Die historische Begegnung zwischen Kaiser Napoleon und dem österreichischen Außenminister Clemens Wenzeslaus von Metternich am 26. Juni 1813 im Dresdener Palais Brühl-Marcolini rechnet zu den beliebten Erzählungen über die politische Geschichte der Kriege gegen Napoleon. Das Stück eignete sich bestens zu einem ein hochdramatischen Kammerspiel und ist mehrfach bühnenreif inszeniert worden.
Offiziell ging es um die Kriegslage, nachdem Napoleon 1812 in Russland gescheitert war und russische Truppen befreiend und erobernd über ihre Reichsgrenzen nach Westen vordrangen. Metternich wollte zwischen Napoleon und den antinapoleonischen Alliierten im Sinne eines Machtausgleichs vermitteln und Österreich dabei eine neutrale Führungsrolle im Nachkriegseuropa sichern. Die Herren konferierten neun Stunden lang ohne Unterbrechung, ohne Speis und Trank, ohne jedweden Mitwisser und hinter verschlossenen Türen. Sie hüteten die Deutungshoheit über die Inhalte und Aussagen ihres Dialogs. Einige markante Sätze gaben sie preis , zum Beispiel:
Napoleon: „[…] Sie wollen also den Krieg? […].“
Metternich: „Krieg und Frieden liegen in der Hand Eurer Majestät […]. Heute können Sie noch Frieden schließen, morgen dürfte es zu spät sein […].“
Napoleon: „[…] Nimmermehr! Ich werde zu sterben wissen, aber ich trete keine Handbreit Bodens ab. Eure Herrscher, geboren auf dem Throne, können sich zwanzigmal schlagen lassen und doch immer wieder in ihre Residenzen zurückkehren; das kann ich nicht, ich, der Sohn des Glücks! Meine Herrschaft überdauert den Tag nicht, an dem ich aufgehört habe, stark und folglich gefürchtet zu sein […]. Ich bin im Felde aufgewachsen, und ein Mann wie ich schert sich wenig um das Leben einer Million Menschen.“
Am Ende soll der korsische Eroberer gesagt haben: „Es kann mich den Thron kosten, aber ich werde die Welt in ihren Trümmern begraben.“
Metternich soll erwidert haben: „Ihr seid verloren, Sire. Ich ahnte es, als ich herkam; nun weiß ich es.“
Das ist keine Sternstunde Europas gewesen. Zwei Welten standen einander feindlich gegenüber und eine dritte kam hinzu. Dem Treffen in Dresden waren seit dem 10. Juni Verhandlungen in dem böhmischen Schloss Opočno vorausgegangen. Daran nahmen Metternich, der russische Kaiser Alexander I., Preußens König Friedrich Wilhelm III. und der preußische Staatskanzler Karl August von Hardenberg teil. Einen Tag nach dem dramatischen Auftritt in Dresden wurde im schlesischen Reichenbach eine Konvention unterzeichnet, die Österreich mit den Alliierten verband.
Die Dokumente über die Konferenz in Opočno erlauben einen tieferen Blick in die Ereignisse, als es die erhabenen Schlagworte des taumelnden Napoleon erlauben.
Am 20. Juni 1813 erteilte Zar Alexander I. seinen Schwestern, den Großfürstinnen Maria und Katharin Pawlowna, den nicht miss zu verstehenden Befehl, Metternich zu bestechen! Alexander schrieb an Katharina: „Ich bedaure, dass du mir noch nichts über Metternich gesagt hast und darüber, was notwendig ist, um ihn ganz für uns zu haben; ich verfüge über die notwendigen Mittel, du brauchst also nicht zu sparen.“ Er schickte 1700 Dukaten und ermunterte sie, mit der von ihr eingeschlagenen Taktik fortzufahren, weil diese die sicherste von allen sei. Welche Taktik er damit meinte, verschwieg der Kaiser, aber es ist leicht vorstellbar, dass sich Metternich gegenüber den Reizen einer schönen Frau und deren gut gefüllter Börse nicht gleichgültig verhalten hat.
Natürlich ist dessen Position in Opočno nicht einfach gewesen. Der russische Druck auf den österreichischen Außenminister, der keine wohlwollende Haltung zu Russland einnahm, war groß. Joseph von Hudelist, österreichischer Staatsrat, schrieb in jenen Tagen an Metternich: „Euer Exzellenz mögen in Opočno einen harten Stand gehabt haben, einer gegen so viele, worunter noch ein paar so schöne und gefährliche Damen wie die beiden Großfürstinnen waren, die durchaus nichts von Frieden wissen wollen.“ Briefe Alexanders belegen es: Opočno bildete für Katharina keinen Einzelfall. Die Großfürstin übte sich in der Kunst listenreicher und galanter Bestechung oft und fleißig.
