„Feine Herrschaft“ – eine gemeinsame Ausstellung von Jonathan Meese und Neo Rauch in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben.
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In einem kleinen Film bringt es Neo Rauch selbst auf den Punkt. Was den Besucher der aktuellen Ausstellung in Aschersleben in einer Mischung aus Neugier und Bedenken bewegen mag, ist die schlichte Frage, ob und wie die beiden Premium-Künstler Neo Rauch und Jonathan Meese überhaupt zusammenpassen. Beide präsentieren unter dem Titel „Feine Herrschaft“ mit insgesamt 68 Lithografien, Zeichnungen und Arbeiten in Öl auf Papier nicht nur eine zusammengestellte Werkauswahl, sondern sogar zwei echte Gemeinschaftsarbeiten.
In seiner geschliffenen, beim Denken verfertigten Hochglanz-Rhetorik spricht der in Leipzig arbeitende Maler und Grafiker Rauch im Hinblick auf diese künstlerische Begegnung von offenkundigen „Diametralitäten“. Auf den ersten Blick dominieren die tatsächlich.
Der Superstar der sogenannten Neuen Leipziger Schule ist nach eigenem Bekunden ein eher stiller Atelierarbeiter. Er hat sich in der Stadt seiner Kindheit, in Aschersleben, mit der Grafikstiftung ein Refugium für seine (vor allem graphische) Kunst geschaffen. Die wechselnd gezeigten Arbeiten sind dort nicht nur der Hingucker. Sie entfalten ihre Wirkung in einer Ruhe, die sich nur abseits des Kunstmarktrummels um sein Werk entfalten kann.
Jonathan Meese ist diesmal der Ausstellungsgast, quasi daheim bei Neo Rauch. Meese seinerseits ist keiner von den Stillen. Im Gegenteil. Er ist einer, der sich als Multitalent sieht und immer selbst im Zentrum eines von ihm schillernd forcierten Gesamtkunstwerkes lebt. Mit großer Geste („Diktatur der Kunst“) und flotten Sprüchen, auf Bühnen improvisierend. Bis vor kurzem immer zusammen mit seiner Mutter. Die Trauer über den Tod der mit 97 Jahren Verstorbenen fasst er in dem Großformat „Trost ist kein Trost“ in Wort und Bild. Seine „Erzmami“ gehörte zu seinem Universum, in dem Kunst Leben bedeutet.
Den meisten seiner Bilder sieht man das Tempo eines Kreativitätsausbruches genauso an, wie die Revolte gegen – nun ja – alle Regeln der Kunst. In seinem Repertoire finden sich aber auch erkennbare (!) Porträts. Von Hegel, Kant oder Nofretete.
Eine Gemeinsamkeit in ihrer Künstlerbiographie haben der 1960 geborene Rauch und der zehn Jahre jüngere Meese aber doch. Und die hat mit Richard Wagner zu tun. Die Einladung an Neo Rauch und seine Frau Rosa Loy 2018, für die Bayreuther Festspiele einen „Lohengrin“ auszustatten, machte aus dieser Inszenierung einen Neo-Rauch-Lohengrin. Mit Messe war 2016 ein dort geplanter „Parsifal“, wohl wegen dessen Maximalismus, nicht zustande gekommen. Mit kindlichem Künstlertrotz machte er ein Jahr später daraufhin in Wien und Berlin einen eigenen „Mondparsifal“, den auch der eine oder andre Wagnerianer nicht versäumte …
Im Atelier, mit dem Pinsel in der Hand und den jeweils anderen respektvoll freundschaftlich vor Augen kamen beide offenbar gut miteinander klar. Es macht überraschenderweise sogar Spaß zu sehen, wie sie sich nicht nur gegenseitig ins Bild gesetzt, sondern auch welche gemeinsam hervorgebracht haben. Ein limitierter Gag, aber einer, der ästhetisch funktioniert. Wohl vor allem, weil sich die Kunst-Universen der beiden im selbstbewusst Spielerischen treffen und miteinander korrespondieren. So wie beim Titel der Schau „Feine Herrschaft“, hinter dem sich (von Neo Rauchs rhetorischer Eleganz geglättet) allemal das verbirgt, was bei Jonathan Meese zumeist „Diktatur der Kunst“ heißt. Oder offensichtlich, ohne spekulierende Umwege, auf dem gemeinsam geschaffenen Plakat zur Ausstellung: „Empfangsvolker“. Da stehen sich zwei Gestalten Auge in Auge gegenüber. Meese in der unverkennbaren Handschrift von Neo Rauch und Rauch mit dem gröberer Pinselstrich von Jonathan Meese.
„Feine Herrschaft“. Die Ausstellung in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben läuft noch bis April 2027; weitere Informationen im Internet [1].