Die Turmboheme. 1982 entkomme ich nach Leipzig, entronnen einem Berufsverbot einer abertumben Provinzbonzin, ergattere ich einen Halbtagsjob, damit ich – im Sozialismus gilt noch der Asozialenparagraph (§249 des StGB der DDR) – nicht einfahren muss wegen Nichtstun.
Ich lese in der Pförtnerloge, viel ist da ja nicht zu tun, Kurt Tucholski und andere aus den goldenen 1920er Jahren. Roda Rodas Satiren. Erich Mühsams Revoluzzerballaden. Im Klub Mühlstraße spielt Hubertus Schmidt mit Diddi Vogt das Morgensternprogramm. Ich muss Christian Morgenstern nicht mal selber lesen – er wird serviert. Bertolt Brechts Ballade von der sexuellen Hörigkeit – Susanne Grütz als Protagonistin. Es fließt einem zu. Dazu Erich Kästner. Helga-Maria Novak. Eigentlich verboten. Nicht in Leipzig. Wladimir Majakowski im Poetischen Theater in einer Inszenierung von Michael Hametner. Es geht Schlag auf Schlag: Schmidt/Grützs Piratenprogramm, Grasshoff/Wollenbergs Dichterprogramm: Man darf schon wieder Stiefel vor die Türe stellen. Sie werden nicht geklaut! Verse satt! Judy Lybkes Premiere als Mime. Judys erste Galerie. Im „Kabasurden Abrett“ gibt’s einen Zwieback als Eintrittskarte. Corinna am Einlass beißt ein Eckchen ab. Konstatin Wecker spielt in der Kongresshalle auf einem gläsernen Flügel. Oder ist es Meißner Porzellan?
Yehudi Menuhin im Gewandhaus. Michael Schönheit an der Orgel. In der Poetenboheme im Turm, gleich hinterm Hauptbahnhof, Mitte der 1970er, liest Thomas Böhme aus dem Laternenmann – seiner Untergrundzeitschrift. Herbert Ulrichs Graswurzelinspirationen, ebenfalls ein Samisdat, mit Gedichtübersetzungen von Rafal Wojaczek, trudeln aus Lublin ein. Wenn Uwe Lammla, der Reimpoet aus der Südprovinz, beginnt, seine Endlospoeme aus dem Kopf zu rezitieren, wird der Abend lang. Er mischt sie mit Friedrich Ludwig Klopstock. Wir stopfen ihm das Wort.
Wolfgang Hilbig glänzt mit Anwesenheit. Adolf Endler residiert dort, schreibt einen Schelmenroman und gibt den Jungpoeten joviale Ratschläge. Neben ihm wohnt Volker im Harnisch. Das Chamäleon Sascha Anderson lässt sich nicht abweisen. Rolf-Dieter Brinkmann fehlt, dafür kommt Hans Brinkmann. Sie haben sich gegenseitig unter den Tisch gebechert. Einer blieb liegen.
Im Turm – jede Woche eine Lesung auf der Leiter. Mit scheuem Schulterblick ins Nirvana. In die Ewigkeit des idealen Gedichtes. Lyrik, so frisch wie dampfender Kaffee. Jedes Yota gefühlt. Und analysiert. Die Literatur drückt uns an ihre üppige Mutterbrust. Sie ist unendlich gütig! Vor allem, wenn man einen Giftschein hat für die Deutsche Bücherei.
Ulrich Berkes, der Prosagedichteschreiber, wird gefragt, was ein Prosagedicht sei. Er murmelt selbstverloren: „Ich weiß nicht, was ein Prosagedicht ist.“ Zeitschriften wie Sinn und Form liegen auf’m Klo anstatt der obligaten Rolle. In Gert Neumanns Untergrundblatt Anschlag werden die nächsten Anschläge geplant. Poetisch, versteht sich. Papier für Antiliteratur und Kritzelgrafik. Für eine gewisse Behörde die Grundlage ihrer Existenz.
Die Folkländer machen Straßenmusik für Honorar. Tippelklimper macht Straßenmusik für Geld im Hut. Jochen Läßig macht Straßenmusik für einen Haftbefehl. Erich Loest sitzt noch im Westen fest und wartet, dass er wieder in die Ostzone darf. Hans Mayer ebenso. Wenigstens eine Vorlesung noch! Cäsar von „Renft“ (Peter Gläser) wird noch ausreisen und auch wiederkommen.
Im Arabischen Coffe Baum, erster Stock, hocken die Gedruckten in ihrer Verbandshöhle mit unendlicher Langeweile und sagen sich weniger als gar nichts. Der Literaturpapst thront auf den einsamen Höhen eines Balkons am Stadtrand im sozialistischen Neubaublock und päpstelt vor sich hin. Je schlechter seine Gedichte werden, desto mehr behängen sie ihn mit Lametta. Seine Ideen gewinnt er aus Eiszapfen, die über ihm wachsen. Er mutiert zum Weihnachtsbaum. Christoph Biller wartet noch ein paar Jährchen, dann wird er Thomaskantor. Sein Lieblingspoet – unser Szene-Sonettschreiber Andreas Reimann.
Leipzig war die lebendige Version von Charles Bukowskis Band „Gedichte vom südlichen Ende der Couch“.
