Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
[…]
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.
Bertolt Brecht, An die Nachgeborenen, 1939
Helmuth Kiesel, emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Heidelberg, hat sein literaturgeschichtliches Meisterwerk vollendet. Nach einer Geschichte der deutschsprachigen Literatur von 1918 bis 1933 (2017) präsentiert er nun die Fortsetzung für die Zeit von 1933 bis 1945. Bemerkenswert ist, dass dieser elfte Band der im C.H. Beck Verlag erscheinenden „Geschichte der deutschen Literatur“ erstmals einen metaphorischen Zusatztitel trägt: „Schreiben in finsteren Zeiten“.
Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass die seit 1949 wachsende und auf zwölf Bände konzipierte Literaturgeschichte erst 76 Jahre später mit dem bislang fehlenden letzten Band abgeschlossen wurde. Das Buch über die Zeit von 1945 bis zur Gegenwart wurde bereits 1994 vorgelegt und 2006 bis zur Jahrtausendwende erweitert.
Das interessierte Publikum kann nun den Teil über die kürzeste Zeitspanne (12 Jahre) lesen, der zugleich der mit 1392 Seiten umfangreichste ist. Allein das Inhaltsverzeichnis umfasst 14 Seiten.
Um dieses Buch in vollen Zügen zu genießen, benötigt man Zeit und Konzentration, die aber mit geistigem Wohlbefinden und ebensolchem Gewinn belohnt werden. Es ist nicht notwendig, das Buch von Anfang bis zum Ende linear zu lesen, obwohl dies durchaus möglich ist. Dank des gut gegliederten Inhaltsverzeichnisses kann man auch nach persönlichen Interessen von Punkt zu Punkt springen. Die profunde Einleitung und der Epilog sollten jedoch unbedingt durchgesehen werden.
Kiesel bezeichnet die Zeit zwischen 1919 und 1933 als „Blütezeit der deutschsprachigen Literatur“. Die zwölf Jahre unter dem Hakenkreuz, die folgten, belasteten die Autoren jedoch derart mit politischen Fragen und Anforderungen, Zwängen und Nöten, dass die Wahrung literarischer Qualitäten und die Weiterentwicklung narrativer, dramatischer und lyrischer Ausdrucksformen erheblich erschwert wurden, das literarische Schaffen überhaupt in Frage gestellt wurde. So bezweifelte beispielsweise Hermann Broch bereits im Mai 1933 – nicht als Einziger –, ob „Dichten heute noch eine legitime Lebensäußerung“ sei.
Traditionell konzentrieren sich Literaturgeschichten auf die Geschichte der Gattungen Epik, Lyrik und Dramatik. Kiesels neuer Band weicht jedoch von diesem Ansatz ab, da er im Gegensatz zu seinem Vorgängerband keine bedeutenden Innovationen sieht, die das Erscheinungsbild der Gattungen stark verändert hätten. Die künstlerische Moderne in jeder Form stieß ab 1933 auf Grenzen. Dies war wahrscheinlich auf Hitlers „Kulturreden“ und Kampagnen gegen „entartete Kunst“ im deutschen Reich sowie auf die Expressionismus-, Formalismus- und Realismusdebatte zurückzuführen, insbesondere im Moskauer Exil. Folglich waren Modernität und Avantgardismus in verschiedenen Regionen diskreditiert.
Kiesels Buch folgt einem gesellschaftsgeschichtlichen Ansatz für die Literaturgeschichtsschreibung. Er betont die Bedeutung von Politik-, Sozial-, Kultur- und Mediengeschichte neben rein literarischen Aspekten. Sein Ziel ist es, die komplexe Beziehung zwischen Literatur und Politik in all ihren Dimensionen anhand repräsentativer Texte aufzuzeigen. Kiesel stellt dieses Konzept in der Einleitung seines Buches eloquent vor und setzt es in seinem gesamten Werk bemerkenswert gut um. Seine Literaturgeschichte kann auch als allgemeines Geschichtsbuch gelesen und verstanden werden.
