Übrigens habe ich dies Buch nicht flüchtig hingeschrieben, wie wohl andre meiner Schriften, sondern lange an den Materialien dazu gesammelt. – Es enthält Resultate aus meinem ziemlich unruhigen Leben unter Menschen mancher Art.“ Das schrieb der Schriftsteller Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr (von) Knigge (1752-1796) über das oben genannte umfangreiche Werk.
Es erschien erstmals im Jahre 1788 und erhielt großen Zuspruch. Allein bis 1796 brachte es das Buch bis zu fünf Auflagen und wurde mehrfach übersetzt. Aus einem Brief Knigges an den Verleger Friedrich Nicolai: „Von meinem Buche über den menschlichen Umgang hat man eine holländische Übersetzung veranstaltet.“ (Over de Verkeering met Menschen) Noch im Jahr der Ersterscheinung liest man: „Der Verfasser hat uns ein Buch geliefert, das für Leser jeden Standes, Geschlechts und Alters zur lehrreichen Lektüre empfohlen werden kann; und das nicht nur wegen seines […] gemeinnützigen, größtenteils edlen Styls, sondern auch wegen der Unterhaltung, die der V. durch so viele wohlgezeichnete Charaktere und Szenen des menschlichen Lebens zu geben gewußt hat.“ – Eine Beurteilung, die gegenwärtig noch Gültigkeit besitzt, was sich beim Lesen rasch herausstellt. Also kein Regulativ für „Benimm“ und ausgeklügeltes gesellschaftliches Verhalten, wie man es heutzutage irrtümlicherweise ausdeutet, eher erlaubt Knigges Schrift Einblicke in soziale, zwischenmenschliche, pädagogische, politische und philosophische Ansichten und Verhältnisse jener Zeit.
Adolph (von) Knigge gliederte sein Werk in drei Teile, welche wiederum Kapitel zu besonderen Themen enthalten. Jedem Teil ist eine Einleitung vorangestellt.
Erster Teil (Kapitel I-III) I: „Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang mit Menschen.“ II: „Über den Umgang mit sich selbst.“ III: „Über den Umgang mit Leuten von verschiedenen Gemütsarten, Temperamenten und Stimmung des Geistes und Herzens.“
Zweiter Teil (Kapitel I-XII) I:„Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.“ Kapitel II: „Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.“ III: „Von dem Umgange unter Eheleuten.“ (Auszug): „Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten, Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack durchaus erfordert werde, um eine frohe Ehe zu stiften. Ich rate […] auch nicht, dass Eheleute alle Geschäfte gemeinschaftlich treiben, sondern daß jeder seinen angewiesenen Wirkungskreis habe.“ Kapitel IV: „Über den Umgang mit und unter Verliebten.“ (Auszug): „Mit Verliebten ist vernünftigerweise gar nicht umzugehen. Außer ihrem Abgotte ist die ganze Welt tot für sie. Man mag übrigens leicht mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören.“
In den nachfolgenden Kapiteln gibt der Verfasser unter anderem Auskunft über den Umgang mit „Frauenzimmern“, Freunden, Lehrern und Schülern, Gläubigern und Schuldnern. – Kapitel XII: „Über das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben.“ (Auszug): „Zum Reisen gehört Geduld, Mut, guter Humor, Vergessenheit aller häuslichen Sorgen, und daß man sich nicht durch kleine widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost und dergleichen niederschlagen lasse.“
Der dritte Teil des „Knigge“, wie man die Schrift inzwischen nennt, beleuchtet in elf Kapiteln die Lebenskreise von „Großen“, Vornehmen und Reichen, Hofleuten und „Geringen“, auch von Geistlichen, Gelehrten und Künstlern und beschreibt das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Leser. Kapitel I: „Über den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen und Reichen.“ (Auszug): „Stimme ihnen nicht bei, wenn sie je vergessen wollen, daß sie, was sie sind, und was sie haben, nur durch Übereinkunft des Volks sind und haben; daß man Ihnen diese Vorrechte wieder nehmen kann, wenn sie Mißbrauch davon machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigentum; sondern daß alles, was sie besitzen, unser Eigentum ist, weil wir dafür alle ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen.“ – Nach diesem Bekenntnis verwundert es nicht, dass Knigge 1790 sein Adelsprädikat ablegte. Ohnehin galt er als ein politisch gefährlicher Kopf. – Kapitel X: „Über das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Leser.“ (Auszug): „Alles, was das Publikum von einem Schriftsteller fordern kann, ist, […] daß er in seinen Werken nichts dazu beitrage, Korruption, Dummheit und Intoleranz zu verbreiten. – Beurteile nicht ein Buch, wenn du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht das Lob und den Tadel unwissender, boshafter und feiler Rezensenten nach.“ – Im Kapitel XI spricht Freiherr Knigge das Schlusswort (Auszug): „Ich habe mit Vergnügen gelesen, daß meine Schrift vom Umgang mit Menschen vielleicht noch lange gelesen wird.“ – Werter Herr Knigge, dafür wird Sorge getragen.
Adolph Freiherr Knigge wurde auf dem Gut Brebenbeck bei Hannover geboren. Er verlor frühzeitig die Eltern. Von 1769 bis 1772 studierte Knigge die Juristerei in Göttingen. Eine Anstellung am hessisch-kasselschen Hofe musste er wegen leichtfertigen Lebenswandels aufgeben. In Weimar verlieh ihm Herzog Karl August den Titel eines Kammerherrn. Übersiedelung nach Hanau. Theaterstücke entstanden und die ersten Romane. Am 10. April 1779 wandte sich Freiherr Knigge in einem Brief an den bekannten Buchhändler, Verleger und Herausgeber der Deutschen Allgemeinen Bibliothek Friedrich Nicolai und bewarb sich um eine Mitarbeit. Nicolai nahm ihn als geschätzten, verlässlichen Rezensenten an. Und diese beiderseits fruchtbare Verbindung blieb bis zu Knigges Ableben am 6. Mai 1796 in Bremen bestehen.