Wie zu lesen war, verbrachten die Ehepaare Trump und Netanjahu den Jahreswechsel zusammen in Trumps Florida-Domizil Mar el Lago. Und der israelische Premierminister wird keine Gelegenheit ausgelassen haben, Trump einzuflüstern, dass die Gefährlichkeit des Irans für Israels Sicherheit fortdauere – und auch für die der USA.
Wie im Juni 2025, als beide schon einmal für zwölf Tage den Iran bombardierten, sind sie nun wieder Waffenbrüder in einem ausgewachsenen Krieg gegen das Land. Offenbar wurden schon in Mar el Lago Vorstellungen zu diesem Krieg zu mindestens in groben Zügen entwickelt, denn das Pentagon begann im Januar die größte Truppenverlegung in den Nahen Osten seit dem Irakkrieg 2003. Erkenntnisse des israelischen Geheimdienstes, dass am 28. Februar die iranische Spitze samt ihres religiösen Führers Ali Chamenei zusammentreten würden, führten zum aktuellen völkerrechtswidrigen Terrorangriff, der den Krieg auslöste. Zumal die CIA wohl zu gleichen Aufklärungsergebnissen kam.
Ausgerechnet der Mann, der immer wieder gegen die Nahostkriege seiner Vorgänger polterte, hat nun den wohl gefährlichsten aller Kriege in dieser Region begonnen. Und die Operation „Epic Fury“, epische Wut, hat das Zeug, genauso „dumm“, „desaströs“ und „destabilisierend“ – mit diesen Invektiven bedachte Trump die Vorgängerkriege – zu werden wie alle bisherigen US-Waffengänge im Nahen Osten. Wahrscheinlich noch dümmer, desaströser …
Kurz nach Kriegsbeginn äußerten US-Außenminister Marco Rubio und auch der zurückgetretene Joe Kent, vormals Direktor des Nationalen US-Zentrums für Terrorismusbekämpfung, dass Israel Trump zu diesem Schritt gedrängt habe – und das, obwohl es keine Beweise für eine unmittelbare iranische Bedrohung der USA gab: „Ein großer Teil der wichtigsten Entscheidungsträger durfte nicht zum Präsidenten kommen und seine Meinung äußern“; „es gab keine ernsthafte Debatte“. Die USA seien in den Krieg hineingezogen worden. „Wir haben diesen Krieg wegen des Drucks Israels und dessen amerikanischer Lobby begonnen“, heißt es in Kents Rücktrittsschreiben. Man kann also getrost behaupten: Der israelische Schwanz wedelte mit dem amerikanischen Hund. Kritiker warfen dem US-Präsidenten vor, sich von Netanjahus Regierung am Nasenring durch die Manege ziehen zu lassen.
Amerikanische Militärs rieten von einer Intervention ab; auch äußerten frustrierte Maga-Anhänger, vertreten in der Regierung durch Vizepräsident J. C. Vance, ihre Skepsis. Andere Figuren im Trump-Lager gingen in ihrer Kritik noch weiter; so der Rechtsextremist Nick Fuentes, dem allein auf X 1,3 Millionen Anhänger folgen und der vor allem in der jungen, rechtsradikalen Szene punktet. Er unterstützte bislang Trumps Politik, wandte sich jedoch wegen des Krieges von Trump ab: „Wir haben Maga nicht verlassen, Maga hat uns verlassen“, ließ er wissen.
Dass der Iran, der sich offiziell Islamische Republik nennt, eine Theokratie darstellt, ist nichts Neues. Spätestens seit 1979, als Ayatollah Chomeini die Angehörigen der US-Botschaft in Teheran als Geiseln nehmen ließ, galt Washington für das Mullah-Regime als der „große Satan“. Und dass Israel der „kleinen Satan“ sei, gehört ebenso zum religiös-politischen Repertoire des Teheraner Terrorregimes. Dem entspricht, dass auch Israel historisch-religiöse Argumente bemüht – etwa wenn der israelische Minister Itamar Ben Gvir den Begriff „Amalek“ für den Iran verwendet: In der biblischen Überlieferung steht „Amalek“ für den archetypischen Feind Israels – eine Figur, deren vollständige Vernichtung in der religiösen Tradition als göttlicher Auftrag beschrieben wird.
Neu und beunruhigend, ja verstörend ist jedoch, dass sich im Umfeld der amerikanischen Regierung eine vergleichbare religiöse Deutung von Trumps Krieg gegen den Iran breit macht. Wie weit die christlich-evangelikale Ideologisierung des Krieges über klerikale Kreise hinaus bereits in den Washingtoner Regierungsapparat vorgedrungen ist, zeigt folgende Szene: Zwanzig religiöse Führer stehen um Trumps Schreibtisch. Sie legen ihm die Hände auf, senken die Köpfe und bitten Gott um den Sieg im Krieg. Was wie eine Sequenz aus einem billigen Historienschinken anmutet, spielte sich am 5. März 2026 im Oval Office ab.
