In uralten Zeiten kannte man nur Spiegel aus polierten Metallscheiben (etwa aus Bronze) – wie man sich denken kann, mit erheblichen Farbirritationen. Später, im 11. Jahrhundert, wurden in Deutschland und Frankreich Spiegel mit einer reflektierenden Beschichtung auf einer Glasscheibe erfunden. Erst gab es nur kleine Spiegel, die dann mit verbesserter Herstellungstechnologie immer größer wurden …
Der Begriff der Intuition hat auch etwas mit diesem Spiegel zu tun, denn er wurde im 18. Jahrhundert aus dem Lateinischen intuitio entlehnt, was nichts anderes als das „Erscheinen des Bildes im Spiegel“ bedeutet. Intuition ist also ein Spiegelbild, eine Eingebung oder ein ahnendes Erfassen.
Es gibt, um beim Spiegel zu bleiben, die Vorspiegelung (Vortäuschung, Blendwerk), das Spiegelbild (seitenverkehrtes Bild) und das Spiegelei – ein Begriff, der erst im 18. Jahrhundert gebräuchlich wurde, weil man für ein nicht verrührtes gebratenes Ei, oft geformt wie ein runder Spiegel, ein neues Wort in Abgrenzung zum Rührei benötigte.
Und man kann im Spiegel sogar einen Mord sehen! Die geniale Kriminalschriftstellerin Agatha Christie nannte einen ihrer 66 Romane „Mord im Spiegel“, publiziert wurde er auch unter dem Titel „Dummheit ist gefährlich“.
Ihr Hauptheld Hercule Poirot, ein belgischer Privatdetektiv, sagt im Kriminalroman „Die Morde des Herrn ABC“ über die Intuition, dass es für einen ausgeglichenen, ausgereiften Verstand keine Intuition gibt, keine ahnungsvollen Vermutungen: „Doch was oft Intuition genannt wird, ist in Wirklichkeit ein Eindruck, der auf logischer Herleitung oder auf Erfahrung fußt. Wenn ein Fachmann den Eindruck hat, mit irgendeinem Gemälde, einem Möbelstück oder mit der Unterschrift auf einem Scheck stimme etwas nicht, dann basiert dieses Gefühl auf einer Unzahl kleiner Hinweise und Einzelheiten. Er muss sie nicht im Einzelnen prüfen – das erledigt seine Erfahrung in der Gesamtschau –, und das Endergebnis ist das eindeutige Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Aber es ist keine Vermutung, sondern ein Eindruck aufgrund seiner Erfahrung.“
Der erste literarisch ernstzunehmende Privatdetektiv, Chevalier August Dupin in Werken von Edgar Allan Poe, noch weit vor Sherlock Holmes, meinte sogar, „dass die Intuition … die Ideosynkrasie des genialen Menschen ist“, also die Überempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen.
Wie dem auch sei, jeder hat sicherlich schon diesen plötzlichen und seltsamen Augenblick einer Klarsicht erlebt, wo man plötzlich etwas weiß, ohne zu wissen, woher man es weiß. Und viele Kriminalfälle sind durch Intuition geklärt worden, wie ein Bespiel beweisen soll.
Im Oktober 1985 erhielt die Diensthabende Gruppe (DHG) der Ostberliner Kriminalpolizei den Auftrag, eine Sexualstraftat in der Wohnung des Opfers in der Galileistraße in Treptow zu untersuchen. Der Täter hatte sich mehrfach mit der jungen Frau auf der gemeinsamen Heimfahrt im Bus unterhalten; sie sagte ihm, wo sie wohnt, und er erzählte, dass er seit Kurzem geschieden sei. Eines Nachts klingelte er alkoholisiert an ihrer Wohnungstür, verschaffte sich Einlass und vergewaltigte sie.
Es lag eine vage Personenbeschreibung des Täters vor, ungefähr 26 Jahre alt, helle Hose und ein langärmeliges graues Hemd. Der Chef der Gruppe, Hans Ehrlich, bekam vom Standesamt in Treptow die Namen aller Personen, die sich in den letzten zwei Monaten scheiden lassen hatten. Es waren über 100 Namen auf der Liste. Ehrlich tippte auf die Nummer 98 und meinte: „Das ist er.“
Die Kriminalisten fuhren folglich zur Nummer 98 in die Köpenicker Landstraße, unweit des Tatorts. Dort wohnte ein VP-Angehöriger vom Betriebsschutz des Krankenhauses der Volkspolizei in der Scharnhorststraße in der Funktion eines Gehilfen des Diensthabenden Offiziers. Der tatsächlich 26-Jährige zeigte sich zunächst sehr kollegial und stritt alles ab, hatte aber in der Befragung keine Chance. Seine Aussagen wurden immer widersprüchlicher. Mehrfach darauf hingewiesen, gab er auf und gestand das Verbrechen.
Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Kriminalisten unter der Spüle in der Küche die beschriebene helle Hose und das graue Hemd. Auch konnte Polizeiunterwäsche gesichert werden.
Hans Ehrlich konnte seine schnelle Entscheidung, den Verdächtigen in der Köpenicker Landstraße aufzusuchen, und nicht die vielen anderen auf der Liste, nicht begründen. Es war so ein gewisses Gefühl, Intuition eben, vielleicht weil Opfer und Täter nicht weit voneinander entfernt wohnten …
Intuition hin oder her, man kann sie einfach Beobachtungsgabe, Kombinationsvermögen und Erfahrung nennen.