Kiel, im Februar 1946: Die Einberufung des ersten Landtags in Schleswig-Holstein durch die britische Militärregierung bedeutet eine historische Zäsur. Jahrhundertelang war die Region zwischen den Meeren von adligen Herzögen oder in Personalunion vom dänischen König regiert worden. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 folgte 1867 seine Eingliederung als preußische Provinz. Erst jetzt erlangte Schleswig-Holstein auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht Eigenständigkeit als Bundesland. Die Aufgaben des jungen Parlaments waren von immenser Komplexität. Unter den Augen der Briten musste ein Land verwaltet werden, das am Rande des Zusammenbruchs stand: geprägt von einer extremen Flüchtlingskrise, einer umstrittenen Agrarreform, ethnischen Spannungen an der Grenze und einer tiefgreifenden personellen Kontinuität zum NS-Regime.
Diesem Ereignis galt eine Feierstunde des Kieler Landtags im Juni dieses Jahres. Auf Anordnung der britischen Militärregierung war am 26. Februar 1946 im unzerstörten Stadttheater der erste zunächst so genannte Provinziallandtag zusammengetreten. Unter der Leitung des britischen Regional Commissioners und des von ihm eingesetzten Oberpräsidenten Theodor Steltzer – eines Widerstandskämpfers gegen das NS-Regime – formierte sich ein Parlament aus rund 60 Abgeordneten. Sie waren handverlesen, ernannt, nicht gewählt.
Schleswig-Holstein erlebte seinerzeit eine demografische Verschiebung dramatischen Ausmaßes. Zwar war das Land – mit Ausnahme der schwer zerstörten Städte Kiel und Lübeck sowie des benachbarten Hamburg – von flächendeckenden Bombardements weitgehend verschont geblieben. Der Zweite Weltkrieg in Europa endete in Schleswig-Holstein. Es war das letzte unbesetzte Stück des Reiches gewesen, die letzte Station der sogenannten „Reichsregierung Dönitz“, Fluchtpunkt auch für die SS-Leute, die den Holocaust betrieben hatten, der „Rattenlinie Nord“, und letzte Zuflucht für den Strom der Flüchtlinge und Vertriebenen. Genau dieser Umstand machte es zum Hauptziel für Hunderttausende aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Über die Ostsee oder durch alliierte Umsiedlungsaktionen strömten die Menschen in den Norden.
Innerhalb kürzester Zeit schwoll die Bevölkerung von ursprünglich 1,6 Millionen auf über 2,6 Millionen Menschen an. Hinzu kamen zeitweise mehr als eine Million entwaffneter Wehrmachtssoldaten in den Sperrgebieten. In den ländlichen, strukturschwachen Regionen verdoppelte sich die Einwohnerzahl mancherorts binnen weniger Monate. Es fehlte an allem: Wohnraum, Heizmaterial, Nahrung. Familien wurden in Barackenlagern, Nissenhütten oder zwangsweise bei einheimischen Bauern untergebracht. Hunger, klirrende Winterkälte und soziale Spannungen prägten den Alltag. Während die Einheimischen eine Überforderung und den Verlust ihrer kulturellen Identität fürchteten, fühlten sich viele Flüchtlinge und Vertriebene als Bürger zweiter Klasse. In dieser explosiven Stimmung musste das junge Parlament den Spagat schaffen, das nackte Überleben zu sichern und gleichzeitig soziale Befriedung zu leisten.
Ein zentraler Hebel zur Bewältigung der Krise sollte die Bodenreform sein. Die britische Militärregierung verfolgte das Ziel, die traditionellen, oft konservativen Eliten zu entmachten. Die Verordnung Nr. 103 („Agrarian Reform“) sah vor, den insbesondere im östlichen Landesteil dominierenden Großgrundbesitz zu beschränken. Eine radikale Enteignung nach sowjetischem Muster unter dem Motto „Junkerland in Bauernhand“ lehnten die Briten allerdings ab. Die Agrarproduktion sollte im hungernden Land nicht gefährdet werden – zumal die Ernten durch den extremen Hungerwinter und die anschließende schwere Dürre von 1947 katastrophal ausfielen.
Im Kieler Landtag stießen die Konzepte hart aufeinander. Während die sozialdemokratischen Abgeordneten eine konsequente Aufteilung der adligen Güter forderten, um Zugezogenen und Landarbeitern eine Existenz auf eigenem Grund zu ermöglichen, sperrte sich die konservative Opposition gegen staatliche Zwangsmaßnahmen. Das Ergebnis war ein Kompromiss: Um eine gesetzliche Enteignung abzuwenden, erklärten sich die Großgrundbesitzer bereit, rund 30.000 Hektar Land freiwillig abzutreten. Dieses Land wurde in den Folgejahren an Tausende Kleinsiedler vergeben. Die historische Struktur des Großgrundbesitzes blieb jedoch in den fruchtbaren Regionen von Flensburg bis Lauenburg im Kern unangetastet. Viele der riesigen Güter bestehen bis heute fort.