Irgendwie geriet ich dazwischen. Im Klub Mühlstraße bot mir Judy Lybke eine eigene Reihe an. Ich sollte Liedermacher und Poeten vorstellen. Leider war ich viel zu frisch in der Stadt. Wen kannte ich schon? Das habe ich später auf eine andere Weise nachgeholt: mit einer Sendereihe. Wer irgendwie auffindbar war und wollte, den holte ich ins Sendestudio: Sänger, Vielschreiber, Komponisten. Das war intensiv. Wen ich nicht genau kannte von den hunderten Auftritten aus den 1980ern, auf den bereitete ich mich vor. Text- und Musikanalysen. Mal mit dem Zeigefinger rumstöbern. Was steckt dahinter? Und davor? Wenn man hunderte Konzerte von Leuten wie von Czeslaw Niemen, Victor Shalkevich und Silvio Rodriguez gehört hat, gibt es irgendwann einen Bodensatz, auf den man sich verlassen kann.
Das kulturhistorische Phänomen „Leipziger Liederszene“ ist einzigartig – es existierte nur 15 Jahre lang: von 1975 bis 1990. Inzwischen gibt es einen gleichlautenden Verein, einen echten Evau, von Forstand, Forsatz und Vinanzkontrolle, aber je genauer ich hinschaue, desto mehr wundere ich mich, dass sie sich die Singeklub- und Hootenanny-Bewegung als Vorbilder kaschen, so, als müssten sie unbedingt einem Kollektiv beitreten. Ein Kritiker mahnte mich schon: Die Individualisierung sei heute so vortgeschritten, dass das fielleicht gar nicht so dumm sei. Ich beharre darauf, skeptisch sein zu dürfen. Denn mit der Entsorgung der Vergangenheit, in diesem Fall die Erinnerung an dieses Phänomen, öffnet man das Tor zur Wiederholung der Geschichte.
Die Freiheit des Wortes. Uns ging es um die Freiheit des Wortes und die ist inzwischen von den Meldestellen-Piranhas ordentlich angeknabbert. Die Liederszene der 1980er hatte darauf eine Antwort gefunden: Wie geht man in einer Diktatur mit dem Wort um? Wie widersteht man dem Stalinismus? Heute scheint mir, ist die Frage: Wie unterwirft man sich. Unauffällig.
Auch die Bündelung von Kompetenz – vom Poeten Reimann über den Eisler-Preisträger Walter Thomas Heyn, Regie-Genie Bela Danc und Szeneguru Bernreuther (Bernreuther – mal’n Tipp: auf Wikipedia zu finden auf Deutsch und Englisch und auf Grokipedia ebenfalls).
Das war meine Familie. Wir mochten uns. Wir liebten uns sogar, sagte Ines Krautwurst rückblickend. Anstatt Ausgrenzung wie FLINTA gabs Solidarität. Ja klar, jeder wollte besser sein. Wir sangen um die Wette. Aber jeder war anders. Wenn ich kein Geld hatte (das kam immer mal vor), wusste ich, zu wem ich gehen konnte. Mal wars ein Frühstück. Mal ’ne gute Flasche Wein. Mal die Knete für ein Poster. Ich musste nur einen Spaziergang vom Ring in die Innenstadt machen, da traf ich mindestens fünf Bekannte.
Gabs ein Tonband in den Westen zu schmuggeln für eine LP, machte das Heinz-Martin Benecke. Odwin Quast saß im Bachstübl. Reimann im Maitre. Im Studentencafé Barbakane traf ich Mirko, der erklärte, Schnaps sei vegan. Mirko war damals schon genial. Prost! In der Deutschen Bücherei las Peter Geist. Bis spät. Später saß er in der Akademie der Künste und dirigierte die Versmaße. Das Fotolabor für die Vervielfältigung der Werbekarten war in Petra Lux’ Kammer. Gleich im Haus neben Cäsar. Der ließ seine Vierspurmaschine schnurren – ich nahm bei ihm auf. Er drehte die Regler. Die nahezu vollständige Liste mit den 1500 Veranstaltern des Landes borgte Hubertus: „Musste abschreiben.“ Dazu taugte meine Erika-Schreibmaschine. Von 100 verschickten Werbekarten (A6) konnte ich 30 Verträge unterschreiben: Mugge Mugge Mugge. Es wurde ein Selbstläufer.
Reingeraten in die Szene bin ich 1982. Da lief sie in voller Fahrt. Es raste einem Höhepunkt zu. Es war mehr als eine Ansammlung von Formen, Inhalten, Personen und Instrumenten. Jeder konnte sein Leben gestalten – und das in einer Diktatur. Die Freiräume dafür bot diese Szene. Mit Odwin und den anderen. Mit Hubertus, der keinen Futterneid hatte auf die wirklich vorhandene Konkurrenz, und Lehrern, die ich heute noch verehre. Möge das ein Vorbild sein auf Zeiten, die intolerant werden. Dem einen zu gönnen und dem anderen nicht zu nehmen.
1990 hätten wir die Szene in einer langen Prozession zu Grabe tragen sollen. Nun, sie ist allmählich verschieden. Sacht und beinahe nebenbei. Unbemerkt. Mit dem Sensenmannbild [1] von Hubertus kann man das gut ins Gedächtnis scannen. Aber wichtiger vielleicht ist parallel dazu die lebendige Erinnerung an all die Individualität, den Reichtum und die Geradlinigkeit der Beteiligten in einer buckligen Zeit.