Der britische Historiker Niall Ferguson hatte bereits Ende des 20. Jahrhunderts die Frage gestellt: „Was wäre gewesen, wenn Großbritannien sich 1914 aus dem Krieg herausgehalten hätte? Wäre der Erste Weltkrieg nie ausgefochten worden, dann hätte die Konsequenz schlimmstenfalls so etwas wie ein erster kalter Krieg sein können, in dem fünf Großmächte weiterhin große Streitkräfte unterhalten, ohne jedoch ihr eigenes nachhaltiges ökonomisches Wachstum zu bedrohen. Wenn man andererseits einen Krieg geführt hätte, aber ohne Beteiligung Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, dann hätten die siegreichen Deutschen wohl acht Jahrzehnte vor der Zeit eine Version der Europäischen Union geschaffen. […] Wäre Großbritannien […] im Abseits geblieben, hätte Kontinentaleuropa in etwas umgebildet werden können, das der Europäischen Union, wie wir sie heute kennen, nicht unähnlich gewesen wäre, jedoch ohne die massive Schwächung der britischen Macht in Übersee als Konsequenz der Beteiligung an zwei Weltkriegen.“
Diese Betrachtung wurde besonders unter deutschen Historikern damals verschrien. Das sei kontrafaktische Geschichtsdarstellung, die sich für Fachleute verbiete – Ferguson wurde dann einflussreicher Professor in den USA und gilt als gefragter Spezialist für das Thema, wie eine absinkende Weltmacht ihren Machtverlust so lange wie möglich hinauszögert.
Gleichwohl war unter einer solchen angelsächsischen Perspektive die Dominanz Deutschlands in Europa folgerichtiger Ausdruck der geo-politischen und geo-ökonomischen Verhältnisse des Kontinents und in der Welt, stellte die Europäische Union nur die verkappte und institutionalisierte Vorherrschaft der Deutschen über Europa dar, dessen Teil innerhalb der EU auch Großbritannien war. Das Vereinigte Königreich hatte aber nicht zwei siegreiche Weltkriege geführt und dabei sein Empire verloren, um am Ende einen geopolitischen Platz zugewiesen zu bekommen, den es 1914 auch ohne Krieg hätte haben können. In diesem Sinne war der Brexit-Entscheid der britischen Bevölkerung 2016 Konsequenz der britischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Fergusons Entrée in die wissenschaftlich-politische Szenerie der Vereinigten Staaten – 2018 hat er auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen – war ein sehr aufschlussreiches Buch über die USA als das „verleugnete Imperium“, mit dem Untertitel, es gehe um die „Chancen und Risiken amerikanischer Macht“ (Propyläen 2004). Seine Grundthese war, dass die USA „nicht nur gegenwärtig ein Imperium sind, sondern immer eines waren“. Das schrieb er, als die USA auf dem Höhepunkt ihrer „unipolaren“ Macht zu stehen schienen, kurz nachdem George W. Bush nach 9/11 den Krieg gegen Afghanistan begonnen und den Befehl zum Überfall auf den Irak gegeben hatte.
Zugleich problematisierte er diesen Befund und fragte, ob die USA tatsächlich wie einst der Koloss über der Hafeneinfahrt von Rhodos stehen, oder eher wie der alttestamentarische Simson sind, der geblendet in Gaza gefangen war, „durch unvereinbare Verpflichtungen im Nahen Osten gefesselt und am Ende nur noch zu blinder Zerstörung fähig“ war. Ob der jetzige Iran-Krieg der USA wirklich einem rationalen Kalkül folgt, oder ein Simson-Syndrom ist, scheint noch nicht ausgemacht.
Mit den Weltbildern des britischen Empire aufgewachsen vergleicht Ferguson die USA als imperiale Macht mit diesem. Das Imperium der USA sei in seiner Ausdehnung begrenzt. Ihm fehle „auffälligerweise jener unersättliche Drang nach territorialer Expansion in Übersee, der die Imperien der westeuropäischen Seemächte kennzeichnete. Es ist vielmehr überzeugt, dass sich die Ausländer selbst amerikanisieren werden, ohne dass dafür eine formelle amerikanische Herrschaft notwendig wäre.“
Die USA „mit ihrer Abhängigkeit von ausländischem Kapital für die Finanzierung sowohl des privaten Konsums als auch der Staatsanleihen“ seien „ein ungewöhnliches Imperium“. Doch dieses doppelte Defizit sei „keine Folge zu vieler Militäroperationen im Ausland“, sondern der „innenpolitischen finanziellen Verpflichtungen“. Die globale Macht der USA, „so beeindruckend sie ist“, fuße „auf viel schwächeren Grundlagen“, als allgemein angenommen werde. Den Amerikanern fehle „die imperiale Geisteshaltung. Sie konsumieren lieber, als zu erobern, und bauen lieber Einkaufszentren als Nationen“.
Die Bedrohung für das amerikanische Imperium komme daher „nicht von aufstrebenden rivalisierenden Imperien in Ost und West“, sondern „von dem Fehlen des Willens zur Macht“. Insofern ist Donald Trump als Präsident – von dem natürlich 2004 noch niemand wissen konnte – das folgerichtige Resultat genau dieser Haltung der Mehrheit der US-Bevölkerung, unter der Voraussetzung, dass er versprochen hatte, die imperialen Kriege der USA zu beenden und neue nicht anzuzetteln.
Ferguson kommt am Ende seiner Betrachtungen zu der Folgerung, es gäbe drei grundsätzliche Mängel weshalb die USA „bisher ein weniger effektives Imperium gewesen sind als ihr britischer Vorgänger: das ökonomische Defizit, den Personalmangel und – als ernstestes Manko – das Aufmerksamkeitsdefizit“. Er widerspricht jedoch allen Voraussagen über einen „unmittelbar bevorstehenden Untergang der Vereinigten Staaten“: „Die ‚realistischen‘ Warnungen vor einem kommenden Wechsel von der ‚Unipolarität‘ zur ‚Multipolarität‘ haben einen Haken: Sie lassen die Möglichkeit einer allgemeinen Machtlosigkeit – oder wenn man so will, der ‚Apolarität‘ – außer Acht.“
Daher meint Ferguson, die Welt brauche „ein funktionierendes liberales Imperium“, und die USA seien „der beste Kandidat für diese Rolle“. Zwanzig Jahre später scheint klar, die USA sind in ihrer Machtprojektion nur erfolgreich, indem sie gerade kein „liberales“ Imperium mehr sind, weil sie es nicht mehr sein können. Sie sind unter Trump in dem jetzt heraufziehenden Zeitalter eine Macht der entschiedenen Apolarität.