Genie und Gewissen – Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“, so hat Michael Wolffsohn sein Buch über den Dirigenten genannt. Gegenstand ist der 1908 in Salzburg geborene, 1989 gestorbene Dirigent, dessen Karriere in der Nazizeit begann und der nach dem Krieg zum Weltstar aufstieg. Der Autor ist der 1947 in Tel Aviv geborene jüdische Historiker mit jahrzehntelanger Professur an der Universität der Bundeswehr in München. Ein Mann, der keine Kontroverse scheut. Auf den ersten Blick haben die beiden nicht viel miteinander zu tun. Außer vielleicht, dass man jedem eine gewisses Eitelkeit nachsagen kann. Bei ihrem Zusammentreffen zwischen zwei Buchdeckeln klingt denn auch schon das erste Wort des Titels – Genie – nach dem großen Auftritt. Wobei den Auftakt eher der Vorschlag der Salzburger Straßennamenkommission für die Umbenennung des Herbert-von-Karajan-Platzes in der Festspielstadt liefert.
Ob es nun an prominenter Stelle gedruckt ist oder nicht – es ist eine Studie, im Auftrag des Salzburger Karajan-Instituts und der Dirigenten-Töchter Isabel und Arabel. Zur Pflege des musikalischen Erbes geht es bei diesem Auftragswerk an den prominenten jüdischen Historiker letztlich um das Image Karajans. Dass er NSDAP-Mitglied war, hat er nie geleugnet. Wolffsohn konzentriert sich auf die Frage (oder er umkreist sie), wann genau und warum und mit welchen Folgen der aufstrebende Dirigent in die Partei eingetreten ist. In dieser Frage zieht der Historiker alle Register eines akribischen Quellenstudiums. Bei der Frage, ob Karajan darüber hinaus auch ein „überzeugter“ Nazi war, nutzt er indes jedes Indiz zu beherzter Spekulation. Das Ergebnis dürfte den Erwartungen der Auftraggeber entsprochen haben. Parteimitglied ja, glühender Nazi nein, Täter schon gar nicht. Das wiederholt Wolffsohn immer wieder. Wie überhaupt sein geradezu einhämmernder Stil, mit der er die zentrale These wiederholt, und seinen Zugang als Historiker immer wieder herausstellt, dermaßen an Eitelkeit grenzt, dass es schnell nervt. Die Lektüre wird so zu einer Herausforderung, weil der Text oft mit hämischen Seitenhieben gegen andere Autoren gewürzt ist, und die autosuggestiven, rhetorischen Fragen eigentlich immer schon die Antworten intendieren.
Was an Wolffsohns Methode auffällt, ist die prompte Wertung, die er bei jedem Aktenfund (oder Nichtfund) bei der Hand hat. Was bei einem arrivierten Wissenschaftler aber verblüfft, ist der Umgang mit seinen Zeugen. Er hat sich für seine Argumentation einen „rassisch“ und in seiner Gesinnung lupenreinen Nazi als Referenzgröße imaginiert und vergleicht Karajan mit eben diesem. So nach dem Motto: Mit diesem Juden hätte ein richtiger Gesinnungsnazi nie verkehrt oder wäre gar mit ihm befreundet gewesen. Oder: Diese Musik eines jüdischen Komponisten hätte ein echter Gesinnungsnazi nie gehört. Andersrum wäre ein jüdischer Überlebender des Holocaust oder überhaupt ein Jude Karajan nie beruflich oder privat nähergekommen oder mit ihm befreundet gewesen, wenn der ein richtiger Gesinnungsnazi gewesen wäre oder als ein solcher gegolten hätte. Wolffsohn wendet damit eine Methode an, die ohne die abstruse Menschen-Kategorisierung, die dem Rassenwahn der Nazis entspringt, im Grunde nicht funktionieren würde.
Im ersten Teil seines Buches ruft er unter der Überschrift „ENTnazifinierung“ 35 Zeugen der Verteidigung auf. Einige verdanken ihre Vorladung dem aktiven Widerstand gegen das Hitlerregime, die meisten aber ihrer jüdischen Herkunft. „Juden und Judenfreunde – Lackmustest oder scheinkoscheres Alibi?“ steht auf jeder Seite oben drüber. Unter dem Label dieser pointierten Talkshow-Rhetorik versammelt er Prominenz der Zeitgeschichte, Kollegen und persönliche Bekannte seines „Mandanten“. Sie verführt ihn allerdings auch dazu, Spätgeborene wie den 1971 geborenen Evgeny Kissin in eine Liste einzureihen, deren seltsame „Beweisführung“ vom Glanz der Namen profitieren soll.
Damit wird zugleich eine Schlussfolgerung intendiert, die Wolffsohns Auftragswerk selbst legitimieren soll. Wenn ein scharfzüngiger jüdischer Historiker wie er Karajan bescheinigt, dass er allenfalls ein formaler, aber kein glühender Gesinnungsnazi war, dann wird’s wohl stimmen.
Natürlich macht eine solche Differenzierung Sinn. Gerade in einem gesellschaftlichen Diskursklima, das dazu neigt, jede frühere Haltung eines Menschen mit den Maßstäben von heute zu beurteilen. Damit ist also der Verweis auf den historischen Kontext sinnvoll. Einige Kritiker werfen Wolffsohn allerdings vor, bei der Bewertung von Fakten immer die Interpretationen zu bevorzugen, die zu seinen Gunsten sprechen. Außerdem sei Karajan beim Wagnerianer Hitler nach einer „Meistersinger“-Vorstellung „durch gewesen“ und bei Goebbels war eh Furtwängler der Favorit. Der detailliert belegte „Karriereknick“ nach 1942 war freilich eher ein Fall von immer noch privilegierter Ungnade.
Was Wolffsohn liefert, ist alles in allem keineswegs das Schlusswort einer historischen Debatte. Eine Streitschrift, die für neue Impulse sorgt, ist sie allemal. Auch wenn man für die Lektüre als Leser ein Extraquantum Toleranz vor allem im Umgang mit den Eitelkeiten des Autors braucht.
Michael Wolffsohn: Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, 368 Seiten, 26 Euro.