Als „Hüterin des Familienarchivs“ hatte Inge Aicher-Scholl über ein halbes Jahrhundert hinweg die Oberhand über die Hinterlassenschaft ihrer jüngeren Schwester Sophie. Bis zu ihrem Tod 1998 verwaltete sie das familiäre Schriftgut und regulierte den Zugang. Erst 2005, mit der vollständigen Erschließung des Nachlasses durch das Archiv des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, erhielt die Öffentlichkeit Zugang zu den Archivalien, darunter die jetzt erstmals komplett veröffentlichten Tagebücher Sophie Scholls.
Zwischen 1952, als ein erster Tagebuchausschnitt veröffentlicht wurde, und 1984, als die von Inge Jens herausgegebene Edition „Hans und Sophie Scholl – Briefe und Aufzeichnungen“ erschien, fanden sich lediglich in zwölf Titeln Auszüge aus zwei der acht überlieferten Tagebücher. Es ist das Verdienst von Regina Reisch, eine vollständige, mit zahlreichen Kommentaren und einem Personenverzeichnis versehene Ausgabe vorgelegt zu haben, die sowohl Historikern als verlässliche Grundlage für weitere Forschungen dienen kann als auch einem breiten Lesepublikum neue Aufschlüsse zu Sophie Scholls Lebensweg vermitteln wird.
Im Mai 1937, kurz nach ihrem 16. Geburtstag, begann Sophie mit ihren Aufzeichnungen, die sie mit Unterbrechungen bis zum 13. Januar 1943 fortführte. In den ersten drei Tagebüchern, die den Zeitraum bis Ende 1937 umfassen, geht es vorrangig um alltägliche Sorgen, Probleme und Erlebnisse. Während dieser Monate besucht Sophie die Mädchenoberrealschule in Ulm. Sie schreibt über den Unterricht, ihre Familie und das Zusammensein mit Freundinnen – und sieht die Beengtheit des Ganzen. Am 14. Juni stellt sie fest: „Wir leben so bürgerlich.“ Tags darauf notiert sie: „Ich führe so ein geregeltes Leben, genau wie sie, ich bin kein Härchen anders. Was kannst Du da schon sagen mit 16 Jahren. Aber ich sehne mich sehr nach etwas.“ So wäre sie „froh, wenn wir in eine andre Stadt ziehen würden. Ich würde wieder neue Menschen kennen lernen.“
Für Abwechslung sorgen einzig die zahlreichen „Fahrten“, die Sophie mit Gleichaltrigen unternimmt. Sie wandern oder sind mit dem Rad unterwegs, zelten oder übernachten in einer Jugendherberge. „Es kann kein Erwachsener, auch sonst nur wenige mir nachfühlen, was mir Fahrt bedeutet. Es bedeutet mir eine Nahrung, an der ich während der Schulzeit, der andern Zeit zehren kann.“ Organisiert werden diese Ausflüge zumeist vom Bund Deutscher Mädel (BDM). Bereits im Januar 1934 war Sophie in eine Jungmädelschaft eingetreten. Im Frühjahr 1935 wurde sie Schaftführerin, im Mai 1936 stieg sie zur Scharführerin auf. Doch mehr und mehr distanziert sie sich von dieser Art Freizeitgestaltung, wie ein Eintrag vom 31. August 1937 zeigt: „Von der Hitler Jugend habe ich mich noch ohne mein Wollen ganz los gelöst. Ich habe nichts mehr zu geben, nichts mehr zu nehmen.“ Nach „innerdienstlichen Zerwürfnissen“ wird sie im Herbst 1938 ihres Amtes als Gruppenführerin enthoben.
Daneben ist der Sommer 1937 für Sophie aber auch die Zeit der ersten Liebe. Auf einer Jungmädelfahrt lernt sie den aus Bottrop stammenden Werner Hein kennen. Sie wird ihn nicht wiedersehen, doch in ihrem Tagebuch ruft sie sich „jeden Augenblick mit ihm […] ins Gedächtnis zurück“. Im Herbst desselben Jahres trifft sie Fritz Hartnagel, ihren späteren Verlobten, wieder. Der vier Jahre Ältere hatte gemeinsam mit Sophies Brüdern Werner und Hans bis 1935 die Ulmer Oberrealschule besucht, danach die Potsdamer Offiziersschule absolviert und leistete ab 1937 Dienst in einer Augsburger Kaserne.
