder gezogen: Ein Mosaikstaat sei Polen, ein Gefängnis für die verschiedenen Volkstumsgruppen, ein im Schatten des Weltkrieges und vom Versailler Vertrag zusammengestückeltes Land ohne natürliche Grenzen, ein Staatengebilde ohne innere Lebenskraft. Am 28. April setzte Adolf Hitler in seiner berühmt-berüchtigten außenpolitischen Rede vor dem Reichstag den Nichtangriffsvertrag mit Polen von 1934 außer Kraft. Damals sei der Vertragspartner von Józef Piłsudski geführt worden, einem vorausschauenden Mann, der in der Frage von Danzig und des Korridors angesichts der seither entstandenen Entwicklungen im Interesse des Friedens zwischen Deutschland und Polen ganz sicher zu Kompromissen bereit gewesen wäre.
Anders nun die Nachfolger, denn die jüngste Garantieerklärung von Frankreich und England für Polen, sollte dessen Unabhängigkeit bedroht sein, müsse doch als Provokation verstanden werden, weil Deutschland ja gar nicht daran denke, „gegen Polen vorzugehen“. Hitler nun rhetorisch: „Welchen Sinn haben Nichtangriffspakte, wenn der eine Teil sich eine Unmenge von Ausnahmen macht?“
Im Juli wurde in den deutschen Blättern demonstrativ verkündet, dass der vom 2. bis 11. September einberufene Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg ein „Parteitag des Friedens“ sein werde, die ganze Welt werde gespannt auf die Bilanz desselben warten. Zugleich verdichteten sich die Angriffe gegen Polen, das in „Kraftmeierei“ wegen des „Garantieblankoschecks“ aus London und Paris nun zur großen Gefahr für die europäische Friedensordnung ausgeartet sei. „Der polnische Kriegslärm darf für die Zukunft nicht mehr zu dem Tagesprogramm der europäischen Politik gehören“, forderte martialisch Der Danziger Vorposten, in der Freistadt tönte der von Berlin eingesetzte Gauleiter Forster: „Unser polnischer Nachbar möge zur Kenntnis nehmen, dass ein Handstreich oder überraschender Überfall auf das deutsche Danzig aussichtslos geworden ist.“
Der Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion vom 23. August wurde als „Meisterstück“ im Sinne von Friedenserhalt gefeiert: „Im schweren Ringen um die Erhaltung des Weltfriedens ist die Entscheidung gefallen: Der neue Weltkrieg kommt nicht zustande. Vernunft und Verantwortung haben über hasserfüllte Demagogie einen klaren Sieg errungen.“ Fast klang es wie nach München, auch wenn London oder Paris nun gar nicht erst zu Tisch geladen wurden. „Der Weltkrieg, der von den unverantwortlichen Elementen im staatlichen und zwischenstaatlichen Leben der Völker gegen Deutschland mit allen Mitteln der Lüge, der Brutalität und oft gar des Irrsinns betrieben wurde – dieser Weltkrieg wird nicht stattfinden! Der Führer und Reichskanzler des nationalsozialistischen Deutschlands hat ihn für sein Volk und damit auch zum Segen der gesamten Menschheit bereits gewonnen. Denn das der Gefahrenherd und die Keimzelle eines möglichen neuen Völkerbrandes, nämlich der mehr als unklug handelnde Nationalitätenstaat Polen, mit dieser Einigung zwischen Berlin und Moskau seine verderbliche Rolle ausgespielt hat, steht wohl außer Frage.“
Am 1. September erklärte der Friedensfreund Hitler: „Meine Friedensliebe und meine Geduld darf man nicht mit Schwäche oder Feigheit verwechseln.“ Im Hinblick auf den Marschbefehl, gegen Polen loszuschlagen, verwies er darauf, gar nicht anders handeln zu können: „Das Problem ist jetzt für uns unerträglich geworden. Danzig ist eine deutsche Stadt und der Korridor gehört zu Deutschland.“ Seit heute Morgen 5.45 Uhr werde gekämpft, sagte er, „es wird, gegen wen es auch immer sein mag, gekämpft werden, bis die Sicherheit des Reiches und seine Rechte garantiert sind.“
Und er machte klar: „Eines muss die Welt wissen: niemals werden wir das Wort Kapitulation kennen. In der Geschichte Großdeutschlands darf es nie wieder einen November 1918 geben. Wer etwa glauben sollte, sich dieser nationalen Pflicht direkt oder indirekt zu widersetzen, muss zugrunde gehen. Verräter haben nichts unter uns zu suchen.“
Am 3. September, England und Frankreich hatten Deutschland den Krieg erklärt, wandte sich Hitler an das deutsche Volk: Die 90 Millionen Deutschen hätten „den Willen, auf dem Boden, der ihnen gehört, zu leben und sich dieses Leben von England nicht nehmen zu lassen. […] Den Kampf gegen diesen neuen Versuch, Deutschland zu vernichten, nehmen wir nun auf. Wir werden ihn mit nationalsozialistischer Entschlossenheit führen.“ Er selbst begebe sich „heute an die Front“.