Die „Reichsschrifttumskammer“, ein wahrhaft sperriges Wort, zählte 1942 über 10.000 hauptberufliche Autoren zu ihren Mitgliedern. Die Gesamtzahl der literarisch Tätigen wird auf etwa 20.000 geschätzt, die der emigrierten Schriftsteller und Publizisten auf rund 2.500. Allein in Deutschland erschienen bis 1939 jährlich etwa 4.000 Titel. Dazu kamen die literarischen Produktionen in den deutschsprachigen Ländern sowie im Exil. Kiesel verwendet und begründet den Begriff „deutschsprachige Literatur“, um die Literatur der Deutschschweizer, der Österreicher, der deutschstämmigen und deutschsprachigen Minderheiten in den Nachbarländern sowie die in deutscher Sprache verfasste Literatur jüdischer Autoren mit unterschiedlichen Staatsangehörigkeiten einzubeziehen. Betont wird die sprachliche und kulturelle Zusammengehörigkeit, ohne die politischen und kulturellen Unterschiede zu verschweigen.
Ab dem Jahr 1933 mussten viele der renommiertesten Autoren Deutschland verlassen. Kiesel widmet der Exilliteratur in seiner Literaturgeschichte einen bedeutenden Teil, da er – zu Recht – die bedeutendsten literarischen Werke dieser Zeit (wie die von Thomas Mann, Alfred Döblin, Hermann Broch oder Bertolt Brecht) als unter „materiell schwierigen, aber geistig freien Bedingungen des Exils“ entstanden betrachtet. Die binnendeutsche Literatur war zwar umfangreicher, erreichte aber nicht die gleiche Qualität wie die beste Exilliteratur. Dennoch wird sie ebenfalls ausführlich behandelt. Die „komplette Unterhaltungsliteratur (einschließlich der Kriminalromane)“ bleibt in dieser Literaturgeschichte jedoch unberücksichtigt.
Kiesel widerspricht ausdrücklich Thomas Manns harscher Kritik in einem Brief an Walter von Molo aus dem Oktober 1945, der im Augsburger Anzeiger veröffentlicht wurde. Darin erklärte Mann, dass alle Bücher, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gedruckt wurden, „weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen“ seien und einen „Geruch von Blut und Schande“ hätten, der sie zur Vernichtung verurteile. Was Thomas Mann dabei wohl nicht bedacht hat, ist, dass die ersten beiden Teile seiner Joseph-Tetralogie noch im Oktober 1933 und im Frühjahr 1934 in seinem Hausverlag S. Fischer in Berlin erschienen waren.
Kiesel lehnt für sein wissenschaftliches Buch eine Damnatio memoriae ab, die in der Vergangenheit durchaus in literaturgeschichtlichen Texten vorkam. Er unterscheidet in der deutschsprachigen Literatur vier Kategorien: Literatur von Nazis, Literatur von Feinden der Nazis, Literatur von unpolitischen Autoren und Literatur von unentschiedenen Autoren.
Trotz der faschistischen Herrschaft in Deutschland bot das Bücherangebot eine bemerkenswerte Vielfalt und sprach ein breites Spektrum von Leserinteressen an. Rund 350 Titel erreichten eine Auflage von mindestens 100.000 Exemplaren. Zu diesen Titeln gehörten populäre Sachbücher wie Karl Aloys Schenzigers „Anilin“, NS-Propaganda-Schrifttum wie Adolf Hitlers „Mein Kampf“, Kriegsbücher wie Hans Zöberleins „Der Glaube an Deutschland“, humorvolle und komische Werke wie Ehm Welks „Die Heiden von Kummerow“, moderne Gesellschaftsromane wie Hans Falladas „Wolf unter Wölfen“, nostalgische Heimatliteratur wie Ludwig Ganghofers „Schloß Hubertus“, ausländische Erzählliteratur wie Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“, moderne Klassiker wie Rainer Maria Rilkes „Cornet“, nationalistische Literatur wie Hans Grimms „Volk ohne Raum“ und verschiedene Bücher für den „Frontbuchhandel“. Wie Kiesel zusammenfassend feststellt, „kann von einer Dominanz nationalsozialistischer oder auch nur systemfreundlicher Literatur keine Rede sein“.