Erst im Juni 1940 setzt ein weiteres Tagebuch ein. Nach dem Abitur absolviert Sophie eine mit mehreren Praktika verbundene Ausbildung zur Kindergärtnerin, die sie im Frühjahr 1941 abschließt. Das in diesen Monaten geführte fünfte Tagebuch enthält mehrere Gedichte von Matthias Claudius, Georg Heym und Franz Werfel sowie Gedanken zur Wirkung von Musik. Unter anderem schreibt sie: „Wie seltsam, die menschliche Seele in ihrer Zweiheit. Ein Gedanke, der nicht erfühlt, erlebt menschliche Wirklichkeit geworden ist, was ist er wert? Tot ist er.“ Zudem gibt es mehrere Entwürfe für Briefe an Fritz Hartnagel, die zeigen, dass Sophie ihm all das, was sie bewegt, erzählen kann. Regina Reisch schreibt erläuternd dazu: „Auch gerade durch ihn, der als Berufsoffizier an zahlreichen Feldzügen beteiligt ist, hat der seit anderthalb Jahren andauernde Krieg für sie eine persönliche Färbung, die sich hier in einer besonderen Ernsthaftigkeit und einem Blick auf beziehungsweise Suche nach den wirklichen Gesetzen der Welt äußert.“
Von April bis Oktober 1941 hat Sophie in Krauchenwies bei Sigmaringen ihre Pflichtzeit beim Reichsarbeitsdienst abzuleisten, dokumentiert in einem weiteren Tagebuch. Vor allem während der ersten zwei Monate, die sie fast durchgängig auf dem Gelände des Reichsarbeitsdienstlagers verbringen muss, ist sie am intensivsten mit nationalsozialistischer Gesinnung konfrontiert. Um diesem „verdrehtem und bösartigem Gedankengut“ etwas entgegenzusetzen, liest sie in der Freizeit unter anderem Texte von Augustinus und den „Zauberberg“ von Thomas Mann.
Anfang August 1941 wird den zum Reichsarbeitsdienst verpflichteten Mädchen mitgeteilt, dass sie auf Grundlage eines am 29. Juli 1941 in Kraft getretenen Erlasses noch ein halbes Jahr Kriegshilfsdienst leisten müssen. Sophie kommt nach Blumberg-Zollhaus. Anfangs leitet sie im nahegelegenen Fürstenberg einen Kindergarten, ab Mitte November arbeitet sie in einem Kinderhort der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Mehr und mehr zieht sie sich in sich selbst zurück; was an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Unterkunft passiert, erwähnt sie mit keinem Wort. So wie bereits in Krauchenwies sucht sie auch in Blumberg regelmäßig die Kirche auf. In ihrem siebten Tagebuch notiert sie am 1. November: „Eigentlich kam ich her, um nachher in der Kapelle Orgel zu spielen, oder um bloß in der Kapelle zu sein. Ich würde so gern an Wunder glauben. Ich würde so gern glauben, daß ich durch das Gebet Kraft bekomme.“ Und an anderer Stelle schreibt sie: „Ich habe keine, keine Ahnung von Gott, kein Verhältnis zu Ihm. Nur eben daß ich das weiß. Und da hilft wohl nichts anderes als beten.“ Halt geben ihr vor allem die Korrespondenz und die Treffen mit Hartnagel, der ab Herbst 1941 in Weimar stationiert ist und sie mehrmals besucht. Am 27. März 1942 kehrt Sophie Scholl schließlich zurück nach Ulm.