Das war kein Einzelfall – das hat System: Innerhalb weniger Tage verwoben sich unterschiedliche Erzählungen zu einem beunruhigenden Gesamtbild: Evangelikale Prediger flehen im Weißen Haus um göttlichen Beistand für die US-Streitkräfte; der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, diffamiert den Islam als „fehlgeleitete Religion“; und der evangelikale Prediger John Hagee läßt verlauten: „Prophetisch betrachtet liegen wir genau im Zeitplan“.
Die Klerikalen haben einen Stellvertreter vor Ort – Mike Huckabee ist US- Botschafter in Jerusalem. Selbiger erklärte, dass Israel das biblische Recht habe, den gesamten Nahen Osten zu übernehmen. Und zwar folge das aus der Interpretation des Bibelverses Genesis 15, 18, wonach Abraham seinen Nachkommen das Land „vom Nil bis zum Euphrat“ verspricht. Und folglich „wäre [es] in Ordnung“, so der US-Diplomat, „wenn sie sich alles nehmen würden“.
Dieses „Greater Israel“ ist ein Kernpunkt der Glaubenslehre christlicher Zionisten; daraus leiten sie ab, dass Juden ein religiös legitimiertes Recht auf die Rückkehr in diese Gebiete hätten. Dies sei ein Zeichen für das bevorstehende Ende der Weltgeschichte, für die Wiederkunft Jesu Christi. So könne der jetzige Krieg Krieg Teil der biblischen Endzeit sein. Ob dieses Syndrom noch therapierbar wäre soll hier nicht erörtert werden.
Nicht zufällig harmonieren die Gebietsansprüche des „Greater Israel“ aufs Beste mit den Expansionsgelüsten der rechtsextremen Mitglieder der Netanjahu-Regierung in Gestalt Ben-Gvirs und Bezalel Smotrichs. Damit schließt der Kreis zwischen diesem „Verständnis“ von Christentum und dem Zionismus.
US-„Kriegsminister“ Pete Hegseth, dessen Brust das Jerusalemkreuz ziert und über dessen Bizeps sich das Kreuzritter-Motto „deus vult“ (Gott will es) spannt, treibt parallel die fundamentalistische Christianisierung des US-Militärs systematisch voran. Der ehemalige Fox-News-Moderator hält regelmäßige Gebetsstunden im Pentagon ab. Sein Credo: „Solange ich atme, verpflichte ich mich, dass wir niemals irgendeiner Gruppe erlauben sollten, uns zum Schweigen zu bringen, wenn wir die Wahrheit sprechen: Christus ist König.“ Wie – nicht Trump?
Der Kriegsanfang kam für die US-Amerikaner vielleicht etwas überstürzt. So dass sie keine militärische, keine „irdische“ Strategie hatten – sie vertrauten offenbar lieber einem „göttlichen“ Plan: „Gut gegen Böse“, „göttliche Mission“ und was der (Bibel-)Sprüche mehr waren. Das heißt nicht, dass die offizielle Kriegsbegründung religiös wäer; sie war formal sicherheitspolitisch – Massenvernichtungswaffen, Terrorismus, Regimewechsel –, aber die klerikal-religiös aufgeladene Rhetorik existierte zeitgleich und beeinflusste das militärische Geschehen sowie Teile der öffentlichen Meinung. Wie tief dieses scheinheiligen Bramarbasieren die Truppe infiltrierte, zeigt die Beschwerde – auch das gibt es! – eines Unteroffiziers: Der Kommandeur einer Kampfeinheit erklärte demnach seinen Leuten, der Iran-Krieg sei Teil von Gottes Plan: „Präsident Trump wurde von Jesus gesalbt, um das Signalfeuer im Iran zu entzünden, um Armageddon zu verursachen und seine [natürlich Gottes – S.W.] Rückkehr zur Erde zu markieren“.
Alle Bibelverse, Endzeitvisionen und religiöser Spuk können allerdings nicht verschleiern, dass dieser Krieg ein geopolitischer Machtkampf ist. Ein Kampf um Einfluss und Ressourcen. Die religiöse Rhetorik, die christlich-klerikale Ideologie erheben den Krieg in den Augen seiner Akteure vermeintlich auf eine höhere moralische Ebene, verwandeln komplexe strategische Interessen in einfache Erzählungen von einem göttlichem Plan, existenziellem Überlebenskampf oder heiligem Widerstand. Nein – es geht auch in diesem wie letztlich in allen Kriegen nur um schnöde gewöhnliche materielle und politische Interessen. Trump nähme, wie er selbst mit befremdlicher Offenheit aussprach, gern das Öl des Iran. Nun sitzt der „Gesalbte“ in dem Chaos fest, das er zusammen mit Netanjahu vor fünf Wochen mit dem Angriff auf Iran anzurichten begann.