Die existenzielle Not der Nachkriegsmonate wirkte sich direkt auf die ohnehin sensible Grenzregion im Norden aus. Zahlreiche Südschleswiger wandten sich in dieser Phase der dänischen Minderheit zu. Die Mitgliederzahl des Sydslesvigsk Forening explodierte von mageren 2700 auf über 60.000. Neben einer echten regionalen Identität spielten dabei handfeste materielle Vorteile eine Rolle: Aus Dänemark flossen großzügige Lebensmittellieferungen ins hungernde Grenzland. Im Volksmund wurden diejenigen, die plötzlich ihr Dänentum entdeckt hatten, abfällig als „Speckdänen“ bezeichnet.
Diese dynamische „Neudänische Bewegung“ forderte zeitweise die administrative Abtrennung Südschleswigs von Deutschland, den Anschluss an Dänemark und die Ausweisung der deutschen Flüchtlinge aus der Region. Es drohten tiefe ethnische Gräben. Dass die Situation nicht eskalierte, war einerseits der dänischen Regierung zu verdanken, die klug auf Distanz ging und die 1920 völkerrechtlich festgelegte Grenze nicht infrage stellte. Andererseits steuerten die Briten vermittelnd gegen: Sie gestatteten 1948 die Gründung des Südschleswigschen Wählerverbandes (SSW), der bis heute die dänische und friesische Minderheit im Landtag vertritt – befreit von der Fünf-Prozent-Hürde und als anerkannter, stabilisierender Faktor der Landespolitik.
Das wohl dunkelste Kapitel der schleswig-holsteinischen Nachkriegsgeschichte betrifft den Umgang mit der NS-Vergangenheit. Nach zwölf Jahren Diktatur war der Mangel an unbelastetem Fachpersonal in Verwaltung, Justiz und Schulen eklatant. Viele fähige demokratische Kräfte waren in den Konzentrationslagern ermordet worden, noch im Exil oder politisch marginalisiert.
Schon ab Herbst 1946 rückte die britische Militärregierung von ihrer anfänglich strengen Entnazifizierungspolitik ab. Um die Funktionsfähigkeit des Staates zu sichern, setzte eine umfassende Reintegration ehemaliger NSDAP-Mitglieder ein. Was als pragmatische Notlösung begann, entwickelte sich in den 1950er Jahren zu einer tiefgreifenden systemischen Kontinuität, die zeitgenössisch offen als „Re-Nazifizierung“ kritisiert wurde. Statistiken belegen das Ausmaß: Zwischen 1946 und 1971 wiesen 33,6 Prozent aller schleswig-holsteinischen Landtagsabgeordneten (115 von 342) eine NSDAP-Vergangenheit auf. Das drastischste Beispiel dieser Nachkriegskarrieren ist Heinz Reinefarth (1903-1979). Der Generalleutnant der Waffen-SS war im Spätsommer 1944 für die brutale Niederschlagung des Warschauer Aufstands verantwortlich. Er wurde für seine Kriegsverbrechen nie verurteilt. Bis 1967 saß er im Kieler Landtag.
Der schwere Neubeginn unter britischem Besatzungsrecht hat Spuren hinterlassen, die bis heute sichtbar sind. Die historische Kontinuität des Großgrundbesitzes an der Ostseeküste besteht fort – ein Thema, das auf der offiziellen Feierstunde des Landtags im Juni dieses Jahres im Sinne einer harmonisierenden Erinnerungskultur ausgespart wurde. Man konzentrierte sich lieber auf die Würdigung der „parlamentarischen Pioniere“, die unter „unvorstellbar schweren Bedingungen die Demokratie“ aufbauten.
Aber auch dies muss erwähnt werden: Aus dem harten Streit um die Landesgrenze ist ein europäisches Vorzeigemodell für den Minderheitenschutz geworden. Durch eine am Konsens orientierte Politik der Landesregierung (CDU und Grüne) ist es Schleswig-Holstein als einzigem Bundesland bislang gelungen, die AfD aus dem Landtag herauszuhalten.
Sich daher an die schmerzhaften Brüche und die schwierigen Anfänge zu erinnern, ist also kein reiner Blick zurück – es kann den Blick für die heutigen Probleme schärfen.