Sie konnte sich anmutig verstellen und Männer umgarnen. Und es gab genügend einflussreiche Menschen, die den Kontakt zu ihr suchten und wissen wollten, welche weiteren Pläne das russische Kaiserhaus bei dem in Mitteldeutschland auf und ab wogenden Krieg verfolgte.
Katharina Pawlowna galt selbst kritischen Menschen, wie dem Freiherrn vom Stein, den sie in Prag traf, oder Goethe, mit dem es in Teplitz zu einer Begegnung kam, bei allen höflichen Komplimenten primär als politisch engagierte und zielstrebige Frau.
Im Sommer 1813 begann Metternich, seine Fäden für die Nachkriegsordnung zu spinnen. Russland sollte zwar die Last des Krieges tragen, er gönnte Alexander auch den militärischen Ruhm eines Befreiers. Aber die künftige politische Gestaltung Deutschlands und Europas sollte Russland nicht als die stärkste Kontinentalmacht sehen. Katharina kannte dagegen nur ein Ziel: Der heldenhafte Bruder sollte die Rolle des christlichen Befreiers in Europa spielen und Russland seine Macht bis an den Rhein ausweiten. Sie selbst wiegte sich in der Illusion, als künftige Kaiserin Katharina III. an der Spitze Russlands zu stehen. In Russland beantwortete der brüderliche Zar gewöhnlich ihre selbständigen Handlungen oder Worte mit dem vernichtenden Satz: „Sie redet wie ein Weib.“ und zeigte ihr die Geste des Halsabschneidens. Katharina musste ihr ersehntes Herrscherglück schließlich in Europa suchen. Als sie es endlich gefunden zu haben glaubte, erpresste sie ihren Bruder: „Wenn du mich nicht gehen läßt, wirst du mich niemals los.“ Konfrontiert mit dieser Perspektive entschied sich Alexander: Er entließ sie nach Württemberg.
Der Weg dorthin führte immer wieder zu Duellen mit Metternich. In den Monaten zwischen der Völkerschlacht bei Leipzig und dem Ende des Wiener Kongresses, zwischen 1813 und 1815, hatte die Heiratspolitik generell ihre Hochkonjunktur, weil die geopolitischen Karten auf dem Kontinent neu gemischt wurden. Wer würde Europa künftig dominieren: Russland, Österreich, England …?
In ihren Briefen berichtete Katharina dem Bruder in jener Zeit wiederholt über Männer, die sie aus den unterschiedlichsten machtpolitischen Gründen als potenzielle Aspiranten für eine neue Ehe prüfte, nachdem Prinz Georg von Oldenburg, ihr erster Ehemann, 1812 gestorben war. Zu den Anwärtern gehörten unter anderem der Herzog von Cambridge, ein Prinz von Preußen und der Erbprinz der Niederlande sowie der ihr von Alexander empfohlene Erbprinz von Nassau und der Herzog von Clarence. Am Ende konzentrierte sich die Wahl 1814 auf zwei Kandidaten, den Erzherzog Karl von Österreich und den Kronprinzen Wilhelm von Württemberg. Beide standen in dem Ruf, ausgezeichnete Feldherren zu sein und an die Spitze eines künftigen deutschen Bundesheeres treten zu können.
Im Herbst 1813 trieben die Koalitionäre Napoleons Truppen immer weiter in Richtung Paris zurück, bis der im April 1814 kapitulierte, zurücktrat und auf die Insel Elba verbannt wurde. Katharina entschied sich für den Württemberger Kronprinzen! Was folgte ist keine Legende und kein Erfindung. Es passt sich in das Sujet der großen Oper ein.
Als die Monarchen der Siegermächte im Juni 1814 von Paris zur Triumphparade nach London eilten, passte Katharina den mit einer bayrischen Prinzessin verheirateten Kronprinzen in Portsmouth ab, zog ihn in eine Hafenkneipe und vergewaltigte ihn buchstäblich. Was sagt man dazu: Zwei Jahre später trugen sie als verheiratetes Königspaar die Krone Württembergs. Wilhelm klagte, es sei ungerecht, sein ganzes Leben für den Rausch eines Augenblicks büßen zu müssen. Doch Katharina, die verhinderte russische Zarin, starb bereits 1819.
Metternich interessierte das nicht mehr. Das große europäische Donnergrollen war vorüber. Der listenreiche Metternich war der lachende Sieger. Gestützt auf das Haus Habsburg hatten die alten europäischen Monarchien zwei Ziele erkämpft. Die vom revolutionären Frankreich entfesselte gewaltsame geopolitische Neuordnung Europas war gescheitert und das autokratisch beherrschte Russland wurde in seine eigenen Grenzen verwiesen.
Doch schon drei Jahrzehnte später schlug Europa ein neues Kapitel seiner Geschichte auf und auch ein Metternich wurde in der Revolution von 1848 von den Bürgern aus Wien verjagt.