Man muss einen triftigen Grund haben, an einem Sonntagnachmittag nach Berlin zu fahren: Schon der Blick in Richtung Alexanderplatz frustriert dort, wo – endlich muss man wohl sagen – die beiden Hochhäuser neben dem Fernsehturm in die Höhe schnellen. Schneller als man zusehen kann. Doch dazu bleibt weder Zeit noch Muße, denn der Wagen ruckelt bei jedem Spurwechsel – und der nächste ist schneller, als man denken und gucken kann: zwischen gelben und weißen Strichen, die halb verwackelt, halb verwischt sind. Keiner sieht das hier in Berlin so eng – nur der neue Škoda.
Irgendwie kommt man in die Nähe des Konzerthauses, findet sogar eine Parklücke(!) – doch „Nähe“ ist immer relativ. Vor allem, wenn davor gerade die Bühne für die Freilichtkonzerte installiert wird. Hatte man im vergangenen Jahr noch freundlich zwischen Bühnenteilen hindurch zum Eingang gewiesen, weiß der Monteur diesmal selbst nicht, wohin mit den Lautsprechern und zeigt missmutig in Richtung Französischer Dom: „Irgendwo dahinten, oder so…“
Gut, dass wir es – trotz Abstecher zum Kartenvorverkauf vorab – rechtzeitig zur Einführung zum letzten Anrechtskonzert der Saison 2025/26 geschafft haben. Dramaturg Johannes Schultz erklärt – unterstützt von präzise ausgesuchten Klangbeispielen – Aufbau und Struktur dessen, was uns an diesem Nachmittag erwartet: zunächst ein Cellokonzert „Unveiled“ des Slowenen Vito Zuraj (geboren 1979), das vom Konzerthaus Berlin gemeinsam mit dem Festival Ljubljana, dem Gürzenich-Orchester Köln und dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien in Auftrag gegeben und bereits 2021 in der Jubiläumssaison „200 Jahre Konzerthaus“ uraufgeführt werden sollte – was aber durch die damalige Pandemie verhindert wurde.
Nun fanden das nicht ganz einfach zu rezipierende Werk, der herausragende Solist Jean-Guihen Queyras, der das Stück in Ljubljana uraufgeführt hatte, der energisch fordernde und akkurat den komplizierten Rhythmus vermittelnde Dirigent Juraj Valčuha mit dem präzise agierenden Konzerthausorchester in großer Besetzung auf der Bühne im Großen Saal zusammen: „Unveiled“ (Enthüllt) wurde hier – ja was eigentlich? Der Komponist hat in eben dieser Pandemie große Einsamkeit erlebt und festgehalten: unter anderem im Wald, wohin ihn Glockenklänge „verfolgt“ haben, getragen von sanften bis deftigen Windböen. Die Stille des Waldes, auch seine vielfältigen feinen und feinsten kleinen Geräusche überraschten den Komponisten anscheinend, ehe die schrillen, ja überlauten Glockenschläge des Bamberger Doms ihn fast aus der Fassung gebracht hätten – wäre da nicht der Wind gewesen, der die Wucht halbwegs gemildert und aufgefangen hätte… So jedenfalls hat er es dem Dramaturgen Johannes Schultz dereinst offenbart.