Eine besondere Überlieferungsgeschichte hat das achte und letzte Tagebuch, das sie während ihrer Universitätszeit in München führte. Als ihre Schwester Inge gemeinsam mit Otl Aicher am 23. Februar 1943, dem Tag nach der Hinrichtung, die Wohnung von Sophie und Hans aufsuchte, fand sich das Tagebuch unbeschadet in einer Schreibtischschublade. Diese geradezu unglaubliche Entdeckung kommentierte Inge Aicher-Scholl später mit den Worten: „Offensichtlich war es für die Gestapo nicht von Interesse gewesen. Für uns war es zu jener Stunde ein Geschenk, und eine Kostbarkeit für immer.“
Die Eintragungen entstehen zwischen dem 29. Juni 1942 und dem 13. Januar 1943. Im Mai 1942 hat sich Sophie an der Münchner Universität für die Fächer Philosophie und Biologie immatrikuliert. Während der Semesterferien wird sie zu einem mehrwöchigen Rüstungseinsatz in einer Ulmer Schraubenfabrik verpflichtet. Am 9. August 1942 schreibt sie: „Viele Menschen glauben von unserer Zeit, daß sie die letzte sei. All die schrecklichen Zeichen könnten es glauben machen. Aber ist dieser Glaube nicht von nebensächlicher Bedeutung? Denn muß nicht jeder Mensch, einerlei in welcher Zeit er lebt, dauernd damit rechnen, im nächsten Augenblick vor Gott zur Rechenschaft gezogen zu werden. Weiß ich denn, ob ich morgen früh noch lebe? Eine Bombe könnte uns heute Nacht alle vernichten. Und dann wäre meine Schuld nicht kleiner als wenn ich mit der Erde und den Sternen zusammen untergehen würde.“
Zu Beginn des Wintersemesters bezieht sie mit ihrem Bruder eine Wohnung in der Münchner Franz-Joseph-Straße. Bereits im Sommer hatten Hans und sein Kommilitone Alexander Schmorell die ersten vier Flugblätter der „Weißen Rose“ verfasst. Hans, an der Medizinischen Fakultät eingeschrieben, und einige Kommilitonen, die den Sommer beim Sanitätsdienst an der Ostfront verbracht hatten, planen gemeinsam mit Sophie die Herstellung und Verbreitung weiterer Flugblätter. In diesen Wochen greift Sophie ein letztes Mal zum Tagebuch. Am 13. Januar 1943 hält sie fest: „Sobald ich allein bin, verdrängt eine Traurigkeit jede Lust zu einer Tätigkeit in mir. Wenn ich ein Buch zur Hand nehme, dann nicht aus Interesse, sonders so, als ob es ein anderer täte. Über diesen entsetzlichen Zustand kann nur eines helfen. Die schlimmsten Schmerzen, und wären es bloß körperliche, sind mir tausendmal lieber als diese leere Ruhe.“
Am 18. Februar 1943 verteilen die Geschwister Scholl ein weiteres Mal Flugblätter. Einige davon entdeckt Jakob Schmidt, dem Pedell der Ludwig-Maximilians-Universität. Er stellt die Geschwister, führt sie ins Rektorat, später übergibt man sie der Gestapo. Vier Tage darauf werden sie hingerichtet.
Für Regina Reisch hatte die Arbeit an den Tagebüchern über das Historische hinaus auch eine sehr persönliche Komponente. „Ich erlebe“, schreibt sie im Nachwort, „Sophie Scholls Lebensweg, wie er mir in den Tagebüchern begegnet, als ein unermüdliches Ringen um Wahrheit, ein Halten der Wahrheit und das bereit sein, für diese zu sterben.“ Sicherlich muss das Bild, das wir von Sophie Scholl haben, nicht korrigiert werden, doch es erhält, so Reisch, eine neue Dimension. In einem Interview mit BR24 Kultur sagte sie dazu: „Wir können Sophie Scholl erleben als Menschen, der sich entwickelt, der einen Weg geht. Und das ist erst möglich, wenn sie die Dinge einmal im Fluss lesen können, wie das eben jetzt möglich geworden ist.“
Ein unbedingt zu empfehlendes Zeitdokument, das eine Lücke in der Aufarbeitung des Wirkens der „Weißen Rose“ schließt.
Regina Reisch (Hrsg.): Sophie Scholl. Eine Kostbarkeit für immer – Edition der Tagebücher (1937-1943). Allitera Verlag, München 2026, 384 Seiten, 34,00 Euro.