Die Frage erscheint verblüffend. Der Alte Fritz – Preußens König Friedrich II., der Große, zählt alleweil zu den realen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte, die sich immer wieder einmal besonderer Aufmerksamkeit erfreuen. Vor allem, wenn nachfolgende Generationen das Säbelrasseln zur höchsten Tonkunst erheben.
Vor 20 Jahren hat Die Zeit einen ihrer „Zeitläufte“-Beiträge mit dem erstaunlichen Satz überschrieben: „Der Mann, der Friedrich den Großen erfand“. Dabei handelte es sich um Johann Wilhelm von Archenholtz (1743 – 1812). Er spielte zu seinen Lebzeiten und sogar darüber hinaus im publizistischen Europa eine bedeutende Rolle. Nach dem heutigen journalistischen Wertekanon würde man ihn als eine Art Medienmogul bezeichnen.
Archenholtz veröffentlichte 1788 die „Geschichte des siebenjährigen Krieges in Deutschland“. Sie gehört in der Tat zu den originellsten Büchern über den „Großen“ in Sanssouci und wird noch immer zu respektablen Preisen gehandelt. Das Buch ist heuer dringend jenen Zeitgenossen zu empfehlen, die sich per YouTube von per KI gesteuerten Clips über die Schlachten Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg berieseln lassen und darin unter anderem erfahren, wie der Preußenkönig 1758 bei Zorndorf in der brandenburgischen Neumark die überlegenen Russen durch sein strategisches Genie geschlagen hat.
Zur Erinnerung für Politiker und Militärs, die an künftigen Kriegsszenarien basteln: Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) war ein europäischer Großkonflikt, in dem Preußen gegen Österreich, Russland und Frankreich kämpfte. Preußen festigte seine Machtposition, doch weite Teile Deutschlands wurden verwüstet. Das betraf vor allem den Zankapfel Schlesien selbst. Trotz anfänglicher militärischer Erfolge geriet Preußen in die Defensive und bis an den Rand einer Niederlage. Erst der überraschende Tod der russischen Zarin Elisabeth 1762 führte zum Ausscheiden Russlands aus dem Krieg. Und zur Rettung Preußens, das mit Österreich 1763 den Frieden von Hubertusburg schloss, der Schlesien bei Preußen beließ. Der Krieg forderte etwa 1,3 Millionen Todesopfer. Preußen etablierte sich als fünfte europäische Großmacht, während das Heilige Römische Reich weiter geschwächt wurde.
Archenholtz war als preußischer Offizier ein aktiver Teilnehmer am Krieg. Aber er beschränkte seine Darstellung nicht allein auf blumige oder martialische Elogen über die von Friedrich II. zu verantwortenden blutigen Schlachten. Archenholtz verschwieg die Leiden und Grausamkeiten des Krieges keineswegs. Aus der Gesamtheit aller Kriegsereignisse filterte er dann allerdings recht selbstgefällig sein wichtigstes Anliegen: Archenholtz feierte das Genie Friedrichs, der, so die frohe Botschaft, das Volk durch das eigene Beispiel aus jeder Notlage rettet! Friedrich der Große halt.
„Erfunden“ hat Archenholtz den Mythos gleichwohl trotzdem nicht – er fasste vielmehr die vom König selbst inszenierte Erzählung vom aufgeklärten und omnipotenten Monarchen in so populäre Worte, dass diese sich nicht nur verführerisch in die preußisch-deutsche Geschichtsschreibung eingegraben haben. Sie wurden auch zum dauerhaft staatstragenden Symbol der Hohenzollern-Monarchie und blieben ein Leitgedanke für all jene politischen Kräfte, die nach einer militärpolitischen Führungsrolle Deutschlands in Europa strebten.
Bereits 1806, nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt, beklagte Archenholtz, dass mit Preußens Untergang ein Staatswesen verschwinde, „dem selbst entfernte Nationen die Toleranz, die Abschaffung der Folter, viele vortreffliche, aus der menschlichen Natur geschöpfte Gesetze, und eine vernünftige Geistesfreiheit verdanken“. Diese aus der Not geborene, Mut machende Eloge verhalf seinem Buch zu weiteren lukrativen Auflagen.
