Nachdem die Wirtschaftsdaten für das vergangene Jahr vorlagen, begannen die Wirtschaftsforscher ihre Prognosen für 2026 zu konkretisieren. Bis vor wenigen Wochen sahen die nicht mal so schlecht aus: Für Deutschland wurde ein „Aufschwung“ konstatiert, ein Wachstum um 1 Prozent nach 0,2 Prozent im Vorjahr. Der Ifo-Index der Erwartungen der Unternehmer war leicht positiv. Die Weltwirtshaft wachse um 3,3 Prozent wie im Vorjahr, getragen vor allem von den Schwellenländern mit Indien (6,5 Prozent) und China (4,5 Prozent) an der Spitze. Deutschland sollte mit seinem Wachstum allerdings weiterhin am Ende der G7- und der EU-Staaten liegen. Beunruhigend auch, dass das produzierende Gewerbe seit mehreren Jahren schrumpft, und ob sich diese Lage demnächst überwinden lässt, ist ungewiss. Getragen wurde das schwache Vorjahrswachstum durch den Konsum der privaten und öffentlichen Haushalte, das bliebe auch dieses Jahr so. Der Außenbeitrag – die Differenz von Exporten und Importen – sank genauso, wie die Investitionen zurückgingen. Auch dies ist schon seit mehreren Jahren der Fall. Die Zahl der Insolvenzen hat zugenommen und die Summe der Unternehmens- und Vermögenseinkommen sank das zweite Jahr in Folge.
Nicht verwundern wird, dass unter diesen Umständen die Klagen der Wirtschaftsverbände nicht nachlassen. Aber anderseits haben die Unternehmens- und Vermögensbesitzer gar nicht so schlecht abgeschnitten: Die Aktienkurse erklommen immer neue Höhen, die Dividendenzahlungen der 40 Dax-Konzerne und der 70 wichtigsten mittelgroßen Aktiengesellschaften stiegen von 61 Milliarden Euro 2024 auf fast 64 Milliarden und für 2026 werden sogar über 70 Milliarden erwartet. Umsatz und Gewinn der Klein- und Mittel-Unternehmen haben sich verbessert, die privaten Geldvermögen sprangen auf 10 Billionen Euro. Und was das traurige Investitionsgeschehen anbelangt, so sei darauf verwiesen, dass die ausländischen Investoren die Bedingungen in Deutschland gar nicht so schlecht fanden; jedenfalls haben sich deren Direktinvestitionen voriges Jahr auf fast 100 Milliarden im Vergleich zu 2024 verdoppelt. Aber schon die alten Phönizier wussten: Jammern ist der Gruß der Kaufleute.
Schönreden lässt sich die Situation natürlich wirklich nicht; dazu gibt es viel zu viele Baustellen. Bürokratische Hemmnisse gehören genauso dazu wie das Fehlen von Fachkräften in vielen Bereichen. In der Autoindustrie, dem industriellen Flaggschiff Deutschlands, reißen die Hiobsbotschaften nicht ab. Nachdem man die großen technischen Trends jahrelang verschlafen und sich auf den Lorbeeren vermeintlich technologischer Überlegenheit ausgeruht hatte, ist das Zähneklappern nun groß. Aus den USA kommen immer wieder unvorhersehbare Drohungen mit neuen Zollschranken. Das Gesundheits- und Pflegesystem ist fast schon chronisch unterfinanziert, die Kommunen ächzen unter existenziellen finanziellen Problemen. Auf die Dauerbrenner der demografischen Herausforderungen für die Rente und die himmelschreiende Unwucht in der Vermögensverteilung soll gar nicht weiter eingegangen werden.
Manche Probleme der deutschen Wirtschaft sind zugleich Probleme der europäischen Wirtschaft insgesamt. Nach vier Jahren Krieg in der Ukraine und den Sanktionen gegenüber Russland schien sich die Wirtschaft allmählich auf den Wegfall eines riesigen Marktes und Energiereservoirs im Osten eingestellt zu haben, da entfachten die USA und Israel einen neuen Krieg. Und über allem schwebt das Damoklesschwert der wirtschaftlich-technologischen Offensive der Volksrepublik China und einer erratischen Außenwirtschaftspolitik der USA unter Donald Trump. Chinas neuer Fünfjahrplan ist auf eine weitere entschiedene Stärkung seiner industriellen und technologischen Basis im High-Tech-Bereich, auf die Stärkung der Binnenwirtschaft, der grünen und kohlenstoffarmen Entwicklung und auf die Rüstung gerichtet. Das hört sich zwar nicht nach wirtschaftlicher Aggressivität an, aber das Streben in Richtung Überlegenheit gegenüber den „alten“ Industriegiganten des Westens ist längst deutlich.
