Für Filmliebhaber, denen Cannes zu teuer ist, boten Festivals in Mecklenburg und der Lausitz mehr als Ersatz. Das mittlerweile 35. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern zeigte deutschsprachige, das 23. Neiße-Filmfestival (NFF) Werke aus dem Dreiländereck: Streifen vorrangig junger Filmemacher aus Polen, Tschechien und Deutschland bestimmten die Wettbewerbe. Dank reger Koproduktionstätigkeit gab es bei beiden Ereignissen auch Filme aus Russland oder den USA zu sehen.
Im Schweriner Kino Capitol und kleineren Nebenspielstätten, die am Pfaffenteich leicht mit der „Petermännchen“-Fähre zu erreichen waren, zog nicht nur der diesjährige Ehrenpreisträger das Publikum an. Der mittlerweile 95-jährige Armin Mueller-Stahl ist der einzige DDR-Star, dem auch in Hollywood eine nennenswerte Karriere gelang. Nachdem ihn 1976 die skandalöse Biermann-Ausbürgerung desillusioniert hatte, arbeitete er ab 1980 im Westen, machte in preisgekrönten Filmen von Rainer Werner Fassbinder, Andrzej Wajda, Agnieszka Holland und István Szábo auf sich aufmerksam, so dass der Ruf nach Übersee folgerichtig war. Für den australischen Film „Shine“ folgte 1997 eine Oscar-Nominierung. Im wieder zusammengerückten Deutschland wurde er 2001 als Thomas Mann in „Die Manns“ erneut zur Fernsehlegende, übernahm aber bis vor zehn Jahren noch mehrfach Rollen in US-amerikanischen Produktionen. Aus allen seinen Schaffensphasen bot eine Retrospektive in Schwerin Beispiele, wobei die DEFA-Filme „… und deine Liebe auch“, „Nackt unter Wölfen“ und „Die Flucht“ besonderen Zulauf hatten. Zwar besuchte er selbst die Filmvorführungen nicht, dafür aber die beiden Ausstellungen, die seinem Werk als bildender Künstler gewidmet waren, und erzählte vom Austausch mit anderen Malern wie Neo Rauch. Den mit ihm befreundeten Komponisten Günther Fischer, der im Capitol mit Kollegen ein Konzert zu Mueller-Stahls Ehren vorbereitet hatte, überraschte der Schauspieler, indem er darauf bestand, selbst als Sänger mitzuwirken. Natürlich erntete er stürmischen Applaus im ausverkauften Saal.
Der Auftritt eines anderen Prominenten wurde kontrovers aufgenommen. Regisseur Lutz Pehnert hat dem SED-Politbüromitglied Egon Krenz, der im Herbst 1989 für einige Wochen Staatsoberhaupt der zerbröckelnden DDR war, ein Filmporträt gewidmet. Er zeichnet Krenz´ Werdegang nach, lässt auch Weggefährten zu Worte kommen. Unter ihnen erwies sich die bescheiden auftretenden Solveig Leo, einst jüngste LPG-Vorsitzende der DDR in Banzkow und spätere linke Lokalpolitikerin, als Publikumsliebling. Sie war in der DDR „Held der Arbeit“ und erhielt später das Bundesverdienstkreuz. Obwohl auch kritische Stimmen wie die von Bärbel Bohley zu Wort kamen, dominierte die Ansicht, dass Krenz zu unkritisch porträtiert wurde. Der Film, der sich eines schwierigen Themas der Zeitgeschichte annahm, errang im Dokumentarfilmwettbewerb keinen Preis.
Den Hauptpreis erhielt „Innere Emigranten“ der aus Leningrad stammenden Lena Karbe, die in München studiert hatte. Sie porträtierte Psychologen, die in Moskau eine anonyme Telefon-Hotline betreiben und mit dem verstörenden Resultat von Putins „Spezialoperation“ gegen die Ukraine konfrontiert werden.
Verbunden waren Schwerin und Großhennersdorf, Hauptspielort des NFF, unter anderem durch den Dokumentarfilm „Weißer Rauch über Schwarze Pumpe“, der in Schwerin im Wettbewerb, an der Neiße in der Nebenreihe „Regionalia“ lief. Für diesen Film hatten sich zwei ursprüngliche Kameramänner aus Ost und West zusammengetan. Martin Gressmann, geboren in Hamburg, griff auf Material zurück, das Peter Badel, geboren in Ostberlin, im Frühjahr 1991 mit Menschen im sogenannten Energiedreieck der DDR um das Kombinat Schwarze Pumpe gedreht hatte. Junge Leute zeigten sich überzeugt, dass die Übernahme durch die BRD nichts Gutes bringen würde, ältere zeigten sich abwartend bis enttäuscht. Wie die Stimmung sich seither gewandelt hat, erzählt dieser Film, der auch auf Protagonisten von damals traf.
Anders als beim Filmkunstfest, wo die Veranstaltungen weitgehend auf die Säle des Schweriner Capitol-Kinos konzentriert sind, ist das NFF das Festival einer ganzen Region. Es gibt Partner und Spielstätten in mehreren Städten, auch in Polen und Tschechien. Während die Festivaleröffnung im Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater mit dem nicht ganz glücklich gewählten deutschen Film „Etwas ganz Besonderes“ von Eva Tobisch zelebriert wurde, ging die Preisverleihung im Stadttheater des tschechischen Varnsdorf, der Nachbarstadt von Seifhennersdorf, über die Bühne.
Wer im idyllischen Zittauer Gebirge einen Ausflug mit der Schmalspurbahn beispielsweise zum Berg Oybin machte, konnte dann im Film ins Großstadtleben eintauchen. Das NFF brachte in der Reihe „Transformations“ eine wirkliche Wiederentdeckung. In der amerikanischen Produktion „Former East/Former West“ von 1994, von der Regisseurin Shelly Silver in den Straßen Ost- und Westberlins gedreht (ein DAAD-Stipendium ermöglichte es) spürt sie den unterschiedlichen Entwicklungen in beiden Stadthälften nach, die zum Teil bis heute bemerkbar sind. Auch Fremdenfeindlichkeit war schon sehr deutlich, berichtete die Regisseurin in Löbau.
Der aus Kolumbien stammende Regisseur Robert Kwilman lebt schon lange in Polen. Kontakte zu Lateinamerikanern führten dazu, dass er in seinem Film „Capo“ authentisch eine Ausbeutungsgeschichte erzählen konnte. Sein Held hilft, illegal angeworbene lateinamerikanische Arbeitskräfte in einer polnischen Großfleischerei auszubeuten. Der Mann wandelt sich, aber der Schluss bleibt offen: Hoffnung auf Veränderung? Die Jury verlieh ihm ihren Spezialpreis.
Gleich zwei Preise, nämlich den für das beste Szenenbild an Seth Turner und den besonders wertvollen Publikumspreis, erhielt das Debüt von Kai Stänicke. „Der Heimatlose“ fiel sowohl thematisch als auch in der filmischen Umsetzung aus dem Rahmen. Ganz konsequent erzählt er eine Parabel vom gegenseitigen Fremdeln eines Heimkehrers und seiner Gemeinschaft auf einer Insel in vorindustrieller Zeit. Er bewies ein starkes Gespür für menschliches Verhalten mit vielen Umschwüngen. Wenn der Film Ende August gestartet wird, kommen wir darauf zurück.