Der Zufall wollte es, dass mich der Weg nach Gelmeroda führte, einem Vorort von Weimar. Hellblauer Himmel, frischer Morgenwind und Aufbruchstimmung des Frühlings. Stille Feierlichkeit in der kleinen Ortschaft, als wäre es Sonntag. – Was den Blick auf sich lenkt, ist die einfache klare Architektur der Dorfkirche, insonderheit die ihres ungewöhnlichen Turmes. Schlank und spitznadelig, hochaufragend, als fände er kein Ende, und nur die oben aufgesetzte goldglänzende Kugel mit der Windfahne böte dem weiteren Vorstoß in die himmlischen Gefilde Einhalt.
Der älteste Teil der Kirche entstammt dem Beginn des 13. Jahrhunderts (die Mittelalterlichkeit sieht man ihm an). Im Verlauf erfolgten Erweiterungen des Chores nach Osten, verschiedentlich Umbauten und letztendlich der traurige Verfall. Nach grundlegender Sanierung erhielt der Sakralbau im Jahr 1994 die Nominierung als Autobahnkirche. (Zu finden nahe der Anschlussstelle der Bundesautobahn 4 zur Bundesstraße 85 nach Weimar.) Die Eigenwilligkeit des grazilen Turmes auf dem bodenständigen Unterbau hatte den Maler, Grafiker und Karikaturisten Lyonel Feininger in ihren Bann gezogen. In den Weimarer Jahren wurde sie zum Herzstück seiner Motivwahl. Eingedenk dessen nennt man das Gotteshaus auch „Feiningerkirche“.
Mit dem Eintritt umfangen Helligkeit in strahlendem Weiß, Geborgenheit und wohltuende Ruhe den Besucher. Auf dem weißen Gestühl liegen rote Sitzkissen, auf denen man sich gern niederlässt und die übersteigerte Betriebsamkeit des Tages vergisst.
An den Seitenwänden der gefensterten Eingangstür zum Langhaus ist eine Ausstellung angebracht. Hier lebt Lyonel Feininger in Werk und Wort. Man kann sich auf gelungene Weise „ein Bild machen“.
1871 in New York als Carl Leonell Feininger, Sohn musikalischer Eltern, geboren und 1956 in New York gestorben. Von seiner Lebenszeit verbrachte er 50 Jahre in Deutschland (1887-1937). Ihm blieb die Sehnsucht nach Amerika in dieser Zeit. Später, nach Amerika zurückgekehrt, war es die Sehnsucht nach Deutschland, die ihn beherrschte. Ein Künstler zwischen zwei Welten.
An eine musikalische Unterrichtung war gedacht worden, aber die zeichnerische Begabung überwog. Die Ausbildung geschah an der Hamburger Kunstgewerbeschule, der Berliner Akademie und in Paris im Atelier Colarossi. Erfolgreiche Arbeit in Berlin als Karikaturist an verschiedenen deutschen, französischen und amerikanischen Zeitschriften. Verbindungen zur Künstlergemeinschaft „Brücke“ und zur Vereinigung „Blauer Reiter“ brachten ihm Anerkennung und Ausstellungsbeteiligung. Im Jahr 1919 berief ihn Walter Gropius als Leiter der Druckereiwerkstatt nach Weimar an das eben gegründete Bauhaus.
Das Thüringer Land und die Klassikerstadt kannte er bereits seit 1906, als er dort die befreundete Julia Berg, seine künftige Frau, erstmals besuchte. Sie studierte in Weimar an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule. Gleich bei diesem ersten Aufenthalt erkundete er die Umgebung mit den abgeschiedenen kleinen Dörfern und skizzierte seine Eindrücke. Besonders in der Bauhauszeit, die ihn und die Familie in Weimar hielt, dehnte er die Ausflüge aus. Und kehrte mit einer Fülle oft flüchtig hingeworfener Motive, die er als „Natur-Notizen“ bezeichnete, zurück. Sie gaben später Anregung für eine mögliche Bildgestaltung. Dem passionierten Radfahrer Feininger war jede Strecke willkommen, auf der er neue „Natur-Notizen“ sammeln konnte.
„… so habe ich die Kirche von Kiliansroda im letzten Sonnenstrahl eines sterbenden Septembertages in mein Herz und Liebe aufgenommen. Ob’s je ein Bild geben wird, weiß ich nicht, aber den Antrieb zu vielen Bildern sicher! So recht mein Land! Ich blieb und zeichnete bis 6, und dann heidi! nach Vollersroda und so, nach Weimar gesaust, die ziemlich 10 Kilometer lange Straße habe ich bergauf, bergab, auf, ab, auf, ab in 11/4 Stunden bewältigt.“ (an Julia Berg)
Die aufgesuchten Dörfer sind eine Vielzahl. Mellingen, Taubach, Possendorf, Gaberndorf und andere Und immer wieder Gelmeroda mit der Kirche und dem himmelwärts strebenden Turm. An den Dichter Adolf Knoblauch: „Die Kirche, die Mühle, die Brücke, das Haus – und der Friedhof – haben mich von Kindheit auf mit tiefen, andächtigen Gefühlen erfüllt. Sie sind nämlich sinnbildlich …“ Aus den „Natur-Notizen“ entstanden in der Folge oftmals Bildwerke, die diese Sinnbildlichkeit widerspiegeln.
Zur Malerei fand Lyonel Feininger erst in den dreißiger Jahren seines Lebens. Gedrängt von Julia Berg und beeinflusst durch die Kunstströmungen seiner Zeit. Bereits die Frankreich-Aufenthalte brachten ihn in Kontakt mit dem Kubismus, den er auf ganz persönliche Weise auslegte. Die Motive wurden abstrakt umgesetzt und in der Gestaltung überhöht.
In der kleinen, aber aussagekräftigen Ausstellung suchte ich nach der Abbildung von „Gelmeroda XIII“ (1936). In abgestuften, dunklen Blautönen gehalten und in strenger Form angelegt, ist es wieder die ungewöhnliche Kirche mit dem ungewöhnlichen Turm. Leise Wehmut des Abschieds von Deutschland liegt darüber.