Bei der Sichtung historischer Ansichtskarten und anderer Dokumente von der Insel Rügen fiel mir eine zunächst unspektakulär erscheinende Fotografie im Ansichtskartenformat auf: Ein gut gekleideter älterer Herr läuft, ohne in die Kamera zu blicken, augenscheinlich an der Zelle 32 einer Herren-Badeanstalt am Fotografen vorbei. Fünf Badegäste, teils in Straßenkleidung, teils im Badeanzug, beachten weder den älteren Herren noch den Fotografen. Auf der Rückseite der Karte ist handschriftlich vermerkt: „König August von Sachsen 1920 ./ Sellin/Rügen“.
Sofern die Angabe stimmte, konnte es sich nur um den letzten sächsischen König, Friedrich August III., Regent von 1904 bis 1918, handeln, der mir, als gebürtigem Sachsen, natürlich ein Begriff ist. Seine Biografie ist unter anderem geprägt durch die Querelen um die 1902 erfolgte „skandalöse“ Scheidung von Prinzessin Louisa Antonietta Maria von Österreich-Toskana, mit der er sieben Kinder hatte, durch mehr oder minder erfolgreiche Reformbemühungen wie durch im reinsten Sächsisch gehaltene Reden, vor allem aber durch überlieferte oder ihm zumindest zugeschriebene Sprüche und Anekdoten. Die nach seiner Flucht als Folge der revolutionären Ereignisse von 1918 auf Schloss Guteborn bei Ruhland handschriftlich verfasste unspektakuläre Erklärung auf einem einfachen Zettel („Ich verzichte auf den Thron, den 13. November 1918 Friedrich August“) war dagegen bald vergessen. – Hervorzuheben ist, dass Friedrich August III. es ablehnte, königstreue Truppen gegen die Revolutionäre einzusetzen („Ich will den eben beendeten Krieg nicht auf der Schlossstraße fortsetzen.“), mit seiner Verzichtserklärung Beamte, Offiziere, Lehrer und Geistliche von ihrem Treueeid entband und sie aufforderte, auch unter den neuen Bedingungen ihren Dienst zu tun. Sicher ein Beitrag dazu, dass die Revolution in Sachsen ohne Blutvergießen blieb.
Zurück zur Fotografie: Informationen, etwa zum Fotografen der Karte oder zum Schreiber des Vermerks auf der Rückseite, lagen nicht vor. Die Ablichtung machte eher den Eindruck eines Schnappschusses als einer professionellen Fotografie. Zwangsläufig war die Karte unter diesen Umständen für mich zwar interessant, aber „mit Vorsicht zu genießen“. Ob es sich bei dem älteren Herrn tatsächlich um den letzten sächsischen König handelt, konnte zunächst lediglich durch Vergleich mit einer vorliegenden Porträtkarte (um 1912) beurteilt werden: Eine Ähnlichkeit zwischen dem abgelichteten älteren Herrn und Friedrich August III. war unverkennbar. Hinzu kam, dass der letzte Sachsenkönig sich schon während seiner Regierungszeit hin und wieder in Zivilkleidung unerkannt unter Mitbürger mischte, offen durch Dresden oder andere Orte flanierte, bisweilen ungezwungen Skat in Wirtshäusern spielte, Alkohol mit anderen Gästen trank und sich – selbst wenn er erkannt wurde – auch fotografieren ließ. Ein Schnappschuss nach seiner Regierungszeit, augenscheinlich in einer Herren-Badeanstalt, wäre also nichts Undenkbares gewesen.
Es blieb aber unsicher, ob sich der ehemalige König tatsächlich zu jener Zeit auf Rügen aufgehalten hat. In den zuerst recherchierten Juli-, August- und Septemberausgaben der Stralsundischen Zeitung von 1920 gab es keine Hinweise auf einen derartigen Besuch. Auch die ausgewerteten Biographien von Kracke (1964) und Fellmann (1992) sowie die DVD zum 90. Todestag („Der letzte König der Sachsen“, 2021) verwiesen zwar auf ein großes Interesse des Königs an der Seefahrt und am Meer, nannten aber nur Besuche des in Bau befindlichen Nord-Ostsee-Kanals, sowie der Städte und Marinestützpunkte Kiel, Wilhelmshaven, Bremen, Hamburg und Lübeck, Teilnahme an Hochseemanövern, Fahrten mit Schiffen der Hapag und des Lloyd, bei denen er sich mit Passagieren fotografieren lassen habe. 1926 soll er sich mehrere Wochen auf der Nordsee-Insel Amrum aufgehalten haben.