Die Europäische Union antwortete dieser Tage mit einem Industrial Acceleration Act, dessen Ziel es ist, den Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt in zehn Jahren von heute 14 auf 20 Prozent zu hieven. Man kennt ähnliche Ziele der EU aus der Vergangenheit; sie wurden allesamt verfehlt. Kern des Papiers ist auch weniger diese Zielvorgabe als die protektionistischen Mittel, die vor allem gegen China gerichtet sind. Nach einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer erwarten über die Hälfte der Unternehmen mehr Bürokratie und nur eine Minderheit eine Verbesserung ihrer Wettbewerbspositionen. Auch dieser Act wird wohl ein Schuss in den Ofen.
Was hier über die aktuelle Konjunktur und ihren leichten Aufschwung geschrieben wird, unterliegt seit einigen Wochen dem Vorbehalt der Wirkungen des Kriegs der USA und Israels gegen Iran und in Libanon. Iran setzt sich mit Mitteln zur Wehr, die – ebenso wie Trumps Zollpolitik – mit schwerwiegenden Folgen für die Weltwirtschaft verbunden sind. Eine davon ist an den Zapfsäulen der Tankstellen schmerzhaft spürbar. Ein Eingreifen in die Preisgestaltung der Ölkonzerne ähnlich dem Jahr 2022, als die Öl- und Gaspreise nach oben sprangen, lehnt die jetzige Regierung erstmal ab; Wirtschaftsministerin Katharina Reiche sagt, da könne man nichts machen, die Preise zeigten halt Knappheiten an. Dass die Benzinpreise jetzt nur einmal pro Tag erhöht werden dürfen, ist ein Witz. Da Deutschland nur etwa 6 Prozent seiner Ölimporte aus dem Nahen Osten bezieht, scheinen sich die Auswirkungen der Schließung der Straße von Hormus für unser Land in Grenzen zu halten. Die Wirtschaftsforscher rechnen mit einem um 0,3 bis 0,5 Prozentpunkten geringeren Wachstum als zu Beginn des Jahres vorhergesagt. Allerdings ist diese Rechnung wohl ohne den Wirt gemacht. Die internationalen Ölkonzerne schauen nicht nur auf Deutschland, sondern auf die Weltmarktentwicklung. Ihre monopolistische Stellung erlaubt es ihnen, höhere Preise überall dort durchzusetzen, wo ihnen politisch nicht Paroli geboten wird. Sie haben gar keine Veranlassung, freiwillig auf den Gebrauch ihrer Preissetzungsmacht zu verzichten. Viele asiatische Länder (darunter auch Indien), wichtige Wirtschaftspartner auch Deutschlands, leiden unter fehlenden Öl- und Gaslieferungen. Man erinnere sich, wie 2021 infolge der Blockierung des Suezkanals durch einen havarierten Frachter Lieferketten unterbrochen wurden und Milliardenschäden entstanden. Auch der globale Düngemittelhandel läuft zu einem guten Drittel durch die Straße von Hormus und nicht nur Öl-, sondern auch die Düngerpreise reagierten mit kräftigem Anstieg. Hinzu kommt der zu Beginn des Jahres gestiegene Importzoll auf Düngerimporte aus Russland, der diese Importe faktisch abwürgt. Die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelproduktion vieler Länder auch Europas und Deutschlands wird dadurch negativ beeinflusst. Die Kette der Auswirkungen des Nahost-Krieges lässt sich noch gar nicht bis an ihr Ende absehen.
Was sind unter diesen Bedingungen die Aussagen über den konjunkturellen Aufschwung Deutschlands wert? Sie sind zumindest mit einem großen Fragezeichen zu versehen. In der Wachstumstheorie hatten sich in den 1950er Jahren zwei Konzepte etabliert: das Modell eines stabilen, gleichgewichtigen Wachstums der Neoklassiker und das neo-keynesianische Paradigma eines ständig bedrohten, ungleichgewichtigen und unsicheren Wachstums, das Robert M. Solow als ein „Wachstum auf des Messers Schneide“ bezeichnete. Für die Gegenwart ist die letztere Bezeichnung zutreffend.