Auf dem Monte Santa Luzia, einem Berg hoch über der am Atlantik gelegenen Hafenstadt Viana do Castelo, erhebt sich die gleichnamige Wallfahrtskirche. Mit dem Bau begonnen wurde 1904 und 1959 war man schließlich fertig. Errichtet wurde ein bombastischer Klotz; äußerlich eine neoromanische Zumutung – mit neobyzantinischer Entsprechung im Inneren. Könnte eine entfernte Verwandte von Kyffhäuser und Völkerschlachtdenkmal sein.
Noch oberhalb der Kirche erstreckt sich unsere Unterkunft – die Pousada Monte Santa Luzia, ein 1921 eröffnetes Grandhotel mit wahrhaft fürstlichen Zimmergrößen und Marmorbädern. Ein Teil der Zimmer gewährt einen imposanten Ausblick auf die Stadt und die nahegelegene Küste. Nur wenige Ausblicke könnten mit dem von diesem Hotel mithalten, meinte das Magazin The National Geographic, „vielleicht nur die von Rio de Janeiro und Funchal“. Geschrieben wurde dies allerdings im Jahre 1927, als die profanen Hafenanlagen, die heute einen Teil des Blickfeldes einnehmen, in ihrer jetzigen Dimension offenbar noch nicht existierten …
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Apropos Pousada: Die Idee, längst verlassene historische Gemäuer – Burgen, Schlösser, Klöster, Kirchen, Paläste – nicht endgültig dem dadurch zwangsläufig einsetzenden Verfall anheim zugeben und stattdessen in Herbergen gehobenen und gehobensten Standards zu verwandeln, kam in den 1920er Jahren in Spanien auf. 1928 öffnete der erste Parador, wie dieser Hoteltyp seither dort genannt wird, seine Pforten. Die historischen Fassaden der Bauwerke blieben erhalten, die luxuriöse Innenausstattung und spätere Modernisierungen erfolgten auf dem Level ihrer jeweiligen Zeit. In Spanien werden aktuell 99 Paradores betrieben und einer in Portugal.
Im Übrigen hatte man dort die Idee der touristischen Umwidmung historischer Bausubstanz ab 1942 ebenfalls aufgegriffen. Diese Edelunterkünfte heißen Pousadas. 41 davon gibt es auf dem portugiesischen Festland, zwei auf den Azoren und seit 2005 auch eine in der alten Hauptstadt (bis 1763) der ehemaligen portugiesischen Kolonie Brasilien, in Salvador da Bahia.
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Vom Monte Santa Luzia an den Rand des historischen Zentrums von Viana do Castelo gelangt man seit über 100 Jahren ganz bequem mit einem Funicular, einer Standseilbahn, deren obere Station sich unmittelbar neben der Wallfahrtskirche befindet und die tagsüber alle 15 Minuten verkehrt. Auf halber Strecke begegnen sich die kleinen Kabinen, die über lediglich elf Sitzplätze verfügen. Kurz hinter der Begegnungsstelle, bergab linksseits, ein botanisches Hightlight – ein (Anfang Mai) über und über blühender Rhododendron. Doch nicht in der üblichen Strauchform, sondern als ausgewachsener Baum.
Und Viana do Castelo selbst? Der Ort zähle „zu den schönsten Städten Nordportugals“, heißt es auf visitportugal.com: „Viana besticht durch prächtige Paläste, Kirchen und Klöster, Brunnen und Wasserspiele […].“ Uns bleibt manches davon verborgen, doch das mag dem Sachverhalt geschuldet sein, dass wir an einem unangenehm stürmischen und zudem verregneten Tag durch die Gassen und über die Plätze der Altstadt streifen.
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Für die Weiterfahrt nach Amares, zu unserem nächsten Übernachtungsort, wählen wir die Strecke über Barcelos und Braga.
Unterwegs sind die Fernverkehrsstraßen gesäumt von ausgreifenden Wäldern hoher, aber recht dünnstämmiger Bäume mit länglich sichelförmigen Blättern. Unverkennbar – Eukalyptus. Die Online-Recherche gleich unterwegs ergibt: Die Einführung der Australier erfolgte bereits im 18. Jahrhundert aus maßgeblich wirtschaftlichen Gründen, als Rohstoff für die Papierindustrie. Das rasch wachsende Gehölz kann bereits nach acht bis zehn Jahren verarbeitet werden. Heute seien zehn Prozent des Landes mit Eukalyptus bewachsen.