Der Ortschronist von Sellin konnte durch eine weitere Fotografie „Licht ins Dunkel“ bringen: Zu sehen ist Friedrich August III. auf einem Torpedoboot bei Sellin. Das Schiff liegt an den Resten der durch Brand 1920 zerstörten Seebrücke. Handschriftlicher Vermerk auf der Vorderseite: „Der König von Sachsen besichtigt seine Landsleute“. Das Rügensche Kreis- und Anzeigeblatt vom 21. Juli 1920 gab schließlich Aufschluss mit folgender Meldung: „Sellin. Hoher Besuch. König Friedrich August von Sachsen mit den Prinzessinnen Maria Alix und Anna Pia, Herzoginnen von Sachsen. Im Gefolge befinden sich Generalmajor a. D. Baron O‘Bryn, Gabrielle, Baronin O‘Bryn und Freiin von Oer.“ Dass der König inzwischen abgedankt hatte, „übersah“ man offenbar, weil ein ehemaliger König wohl als weniger werbewirksam eingeschätzt wurde.
Am 17. August hieß es im Rügenschen Kreis- und Anzeigeblatt: „Besuch des Königs von Sachsen, der schon öfters von Sellin aus Gast des Fürstenpaares [des regionalen, dass in Putbus residierte – D.N.] war – machte gestern mit den Prinzessinnen einen Besuch im Schloss. Am Nachmittag dann ein Besuch der Insel Vilm von Lauterbach aus mit der fürstlichen Jacht.“ „Schon öfters“ konnte bisher nicht verifiziert werden … Bereits am 1. August hatte das Stralsunder Tageblatt über einen geplanten Besuch des abgedankten Königs in Wiek berichtet, wo er Chemnitzer Realschüler und ihre Lehrer begrüßen und unter anderem den „reizenden Küstenpunkt Bakenberg“ besuchen wolle.
Auch Angehörige der Familie erholten sich augenscheinlich zu jener Zeit auf Rügen, wie die oben zitierte Kurzeitung bereits erläuterte. Auf der Adressseite einer weiteren Karte ist handschriftlich vermerkt: „Prinzessinnen von Sachsen 1920 Sellin“. Zu sehen sind Maria Alix und Anna Monika Pia in zwei Strandkörben. Diese Daten waren nach Anfrage des Selliner Ortschronisten durch einen Sachbearbeiter des Sächsischen Staatsarchivs im November 2018 nach Vergleich mit dort vorliegenden Fotografien unter Vorbehalt bestätigt worden.
Bleibt der Hinweis auf die bekannteste Anekdote um den König: Auf seine durch die Revolution von 1918 erzwungene Abdankung am 13. November soll er mit den Worten reagiert haben: „Dann machd doch eiern Drägg alleene!“ Ob er diesen, bereits wenige Tage danach besonders von sozialdemokratischen Zeitungen verbreiteten Satz tatsächlich gesprochen hat, ist bis heute umstritten. Dass man ihm einen derartigen Ausspruch zutraute, sagt aber etwas über die Originalität und die volkstümliche Nähe des letzten sächsischen Königs aus. Besonders deutlich wurde diese Nähe als er 1932 unerwartet, nur 66-jährig, verstarb: Etwa eine halbe Million Menschen, mehr als Dresden damals Einwohner hatte, gaben ihrem „Geenich“ am 22. und 23. Februar das Geleit, bevor er in der Gruft der Katholischen Hofkirche beigesetzt wurde.
In einem Bericht „von glaubwürdiger Seite“ wird als tatsächlicher Urheber „seiner“ Reaktion auf die Abdankung der spätere sozialdemokratische Innenminister Karl Sindermann benannt. Dieser soll in einem Gespräch, in dem es auch um den Monarchen ging, spöttisch geäußert haben: „Der wird jetzt sagen: ,Macht Euern Dreck alleene'“. Wahrscheinlich wollte Sindermann nur einen gar nicht bösartig gemeinten Witz machen und konnte nicht ahnen, dass sich später „eine nach Sensationen lüsterne und auf Anekdoten versessene Presse dieser Äußerung bemächtigen und sie für den König in Anspruch nehmen werde“, so der Biograph Friedrich Kracke..
Ob aber wahr oder nicht: Der Spruch hat in Sachsen Kultstatus.
Fazit: Der letzte, bereits abgedankte sächsische König könnte sich 1920 durchaus wie ein „normaler“ Urlauber an den Zellen der Selliner Herren-Badeanstalt aufgehalten haben und dabei zufällig fotografiert worden sein. Keine sensationelle, aber eine vielleicht nicht nur für gebürtige Sachsen interessante Karte.