Dennoch sind dem Spieler wie dem Hörer von Musik aller Art Gedanken und Assoziationen in sämtliche Richtungen erlaubt, wobei dem Solisten wie dem Orchester eher die technische Bewältigung im Mittelpunkt stehen dürfte. Hier nun muss man zunächst dem Solisten Jean-Guihen Queyras allerhöchstes Lob zugestehen: Sämtliche Spielarten, vom feinsten, leisesten Vibrato, einem flatternden Flageolett ging sein Spiel bis an die Grenzen des Instruments – keine Saite, die nicht bis aufs äußerste strapaziert wurde. Und wenn es einen Ausdruck für Cellomisshandlung gäbe, würde ich behaupten, die Grenze war hier fast erreicht! Und was den Bogen anging, anscheinend sogar überschritten: Wohl auch, um durch das übermäßige Strapazieren des Pferdehaares nicht noch in den Verdacht der postumen Verletzung des Tierwohls zu geraten, war dieser Bogen stellenweise sogar gegen einen kleinen Bleistift ausgetauscht worden …
Kein Spaß: Es war eine großartige Leistung, die hier vorgeführt wurde: ein Vibrato, das sämtliche Varianten der Gefühle zu wecken vermochte, und ein Flageolett, das einen wie ein Vogel in höchste Höhen steigen ließ. Vor allem die verschiedenen weit aufgefächerten Schlagwerkaktionen sind hervorzuheben – ohne die enorme Energie und Konzentration, vor allem die rhythmische Exaktheit, aller anderen Musiker zu unerwähnt zu lassen.
Aber Musik ist eben das, was der Hörer hört, wozu die Musik ihn anregt, beflügelt – oder niederschmettert. Auch beseelt davon, was ihn gerade besonders bewegt und erschüttert – oder eben erfreut und aufmuntert. Das ist Musik. Für mich jedenfalls.
Und doch folge ich den Einführungen in die Konzerte, von Johannes Schultz wieder wie gewohnt sachkundig und einfühlsam. So erklärt der Dramaturg verständlich, wie beispielsweise Robert Schumann in seiner Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61 eine seiner depressiven Phasen verarbeitet und dafür auch Zitate aus der Musikgeschichte vorab verwendet, darunter Beethovens „Nimm denn hin nur diese Lieder“ und ein Bach-Motiv …
Seit mindestens 500 Jahren basiert die europäische Musik auf den Halb- und Ganztönen der 12-teiligen Oktave, und die Anzahl der Variationen ist – selbst eingedenk von Tempo- und Laustärkevariationen, Instrumentalfarben, Vortragsbezeichnungen, Textunterlegungen – begrenzt. Umso erstaunlicher ist es, wie die Komponisten verschiedener Epochen immer und immer wieder aus diesem Fundus schöpften und daraus ein so breites Spektrum großartiger Stücke schufen. Schumanns 2. Sinfonie ist eines der bedeutenden und herausragenden – so jedenfalls habe ich die Aufführung erlebt – vom 1. Satz Sostenuto assai – Allegro ma non troppo bis zum triumphierenden Finale Allegro molto vivace.
Schumann mag vor allem im kraftvoll auftrumpfenden Schlusssatz seine Depression wohl erkannt, jedoch nie vollends überwunden haben. Es wäre ihm zu wünschen gewesen, denn so hätte er ein weniger schmachvolles Ende gefunden … So hat er nur die Ahnung einer Suche hinterlassen können. Aber welche Spuren!
Aber der Hörer macht sich eben eigene Gedanken, und wenn sie nicht an der Einkaufsliste für den nächsten Tag hängenbleiben, sind es vor allem in den beiden Schlusssätzen (die mich immer am meisten berühren), die Vorstellung vom Ende der deutschen Waffenlieferungen in die Ukraine und Frieden, von freier Fahrt durch die Straße von Hormus, nicht nur im Hinblick auf die Preise an den Tankstellen, von Frieden und Freiheit …
Anders, aber eben präzise engagiert und in kraftvoller Ausführung war diesmal unter der Leitung von Juraj Valčuha das Konzerthausorchester Berlin zu hören, ein Klangkörper, der kaum noch zu erkennen ist als das BSO, das einst 1984 zur Eröffnung in das damalige Schauspielhaus hier einzog. Chefdirigentin Joana Mallwitz erwartet ihr zweites Kind …
Kein Gedanke an die Rückfahrt, an den ruckelnden Škoda auf ständig wechselnden Spuren, vorbei an den schrecklichen quietschbunten Pollern vor der herrlichen Barockfassade des Berliner Schlosses, entlang der obligaten flatternden rot-weißen Absperrgirlanden …
Und das ist gut so.