Das kann nicht unproblematisch sein, denn die Pflanze ist ein Wassersäufer, was in niederschlagsarmen Gebieten schon mal den Grundwasserspiegel absenken kann. Das hatten wir im vergangenen Jahr auf Sizilien erfahren (siehe Blättchen 11/2025 [1]). Und im Hinblick auf Waldbrände, von denen auch Portugal regelmäßig heimgesucht wird, wirkt Eukalyptus wegen seiner leicht entflammbaren ätherischen Öle geradezu als Brandbeschleuniger.
Erster Zwischenstopp – Barcelos, eine Kleinstadt mit knapp 9000 Seelen. Schon auf der Einfallstraße begrüßt die überdimensionierte Skulptur eines Hahnes die Ankömmlinge; in der Stadt begegnet uns das Tier noch mehrfach. Die zugehörige Legende besagt: In (bereits christlicher) grauer Vorzeit beteuerte ein zum Tode Verurteilter gegenüber seinem Richter, der bei dieser Gelegenheit befremdlicher Weise nicht Recht sprach, sondern mit Gästen tafelte, seine Unbescholtenheit mit den Worten: „So sicher, wie ich unschuldig bin, so sicher wird auch dieser Hahn [der, gebraten, zum Verzehr auf der Tafel stand – A.M.], krähen, wenn ich gehenkt werde.“ Natürlich verlachte man den Delinquenten und ließ ihn zum Richtplatz führen. Da erhob sich das Tier von der Vorlegeplatte und hub zu krähen an …
Zum historischen Stadtkern von Barcelos gehört die Igreja (Kirche) Matriz de Barcelos aus dem vierzehnten Jahrhundert. Etwas düster im Inneren, aber reich dekoriert mit christlicher Ikonographie an den Wänden – durchweg Azulejos, also Bilder, die aus quadratischen, glasierten Keramikfliesen zusammengesetzt sind; hier in jenem charakteristischen Blauton, den man vielerorts in Portugal antrifft. Dieses Blau ist mindestens seit 1520 nachgewiesen. Es wurde ursprünglich aus Kobaltpigmenten hergestellt, die im Grenzland zwischen Sachsen und Böhmen gewonnen wurden.
Weiter geht es nach Braga, einem Kleinod unter den Städten Nordportugals; eine Römergründung aus dem Jahre drei nach Christus und heute mit knapp 180.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes.
Wir sind an einem Montag hier. Quirliges Treiben in der von zahlreichen gut erhaltenen Barockbauten sakraler wie profaner Bestimmung geprägten Altstadt. Die Straßen sind bevölkert von Gruppen junger Erwachsener in strengen schwarzen oder in eher legeren gelben Trachten. ChatGPT meint: „Das sind wahrscheinlich Studierende der Universidade do Mintho im Rahmen der Festwoche ‚Enterro da Gata‘ […]. In Braga finden diese Feiern, bei denen Studierende ihren Abschluss begehen, traditionell Anfang/Mitte Mai statt – mit Umzügen, Musik, Serenaden und sehr viel Straßenleben.“
Von Ferne erhaschen wir einen Blick auf das kuriose Fußballstadion der Stadt – ihm fehlen die Fan-Kurven, weil es an einem Spielfeldende direkt bis an eine steile Felswand heranreicht. Wenige Tage vor unserer Ankunft war Sporting Braga im Halbfinale der UEFA Europa League gegen den FC Freiburg gescheitert.
Später am Tage – Ankunft in der Pousada Convento de Santa Maria do Bouro in Amares, früher ein Benediktinerkloster von einschüchternden Ausmaßen, dessen Ursprünge im zwölften Jahrhundert liegen, das aber bereits im neunzehnten aufgegeben wurde. Hotel seit Ende der 1990er Jahre und 2024 zu „Europe’s Most Romantic Resort“ bei den World Travel Awards gewählt.
Teil I dieser Reisenotizen ist im Blättchen 10/2026 [2] erschienen.