Der Autor beleuchtet eindringlich die unterschiedlichen Reaktionen von Schriftstellern auf die Bedrohungen und Zwänge des Nationalsozialismus. Besonders hervorzuheben ist seine Analyse von Gottfried Benn, dessen anfängliche Nähe zum Regime und spätere Distanzierung in einem eigenen Kapitel präzise nachgezeichnet wird. Der Autor bewertet Benns Haltung schonungslos, ohne dabei in vereinfachende Verurteilungen zu verfallen. Ebenso aufschlussreich sind die Passagen über die innere Emigration, beispielsweise zu Ernst Jünger, der sich mit „Auf den Marmorklippen“ in literarischen Chiffren von dem Regime abgrenzte, ohne offen in Opposition zu treten.
Neben solchen Einzelfällen verdeutlicht Kiesel, wie das literarische Feld zwischen Exilliteratur und Propaganda zerrissen war. Er würdigt das Exilschaffen von Autoren wie Anna Seghers, deren Roman „Das siebte Kreuz“ als kraftvolles Zeugnis des Widerstands hervorgehoben wird. Hier zeigt sich eine Stärke des Buches: Es verbindet historische Faktentreue mit literarischer Wertung und vermittelt, welche Werke ästhetisch wie moralisch überdauern.
Der Band behandelt eine Vielzahl von Themen, exemplarisch darunter „Innere und äußere Emigration“, der Pariser „Kongreß zur Verteidigung der Kultur“, „Jüdische Literatur in Deutschland“, der „Spanienkrieg und die Moskauer Säuberungen“ sowie die „Politisierung und Lagerbildung in der Emigration“. Die Neue Weltbühne, die ab 1933 in Prag und später in Paris erschien, und ihre Autoren wie Themen werden immer wieder an verschiedenen Stellen im Buch betrachtet.
Helmut Kiesels monumentales Werk ist ein unverzichtbarer Beitrag zur literaturhistorischen Aufarbeitung der NS-Zeit. Es überzeugt nicht nur durch seine akribische Recherche, sondern vor allem durch die klare Haltung, mit der der Autor die moralischen und ästhetischen Fragen dieser Epoche beleuchtet. Wer zukünftig die Literaturgeschichte der Zeit zwischen 1933 und 1945 studiert, wird auf dieses neue Standardwerk, den „Kiesel“, nicht verzichten können.
Kleine Einzelungenauigkeiten im Personen- und Werkregister sind lässlich. Bedauerlich ist jedoch, dass bei dem gewaltigen Umfang des Buches eine junge jüdische Autorin, wenn auch mit einem kleinen Œuvre, nicht berücksichtigt wurde: Selma Merbaum (Meerbaum-Eisinger – siehe Blättchen 20/2024 [1]). Ihr Cousin Paul Celan hingegen ist vertreten.
PS: Nach einer anfänglichen Irritation beim Lesen fiel dem Rezensenten auf, dass Helmuth Kiesel in seinem Buch durchgängig mit dem guten alten „ß“ schrieb (also daß oder Schloß anstelle von dass oder Schloss), wie es vor der Rechtschreibreform von 1996 üblich war. Und siehe, es war gut so.
Helmuth Kiesel: Schreiben in finsteren Zeiten. Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933-1945, C.H. Beck, München 2025, 1392 Seiten, 68,00 Euro. Dieser Band ist zugleich Band XI der Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, begründet von Helmut de Boor (†) und Richard Newald (†).