Archenholtz war als preußischer Patriot ein aufgeklärter und philosophischer Freigeist mit enzyklopädischem Wissen. Er war ein Journalist mit sicherem Gespür für den Marktwert der von ihm privilegierten Sujets. Mit der gleichen phantasievollen Intensität, mit der er den Mythos Friedrichs II. von Preußen sublimierte, widmete er sich in seiner Zeitschrift Minerva auch anderen Persönlichkeiten der damaligen Zeitgeschichte wie Katharina II. von Russland und deren Favoriten, dem Fürsten Potemkin. Mit der journalistischen Pflicht zur Kontrolle des Wahrheitsgehalts von Nachrichten nahm er in diesen beiden Fällen allerdings nicht übertrieben genau.
Archenholtz hatte selbst zu viel erlebt und journalistisch beeinflusst, als dass er sich durch kleinere und größere „Retuschen“ zulasten der Wahrheitsfindung beeindrucken ließ. Der Durst nach Kenntnissen und eine unsägliche Begierde zu reisen trieben ihn über Jahre hinweg durch ganz Europa. In Dresden hatte er bereits 1782 seine erste Zeitschrift herausgegeben. Die Literatur und Völkerkunde erregte sofort Aufsehen. Christoph Martin Wieland in Weimar bat den talentierten Kollegen um Beiträge für den berühmten Merkur und Friedrich Schiller buhlte um Artikel für die Horen. Goethe blieb da zurückhaltender. Zu Friedrich II. wahrte er stets eine respektvolle Distanz. Die Geschichte des Siebenjährigen Krieges lieh er sich lediglich aus der Weimarer Bibliothek aus, ohne sie auch nur mit einem Wort zu kommentieren.
1789 brannte Archenholtz sofort für die Revolution in Frankreich. 1791 zog er begeistert nach Paris, um ein Jahr später das Land wieder fluchtartig zu verlassen. Er wollte nicht in die Koalitionskriege der Großmächte gegen Frankreich geraten. Er ging mit seiner Familie nach Hamburg. Dort belästigte ihn die preußische Zensur nicht!
Bereits 1785 war sein Reisebuch „England und Italien“ ein überragender Verkaufserfolg geworden, weil Archenholtz es durch die drastische Schilderung des prallen Volkslebens meisterhaft verstanden hatte, die Freiheit des englischen Parlamentarismus ebenso unmissverständlich zu beschreiben wie die erstarrte katholische Lebensweise in Italien. Jahr um Jahr gab er die Zeitschrift The British Mercury und die „Annalen der britischen Geschichte“ heraus, brach deren Veröffentlichung um die Jahrhundertwende aber rigoros ab, weil er es als Journalist ablehnte, die Einschränkung der Pressefreiheit und die aggressive Außenpolitik der britischen Regierung weiter zu dokumentieren.
Alle Leistungen Archenholtz’ wurden jedoch von der Minerva überragt, der historisch-politischen Zeitschrift, die er ab 1791 herausgab, bis 1810 persönlich leitete und die ihn um ein halbes Jahrhundert überlebte. Die Minerva kann im Internet gelesen werden! Der Aufwand ist gerechtfertigt, denn diese Zeitschrift vereinte alle positiven Elemente eines modernen und weltoffenen Journalismus – von gut recherchierten Reportagen und Nachrichten über Interviews, exakte Dokumentationen bis hin zu Beiträgen namhafter Autoren: von Klopstock bis Clausewitz. Und es blieb auch noch Platz für patriotische Mythenbildung, nach der Art wie über Friedrich den Großen.
War das nicht ein Leben und Schaffen voller Widersprüche und Glücksmomenten? In einer Zeit und einem Europa die von den großen Umbrüchen zur bürgerlichen Welt der Großmächte geprägt wurde? Vielleicht benötigte gerade dieses Europa eine kongeniale Feder wie Archenholtz, die in der Lage war, dieser sich wie ein Tornado drehenden Welt einen halbwegs verständlichen Ausdruck zu verleihen und dabei alle Wandlungen der Geschichte unvoreingenommen in verständliche Worte zu kleiden. Vergleiche sind stets fragwürdig Aber als die DDR-Historikerin Ingrid Mittenzwei 1979 ihre Biografie über Friedrich II. vorlegte, legitimierte sie den König nicht nur als Erbteil der DDR-Identität. Sie ahnte nicht einmal, dass sie mit dem Buch zur Wiedervereinigung Deutschlands beitrug. Doch so ist es am Ende gewesen. 1991 kehrten Friedrichs Gebeine endgültig nach Potsdam zurück. Für Archenholtz wäre diese Story selbst nach so langer Zeit ein wahres Fest gewesen!