Noch im Dezember 2025 klang Polens Ministerpräsident Donald Tusk zuversichtlich: „Niemand kann das gemeinsame Interesse zweier stolzer Nationen infrage stellen, und dieses gemeinsame Interesse zweier stolzer Nationen sind das unabhängige Polen, die unabhängige Ukraine und das sichere Europa.“ Nur wenige Monate später knirscht es mächtig im politischen Getriebe zwischen den beiden Nachbarländern, es geht im bilateralen Verhältnis auf höchster Ebene heftig zur Sache und ausgerechnet auf jenem Feld, in das sich stolze Nationen nur ungerne von außen hineinreden lassen – nämlich in das Bild, das im geschichtlichen Rückblick von sich selbst zu entstehen hat.
Dass Nachbarländer in Europa so manchen Strauß auszufechten hätten, wenn sie es geschichtspolitisch darauf anlegten, muss nicht betont werden. Es genügt, darauf zu verweisen, dass die halbwegs erfolgreiche und grundsätzlich erfreuliche Entwicklung der Europäischen Union auch darauf beruht, dass aufgeladene Fragen der Zeitgeschichte tunlichst aus der politischen Agenda herausgehalten werden. Ein Rundgang durch das „Haus der Europäischen Geschichte“ in Brüssel ist allemal lehrreich, man bekommt einen beispielhaften Eindruck, wie es aussieht, wenn Europas ausgestellte Geschichte dem Konsensprinzip trotz der vielen einzelnen Nationalgeschichten nicht widerspricht (oder nicht zu widersprechen sucht).
Dem Konsensprinzip folgten nach dem 24. Februar 2022 auch die beiden Nachbarn am Bug, es gab angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ganz andere Sorgen als die unterschiedlichen Sichtweisen auf diese oder jene Verwicklung in der jüngeren Nachbarschaftsgeschichte. Alles, was den gemeinsamen Schulterschluss störte, wurde zurückgestellt, die Agenda bestimmte der Krieg. Ohnehin, so zuletzt der polnische Ukrainekenner Tomasz Stryjek in der Wochenzeitung Polityka, könnten Polen und die Ukraine die bis zum Jahre 1914 reichenden Schulbücher für Geschichte fast schon gemeinsam herausgeben. Der Streit setze umso heftiger ab 1921 ein, mit dem Rigaer Frieden vom März 1921, den Piłsudski-Polen mit der Lenin-Führung abgeschlossen hatte. Mit am Tisch saßen aber nicht die einst mit Polen verbündeten und nach staatlicher Unabhängigkeit drängenden Ukrainer, sondern Vertreter der von Moskau ins Leben gerufenen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.
Die ukrainische Minderheit machte in Polen bis 1939 etwa 14 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, die nun polnische Westukraine blieb ein Herd manifesten Widerstands – der sich im Namen der ukrainischen Unabhängigkeit auch mit Terrorakten gegen die polnische Staatlichkeit wendete. Hier kommt der Name Stepan Bandera (1909-1959) in die Geschichtsbücher. Bandera schloss sich der 1929 gegründeten Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) an, wurde 1934 wegen Beteiligung am tödlichen Attentat auf den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki zum Tode verurteilt, schließlich zur lebenslangen Haft begnadigt. Im September 1939 kam er frei, sein politischer Kurs wurde jetzt der Kampf um eine unabhängige Ukraine im Schatten der deutschen Polen- und überhaupt Großmachtpolitik. Im Juli 1941 wurde Bandera in Lemberg von den eingerückten deutschen Okkupanten verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verbracht, wo er sich unter vergleichsweise günstigen Bedingungen weiterhin um Ukrainepolitik kümmern konnte. Ihm und seinen Leuten wird die Gründung oder Übernahme der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) 1942 zugeschrieben, die im Schatten der deutschen Besatzung mit militärischen Mitteln für die ukrainische Unabhängigkeit kämpfte. Im Mittelpunkt des polnischen Interesses stehen dabei die Massaker im ländlichen Raum Wolhyniens, denen vom Februar 1943 bis zum Januar 1944 mit dem blutigen Höhepunkt im Juli 1943 über 50.000 Menschen – zumeist unbewaffnete Zivilisten – zum Opfer fallen. Die blutigen Massaker, das ist zwischen polnischen und ukrainischen Historikern unstrittig, werden vor allem der UPA zugeschrieben. Bandera wurde Ende September 1944 aus Sachsenhausen entlassen, versuchte mit anderen führenden ukrainischen Nationalisten erneut, die Hitlerführung noch einmal für die ukrainische Nationalidee zu gewinnen, was aber angesichts der Kriegsentwicklung schnell scheiterte. 1959 wurde Bandera in München von einem KGB-Agenten getötet.
Wir springen zurück in unsere Zeit. Am 11. Juli 2025 begeht Polen zum ersten Mal den Nationalen Gedenktag für die Opfer von Wolhynien, der neugewählte Staatspräsident Karol Nawrocki legt einen seiner geschichtspolitischen Schwerpunkte sofort auf die Wolhynien-Frage. Der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj verleiht im Frühjahr 2026 einer Sondereinheit der Ukrainischen Armee den Ehrentitel „Helden der UPA“, im benachbarten Polen reagieren nun alle, am schnellsten und lautesten indes die Nationalisten und Nationalkonservativen, also die Opposition gegen die Tusk-Regierung. Nawrocki entzieht Selenskyj die höchste polnische Staatsauszeichnung, die ihm 2023 von Amtsvorgänger Andrzej Duda verliehen worden war. Selenskyj schickt den Orden mit der Post nach Warschau zurück, ihm machen es nun Expräsidenten und Spitzenpolitiker nach, der Schaden auf dem diplomatischen Parkett hätte nicht größer sein können. Am Rande des NATO-Gipfels in Ankara Anfang Juli 2026 kommen Nawrocki und Selenskyj für eine Stunde zu einem Gespräch zusammen, der Streit um Wolhynien und um die UPA wird nicht ausgeräumt.
Am 11. Juli 2026 steht das offizielle Gedenken an Wolhynien auf polnischer Seite ganz im Schatten der jüngsten und handfesten diplomatischen Krise. Nawrocki und Jarosław Kaczyński holen die diplomatische Keule heraus, denn ein künftiger Beitritt der Ukraine zur EU sei mit Bandera und mit der UPA ausgeschlossen, Polen werde dem nicht zustimmen, werde sein Veto einlegen. Anders – versöhnlicher – klingt es im Regierungslager. Verteidigungsminister (und Vizepremier) Władysław Kosiniak-Kamysz zeigt sich am 11. Juli in der Ukraine, zollt den polnischen Opfern in Wolhynien Ehre und Respekt. An seiner Seite der Geschäftsträger ad interim der polnischen Botschaft in Kyjiw, Piotr Łukasiewicz, dem ein sturköpfiger Nawrocki aus politischen Gründen seit Monaten die Ernennung zum Botschafter verweigert. Der Diplomat sagt es so: „Wenn ich den Kopf verneige vor den polnischen Opfern ukrainischer Gewalt in Wolhynien, dann kann ich die ukrainischen Opfer von staatlicher Gewalt auf dem einstigen Gebiet der Republik Polen vor und während des Zweiten Weltkriegs nicht verschweigen.“ Sofort hebt in Polen auf der nationalistisch-nationalkonservativen Seite ein Sturm der Entrüstung an. Przemysław Czarnek, der im nächsten Jahr für das Kaczyński-Lager gerne Ministerpräsident werden will, wirft sogar provozierend ein, dass es für Polen nicht angehe, wenn in der Ukraine die Ideologie des Nationalsozialismus auferstehe.